Vorstellung der prämierten Konzepte

Dr. Ilona Zeuch-Wiese, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im BIBB
Berufsbegleitende duale Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker, zur staatlich geprüften Technikerin - Fachrichtung Mechatronik
Mit dem hier vergebenen Weiterbildungs-Innovations-Preis wird ein Konzept ausgezeichnet, das zeigt, wie innovativ und kreativ eine Schule im Bereich der beruflichen Weiterbildung sein kann, wenn ihr mehr Eigenverantwortung für ihre Unterrichtsorganisation und ihr inhaltliches Angebot eingeräumt wird: Genau dies hat die Landesregierung Schleswig-Holstein und die Stadt Flensburg bei der Gewerblichen Beruflichen Schule am Regionalen Berufsbildungszentrum der Stadt Flensburg getan - und die Schule hat diese Chance genutzt! Sie hat dem neuen Beruf "Mechatroniker/in" eine noch neuere, berufsbegleitende duale Weiterbildungsmöglichkeit hinzugefügt - den Abschluss "Staatlich geprüfter Techniker/ staatliche geprüfte Technikerin, Fachrichtung Mechatronik" - und damit die Attraktivität des Berufs erhöht. Doch nicht allein die Mechatroniker/innen können diesen Abschluss erwerben: Auch diejenigen, die in traditionellen Metall- und Elektroberufen ausgebildet wurden, haben nach Absolvierung spezieller Brückenkurse Zugang zu dieser Qualitätsmöglichkeit. Das alles lag im Interesse zum einen der Fachkräfte, zum anderen aber auch im Interesse mehrerer Industrieunternehmen in der Region Flensburg, die neue Entwicklungsmöglichkeiten für ihre Mitarbeiter suchten.
Die Unternehmen Danfoss Compressors GmbH, Motorola GmbH, Krones AG - alle aus Flensburg -, sowie Clausen & Bosse, aus Leck hatten im Rahmen ihrer Personalentwicklung dringenden Bedarf an Weiterbildungsmöglichkeiten für aufstiegsorientierte Fachkräfte signalisiert, dafür allerdings auch einen deutlichen Rahmen abgesteckt: Die Tätigkeit dieser Mitarbeiter sollte während des Weiterbildungszeitraums nicht unterbrochen werden (und das hieß: kein Teilzeitunterricht, weil dies die Schichtarbeit nicht zuließ), und die Betriebe wollten schon während der Qualifizierung von dem Erkenntnisgewinn ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren!
Den entscheidenden Impuls, wie dies möglich gemacht werden könnte, gab das Berufsbildungsinstitut Arbeit und Technik der Universität Flensburg. Aus ihm entwickelte die Schule und die A&R Managementberatung Flensburg zusammen mit den Partnerbetrieben ein Weiterbildungsmodell, welches an die Stelle des herkömmlichen Teilzeitangebots mit Nachmittagsunterricht ein Modell setzt. Dieses erfüllt alle von den Betrieben geforderten Anforderungen, orientiert sich in Struktur und Inhalt an der Ausbildung zum "Mechatroniker/ zur Mechatronikerin" - jedoch auf höherem Niveau - und ist außerdem für die von ihren Arbeitgebern ausgewählten Teilnehmerinnen und Teilnehmer kostenlos. Ein deutlicher Freizeitverzicht über die Dauer der (Maßnahme) -also über knapp drei Jahre- ist allerdings hinzunehmen: Freitag und Samstag muss jeweils 8 Stunden gelernt werden. Ansonsten läuft die Fortbildung am Arbeitsplatz im Betrieb oder wird individuell organisiert, mit zusätzlichen Informationen aus dem Internet. Sind die für einen Techniker-Abschluss erforderlichen 2.400 Stunden erfolgreich absolviert, haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ihrer Prüfung zugleich die Fachhochschulreife erworben und können, wenn sie es denn wollen, weiterlernen.
