LEONARDO DA VINCI: Vom "Innovationslabor" zum Reforminstrument
URN: urn:nbn:de:0035-0040-2
Der neue Aufruf zur Einreichung von Projektvorschlägen für die beiden letzten Ausschreibungsrunden 2005/2006 des europäischen Berufsbildungsprogramms LEONARDO DA VINCI wurde Ende April mit einem neuen Schwerpunkt veröffentlicht: Europäische Modellversuche sollen die Ziele des "Kopenhagen-Prozesses" umsetzen. Damit einher geht der Bedeutungswandel des LEONARDO-DA-VINCI-Programms vom "Innovationslabor" zum Gestaltungsinstrument.
Das europäische Berufsbildungsprogramm LEONARDO DA VINCI galt lange Zeit zu Recht als "Innovationslabor", in dem zu unterschiedlichen Themen praxisrelevante Produkte und Lösungsansätze entstanden. Auch die Tatsache, dass Bildungsmanager und -praktiker in der Dimension europäischer Bildungskooperation dachten und zu arbeiten begannen, gehörte als "weicher" Faktor zur Erfolgsgeschichte des Programms. 01
Das Ziel eines systemrelevanten Ergebnistransfers konnten die LEONARDO-DA-VINCI-Projekte jedoch nur vereinzelt erreichen, nicht zuletzt aufgrund der diesbezüglich ungenügenden Akzeptanz des Programms in seiner ersten Phase (1995-1999) sowie den hierfür nicht ausreichenden Projektbudgets. So versäumten es die Projektverantwortlichen, systematisch Entwicklungen in der Neuordnung in ihre Arbeit einzubeziehen. Erst gegen Ende der 90er Jahre setzte hier ein Wandel ein, nach dem Teile der ordnungspolitischen Akteure ihrerseits das Instrument der europäischen Projekte zu nutzen begannen. Als Beispiel einer erfolgreichen Einbindung der Sozialpartner ist das LEONARDO-DA-VINCI-Projekt "Kfz-Mechatroniker" des ITB Bremen und der Universität Flensburg zu bezeichnen 02, das ab Dezember 1994 auf der Grundlage einer Studie zum internationalen Kfz-Servicesektor ein Kerncurriculum mit länderspezifischer Ausgestaltung für einen "europäischen Beruf" entwickelte und durch Nachfolgeprojekte mit den Sozialpartnern Schritte in Richtung Integration in das Ordnungsverfahren unternahm. 03
Auch im Weiterbildungsbereich konnten nennenswerte Projektergebnisse erzielt werden, so etwa der "Solateur" der Handwerkskammer Münster und die von der Handwerkskammer zu Köln nach §§ 42 HwO verabschiedete Fortbildungsprüfungsordnung für die europäische Ausbilderqualifikation.
Diese Projekte dokumentierten das Potenzial des Programms, das sich in seiner zweiten Phase ab dem Jahr 2000 unter verbesserten Bedingungen (Dezentralisierung des Programms, höhere Projektbudgets, erweiterte Zuständigkeiten der Nationalen Agentur beim BIBB) entfalten kann.
Die Erwartungshaltung der Programmverantwortlichen und berufsbildungspolitischen Akteure, durch die LEONARDO-DA-VINCI-Pilotprojekte als europäische Modellversuche 04 nachhaltig zu einer veränderten Berufsbildungspraxis beizutragen, ist dabei in dem Maße gestiegen, wie sich die bildungspolitische Zusammenarbeit in Europa entwickelt hat.
Grundlinien des europäischen Bildungsprozesses
Einen Meilenstein der Entwicklung bildete zunächst der Beschluss des Europäischen Rats vom 23.-24. März 2000 in Lissabon, der das Ziel formulierte, "(...) die Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen (...)"
Dazu müssten Bildungsinvestitionen erhöht und die Gemeinschaftsprogramme (SOKRATES, LEONARDO DA VINCI, JUGEND) verstärkt genutzt werden. 05
Bereits auf dem Lissabonner Gipfeltreffen schlugen die Staats- und Regierungschefs vor, die Transparenz und Anrechenbarkeit der in anderen Mitgliedstaaten erworbenen Qualifikationen zu verbessern.
Die Handlungsfähigkeit und die Zielerreichung sollten im Rahmen des "neuen offenen Koordinierungsverfahrens" durch Leitlinien mit einem Zeitplan für die kurz- und langfristigen Ziele gewährleistet werden. Darüber hinaus wurde über die Anwendung der ehemals strittigen Instrumente Indikatoren, Benchmarking und peer review Konsens erzielt.
