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Rezension

Wir brauchen hier jeden, hoffnungslose Fälle können wir uns nicht erlauben!

Dr. Joachim Gerd Ulrich

Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.)
"Wir brauchen hier jeden, hoffnungslose Fälle können wir uns nicht erlauben!"
Wege zur Sicherung der beruflichen Zukunft in Deutschland
Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, 2005. 275 Seiten. 19,90 €.

 

Autor der Rezension: Dr. Joachim Gerd Ulrich, Diplom-Psychologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung "Sozialwissenschaftliche und ökonomische Grundlagen der Berufsbildung" im Bundesinstitut für Berufsbildung.

Erstveröffentlichung in: G. Cramer, Prof. H. Schmidt, Prof. Dr. W. Wittwer (Hrsg.): Ausbilder-Handbuch. Aufgaben, Strategien und Zuständigkeiten für Verantwortliche in der Aus- und Weiterbildung, Grundwerk: Köln 1994

Einige Völker der Indianer Amerikas pflegten den Brauch, ihre Kinder nicht von den Eltern, sondern von ihren Großeltern erziehen zu lassen. Dahinter stand die Überlegung, dass die "Alten" aufgrund ihrer Lebenserfahrung, ihrer Altersweisheit und ihres größeren Abstandes zu den Dingen weit- und umsichtiger reagieren. Ihre Erinnerungen, Gedanken und Ideen könnten den Enkeln nur gut tun.
Das oben genannte Buch ist auch so ein Gedankenwerk der "Älteren". Es handelt sich um eine Festschrift für Prof. Helmut Pütz, der am 30. Juni 2005 pensioniert wurde und aus dem Präsidentenamt des Bundesinstituts für Berufsbildung schied. Zu dessen Abschied hatte sein Stellvertreter, Walter Brosi, langjährige Weggefährten von Helmut Pütz gebeten, ihren Beitrag zu diesem Buch zu leisten und mit ihm gemeinsam über "Wege zur Sicherung der beruflichen Zukunft in Deutschland" nachzudenken. 16 Autoren aus Forschung, Hochschule und Bildungsverwaltung beteiligten sich daran, und eine ganze Reihe von ihnen hatte das Schicksal des Ausscheidens aus dem aktiven Arbeitsleben bereits einige Zeit vor Helmut Pütz ereilt. Andere Autoren sind zwar noch im Amte, können aber bereits auf ein langes Arbeitsleben zurückblicken.
Doch trotz allen fortgeschrittenen Alters der Autoren - zahnlos ist das Buch nicht, ganz im Gegenteil. Damit wird es zu einer nicht alltäglichen Festschrift. Denn die Autoren hatten sich keinesfalls vorgenommen, Sonntagsreden zu schreiben - trotz des dafür bestens geeigneten Titels. Nein, sie reden bisweilen Tacheles, und das macht das Buch recht spannend.
Wenn es also im Titel so schön heißt, "wir brauchen hier jeden, hoffnungslose Fälle können wir uns nicht erlauben, so hält Ute Laur-Ernst, die sich in ihrem Beitrag mit "Innovationen - Bausteine der Reform?" beschäftigt, dagegen: Ein solche Aussage signalisiere zwar "markig entschlossen soziales Bildungsengagement, trifft aber nicht die grundlegenden Unzulänglichkeiten der Dualen Berufsausbildung, von denen alle betroffen sind - nicht nur die Risikogruppen." Und Dieter Euler, Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität St. Gallen, stellt in seinem Beitrag "Das Bildungssystem in Deutschland: reformfreudig oder reformresistent" lapidar fest: "Zahlreiche Jugendliche vagabundieren durch Maßnahmekarrieren und machen noch vor dem Einstieg in Beruf und Arbeit die Erfahrung, dass sie nicht gebraucht werden." Übertreibt der Professor aus der Schweiz? Offenbar nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, wie manche Lehrstellenbewerber zurzeit denken:

"Es ist so viel, was in Deutschland verkehrt läuft. Als Jugendlicher hat man keine Zukunft mehr. Von was soll man sich ein Kind anschaffen und noch ernähren? Hauptsache, die ,Obersten' haben ihre 16.000 € im Monat, und die Beamten laufen mit ihren Kaffeekannen durch die Ämter ..." (19-jährige außerbetriebliche Auszubildende zur Fachkraft im Gastgewerbe mit Realschulabschluss, schrieb 120 Bewerbungen für sechs Berufe)
"Es ist einfach unmöglich, wie die momentane Ausbildungssituation ist. Es stehen so viele junge Leute ohne Beruf da, dass es eigentlich schon eine Schande für unser Land ist. In anderen europäischen Ländern ist das nicht so ein Problem wie in unserem Scheiß Land." (21-jähriger Lehrling zum Bürokaufmann, Realschulabschluss, rund 75-mal für fünf Berufe beworben)
 "Junge Menschen bleiben in dieser Gesellschaft auf der Strecke. ,Dank' an die ,Politik' und sowie wirtschaftlichen Strukturen." (19-jähriger Arbeitsloser mit Realschulabschluss, rund 80-mal für sieben Berufe beworben)

Die verzweifelten und fast schon aggressiven Äußerungen der Jugendlichen, allesamt Lehrstellenbewerber des letzten Jahres, kontrastieren somit scharf mit dem Titel der Festschrift, und man könnte als (schlechte) Entschuldigung allenfalls noch anführen, dass das Zitat ja nicht aus Deutschland stammt, sondern vom Finnen Jukka Sarjala, der damit die Bildungsphilosophie des PISA-Siegers Finnland umschrieb.

Doch schauen wir uns nun die einzelnen Beiträge ein wenig näher an. Das Buch gliedert sich in vier Teile: 1. Perspektiven Dualer Ausbildung in Deutschland, 2. Das Duale Ausbildungsprinzip, 3. Weiterbildung: Ein zentraler Bestandteil des Berufsbildungssystems und 4. Reformansätze in der beruflichen Bildung. Beginnen wir mit dem ersten Teil.

 

1.  Perspektiven Dualer Ausbildung in Deutschland

Aktuelle Lage der dualen Ausbildung
Walter Brosi, bis zum Ausscheiden von Helmut Pütz stellvertretender BIBB-Präsident und Leiter des Forschungsbereichs, skizziert in seinem Beitrag "aktuelle Probleme der Dualen Ausbildung in Deutschland". Er beschreibt recht schonungslos die Lage auf dem Ausbildungsmarkt, auf dem trotz stetig gestiegener Schulabgängerzahlen immer weniger Jugendliche eine Berufsausbildungsstelle finden. Brosi macht deutlich, dass die beliebte Konzentration auf die "rechnerische Lücke" zwischen der Zahl der am Ende des Jahres offiziell noch nicht vermittelten Bewerber und den noch offenen Lehrstellen allenfalls verdrängerischen Wert habe, da sie stets die "zunehmende Bugwelle unbefriedigter Nachfrage" verberge, die in Warteschleifen abgedrängt werde. In der Ursachendebatte müsse das Problem der fehlenden Ausbildungsreife ernst genommen werden, doch könne die schwierige Ausbildungsmarktlage "keinesfalls allein durch die Lerndefizite von Jugendlichen erklärt werden".