Für die Jury war dieses Fortbildungskonzept preiswürdig, weil es Facharbeitern/innen aus dem Elektro- und Metallbereich neue Aufstiegsmöglichkeiten bietet und dafür einen am betrieblichen Arbeitsplatz orientierten Weg bereit hält, der sehr konkret und praxisnah auf den späteren Arbeitsplatz als Führungskraft im Betrieb vorbereitet. Ein ausgezeichnetes und daher mit den Weiterbildungs-Innovations-Preis 2006 auszuzeichnendes Projekt.
Herzlichen Glückwunsch an alle, die an seiner Entwicklung und Realisierung mitgewirkt haben!
Kontakt:
- Gewerbliche Berufliche Schule am Regionalen Berufsbildungszentrum der Stadt Flensburg (GBS), Herr Heiko Heß; E-Mail: rbz@gbs-flensburg.de
LoQuO - Logistik-Qualifizierungs-Offensive: Der Lagermitarbeiter, die Lagermitarbeiterin der SICK AG als Logistiker, Logistikerin (IHK)
Untersuchungen zur Weiterbildungsbeteiligung - egal, ob sie auf regionaler, überregionaler oder internationaler Ebene durchgeführt werden -, haben immer wieder das gleiche Ergebnis: Ihre Beschäftigungsfähigkeit und ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt erhöhen über Weiterbildung insbesondere diejenigen, die aufgrund ihrer in Berufsausbildung oder Studium erworbenen Qualifikation deutlich mehr zu bieten haben als diejenigen, die als Un- oder Angelernte seit langem ihre Arbeit machen und nicht teilnehmen am allgemeinen Aufbruch ins "Lebenslange Lernen". Sie, die es besonders nötig bräuchten, findet man nur selten in Qualifizierungsmaßnahmen.
Mitarbeiter im Lager- und Transportbereich der SICK AG gehören zu dieser Gruppe Un- und Angelernter - und eben das wurde dem Unternehmen zum Problem: Einerseits schätzte die SICK AG das in langjähriger Betriebszugehörigkeit erworbenes Know-how dieser Mitarbeiter, andererseits konnte sie sich deren Weiterbildungsabstinenz jedoch nicht mehr leisten. Steigende Anforderungen machten eine deutliche Effizienzsteigerung in der Logistik des SICK-Konzerns erforderlich, und dies war nur mit entsprechend qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu erreichen. Gefordert waren Flexibilität, kontinuierliche Verbesserungsprozesse, Teamarbeit und soziale Kompetenz - Qualifikationen, die das vorhandene Personal nicht in ausreichendem Umfang vorzuweisen hatte.
Doch das Personal, das sich in der Arbeit im Lager und Transportbereich bewährt hatte, sollte bleiben - und wird auch bleiben, wie es aussieht!
Insbesondere für diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die überwiegend formal nicht qualifiziert und ungelernt sind, ihre Tätigkeit jedoch bereits sehr lange ausübten, ohne allerdings eine solide, logistische Ausbildung zu haben führt die SICK AG gemeinsam mit dem IHKBildungsZentrum Südlicher Oberrhein GmbH und gefördert von der Europäischen Union und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Projekts "Lernende Region -Landkreis Emmendingen" seit April 2005 ein besonderes Qualifizierungsprojekt durch. Ziel ist, den Teilnehmenden, die bisher nur ihren eigenen Arbeitsplatz kannten, ihre Rolle und Aufgabe im gesamten Logistikprozess zu verdeutlichen, ihnen dazu die vor- und nachgelagerten Lager-, Produkt- und Transportprozesse theoretisch und in der Praxis erfahrbar werden zu lassen und ihnen so den Wert und die individuelle Verantwortung ihres alltäglichen Tuns im Gesamtzusammenhang des gesamten Unternehmensprozesses zu veranschaulichen. Abgeschlossen wird das Projekt mit einem Zertifikat - dem eines IHK-geprüften Logistikers/ einer IHK-geprüften Logistikerin.
