Feminisierung der Migration
Chancengleichheit für (junge) Frauen mit Migrationshintergrund in Ausbildung und Beruf *
Die Feminisierung der Migration bedeutet die Feminisierung von Wanderungs- und Eingliederungsprozessen. Denn die Feminisierung der Migration betrifft die weltweiten Wanderungsprozesse von Frauen genauso wie die damit einhergehenden In- und Exklusionsprozesse von Migrantinnen im Einwanderungsland. Die Feminisierung der Migration ist kein neues Phänomen, sondern eines, das mit den weltweiten Wanderungen von Frauen mindestens seit den 60er Jahren verknüpft ist. Während die Feminisierung der Migration im doppelten Sinne - sowohl im Hinblick auf die Wanderungs- wie auf die entsprechenden Eingliederungsprozesse - bereits seit Jahrzehnten stattfindet, wurden diese Entwicklungen aus der Forschung lange Zeit ausgeblendet: Frauen wurden erst spät als wesentlicher Bestandteil weltweiter Migrationsprozesse (Hillmann 1996) bzw. als Teil oder Motor migrationsbedingter Integrationsprozesse (Granato 1999) wahrgenommen. Dies gilt in der Bundesrepublik über viele Jahre hinweg sowohl für die Frauen- wie die Migrationsforschung. Dabei bedeutet dieses Versäumnis in der Forschung gleichzeitig auch eine Vernachlässigung in den entsprechenden Politikfeldern.
Die Feminisierung der Migration hat somit ein doppeltes Gesicht: die eine Seite hiervon sind die seit langem stattfindende Migrations- und Integrationsprozesse von Frauen, die andere Seite die seit kürzerem erfolgende, jedoch noch immer unzureichende Einbeziehung von Migrantinnen in Forschung und Politik.
Mit der weitgehenden Ausblendung von Migrantinnen und ihrer Lebenslagen aus der Grundlagenforschung einher gingen jedoch öffentlich geführte Diskurse über das Leben von Migrantinnen in der Bundesrepublik (alt), namentlich über Migrantinnen mit muslimischem Hintergrund. Forschungsarbeiten heute beschäftigen sich noch immer mit der Dekonstruktion der nicht nur dadurch entstandenen Zerrbilder über Migrantinnen - die sich inzwischen auch auf die Selbstbilder und Selbstverortung junger Frauen mit Migrationshintergrund in Deutschland ausgewirkt haben - insbesondere jedoch mit der Dekonstruktion und mit den Folgen von Defizitwie Differenzhypothese (z.B. Granato/ Schittenhelm 2003a, Schittenhelm/ Granato 2004; Gümen 2003).
Im Unterschied zur öffentlichen Wahrnehmung von Migrantinnen, die sich lange auf die mitgewanderten Familienangehörigen, d.h. auf die weibliche Begleitung der männlichen Arbeitsmigration konzentrierte, sind Frauen jedoch bereits seit Beginn der Anwerbung aktiver Teil der Arbeitsmigration in Deutschland.
So weisen ausländische Frauen bereits in den 70er Jahren eine Erwerbsbeteiligung auf, die erheblich höher liegt als die deutscher Frauen: so lag die Erwerbsquote ausländischer Frauen 1972 bei 70%, die Erwerbsbeteiligung deutscher Frauen jedoch erst bei 47%. Dies gilt gleichfalls für verheiratete Frauen ausländischer Nationalität: ihre Erwerbsquote lag mit 64% gleichfalls wesentlich höher als die deutscher Ehefrauen mit 40% (Statistisches Bundesamt 1980-1994). Diese Frauen wurden jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung - wie in grundlegenden wissenschaftlichen Untersuchungen - nur unzureichend berücksichtigt.
So wurde die Frage der gesellschaftlichen Inklusion bzw. Exklusion erwerbstätiger Migrantinnen und ihrer Töchter in Deutschland kaum gestellt (Granato 1999a). Dies gilt zum Teil auch für Familienfrauen und mitgereiste Frauen. Es existieren erhebliche Forschungslücken für diese wie für andere Gruppen von Migrantinnen - wie z.B. Flüchtlinge - bei der Frage des Zugangs zu gesellschaftlichen Ressourcen (bzw. gesellschaftliche Inklusion).
Auch neuere Formen der Migration wie z.B. die Pendelmigration von Frauen wurden bislang nur unzulänglich aufgegriffen. Es fehlen daher noch immer systematische und grundlegende Analysen zu verschiedenen Formen weiblicher Migration, den entsprechenden Strategien der Migrantinnen sowie den gesellschaftlichen In- und Exklusionsprozessen von Migrantinnen unterschiedlicher Gruppen. Dies betrifft alle Lebensbereiche von Frauen in der Migration. Eine solche umfassende Analyse, die die In- bzw. Exklusionsprozesse von eingewanderten Frauen im rechtlichen, ökonomischen, sozialen, politischen, sprachlichen, kognitiven wie affektiven Bereich darlegen könnte, steht jedoch noch aus.
Doch auch bescheidenere Teilanalysen, z.B. für einen Teil der Zielgruppe Frauen mit Migrationshintergrund oder einem bestimmten Lebensbereich sind nur partiell zu finden. Es fehlen grundlegende Untersuchungen zu fast allen diesen genannten Bereichen sowohl für Frauen mit Migrationshintergrund insgesamt als auch für bestimmte Teilpopulationen, wie z.B. Mädchen, Flüchtlingsfrauen, nachziehende Ehefrauen u.a..
Entsprechend der vielfach ökonomisch motivierten Einwanderung von Frauen, insbesondere im Zuge und im Zusammenhang mit der Arbeitsmigration nach Deutschland aber auch im Hinblick auf heutige Einwanderungsprozesse ist die Inklusion bzw. Exklusion von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zentral. Dies gilt auch mit Blick auf die Bedeutung der ökonomischen Lage für den gesamten Integrationsprozess.
Angesichts der wachsenden Anforderungen am Arbeitsmarkt und der Globalisierung sind die Möglichkeiten des Zugangs zu qualifizierter Berufsarbeit ohne eine berufliche Qualifizierung jedoch stark eingeschränkt. Deshalb steht die Frage des Zugangs (junger) Frauen mit Migrationshintergrund zu einer beruflichen Qualifizierung auch im Mittelpunkt des folgenden Beitrags.
Zentrale Frage der folgenden Analysen ist daher, welche Zugangschancen (junge) Frauen mit Migrationshintergrund zu beruflicher Qualifizierung haben. Ihre Zugangsmöglichkeiten zu qualifizierter Berufsarbeit bzw. zu Erwerbsarbeit können im Rahmen der vorliegenden Kurzexpertise nur kursorisch gestreift werden.
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