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Diskussionsforum zu theoriegeminderten zweijährigen Ausbildungsberufen

Veröffentlicht: 08.06.2004
URN: urn:nbn:de:0035-0061-2

Das Diskussionsforum wurde geschlossen. Vielen Dank für Ihre Beiträge!

 

 

 

Argumente für theoriegeminderte zweijährige und gestufte Ausbildungsberufe

F. Holterhoff, Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit

Probleme:

Viele Ausbildungsordnungen sind heute so anspruchsvoll, dass mittelständische Betriebe häufig die Ausbildungsanforderungen nur noch erfüllen, wenn sie Ausbildungsverbünde eingehen oder ihre Jugendlichen in teuren überbetrieblichen Ausbildungsstätten zusätzlich unterweisen lassen. Die Lehrlingsausbildung ist für Unternehmer immer unattraktiver geworden. Während noch Anfang der 90'er Jahre rd. 70% der relevanten Altersjahrgänge in einer betrieblichen Ausbildung mündeten, sind es heute gerade mal 60%.
Berufsausbildung wird zum Teil als langwierige, komplizierte und teure Veranstaltung gesehen.

Die berufliche Lehre wurde zudem immer mehr zu einem System für Abiturienten und Fachoberschüler. Hauptschüler, weniger ausdauernde oder eher praktisch begabte junge Menschen bleiben auf der Strecke. 25% aller Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz bekommen haben, brechen die Lehre vorzeitig ab, etwa 15% fallen im ersten Anlauf durch die Prüfung.
Auch auf lange Sicht ist es erforderlich, das duale System wieder attraktiv zu machen. Hauptmotiv für den Beginn einer Lehre war immer, dass der dual Ausgebildete schon im zweiten Gesellen- / Facharbeiterjahr war, wenn die Alterskameraden ihr Abi bauten. Heute hat man im Zweifel aber schneller das Abitur in der Tasche, als den Facharbeiterbrief.

Lösung:

Alle Spielräume des Berufsbildungsgesetzes müssen genutzt werden. Unter anderem sind Ausbildungsordnungen flexibler auf die betriebliche Praxis und die unterschiedlichen Begabungen der Menschen auszurichten. Neben den bestehenden überwiegend drei und dreieinhalbjährigen Ausbildungsberufen benötigen wir kurzfristig unbürokratische Alternativen, wie theorieentlastete 2jährige Ausbildungsordnungen und vor allen Dingen das Modell der Stufenausbildung das einen Abschluss sowohl nach 2 als auch nach 3 bzw. 3 1/2 Jahren möglich macht.
Nicht als allein selig machende Lösung, sondern als zusätzliches Angebot: Wer möchte soll dürfen.

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Mehr Ausbildungsplätze durch Einfachberufe?

Rainer Brötz, Henrik Schwarz, Bundesinstitut für Berufsbildung

Kurzfassung:
Die Befürworter der Einführung von mehr zweijährigen Ausbildungsberufen mit abgesenktem Anforderungsniveau erhoffen sich einen positiven Effekt auf die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe. Zugleich sollen damit benachteiligte Jugendliche gefördert werden, die sonst keinen Ausbildungsplatz bekommen würden. Der nachfolgende Beitrag spricht sich dafür aus, diese beiden Ziele differenzierter zu betrachten. Er möchte dabei in pointierter Weise aufzeigen, dass die Reduzierung von Ausbildungsinhalten sowie das Absenken des Qualifikationsniveaus mit einer Reihe von Konsequenzen für das deutsche Bildungssystem verbunden sein könnte. Schließlich werden die Erfolgsaussichten von Einfachberufen eingeschätzt und auf Defizite in der aktuellen Diskussion hingewiesen.

Inhalt:
1) Worum geht es?
2) Ausgangslage: Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt
3) Ist die Einführung von zweijährigen Ausbildungsberufen eine Lösung?
   3.1) Das Berufskonzept: Garant für Berufsfähigkeit
   3.2) Zweijährige Ausbildungsberufe und der Arbeitsmarkt für einfache Tätigkeiten
   3.3) Ist die Stufenausbildung eine Alternative?
4) Mögliche Auswirkungen der Einführung von Einfachberufen
5) Literatur