Der Wert und der Nutzen dieser Qualifizierungsmaßnahme, die am Wochenende im Betrieb durchgeführt wird und deren Kosten der Betrieb trägt, liegen auf der Hand: Die Teilnehmenden
1. können bereits während der Maßnahme das Gelernte anwenden,
2. der neu gewonnene Überblick qualifiziert sie zur Übernahme von mehr Verantwortung in ihrem Einsatzbereich - und damit auch zu einem höheren Verdienst,
3. und sie erwerben ein IHK-Zertifikat, mit dem nicht allein ihre erfolgreiche Kursteilnahme, sondern vor allem ihr Erfahrungswissen nachweisbar wird.
4. Mit diesem Zertifikat eröffnet sich ihnen schließlich noch ein beruflicher Aufstiegsweg: Es besteht die Möglichkeit, sich bis zum IHK-geprüften "Meister der Lagerwirtschaft" zu qualifizieren.
In einer Zeit, in der gerade An- und Ungelernte sich um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes sorgen müssen, weil notwendige betriebliche Veränderungen qualifizierteres Personal erfordern, hat diese Qualifizierung besondere Bedeutung. Sie fordert und fördert in langjähriger Arbeit erworbenes Erfahrungswissen und baut es aus zu einer zertifizierten formalen Qualifikation, die Marktwert hat! Vor allem deshalb hat die Jury dieses Projekt mit dem Weiterbildungs-Innovations-Preis 2006 ausgezeichnet.
Herzlichen Glückwunsch der SICK AG und dem IHK-BildungsZentrum Südlicher Oberrhein GmbH, für diese Initiative!
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Qualifizierung für Trainerinnen und Trainer in der Wirtschaft: "Corporate Communication and Language Certificate (CLTC)"
Kennen Sie diese Situation? Das Telefon klingelt, sie nehmen ab und jemand spricht mit ihnen - sagen wir mal: Englisch! Das können Sie eigentlich, doch irgendwie klappt die Kommunikation nicht. Und auch in Besprechungen mit ihren ausländischen Firmenpartnern: Man spricht zwar gemeinsam eine (Fremd-)Sprache, und trotzdem redet man aneinander vorbei. Das Gesprächsziel rückt in weite Ferne. Dabei haben ihnen ihre Trainerinnen und Trainer in den Sprachkursen doch eine hohe Sprachkompetenz bescheinigt - Vokabeln, Grammatik - alles ausgezeichnet. Ihr Problem: Sie sind zu schwach in der praktischen Kommunikation an ihrem Arbeitsplatz, in der "Business Communication!". Kommunikation im unmittelbaren Arbeitszusammenhang kam in ihrer Weiterbildung nicht vor.
Konnte auch nicht vorkommen, weil ihre Sprachtrainerinnen und Sprachtrainer wiederum gelernt hatten, dass oberste Lernziel in Sprachkursen die Sprachrichtigkeit zu sein hat.
International agierende Firmen brauchen jedoch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht allein richtig sprechen, sondern die ihre Sprachfähigkeit in der Arbeit auch schnell und problemlos anwenden können. D.h. sie sollen z.B. in einer fremden Sprache mühelos telefonieren, in Besprechungen ihren eigenen Standpunkt vertreten und vor internationalen Geschäftspartnern erfolgreich präsentieren können.
Mit dem hier verliehenen Weiterbildungs-Innovations-Preis wird eine Maßnahme ausgezeichnet, die Trainerinnen und Trainer qualifiziert, eben diese Ziele bei ihren Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern zu erreichen, d.h. sie fit zu machen für die optimale Anwendung und Steuerung ihrer Sprachkompetenz am eigenen Arbeitsplatz.