Duale Ausbildung und die Entwicklung im Beschäftigungssystem
Vielmehr hänge die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe, wie Günter Walden, gegenwärtiger Leiter der BIBB-Forschungsabteilung "Sozialwissenschaftliche und ökonomische Grundlagen der Berufsbildung", in seinem Beitrag erläutert, nach wie vor zuvorderst vom Fachkräftebedarf ab. Dies gelte gerade für jene Betriebe, die Ausbildung als "Investition" betrachten und deshalb viel Geld für eine qualitativ hochwertige Lehre ausgeben. Die chronische Wachstumsschwäche und der wirtschaftsstrukturelle Wandel zu Lasten traditionell ausbildungsfreundlicher Branchen hätten aber das Ausbildungsplatzangebot massiv schrumpfen lassen.
Laszlo Alex, bis zum Jahr 2000 der Vorgänger von Günter Walden, greift dieses Argument auf und untersucht in seinem Beitrag den strukturellen "Wandel und seine Anforderungen an die Duale Ausbildung". Seiner Ansicht nach lässt sich ein branchenübergreifender Trend hin zu dienstleisterischen und anspruchsvolleren Tätigkeitsanteilen im Sinne planerischer, steuernder, evaluierender und kommunikativer Aufgaben feststellen. Ein Teil der in den letzten Jahren zu beobachtenden Höherqualifizierung sei aber auch bloße Folge eines Vordringens qualifizierter Fachkräfte auf Einfacharbeitsplätze. Zudem entstehe im Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung durchaus auch eine Vielzahl von Arbeitsplätzen, "deren Qualifikationsanforderung z.T. niedriger ist als in den traditionellen Facharbeiterberufen". Alex sieht hier die Chance, "lernbeeinträchtigten Jugendlichen neue Ausbildungswege mit geringeren kognitiven Anforderungen zu schaffen." Er greift damit die Diskussion auf, ob leistungsschwächeren Jugendlichen eher mit der Schaffung theoriegeminderter Berufe oder mit intensivierter und gegebenenfalls verlängerter Ausbildung geholfen werden sollte.

Berufsvorbereitung und Benachteiligtenausbildung
Günter Kutscha, Professor für Berufspädagogik und Berufsbildungsforschung an der Universität Duisburg-Essen, beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Frage, wie "Berufsvorbereitung im Spannungsfeld von Chancenförderung und Selektion benachteiligter Jugendlicher" gestaltet werde. Er beschreibt ausführlich die Reformen der Benachteiligtenbildung der letzten Jahre hin zu einem differenzierten und individualisierten "Fördersystem, für das die Orientierung am Maßstab der Eingliederung in das Ausbildungs- und Beschäftigungssystem in der Öffentlichkeit als ,Markenzeichen' chancengleichheitsbezogener Berufsbildungspolitik in Anspruch genommen" werde. Kutscha wirft jedoch die Frage auf, ob man sich hier nicht etwas vormache. Es sei doch eher so, dass die Benachteiligtenbildung zunehmend kompensatorische Aufgaben zum Ausgleich von quantitativen "Defiziten im regulären Ausbildungssystem übernahm, deren Ursachen letztlich in den Entwicklungen des Beschäftigungssystems unter dem Einfluss der Globalisierung liegen". Dies gestatte dem System, den Schein zu wahren, jeder Benachteiligte habe es letztlich selbst in der Hand, seine berufsbiographische Entwicklung zu gestalten - für Kutscha eine Illusion angesichts von fünf Millionen Arbeitslosen und der von Alex thematisierten hohen Zahl von qualifizierten Arbeitskräften, die heute die vorhandenen Einfacharbeitsplätze besetzt halten. Kutschas Fazit fällt hart aus: Angesichts dieser Rahmenbedingungen müsse sich eine "ernsthafte Neuorientierung der Benachteiligtenausbildung" von dem Slogan ,Ausbildung und Arbeit für alle' schlichtweg "verabschieden".