Lesen Sie hier den vollständigen Beitrag 01

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Antwort von: Albrecht Maier, Berufschule (17.7.2004, 17:20 h)
Wer vor dem Problem steht, auch einfache Dreisatzrechnungen den Jugendlichen beizubringen, um die es hier geht, der fragt sich nach 2 Stunden Fachrechnen, wofür die später bezahlt werden sollen: dafür, Oberflächen von Kegelstümpfen zu berechnen (dafür gibts wahrlich keinen Bedarf!) oder schlicht und ergreifend das ordentlich zu tun, was von ihnen verlangt wird (dafür gibts Bedarf). Also, was soll die ganze verkopfte Grundsatzdiskussion?
Antwort von: Gerd Kussow, Verband Sonderpädagogik - Bundesreferent für berufliche Bildung (7.11.2004, 21:40 h)
Worum kann es eigentlich bei dieser Diskussion nur gehen? Es kann nur darum gehen, für jeden Jugendlichen und jede Jugendliche das Abschlussniveau zu erreichen, dass seinen/ihren Fähigkeiten am ehesten entspricht. Im Bereich der Ausbildung von jungen Menschen mit Lernbehinderungen in einem Berufsbildungswerk sind wir froh, dass wir sowohl 2-jährige Ausbildungsberufe als auch 3-jährige (mit deutlich abnehmender Tendenz) als auch Berufe nach § 48/42a anbieten können. Was fehlt ist häufig die Anrechenbarkeit zwischen den verschiedenen Qualifikationsniveaus, selbst dann, wenn de facto im ersten Ausbildungsjahr vergleichbare Inhalte angeboten werden. Gerade Berufe wie VerkäuferIn, Fachkraft für Lagerwirtschaft, auch Teilezurichter sind für leistungsstärkere Jugendliche mit Lernbehinderungen eine ideale Qualifikationsgelegenheit - ohne das Stigma eines Behindertenberufes. In der Praxis ist in der Regel der Unterschied in der Lernfähigkeit zwischen diesen Auszubildenden und denen, die nach § 48 BBiG ausgebildet werden, sehr deutlich wahrzunehmen. Eine Berufsbildungspolitik, die den Einschluss aller behinderten Menschen in das gesellschaftliche Leben zum Ziel hätte, würde für jedes Leistungsniveau die adäquaten Abschlüsse anbieten, ohne überhaupt damit das Stigma des Behindertenberufs zu verbinden, wie das im Moment bei den 48er Berufen der Fall ist. Insofern sind die zweijährigen Ausbildungen vorbildlich.

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Antwort von: Jürgen Heiking, IG Metall (30.10.2004; 20:15 h)

Was der alten Bundesregierung aufgrund gewerkschaftlicher Proteste und möglicher Unwägbarkeiten bei Gefährdung des Konsensprinzips in der beruflichen Bildung nicht gelungen ist, in den Koalitionsvereinbarungen von ROT/GRÜN wurde es zum Programm: die Einführung zweijähriger modularer Ausbildungsberufe. Unrühmlicher Zwischenstopp einer Debatte, deren Befürworter bestenfalls in dem Glauben handeln, den sogenannten leistungsschwachen jugendlichen Schulabgängern eine Ausbildungschance zu vermitteln, wenn auch zweiter Klasse. Und dabei vermeintlich auch noch dem Mittelstand das Leben zu erleichtern, braucht er doch jetzt nur noch zwei Jahre auszubilden und kommt dabei billiger weg als bei einer 3- oder gar 3,5-jährigen Ausbildungszeit. So könnte dem mittelständischen Unternehmertum auf die Sprünge geholfen und gleichzeitig den "Schwachen eine Chance" gegeben werden. Und nur die Ewig-Gestrigen Gewerkschaften sind es angeblich, die solchen Fortschritt und das schöne Einvernehmen zwischen Wirtschaft und Politik verhindern wollen. Aus purer Rechthaberei, ordnungspolitischem Starrsinn und Ignoranz gegenüber den Realitäten. Oder gibt es noch andere Gründe?

Acht Argumente gegen 2-jährige Berufe:

1. Zweijährige Ausbildungsgänge gefährden die Attraktivität des dualen Systems beruflicher Bildung und verstärken die Gefahr des Facharbeitermangels. Seit Jahren wird, allen voran von den Arbeitgeberverbänden der Metallindustrie, die abnehmende Attraktivität gewerblich-technischer Ausbildung europaweit beklagt. Teure Imagekampagnen zur Attraktivitätssteigerung gewerblich-technischer Ausbildung werden durch die Schaffung eng spezialisierter, auf praktisches Lernen im Betrieb reduzierte Ausbildungsgänge konterkariert. Der Attraktivitätsgrad einer Ausbildung steigt realistischerweise mit der Attraktivität der Arbeit, auf die diese Ausbildung hinführt. Was Einkommen,
Arbeitsbedingungen und Aufstiegschancen betrifft, gehören Hilfs- und Angelerntentätigkeiten, auf die zweijährige Berufe in der Regel vorbereiten, nicht zu den von Jugendlichen und ihren Eltern als besonders attraktiv eingeschätzten Arbeitsplätzen.

2. Zweijährige Ausbildungsberufe sind eine bildungs- und beschäftigungspolitisch falsche Weichenstellung und führen den Mittelstand ins Abseits. Zweijährige Ausbildung als vermeintlicher Beitrag zur Mittelstandsförderung steht den ausbildungspolitischen Zielsetzungen der rot-grünen Bundesregierung diametral entgegen. Zu diesen Zielen gehört die Förderung von Eigenverantwortung, von Kreativität und Unternehmertum. Durch die Einschränkung der Ausbildung auf die Vermittlung von Basisqualifikationen wird aber gerade die Entwicklung übergreifender Fähigkeiten/inhaltsübergreifender Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen erschwert. Der Erwerb übergreifender Prozessqualifikationen gilt heute als die Schlüsselkompetenz für wirtschaftlichen Erfolg auf der Basis von Innovation und Modernisierung. Das aber erfordert Ausbau und Weiterentwicklung, nicht Abbau qualifizierter Ausbildung.

