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Seite drucken Seite empfehlen Seite vorlesen Entwicklung der Berufsbildung in Russland - erste Schritte hin zur sozialen Partnerschaft

Gabriela Höhns

aus: BWP 2004, Heft 5, Seite 47-50

Nach mehr als zehnjährigen intensiven Studien des deutschen Ausbildungssystems, insbesondere in der Zusammenarbeit mit dem BIBB im Rahmen des TRANSFORM-Programms, entwickelt Russland inzwischen selbständig eine eigene Form der sozialen Partnerschaft in der Berufsbildung. In Anbetracht der in den vergangenen 15 Jahren entwickelten Marktmechanismen der Wirtschaft und des im Zusammenhang damit entstandenen Arbeitsmarktes sowie auch mit Blick auf den geplanten Beitritt Russlands in die Welthandelsorganisation WTO entstand bei Arbeitgebern und Gewerkschaften, im Staat und im Bildungssystem die Erkenntnis, dass eine engere Zusammenarbeit notwendig und für alle Seiten vorteilhaft ist. Am 24. Dezember 2003 fand in Moskau die dritte Gesamtrussische Konferenz zur Sozialpartnerschaft in der Berufsbildung statt. Der nachfolgende Artikel gibt einen Überblick über die Entwicklung der sozialen Partnerschaft in Russland.

Ausgangslage der Transformationen in der russischen Berufsbildung
Das russische Berufsbildungssystem hat eine lange Tradition, die bis auf Peter den Großen (Anfang des 18. Jahrhunderts) zurückgeht. Zur Zeit der Sowjetunion war die Ausbildung überwiegend schulisch geprägt und wurde durch Praktikumphasen ergänzt. Seit den 60er Jahren des 20sten Jahrhunderts wurde die Ausbildungskapazität des staatlichen Systems der Berufsbildung beträchtlich erweitert. Die Durchlässigkeit des Ausbildungssystems wurde verstärkt; die Möglichkeit des Hochschulzugangs sollte auch Berufsschulabsolventen offen stehen, deshalb waren alle Ausbildungsgänge doppelt qualifizierend und enthielten starke allgemein bildende Anteile. Die Berufsschulen, die ein mittleres Ausbildungsniveau vermittelten, hielten Verbindung zu mindestens einem Basisbetrieb, der mehr als 2000 Beschäftigte haben sollte. Die Beziehungen zwischen Schule und Betrieb waren durch einen Vertrag geregelt und hatten die "kadermäßige und materielle Unterstützung des Bildungs- und Erziehungsprozesses in den Schulen und das Angebot lehrplangerechter Produktionsaufträge sowie die Sicherung der Zwischen- und Abschlußpraktika der Berufsschulen in den Abteilungen des Betriebes 01  zum Ziel.

Mit dem Systemwechsel entstand in Russland ebenso wie in anderen post-sozialistischen Ländern die dringende Notwendigkeit einer Umgestaltung auch des Bildungssystems. In besonderem Maße betroffen war die berufliche Bildung, die eng mit der Entwicklung der Wirtschaft verbunden ist. Zugleich entstand nun auch die Möglichkeit, Erfahrungen aus Bildungssystemen anderer Länder kennen zu lernen und für die eigenen Umgestaltungen nutzbar zu machen. Aufgrund der langen deutsch-russischen gemeinsamen Geschichte und Kooperation war gerade das deutsche duale System ein bevorzugtes Referenzmodell, und im Rahmen des TRANSFORM-Beratungsprogramms der Bundesregierung für die Länder Mittel- und Osteuropas fand neben der Entwicklung modellhafter neuer Ausbildungsgänge auch ein breiter Informationsaustausch und Beratung zur Systementwicklung statt. Das deutsche Berufsbildungssystem gilt in Russland als vorbildlich durch die Verbindung von formaler schulischer und betrieblicher Ausbildung, die ein Anknüpfen an bestehende Traditionen leichter möglich machte als etwa das stark auf die Ausbildung im Betrieb hin orientierte angelsächsische Qualifizierungsmodell. Das Berufsprinzip stellt eine bereits vorhandene gemeinsame Basis dar. Die Liste der Ausbildungsberufe wurde in den 90er Jahren schnell von über 2000 Tätigkeiten, in denen ausgebildet werden konnte, auf 290 breit geschnittene Berufe verkürzt, zu denen zunächst input-orientierte Ausbildungsstandards erarbeitet wurden. Doch die erforderlichen Umgestaltungen konnten hierbei nicht stehen bleiben.