 

2. Das Duale Ausbildungsprinzip

Die quantitativen Probleme der dualen Berufsausbildung kontrastieren merkwürdig mit der allgemeinen und zunehmenden Anerkennung, die das duale Ausbildungsprinzip grundsätzlich widerfährt. So verweist Gisela Dybowski, Leiterin der BIBB-Abteilung "Forschungs- und Dienstleistungskonzeptionen, Internationale Berufsbildung, Bildungsmarketing" in ihrem Beitrag ("Duale Ausbildung weltweit!?") darauf, dass deutsche Firmen im Ausland jedes Jahr freiwillig mehrere Tausend Jugendliche in Anlehnung an das Berufsbildungsgesetz ausbilden. Und auch Dieter Leutholds Ausführungen "Duale Studiengänge: Ein Modell für die Hochschule" belegen, dass der Virus der Dualität längst den tertiären Sektor chronisch infiziert hat. Doch das führe zu keinem Schaden für die Hochschulen, sondern im Gegenteil zu "Imagegewinn und Profilierung". Leuthold, selbst Professor an der Hochschule Bremen, beklagt dabei allenfalls die "mangelnde Anrechenbarkeit der Studiengänge untereinander in den Bundesländern." Von diesem Problem der föderalen Zersplitterung sind auch die Gesundheitsberufe betroffen, wie Barbara Meifort in ihrem Beitrag "Duale Ausbildungsformen in den Gesundheitsberufen" erörtert. Die Autorin, Leiterin der BIBB-Abteilung "Lehr- und Lernformen in der beruflichen Bildung", beklagt, dass dadurch bislang ein "das gesamte Berufsfeld betreffender, beruflicher Reformansatz" ausgeblieben sei. Ein Blick über den Tellerrand macht also deutlich, dass die strukturelle Basis, die das duale System qualitativ trägt, gar nicht so schlecht ist. Zwar hegt Gerald A. Straka, Professor im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Universität Bremen, den Verdacht, dass sich manches, was sich in der beruflichen Bildungsforschung "modern" und "innovativ" nennt, doch nicht so neu ist. Er diskutiert dies an den Beispielen des Konzepts der "vollständigen Handlung", der Leittextmethode und des Lernfeldkonzepts. Doch zeigt gerade sein Beitrag ("Neue Lernformen/Alte Lernformen: Gestaltungsaspekte der Berufsbildung in Deutschland"), auf welch qualitativ hohem Niveau die duale Ausbildung in Deutschland inzwischen reflektiert wird.

 

3. Weiterbildung: Ein zentraler Bestandteil des Berufsbildungssystems

Trotz der offensiv formulierten Überschrift des dritten Buchtteils ist die "Weiterbildung" mit insgesamt drei der 16 Buchbeiträge nur am Rande vertreten. Edgar Sauter, bis 2003 Leiter der BIBB-Abteilung "Struktur und Ordnung der beruflichen Bildung" beginnt den Dreier-Reigen und beschäftigt sich mit "Systemansätze(n) in der Weiterbildung". Seiner Meinung nach ist die Entwicklung der letzten dreißig Jahre von einem Paradigmenwechsel gekennzeichnet: weg von einer institutionalisierten, angebotsorientierten Systemperspektive hin zu einer Sichtweise, in der der Einzelne, seine Bildungsbiographie und seine individuellen Bedürfnisse im Zusammenhang mit der Erfordernis lebenslangen Lernens im Mittelpunkt stehen. Die zunehmende Verlagerung der Weiterbildung in die Selbstverantwortung des Einzelnen bedeute jedoch nicht, auf die Entwicklung eines Geflechts von unterstützenden Rahmenbedingungen (z.B. Aufbau von Transparenz) verzichten zu können. Eigenverantwortung könne "nur insoweit in die Pflicht genommen werden", als diese Rahmenbedingungen auch realisiert werden."
Sein Leben lang lernen? Das sieht Karlheinz A. Geißler, Professor für erziehungswissenschaftliche Forschung an der Bundeswehruniversität München,  in seinem mit viel Liebe und Nachdenklichkeit geschriebenen Beitrag "Am Ende des lebenslangen Lernens?" durchaus kritisch. Seine Philosophie ist eine andere: Unaufhörliches Lernen kann auch zum Diktat werden, denn Freiheit besteht gerade auch darin, nicht unaufhörlich getrieben zu werden. Aber offenbar sei es inzwischen so, "dass der traditionelle Aufklärungsanspruch der Bildungspolitiker den Strategien einer marktgängigen und endlos wertschöpfenden Bildungslandschaft geopfert werden muss."
Trifft Geißlers Kritik vor allem die ökonomisch verwertete Weiterbildung und weniger die allgemeine Weiterbildung? Prof. Ekkehard Nuissl von Rein vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung macht sich in seinem Beitrag "Allgemeine und berufliche Weiterbildung" darüber Gedanken, ob sich beide Bereiche überhaupt noch trennen lassen. Institutionell-angebotsseitig schon, lautet seine Antwort im Einklang mit Edgar Sauter (s.o.), aber nicht, wenn man die Bereiche "lernseitig", vom Lernenden her betrachte. Die subjektiven Verwertungsräume der Weiterbildungsteilnehmer ließen sich kaum noch nach beruflicher und privater Sphäre differenzieren; und dies gelte umso mehr, je stärker der Begriff der (eher berufsspezifischen) "Qualifikation" von dem der (eher berufsübergreifenden) "Kompetenz" abgelöst werde.

