Bei vielen anderen Aspekten sind die Meinungen sehr gemischt. Ein Teil der Fachleute geht von negativen Veränderungen bei den Jugendlichen, ein anderer von einer vergleichbaren Leistungsfähigkeit wie vor 15 Jahren aus. Zu diesen Aspekten zählen zum Beispiel die mündliche Ausdrucksfähigkeit, die Problemlösefähigkeit, die Fähigkeit zur Selbstkritik, die Selbständigkeit, die Konfliktfähigkeit, die Bereitschaft zu lernen und Leistung zu zeigen.
Daneben gibt es aber auch einige Fähigkeiten und Tugenden, deren Entwicklung von einer Mehrheit der Experten und Expertinnen in einem positiven Licht gesehen wird. Dazu gehören zuvorderst Kenntnisse im IT-Bereich, aber auch in der englischen Sprache sowie die Selbstsicherheit. Immerhin rund zwei Fünftel der Fachleute glauben, dass sich in den letzten 15 Jahren auch die Kommunikations- und Teamfähigkeit der Jugendlichen verbessert habe.
Gründe für die Entwicklung in den letzten 15 Jahren
Die Experten und Expertinnen wurden auch nach den Gründen für die Entwicklung in den letzten 15 Jahren gefragt. Eine Hauptkomponentenanalyse01 ihrer Antworten zeigt, dass sie dabei grundsätzlich sieben Themenfelder unterscheiden: a) Veränderungen in den Familien der Jugendlichen, b) die Ausbildungs- und Arbeitsmotivation der Jugendlichen, c) deren Kenntnisse der Ausbildungs- und Arbeitswelt, d) die Vermittlung von Werten und Wissen durch die Schule, e) die Vorbereitung auf Berufswahl und Lehrstellensuche durch die Schule, f) veränderte Anforderungen während der Ausbildung und g) der Wandel in der Arbeitswelt.
In Hinblick auf zwei Themengebiete waren sich die Experten und Expertinnen fast alle einig: Die Komplexität der Arbeitswelt ist in den letzten 15 Jahren massiv gestiegen und der Wandel beschleunigt sich immer mehr. Damit einhergehend wuchsen auch die Anforderungen in den Lehrberufen und die Ansprüche der Betriebe an das Leistungsniveau der Bewerber.
Die meisten Fachleute (rund drei Viertel bis vier Fünftel) stimmen auch darin überein, dass es in den Familien der Jugendlichen zu stark negativen Veränderungen gekommen ist. Der Zusammenhalt innerhalb der Familie sei gesunken, und die Vermittlung von Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Arbeitstugenden habe deutlich nachgelassen. Mit anderen Worten: Viele Jugendliche sind in ihren Familien weitgehend sich selbst überlassen.
Was die Wissens- und Wertevermittlung in den Schulen sowie deren Vorbereitung auf die Berufswahl und Lehrstellensuche angeht, so waren sich die Fachleute in den meisten Fällen nicht so recht einig. Zwar glaubt etwas mehr als die Hälfte, das Ausmaß, in dem die Schule Werte und Kulturtechniken vermittle, sei in den letzten Jahren gesunken. Doch gehen auch 61 % davon aus, dass die Kooperationsbereitschaft der Schulen mit den Betrieben gestiegen sei, und 48 % sind der Ansicht, in den Schulen würden verstärkt Fragen der Berufswahl aufgegriffen.
Rund drei Fünftel der Fachleute bescheinigen den Jugendlichen, sich bei ihrer Lehrstellensuche mehr anzustrengen als die Schulabgängergeneration vor 15 Jahren. Dabei mag die schwierige Lage auf dem Lehrstellenmarkt ihr Übriges dazu tun. Eine gleich große Mehrheit glaubt aber auch, das Wissen der Jugendlichen um die Bedeutung von Arbeitstugenden sei geringer als früher, und etwa die Hälfte meint, die Kenntnisse der Jugendlichen in Hinblick auf die beruflichen und betrieblichen Anforderungen hätten ebenso nachgelassen.
Was sind die letztlich entscheidenden Ursachen?
Wie vertiefende korrelationsstatistische Analysen zeigen, bringen die Experten und Expertinnen die Veränderungen in der Ausbildungsreife der Jugendlichen vor allem mit Veränderungen in der familiären Situation der Kinder und - in Folge dessen - mit einer veränderten Ausbildungs- und Arbeitsmotivation der Jugendlichen in Verbindung. Vor allem auf diesen zwei Feldern sehen sie die entscheidenden Ursachen, weniger in den Entwicklungen in den Schulen.