Diskrepanzen zwischen Ausbildungs- und Beschäftigungssystem
Der Systemwechsel von der administrativen Kommandowirtschaft hin zu marktwirtschaftlichen Beziehungen und die Wirtschaftskrise der 90er Jahre machten weiter gehende Umgestaltungen im beruflichen Bildungswesen erforderlich. Viele Betriebe, vor allem die Großbetriebe, waren von der Wirtschaftskrise schwer getroffen und reduzierten die Unterstützung der Berufsschulen oder stellten sie ganz ein. Dadurch veränderten sich die Beziehungen der Ausbildungsstätten zu den Betrieben grundlegend oder brachen völlig weg. Die gleichzeitige Haushaltskrise des Staates führte zu einer akuten Unterfinanzierung der Berufsbildung, so dass viele einzelne Berufsschulen in Existenzprobleme gerieten oder Wege der Selbstfinanzierung finden mussten. Auch zog sich der Staat aus der Zuweisung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen zurück. Die Aufgabe der Früherkennung von quantitativem und qualitativem Qualifikationsbedarf fiel in Ermangelung anderer Institutionen an die berufsbildenden Schulen. Die wenigsten Berufsschulen waren jedoch auf diese neue Autonomie vorbereitet.

Die Betriebe stellen traditionell bevorzugt Hochschulabsolventen ein und vermitteln ihnen unmittelbar am Arbeitsplatz die erforderlichen Qualifikationen, so dass das Interesse an Fragen der Ausbildung von Facharbeitern nicht hoch ist. Aufgrund der Durchlässigkeit des Ausbildungssystems sind in vielen Bereichen auch genügend Hochschulabsolventen vorhanden. Allerdings zeichnen sich hier Veränderungen ab.

Vom Standpunkt der Berufsbildungsadministration aus schildert Igor Pawlowitsch Smirnov, der Direktor des russischen Partnerinstituts des BIBB, des Instituts für die Entwicklung der Berufsbildung, IRPO, die gegenwärtige Problemlage folgendermaßen: "Die heutige russische Berufsschule ist faktisch vom Arbeitsmarkt losgelöst, sie ist in sich geschlossen wie eine Behörde. Ihre Früherkennungsfunktion und ihr wissenschaftliches Fundament sind geschwächt und sogar in einigen Fällen völlig verloren gegangen. Tatsächlich trägt sie heute keine Verantwortung gegenüber der Wirtschaft unseres Vaterlandes und gegenüber denjenigen, die die Fachkräfte anfordern..." 02

Ein erhebliches Problem der russischen Berufsschule erkennt das IRPO in dem Umstand, dass immer mehr Berufsschüler aus einem sozial problematischem Umfeld stammen. Dies wird durch neue soziologische Untersuchungen belegt 03.  Das Ansehen der Berufsbildung sinkt dadurch in den Augen der Bevölkerung.