Entwickelt wurde dieses Qualifizierungskonzept von der Praxis für die Praxis - von Vertreterinnen und Vertretern der Henkel KGaA zusammen mit den Firmen Bosch GmbH, 3M Deutschland GmbH und Skylight GmbH - allesamt international agierende Firmen, die sehr genau wissen, über welche Sprachkompetenz ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verfügen müssen, und die auch wissen, dass es an Trainerinnen und Trainern fehlt, die diesen Anforderungen genügen.
In enger Abstimmung mit den genannten Firmen hat die Firma Henkel eine modulare, 60 Trainingsstunden umfassende Weiterbildungsmöglichkeit für erfahrene freiberufliche Trainerinnen und Trainer entwickelt und als Pilotprojekt hausintern umgesetzt. Das heißt: Die Firma Henkel schult freie Trainerinnen und Trainer, damit diese den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Unternehmens eine Fremdsprache praxis- und unternehmensnah vermitteln.
Ausschlaggebend für die Entscheidung der Jury, diesem Konzept den Weiterbildungs-Innovations-Preis 2006 zuzusprechen, waren
1. seine Zielrichtung: Der Erwerb von Inhalten und Methoden zur Vermittlung von handlungs- und berufspraxisbezogenen Fremdsprachenfertigkeiten für die Kommunikation am Arbeitsplatz (Business Communication),
2. seine Methode: Die Anwendung des Konzepts des Blended Learning, das je nach Lernzielen den Wechsel von Phasen des Präsenzlernen, des Selbstlernens und des IT-gestütztes Lernens beinhaltet,
3. sein Inhalt: Die Ausrichtung des Lernprogramms an den im "Common European Framework of Reference für Language Learning and Teaching" formulierten Standards, mit denen Sprachkompetenz messbar und europaweit vergleichbar werden soll. Die Anerkennung des zu erwerbenden Zertifikats geht damit weit über den unmittelbaren Firmenzusammenhang hinaus.
Herzlichen Glückwunsch für den WIP 2006 - und viel Erfolg weiterhin für ihr Konzept!
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Qualitätsmanagement-Fachkraft für die Hauswirtschaft
Hauswirtschaftliche Fach- und Führungskräfte arbeiten in Bereichen, in denen Qualität und Management groß geschrieben wird - oder vielleicht sollte ich besser sagen: Groß geschrieben werden sollte. In Krankenhäusern und Kurkliniken, in Alten- und Pflegeheimen, in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, in Bildungszentren und in vielen anderen Unternehmen im Dienstleistungsbereich der Pflege. Neue gesetzliche Rahmenbedingungen, formuliert im Sozialgesetzbuch 11 und 12 und im Heimgesetz, sollen dies sicherstellen. Sie fordern daher für den Fachbereich Hauswirtschaft die Einführung verbindlicher Konzepte der Qualitätssicherung und des Qualitätsmanagements - doch für die Erfüllung dieser gesetzlichen Forderungen gibt es kein adäquates Angebot.
Nein, "gibt" stimmte nicht ganz, denn im Jahr 2003 ging der Berufsverband Hauswirtschaft mit seinem praxisorientierten Weiterbildungsangebot zur "Qualitätsmanagement-Fachkraft für die Hauswirtschaft" an den Start, und seit dem ist die bis dahin bestehende Angebotslücke geschlossen.
Eine Innovation also in der beruflichen Weiterbildung, wie sie deutlicher nicht sein kann!
Dass der Berufsverband diese Weiterbildung für erforderlich hielt, war nicht allein eine Reaktion auf die neuen gesetzlichen Regelungen. Im Rahmen seiner Beratungstätigkeit wurde auch für den Verband das mangelnde Fachwissen im Bereich Qualitätsentwicklung und -sicherung bei Trägern von Einrichtungen wie auch bei den verantwortlichen Hauswirtschaftsfach- und Führungskräften immer offensichtlicher. Und auch die Praxis selbst artikulierte ihren Weiterbildungsbedarf: Fach- und Führungskräfte der Branche sahen sich immer häufiger mit Aufgaben im Bereich des Qualitätsmanagements konfrontiert, ohne sie angemessen lösen zu können.
