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Workshop zu den Fortbildungsregelungen Bankfachwirt/-in und Industriemeister/-in

Sinkender Prüfungserfolg beim Bankfachwirt und Industriemeister - Workshop hinterfragt Gründe

Veröffentlicht: 10.02.2005
URN: urn:nbn:de:0035-0344-6

Am 29. November 2004 veranstaltete das BIBB in Zusammenarbeit mit dem DIHK, der IG-Metall und ver.di einen Workshop zu den Fortbildungsregelungen Bankfachwirt/-in und Industriemeister/-in. Eingeladen waren Dozenten, Fachlehrer, Vertreter der Bildungsgesellschaften, der Kammern und Mitglieder aus den Prüfungs- und Aufgabenerstellungsausschüssen sowie Fortbildungsteilnehmer/-innen.

Insgesamt nahmen ca. 35 Fachleute an dem Workshop teil. Walter Brosi, der stellvertretende Generalsekretär des BIBB und Leiter des Forschungsbereichs, wies in seinem Einführungsstatement darauf hin, dass es sich in beiden Fällen um angesehene und stark besetzte Fortbildungsregelungen handelt, die 1997 bzw. 2000 neu geordnet wurden und deren Teilnehmer/-innen über gute Schul- und Berufsabschlüsse verfügen. In beiden Fortbildungsregelungen ist jedoch ein Rückgang der Bestehensquote bei den Abschlussprüfungen zu verzeichnen. In diesem Zusammenhang wurde die Frage aufgeworfen, ob die abnehmenden Leistungen mit den zurückgehenden schulischen Leistungen im Zusammenhang stehen könnten. Den Leiter des Fachbereichs Berufliche Bildung beim DIHK, Geerd Woortmann, veranlassten die sinkenden Erfolgsquoten, Fragen nach den Gründen und Ursachen zu stellen. Schließlich falle auf, dass der Umgang mit Texten Probleme aufweise und es unterschiedliche Auffassungen zu Problemlösungen bei den Aufgabenstellungen gäbe. Woortmann hielt den Verweis auf die Pisa-Studie in diesem Zusammenhang für unzureichend. Sorge bereiteten die sinkenden Erfolgsquoten, da insbesondere die Industriemeisterregelung Metall eine Vorreiterrolle für andere Fortbildungsregelungen gespielt habe.

Rainer Brötz, BIBB, analysierte die jährlich sinkende Bestehensquote bei der Bankfachwirteprüfung. Die Erfolgsquote verringerte sich von 1992 von 86,2% auf 58,2% im Jahre2003, bezieht man die Wiederholer mit ein, so ist die korrigierte Erfolgsquote von 1992 mit 95,9% auf 2003 mit 79,8% gesunken. Der Vergleich mit anderen kaufmännischen Fortbildungsregelungen zeige, dass in keiner anderen kaufmännischen Fachwirteregelung die Erfolgsquote jährlich so kontinuierlich und absolut gesunken ist. Thematisiert wurde die neue Fortbildungsregelung von 2000, die bundeseinheitliche Prüfung, Vorbildung und Lernverhaltender Teilnehmer/-innen und die enormen Veränderungsprozesse in der Bankbranche, die möglicherweise Erklärungen und Hinweise für den Rückgang der Bestehensquote geben können. Im abschließenden Teil der Betrachtungen standen die Beeinflussungsfaktoren der Vorbereitung, Erstellung und Bewertung von Prüfungsaufgaben.

Dieter Scholz, BIBB, analysierte den Rückgang der Prüfungsteilnehmer/-innen und des Prüfungserfolgs der Industriemeister am Beispiel gesellschaftlicher, rechtlicher und bildungspolitischer Einflüsse. Er verdeutlichte, dass der Industriemeister Anfang der 90er-Jahre an einem hohen Bedeutungsverlust litt und durch Anpassung an die betrieblichen und wirtschaftlichen Veränderungsprozesse 1997 neugeordnet wurde. Die Regelung galt als Musterverordnung für alle danach folgenden Industriemeisterverordnungen und wurde von allen beteiligten Organisationen mitgetragen. Wesentliche Punkte der Neuerung waren die Umstellung von der Fächer- auf die Handlungsorientierung, wobei in der Fortbildung neben der systematischen Einbeziehung der Berufserfahrung das Prüfen und Qualifizieren an betrieblichen Situationsaufgaben verstanden wird. Meisterliche Situationsaufgaben setzen sich immer integrativ zusammen aus den Bestandteilen Technik, Organisation sowie Führung und Personal. Die Prüfung der drei Situationsaufgaben bildet den Kern der Gesamtprüfung. Begleitet wurde der Umstellungsprozess von drei bundesweiten Modellversuchen, an denen zwölf Industrie- und Handelskammern und ca. 30 Industriebetriebe beteiligt waren. Ohne eine derartige Unterstützung hätte sich der Umstellungsprozess von Fächerorientierung auf Handlungsorientierung in der Lehrgangs- und Prüfungspraxis nur schwer realisieren lassen. 01