Drei Viertel (72,4%) der Eltern der Auszubildenden in der beruflichen Erstausbildung sind Arbeiter. Angestellte machen 7,1%, Ingenieure - 3,7%, Leiter  - 2,1% aus. Der Anteil der Arbeitslosen ist hoch - 12%. Die Hälfte der Auszubildenden wächst ohne Vater auf, das Einkommen von 80% ihrer Familien liegt unter dem Existenzminimum, 6% der Auszubildenden nannten als Motiv für ihren Eintritt in eine Einrichtung der beruflichen Erstausbildung die "kostenlose Verpflegung". 04

Der Arbeitsmarkt andererseits hat, da die Wirtschaft nach den Krisen der 90er Jahre sich stabilisiert und expandiert, einen wachsenden Bedarf an Facharbeitern, der vom Bildungssystem nicht gedeckt wird. Ingenieure und Techniker müssten zunehmend vom Arbeitsvermittlungsdienst auf Arbeiterberufe umgeschult werden. Smirnov sieht hier einen weiteren Beleg für das behördenähnliche und eben nicht marktorientierte Funktionieren der beruflichen Bildung in Russland. 05

Der Vergleich von Angebot und Nachfrage in einigen Regionen Russlands wies erhebliche Überhänge bei der Ausbildung von Arbeitskräften einzelner Berufe auf: so wurden beispielsweise 20-mal soviele Verkäufer, 80-mal soviele Frisöre und 200-mal soviele Schneider ausgebildet wie der Arbeitsmarkt benötigt. Allgemein bekannt ist ebenfalls die Überhangausbildung von Juristen, Ökonomen, Politologen usw. 06


 

Berechnet nach: Russisches Statistisches Jahrbuch. - 0., 2001, S. 144, 209, 221 (Abgänge)
bzw. nach einer Betriebsbefragung des IRPO in sechs Regionen Russlands, durchgeführt Ende 2003 07 

Die Grafik veranschaulicht, dass gegenwärtig jeweils fast gleich viele Absolventen mit höherem und mittlerem Berufsbildungsniveau und Absolventen der Erstausbildung auf den Arbeitsmarkt drängen (durchgezogene Linie), während auf dem Arbeitsmarkt mehr als doppelt so viele Absolventen der beruflichen Erstausbildung benötigt werden wie Absolventen der mittleren und höheren Ausbildungsstufen zusammen genommen (gestrichelte Linie). In manchen stark industriell geprägten Regionen Russlands ist laut Smirnov das Missverhältnis sogar noch extremer.

Gerade auch unter dem Blickwinkel des geplanten Beitritts Russlands zur WTO fordert Smirnov daher eine Intensivierung der Berufsbildungsforschung, um in der Verwaltung der Berufsbildung das staatliche Monopol aufzulösen und die gesellschaftlichen Kräfte stärker mit einzubeziehen. Wesentlich ist dabei, dass von den Arbeitgebern nicht nur zusätzliche Finanzinvestitionen und Aufträge für die Ausbildung von Fachkräften erwartet werden, sondern sie auch bei der Formulierung von Inhalten der Staatlichen Berufsbildungsstandards und bei der Ausarbeitung von Lehrplänen und Programmen vollständig einbezogen werden sollen. Kurz kann man Smirnovs Worten nach die im Entstehen begriffene soziale Partnerschaft auf die Formel bringen: "Der Arbeitgeber bestimmt, was gelernt wird, das Bildungssystem bestimmt, wie gelernt wird".

Engagement der Sozialpartner
Die Industrie, bisher allerdings überwiegend die Großindustrie, die sich im Verband der Industriellen und Unternehmer organisiert hat, zählt inzwischen die Entwicklung der Berufsbildung zu den prioritären Arbeitsrichtungen im Bereich der sozialen Verantwortung des Business. Die soziale Verantwortung der Betriebe kann als ein Anknüpfen an die Traditionen vor der Systemwende betrachtet werden. Auch der Dachverband der Gewerkschaften zählt Mitwirkung an der Berufsbildung zu seinen Aufgaben. Im Jahr 1997 fand die erste Gesamtrussische Konferenz der Sozialpartner zur Berufsbildung statt.