Einen weiteren wesentlichen Entwicklungsschub erfuhr die europäische Bildungspolitik im Februar 2002 durch das gemeinsame Arbeitsprogramm der EU-Bildungsminister und der Europäischen Kommission bis 2010.
Damit kamen die Bildungsminister und die Europäische Kommission der Aufforderung des Europäischen Rates nach, ein detailliertes Arbeitsprogramm vorzulegen.
Seine Ziele lassen sich wie folgt festhalten:
- Europa wird aufgrund der hervorragenden Qualität seiner Bildung weltweit zur Referenzregion.
- Die Bildungssysteme werden kompatibel, so dass sich jeder Bürger frei über die Ländergrenzen hinweg bewegen und dabei die Vorteile der unterschiedlichen Systeme nutzen kann.
- Die im Ausland erworbenen Qualifikationen werden anerkannt, so dass sie europaweit geltend gemacht werden können.
- Europäischen Bürgern wird in allen Altersstufen der Zugang zum lebenslangen Lernen ermöglicht.
- Europa kooperiert mit anderen Wirtschaftsregionen und wird zum bevorzugten Zielgebiet für Studenten, Wissenschaftler und Forscher aus außereuropäischen Regionen.
Das gemeinsame Arbeitsprogramm weist dabei einen bislang so nicht gekannten Verbindlichkeitsgrad auf: Neben den drei strategischen Zielen mit 13 Teilzielen und 42 Kernpunkten sowie der Nutzung von Indikatoren, benchmarks, peer review und dem periodischen Monitoring wurde auch ein Zeitplan vereinbart. 06
Schließlich ist die "Brügge-Initiative" der europäischen Generaldirektoren Berufliche Bildung und die von den EU-Bildungsministern und der EU-Kommission unter Einbeziehung der Sozialpartner verabschiedete Kopenhagen-Erklärung als Motor der Entwicklung zu nennen.
Die im Rahmen des Kopenhagen-Prozesses eingerichteten Arbeitsgruppen bearbeiten hierbei insbesondere folgende Themen:
- einheitliches Transparenzinstrument für berufliche Qualifikationen
- die Qualität der europäischen Bildungssysteme und -angebote
- die Einführung eines ECTS-analogen Leistungspunktesystems in der Berufsbildung
- non-formal und informell erworbene Kompetenzen
- die Qualifizierung der Lehrer und Ausbilder
Aus den skizzierten Entwicklungen lassen sich drei Schlussfolgerungen ziehen:
1. Es herrscht Einvernehmen darüber, einen europäischen Bildungsraum zu schaffen.
Um die grenzübergreifende Mobilität zu verbessern, bedarf es jedoch einer Lösung des Problemkomplexes Transparenz - Anerkennung - Zertifizierung von Qualifikationen.
2. Der Bildungs- und Ausbildungsbereich wird als eine Säule der Lissabon-Strategie anerkannt.
3. Das Programm LEONARDO DA VINCI wird auf europäischer Ebene als zentrales Umsetzungsinstrument bewertet.
Beispiele erfolgreicher LEONARDO-DA-VINCI-Projekte
Die im Kopenhagen-Prozess unterstützten sektorspezifischen Ansätze können hierbei große Wirkungen erzielen, da in dem Maße wie die relevanten Akteure in die Projektarbeit integriert werden, auch die Projektergebnisse auf entsprechende Akzeptanz stoßen.
Wie das Kfz-Mechatroniker-Projekt belegt, präferierten deutsche LEONARDO-DA-VINCI-Projekte von Beginn einen sektorspezifischen Ansatz. Dennoch besteht im Hinblick auf den sektoralen Ansatz generell noch Klärungs- und Entwicklungsbedarf, da die Diskussion aufgrund der Verschiedenheit der europäischen Bildungssysteme in den jeweiligen Ländern unterschiedlich geführt wird. Deutlich ist jedoch, dass die Einbindung der Sozialpartner für europäische Sektorprojekte unabdingbar ist.
Als Beispiel lassen sich das Projekt "RecyOccupation" der Universität Flensburg, das ein europäisches Kernberufsbild für die Recycling-Branche entwickelte, sowie das Projekt der Deutschen Bahn "EU-Kaufmann/-frau für Verkehrsservice" benennen.





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