3. Es ist eine Illusion anzunehmen, dass Betriebe, die jetzt nicht bereit sind, schwächer lernende Jugendliche, bzw. als leistungsschwach eingestufte Jugendliche auszubilden, dies dann in zweijährigen Berufen tun werden. Angesichts gestiegener und veränderter Anforderungen, vor allem im überfachlichen, prozessübergreifenden Bereich, versuchen Betriebe schon heute, schulisch gut Vorgebildete und sozial integrierte Jugendliche auszuwählen. Jugendliche eben, die aufgrund ihrer schulischen und sozialen Herkunft ein Gutteil der Voraussetzungen mitbringen, an denen die Betrieb ansetzen können, um neue kommunikative Kompetenzen, Fähigkeit zur Selbststeuerung usw. möglichst ohne zusätzlichen Aufwand, ohne zusätzliche Ausbilderqualifizierung oder den Einsatz besonderer didaktischer Instrumente zu vermitteln. Da als lernschwach eingestufte Jugendliche oft auch "sozial" schwach und/oder in der ein oder anderen Weise verhaltensauffällig sind, brauchen sie aber nicht weniger, sondern mehr pädagogisch didaktische Zuwendung - unabhängig von den fachlichen Anforderungen des Ausbildungsberufes.

4. Die beabsichtigte "Verbilligung" der Ausbildung für die Betriebe findet nicht statt, da bekanntlich das erste und zweite Ausbildungsjahr am kostenintensivsten ist. Ganz im Gegensatz zum dritten Jahr, in dem Auszubildende, insbesondere in Klein- und Mittelbetrieben und im Handwerk ertragreich eingesetzt werden. Wäre dies anders, dann müssten Auszubildende im Krankheitsfall nicht durch andere Auszubildende vertreten werden, wie es im Handwerk oft der Fall ist. Dessen ungeachtet ist der Widerspruch zwischen einzelbetrieblichem Kosten-Nutzen-Denken in der Berufsausbildung und dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedarf an Höherqualifizierung durch zweitklassige Billigausbildung nicht zu lösen.

5. Zweijährige Berufe sind kein Beitrag zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit. Es ist völlig unklar, in welchen Branchen und Bereichen eine steigende Zahl von Absolventen von Schmalspurausbildungsgängen künftig beschäftigt werden können. Auch die neuesten IAB/PROGNOS Bedarfsprognosen belegen "die Nachhaltigkeit des qualifikatorischen Strukturwandels mit der Tendenz steigender Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt" und damit einhergehend "eine deutliche Verschlechterung der Beschäftigungsmöglichkeiten für Geringqualifizierte". Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ergänzt: "Eine zu enge Spezialisierung bereits in der Ausbildung würde daher die Anpassung an neue Anforderungen und lebenslanges Lernen nicht fördern, sondern eher verringern".

6. Ein beschäftigungspolitischer "Erfolg" verkürzter Ausbildung ist allenfalls dann vor-stellbar, wenn diese Ausbildungspolitik mit einer politisch gewollten und entsprechend gesteuerten Ausweitung des Niedriglohnsektors gekoppelt wird. Es liegt also im existentiellen Interesse von Gewerkschaften und Arbeitnehmern, die Einführung zweijähriger Ausbildungsgänge abzulehnen und durch eine zielgruppengerechte, gesetzlich abgesicherte und mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen verzahnte Förderpolitik zu ersetzen.

7. Die Entwicklung in den neuen Bundesländern beweist: die öffentliche und offizielle Förderung von Kurzausbildung ist eine Fehlinvestition. Sie bundesweit zum Programm zu erheben, heißt Fehlentwicklungen in die Zukunft verlängern. In den neuen Bundesländern ist die Zahl öffentlich geförderter Kurzausbildung in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. So wurden z.B. in dem in Kriegszeiten entwickelten und seitdem trotz gewerkschaftlicher Proteste überlebten Beruf des Teilezurichters (2-jährig) in 2001 in den Neuen Bundesländern 4362 Jugendliche ausgebildet. In den alten Ländern waren es im gleichen Jahr nur 2373, wobei im Osten die Tendenz steigend, im Westen fallend ist. Nun sind aber in den neuen Bundesländern weder eine überproportionale Zahl von Neugründungen noch ein Aufwuchs an Beschäftigung in der Metallindustrie zu verzeichnen. Gerade die nach wie vor schwächelnde Metallindustrie kann mit unzureichend qualifizierten Fachkräften wenig anfangen, schon gar nicht ihre Position auf den Weltmärkten verbessern. Es macht aber wenig Sinn, eine Politik, deren Perspektivlosigkeit sich bereits erwiesen hat, in die Zukunft zu verlängern.

8. Eine Bundesregierung, die sich um die Sicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland und die Zukunft der Jugend verdient machen will, sollte von Minderqualifizierung Abstand nehmen, ihre öffentliche Verantwortung wahrnehmen und gewerkschaftliche und gesellschaftliche Reformforderungen endlich aufgreifen. Dazu gehört die Sicherstellung eines ausreichenden und auswahlfähigen Angebotes an Ausbildungsplätzen auf der Grundlage eines öffentlich geregelten, zukunftsfesten Finanzierungssystems. Dazu gehört ein das gesamte Bildungssystem einbeziehendes öffentlich kontrolliertes Aus- und Weiterbildungssystems.

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Antwort von: Friedemann Winter, Consultant Logistik (29.08.2004; 13:45 h)
Die Diskussion muß erweitert werden hinsichtlich des Eingangsniveaus der potentiellen Azubis (PISA-Studie) und der Diskussion über die aktuelle Situation des Schulsystems ( z.B. Stärkung der Hauptschule ). Desweiteren verweise ich auf die aktuellen Möglichkeiten über § 48 BBiG auszuweichen.