In einem Generalabkommen für die Jahre 2002 bis 2004 08 , das im Dezember 2001 von bevollmächtigten Vertretern der Gesamtrussischen Gewerkschaftsvereinigung, der Gesamtrussischen Vereinigung der Arbeitgeber und der Regierung der Russischen Föderation unterzeichnet wurde und bis zur Unterzeichnung eines neuen Abkommens Gültigkeit hat, ist zunächst nur vom Anlernen im Betrieb die Rede, für das die Sozialpartner sich verantwortlich fühlen. Ähnliche Abkommen gibt es auf der regionalen Ebene und auf der Ebene einzelner Industriebranchen.

Auf der zweiten Gesamtrussischen Konferenz der Sozialpartner zur Berufsbildung im Mai 2002 wurden im Abschlussdokument 09 bereits weiter gehende Ziele erklärt, die über das Anlernen im Betrieb hinaus gehen. Dazu gehören Arbeitsmarktprognosen, Festlegung von Struktur und Umfang der Ausbildung von Personal auf föderaler, regionaler und lokaler Ebene, Unterstützung bei der Erstellung des Verzeichnisses der Ausbildungsberufe und bei den Inhalten der Bildungsprogramme, Beteiligung an der gemeinsamen Gründung und Unterhaltung von Bildungseinrichtungen sowie an der Stärkung ihrer materiellen Basis, Organisation gemeinsamer Expertise zu den geltenden staatlichen Standards und zum Lehr-/Lernmaterial in der Erstausbildung und der mittleren Berufsbildung, Unterstützung bei der Organisation von Lehr- und Produktionspraktika, soziale Unterstützung für die Auszubildenden und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berufsschulen sowie auch Beratung bei der nationalen Bildungsgesetzgebung.

Auf der Dritten gesamtrussischen Konferenz der Sozialpartner zur Berufsbildung im Dezember 2003 wurden fünf regionale Good-practice-Beispiele für funktionierende Sozialpartnerschaft vorgestellt, die unterschiedliche Strukturmodelle repräsentieren. 10

  • Im Verwaltungsgebiet Kaluga wurde die soziale Partnerschaft in einem Gebietsgesetz verankert. Eine dreiseitige Kommission arbeitet auf der Grundlage dieses Gesetzes. Das Gesetz ermöglicht auch Vergünstigungen bei Steuern und Abgaben sowie bei der Einkommensteuer für juristische Personen, die die Berufsbildung finanziell unterstützen.
    Auf lokaler Ebene wirken Koordinationsräte, in denen Vertreter der Organe der lokalen Exekutive, der Bildungsverwaltung, des Komitees für die berufliche Erstausbildung, der Berufsschulen, des Arbeitsamtes und der Arbeitgeber kooperieren, um Struktur und Inhalte der Ausbildung so zu gestalten, dass die Nachfrage des lokalen Arbeitsmarktes befriedigt wird. Darüber hinaus bestimmen die Koordinationsräte die national-regionalen Komponenten der Ausbildungsstandards, organisieren die Produktionspraktika und akquirieren zusätzliche Finanzen für die Berufsbildung.
    Verträge zwischen Berufsschulen, Arbeitgebern und Verwaltung legen Verpflichtungen der Berufsschulen fest hinsichtlich des Umfangs, des Profils und der Qualität der Ausbildung, sie schreiben die Ausbildungskosten fest und sehen die Bereitstellung von Mitteln der Arbeitgeber für die Organisation des Lernprozesses für konkrete Fachrichtungen vor.
    Praktisch alle Berufsschulen bilden auf vertraglicher Grundlage auch gegen Bezahlung aus, wobei sie mit dem örtlichen Arbeitsamt zusammenarbeiten und in noch größerem Umfang auch mit Einzelpersonen Ausbildungsverträge abschließen.
  • Auch im Verwaltungsgebiet Belgorod werden sog. branchenübergreifende Konsortien zur Ausbildung gegründet, denen neben den Bildungsstätten die Bildungsverwaltung, Betriebe/Arbeitgeber, Arbeitsamt, Schulkuratorium und die jeweiligen Branchengewerkschaften angehören, wobei die Betriebe als wichtigster Partner angesehen werden. Diese Konsortien planen und organisieren die Ausbildung unter Berücksichtigung der Arbeitsmarktprognosen. Zwei Arten von Verträgen regeln die Zusammenarbeit zwischen Berufsschulen und Betrieben. Ein Spezifikum der sozialen Partnerschaft im Gebiet Belgorod ist, dass das Methodische Zentrum, eine Beratungsstelle und der Gewerkschaftsrat des Gebiets zusammenarbeiten, um die Berufsschulen bei der Lösung pädagogischer und sozialer Probleme zu unterstützen.
  • Im Verwaltungsgebiet Jaroslawl, wo das BIBB in den 90er Jahren in einem Pilotversuch zur Erarbeitung des damals in Russland neuen Ausbildungsberufs Industriekaufmann/-frau eine starke Einbeziehung der Betriebe in die Ausbildung durchgesetzt hat, hat das seinerzeit in den Modellversuch involvierte Bildungsdepartement der Gebietsverwaltung inzwischen die Sozialpartnerschaft selbständig weiter entwickelt. Besonders intensiv ist die Zusammenarbeit mit der örtlichen Handwerkskammer. Eine erste exemplarische Konsultativkommission wurde für den Ausbildungsberuf Schneider/in ins Leben gerufen, in der Arbeitgeber von KMU mit beruflichen Schulen zu Fragen der Ausbildung erfolgreich kooperieren. Das ist besonders bemerkenswert, denn sonst sind in Russland eher die Großbetriebe aktiv in der sozialen Partnerschaft engagiert. Diese haben jedoch einen spezifischen Ausbildungsbedarf, so dass Ausbildungsinhalte, an deren Erarbeitung allein Großbetriebe mitwirken, den Ausbildungsbedarf von KMU eher nicht abdecken. Vertragliche Beziehungen zwischen Ausbildungsstätten und Betrieben verschiedener Branchen zur inhaltlichen und finanziellen Unterstützung bei der Ausbildung sowie Mechanismen der Selbstfinanzierung von Berufsschulen gibt es im Gebiet Jaroslawl ebenso wie in bereits vorgestellten anderen Regionen.

