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"Es geht um die Gesamtheit, nicht um die Zerschlagung eines Berufsbildes!"

Interview mit Irmgard Frank, Leiterin der Abteilung "Ordnung und Struktur der Berufsbildung" im Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn

Das Interview führten am 1. September 2006 Dr. Maria Icking, Paul Pantel und Manfred Keuler von der G.I.B. - Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung mbH

G.I.B.: Frau Frank, was genau ist Ihr Tätigkeitsfeld in der Abteilung "Ordnung und Struktur der Berufsbildung" im Bundesinstitut für Berufsbildung?

Irmgard Frank: Wir beschäftigen uns mit der Entwicklung und Gestaltung neuer Aus- und Fortbildungsordnungen, mit der Evaluation bestehender Berufsbilder sowie neuer Prüfungsmethoden, gleichzeitig führen wir die wissenschaftlichen Voruntersuchungen, konkret: die Qualifikationsstrukturanalysen durch. Sie helfen uns im Vorfeld zu erkennen, auf welche Entwicklungen bei der Neuordnung beruflicher Aus- und Fortbildung reagiert werden muss.

Wir setzen uns gleichzeitig mit der Frage auseinander, wie wir im Kontext des Europäischen Bildungsraums im dualen System durchlässigere Bildungsstrukturen schaffen können, Stichwort "Europäischer" oder "Nationaler Qualifikationsrahmen". Die Frage ist: Wie müssen wir in Zukunft Berufsbilder gestalten bzw. umstrukturieren, um den Veränderungen gerecht werden, um sie vor allem unter dem Aspekt der Kompetenzentwicklung in diese Rahmen einfügen zu können. In den letzten zehn Jahren haben wir unter diesem Gesichtspunkt etwa die Hälfte der gegenwärtig rund 350 Ausbildungsberufe neu entwickelt bzw. modernisiert

G.I.B.: Die IHK Münster und das ZDH entwickeln die Ausbildungsbausteine für die zweijährigen Berufe im Konzept "3. Weg". Welche Funktion übernimmt das BIBB in diesem Zusammenhang?

Irmgard Frank: Das BIBB hat Qualitätsstandards für die Entwicklung von Ausbildungsbausteinen festgelegt, gleichzeitig aber auch Kriterien für die Qualitätssicherung entwickelt und mit den Beteiligten, also der IHK Münster und dem ZDH, abgestimmt. Unsere Intention dabei war, eine Art Prototyp zu schaffen, indem wir zunächst einmal unsere Kriterien auf vier Bausteine für einen Beruf anwandten. So konnten wir einmal unseren Kriterienkatalog überprüfen und anpassen und weiterhin sicherstellen, dass bei der Erstellung der Ausbildungsbausteine für die 16 Berufe von vornherein qualitative Mindestanforderungen zugrunde gelegt werden. Bisher wurden diese Bausteine ausschließlich für den Bereich der Berufsausbildungsvorbereitung entwickelt. Sie können nicht eins zu eins auf einen staatlich anerkannten Berufsabschluss, der zielgruppenunabhängig und länderübergreifend ausgerichtet sein muss, übertragen werden.

G.I.B.: Sie verwenden den Begriff "Ausbildungsbausteine und nicht "-module". Warum?