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Antwort von: Dr. Klaus Hahne, Bundesinstitut für Berufsbildung (12.08.2004, 19:18 h)
Benachteiligte und zweijährige Ausbildungsberufe - Trennt endlich die Diskussion von zwei Sachen, die gar nicht zusammengehören!

Die Verbindung der Debatten um theoriegeminderte 2 jährige Ausbildungsberufe mit der Problematik der Ausbildung sog. benachteiligter Jugendlicher ist für beide Problemaspekte nicht förderlich.
Während meiner langjährigen Tätigkeit bei einem Träger in der Ausbildung benachteiligter Jugendlicher habe ich gesehen,dass die Verkürzung der Ausbildung oder gar die Theorieminderung wenig Sinn macht. Vielmehr zeigte sich eine vierjährige Perspektive für die oft orientierungslosen und schulverdrossenen Jugendlichen als motivierend und identitätsstiftend:
In einem berufsvorbereitensdem Jahr mit integrierten Projekten in Werkstatt (Holz, Farbe, Metall, Bau...) und Klassenraum wurde der Hauptschulabschluss vorbereitet. Schon in diesem Jahr wurde den durchhaltenden Teilnehmern die anschließende Ausbildung beim Träger als Perspektive eröffnet, wenn die Jugendlichen keinen anderen Ausbildungsplatz finden sollten. Viele der vierjährigen Teilnehmer sind zu tüchtigen Gesellen, einige sogar Meister geworden. Förderung statt Verkürzung und sinnstiftende Aufgaben und Projekte, in denen Theorie problem- und aufgabenbezogen in und für die Arbeit erworben wird stellen das Erfolgskonzept dar.
Die vierjährige Perspektive hat so weniger abgeschreckt als zu Anstrengungen motiviert.

In der Debatte um  zweijährige Berufe geht es m.E. immer noch vor allem um die Schaffung von Berufen unterhalb des Facharbeiterniveaus, die dann entsprechend auch weniger Vergütung erhalten müssen. In Zeiten der Deregulierung hat das uralte Konzept nun frischen Aufwind bekommen und will sich als Modernisierung und Flexibilisierung eines zu starren Systems verkaufen. Hilfreich ist hier der empierischwe Blick auf die Stufenausbidung in der Bauwirtschaft: Weniger als 1 Prozent der Lehrlinge wählt die zweijährige Ausbildung zum Hochbau-, Tiefbau- oder Ausbaufacharbeiter, mehr als 99 % entscheiden sich für die volle Ausbildung in einem Bau-Hauptberuf. Mit Spannung wird man sehen wie das sich nun in der neugeordneten Stufenausbildung des Malers& Lackieres vollzieht, der auch zweijährige Abschlussvarianten anbietet. M.E. ist die Stufenausbildung eine bessere Variante als wenn man zweijährige Ausbidungsberufe schafft, und deren Angebote den Betrieben und deren Nachfrage den Jugendlichen als Martktmodell überläßt. Angesichts der Ausbildungsplatz-Misere haben die Jugendlich oft keine freie Wahl und Betriebe ersetzen teure dreijährige Ausbildungsgänge durch "billigere" zweijährige, schaffen aber keine zusätzlichen neuen Ausbildungsplätze.

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Antwort von: Dieter Hölterhoff, Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (12.08.2004, 13:56 h)
Die Diskussion um sog. theoriegeminderte Berufe geht an den eigentlichen Problemen, so wie sie in den verschiedenen Beiträgen dargestellt werden, vorbei.

1. Für Betriebe zu anspruchsvolle Ausbildungsordnungen.
Bislang bin ich - vielleicht naiv - davon ausgegangen, dass die Eckwerte der Sozialparteien zur Neuordnung anhand des Bedarf der Betriebe festgelegt werden. Hier liegt ein Widerspruch vor! Sollte es vielleicht so sein, dass eine Minderheit von Betrieben die Inhalte bestimmt, ohne sich um den Bedarf des "Restes = der Mehrheit" der Branche zu kümmern? Sollte meine Vermututng stimmen, sind die Eckwerte genauer zu untersetzen.

2. In welchem Umfang können Betriebe ausbilden?
Trotz Hilfen, Ausbildungsberater, Verbundlösungen, ÜLU etc. gibt es offenbar immer mehr Betriebe, die aufgrund ihres Produktions- oder Dienstleistungsspektrum objektiv nicht oder nicht mehr in der Lage sind, auszubilden. M.E. ist dies bislang nicht hinreichend wissenschaftlich untersucht worden. Wenn die für Betrieb und Steuerzahler kostenintensiven Hilfen nicht zur Vollausbildung ausreichen, dann stellt sich auch hier wieder die Frage, ob das qualitative Ergebnis einer Neuordnung oder eines neuen Berufes tatsächlich dem Anspruch genügt und ob der Beruf für den Ordnungsarbeiten hinreichend vorbereitet wurde.

3. Das Anforderungsniveau
Sind Anforderungsniveaus alter und neuer Berufe einmal verglichen worden, um daraus Rückschlüsse ziehen zu können, ob durch man sich durch die Anhebung des Niveaus nicht von der seit vielen Jahren bestehende Fiktion des Hauptschulabschlusses endgültig, wenn auch heimlich verabschiedet hat? Auch wenn ich hiermit provoziere - aber ich hielte es für ehrlicher wenn Eltern und Ausbildungsplatzsuchenden schon im Ordnungsmittel klar gesagt würde, welche Mindestvoraussetzungen im Schulabschluss der allgemeinbildenden Schule erwartet werden.  
Da entsprechende Datensätze über Prüfungen bei PAL und AkA vorliegen könnte mindestens auf dieser Ebene verglichen werden.