 

4. Reformansätze in der beruflichen Bildung

Kommen wir nun zum letzten Teil des Buches, der sich mit der Frage der notwendigen Reformansätze beschäftigt und den wir deshalb etwas ausführlicher behandeln wollen. Wir werden dabei auch auf den Beitrag von Prof. Hermann Schmidt, dem ehemaligen BIBB-Präsidenten und Amtsvorgänger von Helmut Pütz, zurückgreifen. Wohl aus Respekt vor dem ehemaligen Amtsinhaber haben die Herausgeber Schmidts Überlegungen mit dem Titel "Bleibt die Duale Ausbildung Kernbestandteil des deutschen Berufsbildungssystems?" an den Anfang des Buches gestellt. Von seinem Wesen her passen seine Gedanken aber eher in den vierten Teil des Buches. Denn Schmidt geht der Frage, was zu tun ist, um die Zukunft der dualen Ausbildung zu sichern, ebenso wenig aus dem Wege wie die übrigen Autoren dieses Buchabschnitts.
Nach Schmidt müsse die Gesellschaft für die Bildung unserer Kinder zukünftig mehr Geld aufbringen - "statt unserer schäbigen 4,3 %" des Bruttoinlandsprodukts. Was die duale Ausbildung angehe, so sei die einzelbetriebliche Finanzierung des betrieblichen Teils gleichwohl unabdingbares konstituierendes Merkmal. Staatliche Zuschussfinanzierung höhle die einzelbetriebliche Verantwortung aus, und es sei schon merkwürdig, dass die Arbeitgeberverbände gegen diese schleichende Entmündigung der Betriebe nicht laut protestierten. Die staatlichen Investitionen gehörten - abgesehen von den ÜBS - in den schulischen Teil. Besser wäre es also gewesen, wenn

"die Bundesregierung und die Länder die zweistelligen Milliardenbeträge, die sie im letzten Jahrzehnt an Subventionen, z.T. mit unerhörten Mitnameeffekten, an die Betriebe auszahlten, in den Aufbau eines Berufsfachschulsystems moderner Prägung in Ostdeutschland investiert" hätten.

Schmidt benennt die Aufgabe, "seinen jungen Staatsbürgern die bestmögliche Vorbereitung auf ein selbstverantwortliches Leben mit weitgehender Unabhängigkeit vom Staat" zu ermöglichen, als unbeirrbar zu verfolgende Maxime der Bildungspolitik. Die Regierung dürfe sich hier auch nicht von den Sozialparteien irre machen lassen, die bisweilen die eigenen "Organisationsinteressen" wichtiger nähmen.
In eine ähnliche Richtung argumentiert Ute Laur-Ernst, bis Anfang 2002 Leiterin der BIBB-Abteilung "Lehr- und Lernformen in der beruflichen Bildung". Sie bezeichnet in ihrem oben bereits zitierten Beitrag das strikt institutionalisierte Denken als "Grundübel des deutschen Bildungswesens". Es orientiere sich eher an der eigenen bürokratischen Identität als an der optimalen Förderung individueller Lernbiographien. Dies verhindere gerade im beruflichen Bildungsbereich, der wie kein anderer auf Zusammenarbeit aller Seiten angewiesen ist, eine fruchtbare Kooperation:

"Und es liegt nicht an der (oft vorgeschobenen) Größe eines Landes, ob ein Konsens gefunden wird, sondern an der Haltung der Verantwortlichen, ob sie bereit sind, einer gemeinsamen Sache wegen - d.h. einer tragfähigen, guten Berufsausbildung der Mehrheit der Jugendlichen -  über den ,eigenen Schatten zu springen'."

Auch Dieter Euler greift in seinem Beitrag "Das Bildungssystem in Deutschland - reformfreudig oder reformresistent?" diesen Punkt auf. Innovationen erforderten schlichtweg Vertrauen:

"Viele Reformkonzepte setzen kulturelle Ressourcen voraus, die vielerorts nicht ausreichend vorhanden sind und daher noch aufgebaut werden müssen. Mit kulturellen Ressourcen meine ich in erster Linie eine Kommunikationskultur, in der die Beteiligten und Betroffenen es verstehen, ihre Beziehung kooperativ, respekt- und vertrauensvoll zu gestalten."

Laur-Ernst erinnert in diesem Zusammenhang ebenso an "lange und lähmende Diskussionen zwischen den Sozialpartnern" als auch an die ebenso unsinnige wie strikt-dogmatische "Trennung von Allgemeinbildung und Berufsbildung" in Deutschland. Das Bildungssystem müsse deshalb umgebaut werden. Es müsse sich dabei konsequent an den Zielen eines quantitativ und qualitativ ausreichenden Berufsausbildungsangebots, eines effektiven Zusammenspiels aller in der Berufsausbildung beteiligten Einrichtungen, einer hinreichenden Durchlässigkeit, Individualisierung und Flexibilität ausrichten.
Die Autorin plädiert für einen Systemumbau mit zwei gleichwertigen, parallel und miteinander arbeitenden Säulen. Die "betriebliche", von der Wirtschaft verantwortete Säule umfasse die Unternehmen, ÜBS und weitere Bildungsdienstleister. Die "außerbetrieblich-schulisch" organisierte Säule werde von Bund und Ländern getragen und konstituiere sich aus Vollzeitberufsschulen, Berufsfachschulen und außerbetrieblichen Bildungsstätten. Jede Säule sei nun für die vollständige Berufsqualifizierung verantwortlich. Und die Berufsschule? Sie kümmere sich als dritte obligatorische Säule um das generelle, betriebsübergreifende, berufsfachliche Wissen und allgemein bildende Inhalte. Sie fungiere zugleich als Brückeninstitution zu den allgemein bildenden Schulen und zur Hochschulbildung. Dabei biete sie den Jugendlichen sowohl eine Einstiegsebene an (Berufsorientierung und -vorbereitung) als auch eine Umstiegsebene (Vorbereitung des Wechsels zur höheren Allgemeinbildung).
Die "betriebliche" und die "außerbetrieblich-schulische" Säulen bilden in Laur-Ernsts Modell "kommunizierende Röhren": Sinke das betriebliche Angebot, steige das außerbetrieblich-schulische; außerdem sei ein Wechsel der Auszubildenden von der einen zur anderen Seite jederzeit möglich. Letztlich steht diese Idee ja auch hinter der Reform des Berufsbildungsgesetzes, die Veronika Pahl, Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, in ihrem Buchbeitrag erläutert. Die Länder haben seit April 2005 die Vollmacht, in eigener Entscheidungsgewalt vollzeitschulische Bildungsgänge in BBiG-Berufen mit Kammerprüfung einzurichten.
Laur-Ernst sieht die "betriebliche" und die "außerbetrieblich-schulische" Säule innerhalb ihres Modells in einem "innersystemischen Wettbewerb". Dabei wird allerdings nicht ganz klar, von welcher konkurrierenden Gewinnerwartung die beiden Säulen getrieben werden sollten. Da die Auszubildenden ja für ihre Bildungsnachfrage nicht zahlen und die außerbetrieblich-schulische Säule auch nicht von einer späteren Erwerbsbeteiligung ihrer Absolventen profitieren kann, entstehen ihr im Wesentlichen nur Kosten. Und natürlich könnten gerade jene Betriebe, die zurzeit noch mit hohen Kosten in die Ausbildung ihres Nachwuchses investieren, nun geneigt sein, ihren Gewinn dadurch zu maximieren, dass sie ihren Nachwuchs zukünftig verstärkt von der außerbetrieblich-schulischen Säule qualifizieren lassen.
Eine solche (wenig wünschenswerte) Entwicklung wäre durchaus denkbar, und sie zeigt das grundlegende Dilemma, mit dem alle Reformansätze eines Bildungssystems zu tun haben, das unmittelbar mit dem Beschäftigungssystem verwoben ist. An dieser Stelle kommt ins Spiel, was Folkmar Kath, bis Mitte 2005 Leiter der BIBB-Ordnungsabteilung, in seinem Beitrag "Ordnung muss sein  - aber wie soll sie gestaltet sein?" zu sagen hat. Er warnt davor, Fehlentwicklungen, die ihre Ursachen "häufig auf ganz anderen Feldern" haben, allzu unreflektiert mit Mängeln des dualen Systems selbst und mit einem entsprechenden Reformbedarf in Verbindung zu bringen:

"Die qualitative Leistungsfähigkeit des dualen Ausbildungssystems wird auf diese Weise oft selbst von Fachleuten nach den quantitativen Versorgungsdefiziten des Ausbildungsstellenmarktes bemessen."

Also muss man sich die Frage stellen, wie viel und vor allem welcher subjektiv empfundener Reformbedarf des dualen Ausbildungssystems eigentlich übrig bleibt, wenn unser Arbeitsmarkt funktionieren würde. Mit anderen Worten: Wie hoch ist eigentlich der Teil der Verantwortung, den die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik für ein funktionierendes duales System trägt, und wie hoch ist der genuine Teil der Bildungspolitik? Dieser Frage kann man nicht ausweichen, sie muss beantwortet werden. Ansonsten handelt man womöglich wie ein Chirurg, der alternativ das rechte Bein eines Patienten operiert, weil er an das linke Bein nicht herankommt.
Wer eine dauerhafte Lösung für die quantitativen Probleme unseres Ausbildungssystems vor allem im Bildungsteil suchen möchte, wird wohl um eine durchgreifende Verschulung nicht herumkommen. Es ist nur fraglich, ob dies wünschenswert ist. Somit stellt sich die Frage nach beschäftigungspolitischen Ansatzpunkten innerhalb des dualen Systems, um die quantitativen Probleme anzugehen. Hermann Schmidt betont zu Recht: Letztlich seien für die Zahl der Ausbildungsplätze nun einmal die Erwartungen eines Unternehmens maßgeblich, wie viel qualifiziertes Personal in Zukunft benötigt werde: "Bei negativen Zukunftserwartungen investiert es nicht, weder in Personal, noch in Kapital, selbst wenn Zuschüsse in Aussicht stehen." Und dieser Aspekt spreche auch - neben dem Verstoß gegen das Prinzip der einzelbetrieblichen Finanzierung - gegen eine staatlich verordnete Umlagenfinanzierung.
Wenn dem aber so ist und auch die kompensatorische berufsfachschulische Ergänzung wegen ihrer möglichen Rückwirkung auf das betriebliche Angebot nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, bleibt wohl nur noch die Erkenntnis, dass die quantitative Leistung des dualen Systems ohne ein funktionierendes Beschäftigungssystem immer unzureichend sein wird. Man erinnere sich nur daran, wie viele Reformen, Programme und Maßnahmen seit 1996 auf den Weg gebracht wurden, so viele, dass Walter Brosi in seinem Beitrag schlussfolgert: "Richtig ist, dass wir ein modernes und flexibles Ausbildungswesen haben." Und dennoch - trotz Reformprojekt Berufliche Bildung, trotz des Bündnisses für Arbeit und Ausbildung, trotz des Ausbildungspaktes, trotz aller in Windeseile modernisierten 230 Berufe und trotz einer immer größeren Zahl von Bewerbern, die bereits eine berufliche Grundbildung durchlaufen haben: Wir werden dieses Jahr wohl wieder weniger Lehrverträge zählen. So zumindest das Ergebnis der Zwischenzählung von Industrie, Handel und Handwerk Anfang Oktober.
Die momentan entscheidenden Reformansätze zur Stärkung des dualen Systems liegen damit wohl in der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik. Allerdings ist Hermann Schmidt Recht zu geben, der mahnt, darüber die notwendigen Bildungsreformen nicht zu vergessen, die das Zusammenspiel aller Teilsysteme betreffen:

"Was wir brauchen, ist eine ganzheitliche Bildungsreform, die von der Vorschule bis zur Universität alle Bereiche des Bildungswesens erfasst und die den Stufenübergängen, den Gleichwertigkeiten von Bildungsleistungen, auch im Beruf, und deren Anrechnung in weiterführender Bildung besondere Aufmerksamkeit widmet."

 

Fazit

Es ist schade, dass hier nicht der Raum ist, noch ausführlicher auf die 16 verschiedenen Beiträge einzugehen. Nun ja, es bietet sich ohnehin an, im Buch selbst nachzulesen. Langeweile wird dabei sicherlich nicht aufkommen.
Die Partner des Ausbildungspaktes verkündeten in ihrer Pressemitteilung Anfang Oktober: "Leichte Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt". Sie taten dies, obwohl der Bundesagentur für Arbeit im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 41.200 betriebliche Lehrstellen weniger gemeldet worden waren und auch Industrie, Handel und Handwerk bei ihrer Zwischenzählung der eingetragenen Verträge 26.900 Abschlüsse weniger registriert hatten als noch ein Jahr zuvor. Die "Entspannung" war somit nur deshalb eingetreten, weil wieder einmal mehr erfolglose Bewerber in berufsvorbereitende Maßnahmen eintraten oder sich ersatzweise eine Arbeit suchten und damit die Zahl der offiziell "noch nicht vermittelten Bewerber" um rund 3.200 gegenüber dem Vorjahr auf nunmehr 40.900 verringerten. Ob diese Situation für die Jugendlichen "Entspannung" bedeutet, mag angesichts der erneut gesunkenen Einmündungsquote in die Berufsausbildung fraglich sein. Offenbar geht es eher um die temporäre Atempause einer Erwachsenengeneration, die angesichts der allgemeinen Beschäftigungsmisere, wachsender Schulabgängerzahlen und z. T. unzureichender Ausbildungsreife der Jugendlichen seit einiger Zeit nicht mehr so recht weiß, wie sie alle Jugendlichen in betriebliche Ausbildung bringen soll.
Gelegentlich setze sich, wie Dieter Euler in seinem Beitrag formuliert, die "bedenkliche Tendenz durch, nicht die Probleme der Jugendlichen als Kernthema aufzunehmen, sondern die Jugendlichen selbst als das Problem zu definieren." Damit würde aber auch unsere eigene Zukunft zum Problem, denn wir brauchen diese Jugend - spätestens dann, wenn wir alt sind. Vielleicht ist dies gerade den die "Alten" bewusst, und vielleicht haben gerade deshalb die "Senioren" unter den Autoren der hier besprochenen Festschrift so engagiert geschrieben.

Letzte Änderung: 22.05.2007

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