Dies ist angesichts der vorherrschenden öffentlichen Diskussion doch recht überraschend, erklärt sich aber, wenn man bedenkt, dass zur Ausbildungsreife vor allem überfachliche Tugenden und Qualifikationen zählen wie Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Rücksichtnahme.
Die Schule kommt im Wesentlichen dann ins Spiel, wenn es um die wachsenden Defizite der Jugendlichen bei der Beherrschung der Grundrechenarten, von Dreisatz, Prozentrechnung und des Kopfrechnens geht. Allerdings verbinden die Fachleute auch in diesen Punkten unzureichende Leistungen der Jugendlichen vor allem mit den veränderten familiären Rahmenbedingungen. Mit anderen Worten: Wenn die Jugendlichen die klassischen Kulturtechniken nicht beherrschen, so ist dies aus Sicht der Experten und Expertinnen nicht allein den Schulen anzulasten, sondern auch hier zuvorderst einer unzureichenden Erziehung und Betreuung in den Familien.
Was sollte getan werden?
Da die Experten und Expertinnen Probleme der Ausbildungsreife vor allem mit der familiären Situation in Verbindung bringen, sehen sie hier auch jeweils die wichtigsten Ansatzpunkte für eine Verbesserung. Jeweils mehr als 90 % fordern von den Eltern, sie müssten stärker als bisher
- ihren Kindern grundlegende Werte vermitteln,
- Verantwortung für die Vermittlung von Arbeitstugenden (z.B. Pünktlichkeit) übernehmen,
- die Auseinandersetzung ihrer Kinder mit der Berufswahl fördern,
- generell positive Rollenvorbilder für ihre Kinder sein und
- ganz allgemein mehr dafür tun, um die Ausbildungsreife ihrer Kinder zu sichern.
Ebenso viele Experten und Expertinnen (jeweils mindestens neun von zehn) setzen aber auch darauf, verstärkt die Schule in die Förderung der Kinder einzubinden. Sie habe nun mal die grundsätzliche Aufgabe, die Jugendlichen zur Ausbildungsreife zu führen. Deshalb müsse in der Schule die Grundlage für die Lern- und Leistungsbereitschaft gelegt werden, und die schulischen Lernaufgaben sollten einen stärkeren Praxisbezug haben. Aus diesem Grund sei es auch wichtig, mehr Lehrerfortbildungen in Hinblick auf die Berufswelt durchzuführen.
Aber auch die Betriebe werden in die Pflicht genommen: 86 % der Experten und Expertinnen sind der Ansicht, die Unternehmen müssten bei der Bewerberauswahl stärker als bisher das Entwicklungspotenzial der Jugendlichen berücksichtigen. Und etwa ebenso viele (85 %) meinen, die Unternehmen sollten sich stärker als bisher der Verantwortung stellen, auch schwächere Jugendliche auszubilden. Dies bedeutet aber aus Sicht der meisten Fachleute nicht, einfach die Anforderungen zu senken - dies fordern nur 25 %. Außerdem meinen 88 %, die Unternehmen sollten die Schulen bei ihrer Aufgabe, die Jugendlichen zur Reife zu führen, unterstützen und sollten deshalb vermehrt den Kontakt zu den Schulen suchen.
Von den Jugendlichen erwarten rd. 94 % der Experten und Expertinnen, deutlicher als bisher Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Dazu gehöre vor allem zu lernen, die eigenen Kompetenzen realistisch einzuschätzen. 91 % finden, die Jugendlichen sollten sich noch stärker als bisher bemühen, Kontakt zur Berufswelt aufzunehmen.
Meinungsverschiedenheiten zwischen den Experten
In vielen Punkten stimmen die Fachleute überein. Dass man sich angesichts gestiegener Anforderungen in der Arbeitswelt und wachsender Probleme in den Familien Gedanken um die Ausbildungsreife machen müsse, ist für fast alle unstrittig. Ebenfalls besteht weitgehend Konsens darüber, dass selbst vorhandene Ausbildungsreife heute keine Garantie mehr für einen Ausbildungsplatz sei und dass auch jemand mit schlechten Schulnoten ausbildungsreif sein könne. Mindestens 85 % der Experten und Expertinnen sehen dies so, und auch die Vertreter der Wirtschaft (Kammern, Arbeitgeberverbände) stimmen dem mehrheitlich zu.