Diese Faktoren gaben den Ausschlag für die Entwicklung eines Weiterbildungsangebots, dass bereits Erfolge vorweisen kann: Zwei Durchgänge, d.h. 29 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, haben mit Bravour ihre Prüfung bestanden; und das Interesse ist weiterhin so groß, dass auch 2005 mit wiederum 15 Personen ein dritter Weiterbildungsdurchgang begonnen werden konnte.
Vermittelt werden in der insgesamt 110 Stunden umfassenden Fortbildung, die in der Regel vom Arbeitgeber finanziert wird, berufsbegleitend absolviert werden kann und die mit einem Trägerzertifikat abschließt, alle wesentlichen Inhalte im Bereich der Qualitätssicherung und des Qualitätsmanagements, die für den Bereich Hauswirtschaft in den unterschiedlichsten Institutionen erforderlich sind.
Die Praxisrelevanz dieser Qualifizierungsmaßnahme haben alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sie bisher durchlaufen haben, einhellig bestätigt: Alle haben in hohem Maße von ihrer verbesserten Fach- und Sozialkompetenz profitiert, haben ihre Position im Betrieb nachhaltig verbessert und natürlich ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt erhöht. Auch der unmittelbare Nutzen für die Betriebe wurde schnell sichtbar: Konsequente, kundenorientierte Qualitätsverbesserungsprozesse lösten veraltete Strukturen ab und machten Platz für moderne Entwicklungen.
Den Weiterbildungs-Innovations-Preis erhält dieses Projekt insbesondere, weil es eine Lücke im Qualitätsmanagementsystem für soziale Einrichtungen schließt, in dem es ein neues Qualifikationsprofil anbietet und zugleich bestehende Berufsprofile um neue Qualifikationen erweitert. Die Professionalisierung in der Hauswirtschaft wird damit in der Praxis gestärkt und ein gutes Stück voran gebracht.
Die Arbeit in der Hauswirtschaft - ob im Krankenhaus, in Altenheimen oder in Kindertagesstätten - braucht eine Lobby! Die Jury hofft, dass der Preis, der dem Berufsverband Hauswirtschaft für sein engagiertes Projekt verliehen wird, zu einer besseren öffentlichen Wahrnehmung dieser gesellschaftlich wichtigen Arbeit beiträgt.
Herzlichen Glückwunsch dem Bundesverband Hauswirtschaft für dieses Projekt!
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Sicherung von Arbeitsplätzen und Kompetenzentwicklung für angelernte/ungelernte ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
Der Bochumer Verein Verkehrstechnik GmbH hat mit seinem Projekt einen weisen Weg beschritten - er hat das im Betrieb vorhandene Erfahrungswissen genutzt und hat ganz bewusst mit diesen Pfunden gewuchert!
Die Bochumer Verein Verkehrstechnik stand vor folgender Aufgabe: Um steigende Kundenanforderungen nachkommen zu können, musste der Arbeitseinsatz in der Produktionslinie Räderwalzwerk verändert werden: Statt in 2 Schichten sollte künftig in 3 oder auch in 4 Schichten produziert werden. Dazu war eine größere inhaltliche Flexibilität des Personals erforderlich - eine große Herausforderung für Mitarbeiter, die überwiegend Angelernte waren, deren durchschnittliches Alter bei 41 Jahren lag, die über lange Jahre im Betrieb den gleichen Arbeitsplatz ausgefüllt und die sich in dieser Zeit kaum weitergebildet hatten. Sie besaßen zwar ein fundiertes, auf ihren unmittelbaren Arbeitsplatz bezogenes Erfahrungswissen - doch über diesen Tellerrand hinaus hatten die wenigsten hinausgeblickt. Was ihrer Arbeit vorgelagert war, was neben ihnen geschah oder wie ihre Arbeitsprodukte weiter verwendet wurde, wie überhaupt der ganze Betrieb funktioniert, war ihnen, wenn überhaupt, nur in Umrissen bekannt.