Irmgard Frank: Module im klassischen Sinn sind Sackgassen, weil sie losgelöst sind von Arbeitsmarktbezügen und einen Aspekt von "Verwahrung" repräsentieren, den wir lange überwunden haben bzw. der in den neunziger Jahren ziemlich "verbrannt" wurde. Bei den Ausbildungsbausteinen im Sinne der "3. Weges" geht es um einen ganzheitlichen Ansatz von Ausbildung, und das bedeutet, Menschen zu befähigen, nach Absolvierung von Ausbildung im Kontext dieses Berufs handlungs-, arbeitsmarkt-, berufsfähig zu sein. Eine Modularisierung im klassischen Sinne, bei der die Lerneinheiten losgelöst voneinander sind, entspricht diesen Kriterien nicht. Vielmehr geht es darum, bezogen auf das Gesamtverständnis dieses Berufes, Bausteine zu entwickeln, die als integrativ zu verstehen und miteinander verzahnt sind. Das bedeutet, es muss von Anfang an, also schon von der inhaltlichen Anlage der Bausteine her, klar sein, dass es um die Gesamtheit und nicht um die Zerschlagung von Berufsbildern geht. Hier handelt es sich also nicht um ein stufenweises, additives Vorgehen in der Gestaltung etwa für Lernschwache, sondern es gilt nach unseren Kriterien für die Ausbildungsbausteine das Prinzip der Integration von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Nehmen wir die Ausbildung zum Verkäufer: Sie soll den Auszubildenden befähigen, vor Ort Kunden beraten zu können. Also sehen wir uns die Inhalte der Ausbildungsordnung, den Ausbildungsrahmenplan an und versuchen in Kenntnis des Gegenstandsbereichs, der Praxis also, aus dem Gesamtbild Ausbildungsinhalte zu schneiden, die vom Endergebnis her gedacht zu den erforderlichen Kompetenzen führen. Das Besondere der Vorgehensweise ist das Hinführen auf dieses "Nachher".

Konkret: Eine Verkäuferin, die mit einem schwierigen Kunden zu tun hat, braucht in dieser Situation nicht so sehr Fachkenntnisse, sondern Einfühlungsvermögen, also soziale und personale Kompetenzen. Andererseits gibt es Situationen, in denen ihre fachliche Kompetenz sehr stark gefordert ist. Es muss also darum gehen, Situationen zu finden, die das Zusammenspiel dieser Kompetenzen verdeutlichen und sich in ihrem Komplexitätsgrad unterscheiden, aber einer bestimmten Zeiteinheit und inhaltlichen Einheit zugeordnet werden können. Der Ausbildungsbaustein muss letztlich so gestaltet sein, dass er all diese Aspekte abdeckt - schon deshalb, weil die Prüfungsanforderungen dahin gehen, Kompetenzen zu erfassen.

G.I.B.: Was ist das Neue daran?

Irmgard Frank: Die Idee, ein Berufsbild in Bausteine zu zerlegen, die integrativ aufeinander aufbauen, gibt es bisher nicht, jedenfalls nicht im Rahmen des klassischen dualen Systems, bisher galt hier die Unteilbarkeit. Es ist das erste Mal, dass wir im Rahmen von geordneten Berufsbildern mit einem Ausbildungsrahmenplan, zeitlicher Gliederung und bundeseinheitlicher Gültigkeit eine Aufteilung in Bausteine vornehmen. Bisher galt die Zielstellung, jemanden im Zuge der Berufsausbildungsvorbereitung berufsausbildungsfähig zu machen. Hier ist die Zielrichtung, bestehende Berufsbilder so zu strukturieren, dass Menschen je nach individuellen Gegebenheiten die Möglichkeit erhalten, innerhalb bestehender Berufsbilder einen Ausbildungsabschluss wenn nicht in drei, dann in fünf Jahren zu erwerben. Bei diesen Berufen ist zum ersten Mal das, was am Ende der Ausbildung stehen soll, also das Ergebnis der Befähigung, sich am Arbeitsmarkt mit diesen Kompetenzen bewähren zu können, Betrachtungsgegenstand.

G.I.B.: Steht dieses neue Vorgehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR), der zu einer erhöhten Transparenz von Qualifikationen in Europa beitragen und die Durchlässigkeit zwischen und innerhalb der Bildungssysteme verbessern soll? Auch hier sollen ja Lernergebnisse anhand von Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompetenzen beschrieben werden, wobei auch informell erworbene Kompetenzen berücksichtigt werden sollen.