4. Die Arbeitsplätze für theoriegeminderte Berufe
Wenn seit Jahren angesichts der steigenden Arbeitslosenzahlen zu verzeichnen ist, dass selbst höher qualifizierte im sog. Niedriglohnsektor keine Arbeit finden, dann ist es gesellschaftspolitisch fahrlässig, leistungsschwächere Jugendliche in diese Falle zu locken. Mindestvoraussetzung ist, dass vor der Schaffung solcher Ausbildungsberufe eine klare bedarfsbezogene Arbeitsmarktanlyse erfolgt, die nicht auf Glaubenssätzen beruht.

Fazit: Es bedarf einer ernsthaften Auseinandersetzung frei von politischem Alltagsgeschäft und frei vom Zwang "Neue Berufe um jeden Preis".

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Antwort von: André Bagehorn, Frachtcontor Junge & Co. GmbH (04.08.2004, 13:30 h)
Wir erleben in der Praxis bei Bewerbungen - unser Unternehmen bildet Schifffahrtskaufleute aus - einen generellen Trend nach unten in Bezug auf Schulleistungen und freiwilliges Engagement in der Freizeit. Wohlgemerkt, wir fischen am oberen Rand der Leistungsskala (Abiturienten) und sehen uns in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht vor der Entscheidung stehen, mit Prämien die Besten für uns zu gewinnen.
Auf der anderen Seite haben wir eine große Zahl nicht ausgebildeter Jugendlicher und junger Erwachsener.

Nach meiner Auffassung setzt das Problem der Leistungsschere schon in der Erziehung, Kindergarten und Schule an. Kinder werden z.T. mit nicht einmal elementarsten Grundverhaltensregeln in die Kindergärten und Schulen abgeschoben. Diese sind aber nicht darauf vorbereitet. So setzt die Ausbildung eines Lehrers diese Grundverhaltensregeln als gegeben voraus.
Wer hat denn schon, als Lehrer in Haupt- und Realschulen Sonderschulpädagogik studiert. Diese Schüler, die niergends abgeholt werden, sitzen dann ihre Pflichtjahre in der Schule ab, ohne dass eine Basis gelegt wurde, auf der sich aufbauen ließe.

Wo soll hier eine, auf welches Niveau auch immer, abgesenkte Ausbildung denn überhaupt stattfinden, die zu einer späteren, realen Beschäftigung führt? Die sehe ich nicht. Allenfalls berufliche Warteschleifen, wie sie heute bereits im Schulalltag gang und gäbe sind. Der Gedanke von einem niveauabgesenkten Start ins lebenslange Lernen ist ja nett, führt aber an der Praxis vorbei, wenn junge Menschen nie gelernt haben zu lernen.

Derweil stehen Unternehmen im Spagat: Sie versuchen, einerseits den Anforderungen des globalen Marktes gerecht zu werden und ihre Position zu behaupten und erleben andererseits den Mangel an Nachwuchs, der in adäquater Zeit ausgebildet, dabei mithelfen kann.

Das Übel des Abwälzens von Verantwortung an die nächste Instanz, Unternehmen eingeschlossen, ist nach meiner Auffassung eine der Wurzeln des Problems. Erziehungsverantwortung beginnt bei den  Eltern, aber es braucht auch Arbeitgeber, die es ermöglichen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

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Antwort von: Bernd Kuehn (12.07.2004, 17:25 h)
Ich bin auch eher skeptisch, was die Einführung speziell geregelter Benachteiligtenberufe angeht. Es gab doch bisher so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens bzgl. des Integrationswillens, wonach jeder soweit gefördert wird, das grundlegende (Bildungs-)Niveau eines Ausbildungsabschlusses zu erreichen.

Durch eine Ausdifferenzierung der Ausbildung in "Einfachberufe" und "Normalberufe" würde dieser Ansatz aufgegeben bzw. zumindest das zugrunde gelegte Niveau deutlich abgesenkt. In jedem Fall wäre die Gefahr einer weiteren Stigmatisierung der sogenannten benachteiligten Jugendlichen gegeben.

Es ist auch nicht auszuschließen, dass Sonderegelungen wie einzelne theoriegeminderte, zweijährige Berufe oder Berufe mit Stufenausbildung zu Intransparenzen auf dem Ausbildungsmarkt bzw. dem Arbeitsmarkt führen. Unsicherheiten und Informationsdefizite dürften aber allen "Marktbeteiligten" mehr schaden als nutzen (COHEN 1937). Auch Brötz und Schwarz weisen in ihrem Beitrag auf einen möglichen Qualitätsverlust der beruflichen Bildung und die Gefahr der Zergliederung des Berufsbildungssystems hin.

Wenn es so ist, dass mit einer Flexibilisierung der Ausbildung (Qualifizierungsbausteine, Stufenausbildung, Verzahnung Aus- und Weiterbildung) den Jugendlichen auf dem Ausbildungs- und später dem Arbeitsmarkt zusätzliche Chancen geboten werden, dann sollten diese Konzepte für alle umgesetzt werden. Davon würden auch die "Benachteiligten" profitieren.