Gerd Gidion vom Fraunhofer Institut, stellte Ergebnisse aus einer Studie zur Umsetzung der Industriemeisterverordnung vor. Er hob die hohe Durchfallquote in der Basisqualifikation hervor, die allerdings in der Wiederholungsprüfung wieder zurückgehen würde. Probleme bereiteten den Industriemeistern z.B. die Anwendung von bestimmten betriebswirtschaftlichen Grundkenntnissen. Defizite bestünden im Vorwissen der Teilnehmer/-innen bezüglich der naturwissenschaftlich-technischen Gesetzmäßigkeiten. Er vertrat die These, dass sich das Wissensgebiet gegenüber den 50er Jahren erweitert habe, neue Erfahrungsfelder hinzugekommen seien und dies die Schwerpunktsetzung und Prüfungsauswahl erschwere.

In den anschließenden Diskussionen wurden die Themenschwerpunkte Teilnehmer- und Teilnehmerinnenstrukturen, Vorbereitung und Zulassung zur Prüfung, Auswirkungen der Prüfungsmethoden und -inhalte sowie die Erstellung und Bewertung von Prüfungsaufgaben in vielfältiger Weise hinterfragt, analysiert und bewertet. Einig war man sich, dass es eine multikausale Erklärung für den Rückgang der Bestehensquote gäbe.
Deutlich wurde auch, dass ein gewisser Zwang zur Teilnahme an Weiterbildung besteht, sei es - wie bei den Banken -, um eine qualifizierte Tätigkeit übernehmen zu können oder im Industriebereich die Übernahme von Führungsaufgaben als Meister. Zugleich ist damit aber nicht mehr automatisch der Anspruch auf eine höhere Position oder Stellung verbunden. Die Weiterbildung ist abgekoppelt von den betrieblichen Aufstiegsmöglichkeiten, die zu einem "Rolltreppeneffekt" führt, in dem die Arbeitnehmer/-innen ihre Beschäftigungschancen verbessern. Während im Bankenbereich die Arbeitsplatzsicherung anstelle der Karriereförderung getreten ist, handelt es sich im Industriebereich um Führungspositionen, die den Industriemeisterabschluss erfordern.

Bei der Industriemeisterprüfung ist eine hohe Durchfallquote bei den Basisqualifikationen und hier insbesondere im naturwissenschaftlich-mathematischen Teil zu verzeichnen. Unter anderem wird in der Verschärfung der Bestehensregelung ein Grund für die hohen Durchfallquoten bei den Basisqualifikationen gesehen. Um weitere Gründe zu erfassen, bedarf es umfassender Untersuchungen. Beim Bankfachwirt fallen im Durchschnitt ca. 30% nach dem zweiten Semester durch und brechen die Fortbildung ab. Auch hier wären weitere Informationen notwendig, um die tatsächlichen Gründe zu erfassen.