Irmgard Frank: Wenn man es positiv sieht, ist es ein Beitrag dazu. Die zentrale Herausforderung des europäischen Qualifikationsrahmens für Deutschland besteht in seiner prinzipiellen Orientierung an Lernergebnissen, also den outcomes. Dies ist eher charakteristisch für anglophone Länder. Deutschland gehört - gerade auch in der Berufsbildung - traditionell zu den Ländern mit einem institutionen- oder prozessorientierten Ansatz; d. h. es kommt darauf an, wo und wie etwas gelernt wird, Bildungsabschlüsse sind stark verankert in Gemeinschaften, die darüber wachen. Qualitätssicherung wird im Rahmen des EQR zum zentralen Thema nationaler und europäischer Berufsbildungspolitik. Offene Zugänge und Durchlässigkeit von Qualifikationssystemen, die durch einen EQR, aber auch durch neue nationale Bildungswege ermöglicht werden sollen, bedeuten zunächst eine größere Unübersichtlichkeit. Und deshalb ist die Kehrseite einer konsequenten Orientierung an Lernergebnissen eine umfassende Qualitätssicherung.

Qualitätssicherung wird insbesondere akut angesichts einer Zunahme privater Akteure in einem wachsenden Bildungsmarkt. Die Normierung von Kompetenzstandards, die Eingang in nationale Qualifikationsrahmen finden, ihre Bündelung in Qualifikationen muss auch künftig durch öffentlich-rechtlich legitimierte Stellen erfolgen. Bei der Vergabe von Qualifikationen gilt: Qualität kann durch öffentlich-rechtlich anerkannte Stellen oder durch Akkreditierung, Zertifizierung und Qualitätsmanagement privater Stellen gesichert werden. Die Option verschiedener Zugangswege zu Qualifikationen enthebt die unterschiedlichen Anbieter nicht der Pflicht, ihre Eignung nachzuweisen, im Gegenteil. Die Öffnung der Bildungssysteme für grenzüberschreitendes, für lebenslanges Lernen bedeutet nicht Beliebigkeit, vielmehr ist die Qualität von Qualifikationen durch Zurechenbarkeit und Verantwortlichkeit zu sichern. Ich denke, nur so beugen wir den sich immer rasch entwickelnden rein theoretischen, oft ideologisch geführten Diskussionen vor.

G.I.B.: Damit wird Neuland betreten, sagen Sie, aber anscheinend nicht ganz freiwillig, denn der Druck zu handeln wird aufgrund der Lehrstellensituation immer stärker. Ist das duale System in der Krise?

Irmgard Frank: Sicher nicht. Man muss sich vor Augen halten, dass das duale System immer noch enormes leistet. In diesem Jahr rechnen wir mit 570 000 Ausbildungsabschlüssen, aber es gibt ohne Zweifel Probleme an den Rändern, wo ein sehr großer Anteil Jugendlicher in Warteschleifen, teilweise mit sozialen Problemen, unversorgt ist. Hier müssen wir andere Wege schaffen. Bisher hieß es, drastisch formuliert: "Friss, Vogel ,oder stirb". Entweder lassen die Jugendlichen sich in einem zwei- oder dreijährigen Beruf ausbilden oder sie münden in einer Warteschleife. Der Druck zu handeln ist eindeutig, der "3. Weg" eine sinnvolle Reaktion hierauf. Wenn man die Möglichkeiten wirklich nutzt, um Beschäftigungsfähigkeit über einen längeren Zeitraum sicherzustellen, wenn die Begleitung vernünftig organisiert wird und das neue Instrument evaluiert wird, dann kann es ein erfolgreicher Weg sein, diese Jugendlichen in Ausbildung zu bringen, ihnen eine Perspektive zu geben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

G.I.B.: Ist die Idee der Ausbildungsbausteine eine Folge der spezifischen Erfordernisse an eine Ausbildung für bestimmte benachteiligte Zielgruppen oder eher ein Ergebnis der internationalen Kompetenzforschung?