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Antwort von: Dr. Friedel Schier, Good Practice Center Benachteiligtenförderung (30.06.2004, 11:25 h)
Geschätzte Kollegen,
mit viel Interesse habe ich Ihren aktuellen Leitartikel auf BIBB-Online gelesen.
Durch die ausgeführten quantitativen Zusammenhänge wird es noch deutlicher, dass in der Einführung von Einfachberufen keine Lösung für irgendwelche Ausbildungsplatzprobleme von sog. benachteiligten Jugendlichen liegt.

Lösungen ähnlich dem Schweizer Modell der "Ausbildung mit Attest" (siehe Brandes/Bellaire in der aktuellen BWP) oder eine gute Stufenausbildung erscheinen da viel erfolgversprechender.

Was ich daher überhaupt nicht nachvollziehen kann, warum die Arbeitgeber(verbände) bzw. Kammern so vehement die Einführung neuer Berufe fordern. Entweder diese decken eine betriebliche Notwendigkeit ab, dann ist auch eine strukturierte Qualifizierung (=Ausbildung) sinnvoll - oder: es sind nur 'bildungspolitische Scharmützel' wie Ulrich in der aktuellen BWP aufzeigt.

Das berührt die Grundfrage, warum wird eine berufliche Bildung von Seiten der Betriebe als Berufsausbildung gewünscht? Vielleicht liegt dahinter eine Erklärung für die Forderung nach "Einfachberufen".

Die Ausbildungssituation von Benachteiligten oder Beeinträchtigten verlangt nach anderen berufs- und sozialpädagogischen Lösungen.

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Antwort von: Frank Martin, Sozialwerk Aachener Christen e.V (29.06.04, 8:37 h)
In der Summe muß die Diskussion um Einfach-Ausbildungen oder zeitlich reduzierte Varianten betrieblicher Ausbildungen reduziert werden auf zwei Aspekte:
  • Sichert eine Einfachausbildung dauerhaften Verbleib im Berufsleben?
  • Besteht ein tatsächlicher Bedarf, insbesondere auf dem ersten Arbeitsmarkt, an derlei ausgebildeten Fachkräften?

Eine Anpassung des Ausbildungsniveaus an die Möglichkeiten benachteiligter Jugendlicher wird dauerhaft zu einer Verwässerung des immer noch guten nationalen Qualifikationsniveaus führen. Beispielhaft sei hier auch die Holzwerkerausbildung genannt, die im Bereich jugendlicher Rehabilitanden zwar als Ausbildungsangebot positiv zu bewerten ist, berufsperspektivisch jedoch marginale oder gar keine Bedeutung hat.
Ausbildung als temporärer Entzug vor der Arbeitslosigkeit erscheint wenig sinnvoll, Ausbildung orientiert an den Erfordernissen betrieblicher Realität dagegen zukunftsträchtig.
Vielmehr muß in die Diskussion um Einfachausbildungen die Frage nach dem Eingangsniveau der künftigen Auszubildenden einbezogen werden, denn hier zeigt sich, daß sinkenden Schulanforderungen erhöhte Anforderungen der Betriebe an den Bildungsstand ihrer künftigen Azubis gegenüberstehen. Warum sonst werden immer mehr Arzthelferinnenauszubildende mit Abitur gesucht?
Die Diskussion um abgespeckte Ausbildungsberufe wird sich in dem Maße verlieren, in dem allgemeinbildende Schulen und auch Lehrer imstande sind, pädagogische Aufgaben als Wissensvermittlung und Erziehungsauftrag wahrzunehmen. Dabei sollte das Schulniveau nicht immer weiter nach unten angepasst werden. An dieser Schnittstelle zeigt sich die enge Verwobenheit von Bildungs- und Wirtschaftspolitik. Allerdings auch die Aufgabe, Fehlentwicklungen von Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu diagnostizieren und zu beheben.
Innerhalb des Baubereichs wird deutlich, daß eine Stufenausbildung durchaus als Erfolgsmodell zu bewerten ist. Insbesondere die Zugkraft, in einem zweiten oder dritten Ausbildungsschritt eine höhere Qualifikation  erlangen zu können, dürfte die Ausbildungsmotivation verbessern. Credo bleibt allerdings: Ausbildungen ohne Weiterbeschäftigungsbedarf in der jeweiligen Branche dürften die Ausgebildeten eher frustrieren als erfreuen, kosten viel Geld und sind uneffektiv.

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Antwort von: Klaus Heimann, IG Metall (27.06.2004, 21:30 h)
Ich möchte aus Sicht der IG Metall einige Informationen und Einschätzungen zu den neuen industriellen Metallberufen geben.

Wir sind stolz darauf, dass wir mit neuen, modernen und qualitativ hochwertigen Berufen zum 1. August 2004 an den Start gehen können. Das ist  heute keineswegs mehr eine Selbstverständlichkeit. Es gibt viele in diesem Lande die meinen, wir kommen raus aus der Krise, in dem wir bei der Ausbildung sparen und  Ausbildung-Light propagieren.

Ich sage: Das ist ein falsches Signal. Eine gute berufliche Ausbildung, gepaart mit lebenslanger Lern-bereitschaft - das ist der Schlüssel zum Erfolg. Das gilt sowohl für die Arbeitnehmer, aber ebenso auch für die Betriebe. Nur wer bereit ist, sich ständig neuen Herausforderungen zu stellen und dazuzulernen, ist in unserer vom internationalen Wettbewerb geprägten Welt überlebensfähig.