Angestrebte Weiterentwicklung
Das Verantwortungsbewusstsein aller Sozialpartner für die Ausbildung nimmt allmählich zu und wird von staatlicher Seite gefördert. Bei der Erarbeitung einer zweiten Generation von Ausbildungsstandards, die unter anderem auch Forderungen an die praktische Ausbildung und an die Prüfungsverfahren enthalten werden, sollen Konsortien der Sozialpartner mitwirken. Die Einflussmöglichkeit auf die Ausbildungsinhalte kann als Anreiz für die Betriebe wirken, sich stärker zu engagieren und in die Ausbildung von Fachkräften sowie die Früherkennung zu investieren. Dies erwartet auch Smirnov 11 , der mit diesem Ziel eine Beschränkung der Rolle des Staates auf die gesetzlichen Garantien für den allgemeinen Zugang zur Berufsbildung im Rahmen der staatlichen Bildungsstandards für wünschenswert hält.

Die Aufgabe der Arbeitsmarktprognosen und der Formulierung von quantitativem Ausbildungsbedarf sowie vom entsprechenden erforderlichem Finanzierungsbedarf soll nach Ansicht Smirnovs auf gesamtnationaler Ebene sowie auf der Ebene der Subjekte der Föderation 12 von Konsortien der Sozialpartner übernommen werden. Auf der Ebene der Berufsbildungseinrichtungen könnten diese Funktionen von Kuratorien übernommen werden.

Die Konsortien der Sozialpartner auf beiden Ebenen sollten auch, so Smirnov, die Gründung von Dienststellen für die Qualitätsbewertung beschließen, die, von den Bildungsverwaltungsorganen unabhängig, die Realisierung staatlicher Bildungsstandards und Normen überwachen sollten.

