17/2001: Ostdeutsche Betriebe engagierten sich 1999 ebenso stark in der beruflichen Ausbildung wie westdeutsche Unternehmen
In Ostdeutschland müssen sehr viele Jugendliche ersatzweise eine außerbetriebliche Lehre machen ( Meldung 11/2001). Deshalb werden immer wieder Vermutungen laut, die ostdeutschen Betriebe bildeten weniger aus. Diese Vermutungen treffen jedoch nicht zu - dies kann zumindest für das Jahr 1999 belegt werden. Ergebnisse für das Jahr 2000 liegen zur Zeit noch nicht vor.
In den neuen Ländern und Berlin ist es immer noch sehr schwierig, die Jugendlichen mit Lehrstellen zu versorgen. Über 25 % der Lehrlinge müssen gegenwärtig außerbetrieblich ausgebildet werden; die Quote in den alten Ländern liegt gerade einmal bei 4 % ( hierzu nochmals Meldung 11/2001). Deshalb ist immer wieder zu hören, die ostdeutschen Betriebe seien nicht im selben Maße wie die westdeutschen Unternehmen bereit, sich an der Erstausbildung der Jugendlichen zu beteiligen. Analysen auf der Basis der Beschäftigtenstatistik zum 31.12.1999 verweisen jedoch auf das Gegenteil. In beiden Regionen Deutschlands waren jeweils 5,6 % aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Auszubildende mit betrieblichem Lehrvertrag; Tabelle 1 (inkl. länderspezifischer Ergebnisse). Ein Ost-West-Unterschied ist also für 1999 nicht feststellbar. Dies kann als ein Zeichen dafür gewertet werden, dass die Programme zur Förderung der betrieblichen Ausbildung in Ostdeutschland (z.B. Lehrstellenentwickler) erfolgreich verlaufen.
Doch warum müssen dann in den neuen Ländern und Berlin so viele Jugendliche auf außerbetriebliche Lehrstellen ausweichen? Man könnte vermuten, die ostdeutschen Betriebe bildeten zwar nicht weniger aus, aber es gebe insgesamt schlichtweg zu wenig Unternehmen. Aber auch dies bestätigt sich nicht. Zwar ist die Produktivität der ostdeutschen Betriebe deutlich niedriger, doch ist die Zahl der Betriebe je 100.000 Einwohner nicht geringer als im Westen. Auch das Beschäftigungsniveau (Beschäftigte je 100.000 Einwohner) weist vergleichbar hohe Werte auf; vgl. Tabelle 2.
Große Ost-West-Unterschiede waren 1999 allerdings bei den Jugendlichen auf der Nachfragerseite nach betrieblicher Ausbildung feststellbar. Und dies erklärt dann auch den im Vergleich zu Westdeutschland äußerst hohen Anteil an außerbetrieblicher Ausbildung. In den alten Ländern kamen 1999 im Durchschnitt nur rd. 750 jugendliche Lehrstellennachfrager auf 100.000 Einwohner, in den neuen Ländern und Berlin waren es dagegen 1.000, also 25 % (!) mehr.
Dies hängt wiederum mit zwei Ursachen zusammen:
Zum einen war 1999 der relative Anteil der Jugendlichen, die eine Lehre nachfragten, im Osten höher als im Westen. In diesem Jahr wurden in den neuen Ländern und Berlin 173.620 Lehrstellennachfrager gezählt (einschließlich 13.970 Ost-West-Pendler). Das sind 74,0 % aller 234.557 Abgänger aus den allgemeinbildenden Schulen, die das Statistische Bundesamt im selben Jahr gezählt hatte. In den alten Ländern betrug der Anteil der 486.760 Nachfrager an der Gesamtzahl der 683.112 Schulabgänger dagegen "nur" 71,3 % (Berechnung ohne Einpendler aus dem Osten). Dieser höhere Anteil im Osten kann auf eine größere "Altnachfrage" zurückzuführen sein. Möglich ist aber auch, dass 1999 eine Lehre bei den Jugendlichen im Osten einen noch etwas höheren Stellenwert hatte als bei ihren westdeutschen Altersgenossen.
Und zum anderen hat das Ganze einen rein demographischen Grund. In den neuen Ländern und Berlin gibt es im Vergleich zur Gesamtzahl aller Einwohner mit Abstand mehr Jugendliche als in den alten Ländern. Von je 100.000 Einwohnern im Osten waren Ende 1999 rund 12.500 Personen Jugendliche im Alter zwischen 16 und 25 Jahren. In den alten Ländern betrug die Zahl der Jugendlichen je 100.000 Einwohner dagegen nur 10.600; vgl. erneut Tabelle 2. Die Ost-West-Differenz bleibt auch erhalten, wenn man die Jugendlichen nur auf die Einwohner im erwerbsfähigen Alter zwischen 16 und 65 Jahren bezieht: Im Osten entfielen auf 100.000 Sechzehn- bis Fünfundsechzigjährige 17.800 Jugendliche, im Westen dagegen nur 15.800.
Diese demographischen Unterschiede sind auf die Zeit vor der Wende zurückzuführen, denn die heutigen Jugendlichen wurden geboren, als es die DDR noch gab. Nach der Wende sank die Geburtenrate drastisch, und in den nächsten Jahren werden sich diese Ost-West-Unterschiede genau ins Gegenteil verkehren. Dann wird es für die ostdeutschen Betriebe sehr schwierig, ihre Lehrstellen zu besetzen (
vgl.hierzu auch Meldung 14/2001).