Den meisten Ärger hatten wir mit dem Bundeswirtschaftsministerium. Dort sind Beamte am Werk, die davon überzeugt sind, dass sie schlauer sind als alle Ausbildungsexperten aus der Praxis. Aus meiner Sicht brauchen wir dringend einen Neuanfang der Ordnungsarbeit im Bundeswirtschaftsministerium.

Ich will aber nicht verschweigen, dass es aber auch neue Berufe, zweijährige Ausbildungsberufe, wie der des Maschinen- und Anlagenführer, zum Starttermin August gibt, die ohne Zustimmung der Gewerkschaften vom Bundeswirtschaftsminister erlassen worden sind. Wir sind davon überzeugt, dieser Beruf bringt die deutsche Metallindustrie nicht voran.Den Menschen wird dieser Beruf auch nicht helfen: Sie landen in Sackgassen, aus denen sie nur selten herauskommen werden.

Ich frage:

  • Wird der Ausbildungsplatzmangel dadurch beseitigt, dass man zusätzlich zweijährige Sonderberufe schafft ?
  • Ist es wirklich erfolgversprechend, ganz bewusst auf den Konsens bei der Schaffung von Berufen zu verzichten, wie das der Bundeswirtschaftsminister unter Beifall der Arbeitgeberverbände und des BiBB gerade tut ? 

Anschließend wundern sich dann diese Strategen, dass die Konflikte in den Betrieben landen und dort ausgetragen werden.

Die Strategie der Kurzausbildung unterstellt erstens,  die Unternehmen würden in Summe mehr Auszubildende einstellen, wenn man nur mehr Berufe anbietet.  Ist es in Wirklichkeit aber nicht ganz anders, nämlich so, dass die Betriebe nur das Berufe-Potpourrie neu mixen und gar nicht daran denken mehr Azubis einzustellen? Und zweitens, wird unterstellt, dass  die Unternehmen schwächere Jugendliche vermehrt einstellen, wenn die Ausbildung kürzer und "einfacher" ist.  Ist es in Wirklichkeit aber nicht ganz anders, nämlich so, dass die Betriebe ihre Bestenauslese fortsetzen und die Ausbildung von schlechteren Bewerbern allzu gerne an den Staat delegieren?

Ich will ausdrücklich feststellen: Natürlich gibt es Unternehmen, besser gesagt Unternehmer - meistens sind es die kleineren - die soziale Verantwortung zeigen und ganz bewusst diesen jungen Menschen eine Ausbildungschance geben.  Das machen sie aber heute schon und wir haben dazu erfolgreiche Beispiele in Baden-Württemberg oder an der Küste entwickelt. Das sind aber diejenigen, die wirklich was tun wollen in Sachen Benachteiligten-Ausbildung und nicht auf Billig-Ausbildung setzen.

Von dieser Sorte Betriebe haben wir aber leider zu wenige in der Metallindustrie. Leider. Die Zahl aller Auszubildenden in zweijährigen Anlernberufen, die sich in der Metall und Elektroindustrie bis heute noch gehalten haben, betrug 2002 gerade mal rd. 4.700, also gerade mal etwa fünf Prozent an allen Azubis. Da sage ich: für diese Berufe gibt es offenbar weder Bedarf, noch ein Angebot und damit auch keine Nachfrage.

Das zeigt aber auch: Für "einfache Tätigkeiten" gibt es keinen Zukunftsmarkt. Und noch etwas: Mit Selektion und Stigmatisierung werden wir niemals die Begabungsreserven erschließen, die wir in den bevorstehenden Jahren mit "Fachkräftemangel" dringend benötigen. Aus diesem Blickwinkel können wir uns nicht einen einzigen Bildungsbenachteiligten leisten. Übrigens: Auch die Vorschläge der HBS sind da wenig hilfreich, verkennen sie doch die wirtschaftlichen Interessen, die auch in der beruflichen Bildung dominieren. Mit idealistischen pädagogischen Konzepten kommt man da nicht viel weiter.

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Antwort von: Winfried Heidemann, Hans-Böckler-Stiftung (24.06.2004, 13:00 h)
F. Holterhoff bezieht sich auf zwei Ebenen der Begründung für eine Differenzierung von Dauer und Niveau der Ausbildung:  Einmal geht es um den sich differenzierenden Bedarf und die unterschiedlichen Ausbildungsmöglichkeiten von (Klein- und Mittel-) Betrieben (bei gegebener betrieblicher Ausbildungsorganisation), zum anderen um die sich ebenfalls differenzierenden Erwartungen und Ausbildungsmöglichkeiten der Jugendlichen (die vom konventionellen Ausbildungssystem nicht mehr immer abgedeckt werden). In diesem Zusammenhang möchte ich an die Empfehlungen des Sachverständigenrates Bildung bei der Hans-Böckler-Stiftung erinnern, der sich für die Eröffnung eines Optionsmodells neben den bisherigen Standard-Ausbildungsgängen aussprach, um unterschiedliche individuelle und betriebliche Profile von Qualifikationen zu ermöglichen: Nach einem ersten berufsbefähigenden Abschluss (nach zwei Jahren) sollte ein weiteres Zeitkontingent für die Entwicklung eines individuellen Qualifikationsprofils auf einen längeren Zeitraum verteilt und damit zugleich der Konnex mit der Weiterbildung hergestellt werden.