Handlungsbedarf wurde in beiden Fortbildungsregelungen, insbesondere in der praxis- und handlungsorientierten Erstellung von Prüfungsaufgaben, gesehen. Vorgeschlagen wurde u.a., für die Prüfung Informationsquellen verwenden und Hilfsmittel in der Prüfung benutzen zu dürfen. Bei den Prüfungsaufgaben sollten grundsätzlich zusammenhängende und vollständige Aufgaben herangezogen werden (Industriemeister), wobei die angemessene Stückelung der Prüfungsaufgabe durch sog. Leitfragen eine wichtige Rolle spielt. Es hat sich jedoch gezeigt, dass bei einem derartigen Umstellungsprozess, wie er im Industriemeisterbereich vollzogen wurde, bis zur Optimierung auf allen Ebenen (Lehrgang, Prüfungen) ein Zeitraum von mehreren Jahren einzuplanen ist. Gefordert wurde ein Gleichklang von Lehr-/Lern- und Prüfungsfeld sowie eine stärkere Orientierung an der Praxis (Bankfachwirte). Die Aufgabenersteller sollten mehr aus der Praxis kommen, sich in den "Netzwerken" auskennen und einen richtigen Sinn für die Vermittlungs- und Prüfungstiefe entwickeln. Verunsicherungen und Defizite bei den Teilnehmer/-innen entstünden durch mangelnde Kenntnisse über Prüfungsabläufe, unklare Fragestellungen, Probleme beim Transfer des Fachwissens, beim Lesen und Verstehen der Aufgabe und beim sachgerechten Umgang mit Hilfsmitteln (Industriemeister). Die Bankprüfung dürfe nicht zu stark auf den Vertrieb setzen, gefordert sei auch ein breites betriebswirtschaftliches und volkswirtschaftliches Grundwissen. Es ginge nicht um eine Niveausenkung, sondern um eine konsequentere Orientierung am Beschäftigungssystem, in dem u.a. auch verschiedene Lösungen in Richtung Finanzdienstleistungen angeboten werden sollten.

Die Tagung zeigte, dass es hilfreich ist, sich über berufliche Grenzen hinaus auszutauschen. Während bei der Industriemeisterprüfung punktuelle "Schwachstellen" benannt wurden, die noch der Korrektur bedürfen, besteht offensichtlich bei der Bankfachwirteprüfung größerer Handlungsbedarf. Thematisiert wurde auch, ob und wann z.B. Probeprüfungen bei neuen Fortbildungsregelungen oder grundlegenden und strukturellen Änderungen sinnvoll sind. Beim Bankfachwirt sollen Überlegungen für eine größere Auswahlmöglichkeit bei den Aufgaben angestellt werden. Wichtig sei es, die Dozenten und Prüfer für die neuen Ansätze und Inhalte zu gewinnen (Schulungen). Die Diskussion über die sinkenden Erfolgsquoten sollten auch in den Berufsbildungsausschüssen der Kammern thematisiert werden. Geerd Woortmann weist diesbezüglich auf eine Veranstaltung des DIHK am 22.2.2005 in Berlin hin.

Die Aufgabenerstellung beim Bankfachwirt sollte überprüft werden und die Aufgaben verständlicher und lesefreundlicher sein. Schließlich sollte auch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Prüfungsaufgaben und Punktzahl bestehen.

Das BIBB wird die Ergebnisse des Workshops auswerten und für die Generierung von Forschungsprojekten im Rahmen der Weiterbildung nutzen. Ein Evaluationsprojekt zur Wirkung der neuen, handlungsorientierten Qualifizierungvon Industriemeistern in der betrieblichen Praxis befindet sich bereits in Vorbereitung.

Materialien und Präsentationen: Prüfung Bankfachwirt

  • Brötz, Rainer
    Prüfungserfolg Fortbildungsprüfungen, tabellarisch
    Prüfungserfolg Fortbildungsprüfungen, tabellarisch
    - Prüfungserfolg ausgewählter kaufmännischer Fortbildungsprüfung nach §46 Abs. 2 BBiG/ §42 Abs. 2 HwO, Deutschland
    - Prüfungserfolg Fortbildungsprüfung nach §46 Abs. 1 BBiG/ §42 Abs. 1 HwO, Deutschland
    - Klassifizierung laut Datenbank

Materialien und Präsentationen: Prüfung Industriemeister

Fußnoten:

Fußnoten:
01
Gidion, Dr. Gerd; Scholz, Dietrich: Zur Umsetzungdes handlungsorientierten Qualifizierungsansatzes beim Industriemeister Metall. In:BWP 32 ( 2003) 4, S. 52-54

Erscheinungsdatum und Hinweis Deutsche Nationalbibliothek

Veröffentlichung im Internet: 10.02.2005

URN: urn:nbn:de:0035-0344-6

Letzte Änderung: 19.01.2010


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