Schließlich schlägt Smirnov vor, alle potentiellen Investoren, Staat, Regionen, Stadtverwaltungen und auch (was die meisten Diskussionen hervorruft) Arbeitgeber, Lehrerkollegien, Elternverbände u.ä. sollten die Möglichkeit haben, zumindest Mit-Träger von Berufsbildungseinrichtungen zu werden.

Mit der aktiven Einbeziehung der Sozialpartner in Fragen der Berufsbildung geht Russland einen wesentlichen Schritt weiter als andere Länder, etwa Entwicklungsländer, die ebenfalls von einer stark schulisch geprägten Ausbildung abrücken und mit der schlagwortartig so genannten "Übernahme des dualen Systems" stärkere praktische Anteile in die Ausbildung einführen wollen. Derartige Bemühungen scheitern jedoch meist aufgrund einer nicht ausreichenden Einbeziehung der Betriebe und insbesondere der KMU.

Wie wird in Russland die Sozialpartnerschaft in der Praxis funktionieren? Können von hier aus Impulse für die Übertragung von Elementen des deutschen Ausbildungssystems in andere Länder ausgehen, insbesondere was die Stärkung von Praxisanteilen in stark schulisch orientierten Ausbildungssystemen betrifft?
Welche Wege zur Früherkennung von Qualifikationsbedarf und zur Ausarbeitung neuer Ausbildungsstandards werden in Russland eingeschlagen? Sollte Deutschland hier weitere Beratungsleistungen erbringen?
Können möglicherweise umgekehrt aus den Erfahrungen mit den im Entstehen begriffenen branchenspezifischen Konsortien in Russland, die unter anderem den Qualifikationsbedarf ermitteln und anmelden sollen, Rückschlüsse gezogen werden auch für das Funktionieren von Berufsfachgruppen in Deutschland?
Welche Wege findet man in Russland, um das dort ebenso wie in gewissen Branchen in Deutschland akute Problem zu lösen, nicht an Ausbildung gewohnte Betriebe zum Engagement in Ausbildungsfragen zu bewegen?
Nicht nur um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, lohnt es sich, die Entwicklungen in Russland weiter zu beobachten.

Fußnoten:

01) KUNZMANN, M., WIESSNER, R.: Die Berufsbildung ausgewählter sozialistischer Länder Europas. Berlin, 1987
02) SMIRNOV I. P.: Formirovanie otkrytoi sistemy professional'nogo obrazovania Rossii (Schaffung eines offenen Berufsbildungssystems in Russland). Unveröff. Manuskript. Moskau 2003. Übersetzung ins Deutsche: M. Melcher, Krefeld, G. Höhns
 03) SMIRNOV I.P., TKACENKO, E.W.: Sovremennyi ucašcijsja v nacal'nom professional'nom obrazovanii. Moskau 2002 (Deutsch: Der heutige Auszubildende in der beruflichen Erstausbildung. Übersetzung: M. Melcher, Krefeld. unveröff. Manuskript)
04) SMIRNOV I. P.: Formirovanie...
05) SMIRNOV I. P.: Formirovanie...
06) SMIRNOV I. P.: Formirovanie...
07)SMIRNOV I.P.: Dviženie k otkrytoi sisteme professional'nogo obrazovanija Rossii (Bewegung zu einem offenen System der Berufsbildung in Russland). Unveröff. Manuskript., Moskau 2004. 
08) entnommen der Web-site des gesamtrussischen Gewerkschaftsverbands www.fnpr.org.ru
09) Razvivat' social'noe partnerstvo (Die Sozialpartnerschaft entwickeln); Materialien zur zweiten gesamtrussischen Konferenz der Sozialpartner auf dem Gebiet der Berufsbildung. Moskau 2002
10) Praktika social'nogo partnerstva regionov Rossii (Praxis der Sozialpartnerschaft der Regionen Russlands); Materialien zur dritten gesamtrussischen Konferenz. Moskau 2003
11) zusammengefasst nach: SMIRNOV I. P.: Formirovanie...
12) d.h.: in den territorialen Einheiten Russlands

Letzte Änderung: 22.05.2007

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