Dennoch wollte der Betrieb auf diese Mitarbeiter nicht verzichten, denn für ihn war deren Erfahrungswissen Gold wert - Gold, das jedoch bearbeitet werden musste, um glänzen zu können. Und das hieß: Die hohe Kompetenz der Belegschaft konnte nur dann weiterhin produktiv eingesetzt werden, wenn sie angereichert und durch das Wissen anderer Kollegen erweitert wurde. Wenn jeder auch in der Lage war, nicht nur seinen eigenen, sondern auch den Arbeitsplatz des Kollegen auszufüllen, war es möglich, mit dem vorhandenen Personal eine höhere Flexibilität in der Produktion zu erreichen.
Mit dem vom Bochumer Verein Verkehrstechnik in Kooperation mit der Sozialen Innovation GmbH Dortmund in der Entwicklungspartnerschaft GENERA im Rahmen der EU Gemeinschaftsinitiative EQUAL entwickelten Modell einer Kompetenzentwicklung für angelernte, ältere Mitarbeiter wurden diese Erkenntnisse in einem zweijährigen Pilotprojekt im Räderwalzwerk in die Tat umgesetzt. Im Zentrum standen dabei Lernpartnerschaften, sog. "Tandems". Diese "Tandems" wurden gebildet aus einem älteren, erfahrenen Experten an einem Arbeitsplatz und aus einem Kollegen, der über wenig oder keine Erfahrung an diesem Arbeitsplatz verfügte. Der Erfahrende schlüpfte in die Rolle des Lehrers, der andere in die des Schülers - im Durchschnitt für einen Zeitraum von zwei bis vier Monaten. Bis dann der Schüler soviel von seinem Lehrer gelernt hatte, dass er auch dessen Arbeitsplatz beherrschte, und der Lehrer nun selbst in einem anderen Tandem zum Schüler werden konnte, um seine Kenntnisse ebenfalls zu erweitern.
Die Vermittlung über den einzelnen Arbeitsplatz hinausgehender Kenntnisse, d.h. das produktionsspezifische Zusammenhangwissen, war hingegen Aufgabe von Führungskräften; vor oder nach einer Schicht erläuterten sie kleineren Lerngruppen den gesamten Produktionsablauf und machten so die einzelnen Arbeitsplätze als Teile eines komplexen Prozesses sichtbar.
Damit die Produktion durch diese unfangreiche Qualifizierung nicht ins Stocken geriet, haben die Bochumer außerdem noch nach dem Modell des "Job-Rotation" zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen: Im ersten und im zweiten Jahr wurden jeweils 8 Arbeitslose für 12 Monate eingestellt, die die Arbeitsplätze der Tandem-Partner für kurze Zeit übernahmen. Auch sie konnten sich damit in der Arbeit qualifizieren - so gut, dass 9 von diesen insgesamt 16 Aushilfskräften einen festen Arbeitsvertrag erhielten.
Die Jury war von diesem Projekt beeindruckt, weil es
1. An- und Ungelernten den Wert ihrer in der Arbeit erworbenen Qualifikation erfahrbar werden ließ und sie forderte, diesen Wert auszubauen. Damit wurde
2. die berufliche Entwicklung und Beschäftigungsfähigkeit einer Zielgruppe gefördert, die selten im Zentrum von Weiterbildungsmaßnahmen steht: Menschen, denen das Lernen schwer fällt und die aus diesem Grund oft das Nachsehen haben, wenn betriebsbedingte Umstrukturierungsmaßnahmen Entlassungen erforderlich machen. Und damit nicht genug: denn
3. wurde auch denjenigen, die keine Arbeit mehr haben, eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsmöglichkeit im Rahmen der "Job-Rotation" geboten und damit auch deren künftige Beschäftigungschancen verbessert.
Herzlichen Glückwunsch zu diesem Projekt!
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