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Antwort von: Nicolai Wiedmann (21.06.2004, 15:07 h)
Endlich kommt wieder Bewegung in die Diskussion um die s. g. "theoriegeminderten" Berufe. Dank Herrn Clement wurde die Verweigerungshaltung der Gewerkschaften als Hürde übersprungen. Die Wirtschaft/Kammern können nun beweisen, dass es in den neuen, zum größten Teil zweijährigen Berufen ein Ausbildungs- und Beschäftigungspotential gibt - wie seit Jahren proklamiert.

Insgesamt gesehen, eine für mich sehr erfreuliche Entwicklung, die der Realität ins Auge blickt und nicht irgendwelchen unrealistischen Wunschvorstellungen hinterherhechelt. Im übrigen ist der Teilezurichter, der bei uns ausgebildet wird, kein theorie- sondern nur ein zeitgeminderter anerkannter Ausbildungsberuf! Die beiden Ausbildungsjahre sind bis auf 4 Monate vollkommen mit der Ausbildung zum Industriemechaniker im Betrieb identisch, in der Schule zu 100%. Gute Teilezurichter können - sofern sie es wünschen - noch 1,5 Jahre bis zum Abschluß des Industriemechanikers anhängen. Die Qualifikation eines Teilezurichters ist auf vielen Arbeitsplätzen durchaus ausreichend. Und: hiermit bin ich bei der Krux des Deutschen Dualen Ausbildungssytems. Für einen Großteil der Aufgaben eines Facharbeiters (prozentual in Großbetrieben eher mehr denn in kleineren Unternehmen) ist es vollkommener Blödsinn, eine 42-monatige Ausbildung vorzuschalten. Lernen auf Vorrat ist vollkommen ineffektiv und sehr selten werden die während der dreieinhalbjährigen Ausbildung erworbenen Qualifikationen anschließend in diesem Umfang auch abgefordert. Neben uns Deutschen leistet sich nur noch die Schweiz einen ähnlichen Luxus. Wir müssen insgesamt zu kürzeren Ausbildungszeiten kommen und dafür zielgerichtet und zeitnah erforderliche Qualifikationen bei Bedarf während des Arbeitens schulen. Im Ausland werden in vielen Ländern qualitativ gleichwertige oder gar höherwertige Produkte hergestellt, meist billiger als hier un dies ohne die monströsen 36 - 42 Monate Ausbildung. Der tertiäre als auch der schulische Bereich (G8) kommen mit kürzeren Ausbildungszeiten den "Sonntagsreden" vieler Wirtschafts- und Verbandfunktionäre und m.E. der erforderlichen Realität sehr nahe, die betriebliche Ausbildung hinkt dieser Entwicklung hinterher.
Wir brauchen verschiedene Qualifikationen für die verschiedensten Aufgaben, darüber gibt es keinen Zweifel. Demnach erfüllen Berufe wie der Teilzurichter eine wichtige Funktion und sind nicht als theoriegemindert abzuqualifizieren. Wenn dieses Forum dazu dient, mit manchen Vorurteilen zu brechen, dann hat sich dieses Thema in jedem Fall gelohnt.

Antwort von: Klaus Schoengen, Bundesinstitut für Berufsbildung (17.06.2004, 13.35 h)
Die Argumentation von Herrn Holterhoff, dass 25% der Ausbildungsanfänger ihre Berufsausbildung abbrechen, ist weder empirisch noch als Argument für theoriegeminderte Ausbildungsberufe haltbar. Bei den 'Abbrechern' handelt es sich um Jugendliche und junge Erwachsene, die einen Ausbildungsvertrag aufgelöst haben. Mehr geben die Daten des Statistischen Bundesamts nicht her, vor allem nicht den weiteren Werdegang. Eine repräsentative Befragung von Vertragslösern (2.300 Fälle)des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigt hingegen, dass die meisten jungen Vertragslöser sich nicht aus der Berufsausbildung verabschiedet haben. Und die findet vor allem im dualen System statt. So nahmen rund 50% der Vertragslöser erneut eine betriebliche Berufsausbildung auf. Insgesamt zwei Drittel aller Befragten waren in Ausbildungsmaßnahmen anzutreffen, die einen berufsqualifizierenden Abschluss (u.a. auch Studium) zum Ziel hatten. Auch die Gründe für einen Ausbildungsabbruch zeigen keine Überforderung der Auszubildenden. In erster Linie waren sie auf betriebliche Konfliktsituationen zurückzuführen. Und auch das gibt keinen Hinweis darauf, dass diesem Problem mit zweijährigen Ausbildungsberufen beizukommen wäre.
Noch ein weiteres: Wenn auch 'nur' 60% der Schulentlassenen in das duale System einmünden, so sind das immer noch rund 600.000 Jugendliche jährlich, mehr als 1990, als es noch 70% waren.
Merke: es hilft auch nicht immer, nur mit Prozentzahlen zu argumentieren.

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01 Hinweis zur Langzeitarchivierung: Die Deutsche Bibliothek hat den Beitrag "Mehr Ausbildungsplätze durch Einfachberufe?" als Netzpublikation archiviert.

Erscheinungsdatum und Hinweis Deutsche Nationalbibliothek

Veröffentlichung im Internet: 08.06.2004

URN: urn:nbn:de:0035-0061-2

Die Angaben beziehen sich auf den hier veröffentlichten Initialbeitrag "Mehr Ausbildungsplätze durch Einfachberufe?" (siehe oben).

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Letzte Änderung: 18.04.2011

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