Irmgard Frank: Wenn Sie sich die europäischen Diskussionen ansehen, ist das Letztere richtig. Wir planen aktuell im BIBB ein Forschungsprojekt, in dem es um die Gestaltung kompetenzorientierter Ausbildungsordnungen geht. Ausgangspunkt ist dabei, wie auch hier beim "3. Weg", die Gesamtheit der Lern-Ergebnisse: Was muss jemand können? Wie kann ich das operationalisieren? Wie kann ich die Ergebnisse so in Bausteine einfügen, dass sie auf der einen Seite die charakteristischen Merkmale enthalten, auf der anderen Seite aber auch anwendungsoffen sind. So wie versucht wird, mit Ausbildungsordnungen die Vielfalt einzufangen, so müssen auch diese Bausteine so offen sein, dass sie immer nur exemplarisch Lerngelegenheiten bieten, um Anschlussmöglichkeiten zu finden für den eigenen beruflichen Alltag. Wenn das gelingt und wenn man zugleich mehr auf die situativen Befindlichkeiten, auf die persönlichen und individuellen Möglichkeiten eingeht und die Ausbildung zeitlich in die Länge gezogen ist, kann das eine Chance sein, die Durchlässigkeit innerhalb des Systems anzugehen und gleichzeitig die wirtschaftliche Verwertbarkeit der Berufsausbildung zu berücksichtigen.

G.I.B.: Reagiert der 3. Weg eher auf die steigenden Anforderungen der Berufsausbildungen oder auf das - wie die aktuelle IW-Studie behauptet - gesunkene Qualifikationsniveau der Jugendlichen, wonach die nachwachsenden Generationen angeblich immer dümmer werden?

Irmgard Frank: Die Pisa-Studie kennen Sie, darüber müssen wir nicht reden. Ich will die Problematik, die in dieser Diskussion steckt, nicht verhehlen, aber das haben wir auch in den sechziger Jahren diskutiert, das ist ein "Rollback". Sicher, die Anforderungen in der Ausbildung steigen, weil die Anforderungen in den Berufen selbst anwachsen. Die Lebenssituationen sind heute andere, die Gesellschaft hat sich verändert im Vergleich zur Zeit vor zehn, zwanzig Jahren. Andererseits haben wir zu wenig ins Bildungssystem investiert. In manchen Regionen sitzen in Klassen kaum noch deutsche Jugendliche. Diese Faktoren spielen in der Summe sicher eine Rolle und führen dazu, dass bestimmte Niveaus nicht mehr erreicht werden. Für mich ist andererseits die Frage, ob wir mit unserem verengten Blick auf bestimmte Niveaus nicht andere Aspekte völlig aus dem Auge verlieren. Wenn ich mir ansehe, wie junge Leute mit den neuen Technologien, mit Computern umgehen, dann stehen Fähigkeiten dahinter, die nicht erkannt werden, die brachliegen, weil man den Blick auf etwas anderes lenkt. Von daher bin ich immer sehr vorsichtig mit diesen Aussagen. Ich wage mal die Behauptung: Uns standen diese elaborierten Verfahren zur Feststellung von Fähigkeiten früher nicht zur Verfügung, so dass ich aus den jetzigen Ergebnissen nicht schließen möchte, dass wir früher alle schlauer waren.

Aber ich halte ein anderes Problem für wichtig: Ich bin häufig in Schulen, um für das duale System zu werben, und erlebe dort viele Jugendliche, die sagen: Was soll ich machen, ich werde doch sowieso nicht mehr gebraucht. Egal ob ich in die Zeitung sehe, Radio höre oder den Fernseher anschalte, eigentlich höre ich doch immer nur: wir sind alle blöd. Welche sozialen Konsequenzen das hat und was das bei den Einzelnen bewirkt, müsste viel intensiver diskutiert werden. Deshalb: Wir müssen etwas tun, und ich meine, das neue Programm ist ein Weg, vorausgesetzt, man begleitet die Jugendlichen und ist wirklich daran interessiert, sie sozial durch Coaching zu stützen, und ich finde, wir haben die Verpflichtung das zu tun.

G.I.B.: Sie sprachen die vermutlich außerschulisch erworbenen Fähigkeiten der Jugendlichen am Computer an. In anderen EU-Ländern, vor allem in Skandinavien, werden außerberufliche Kompetenzen zertifiziert. Haben wir dafür in Deutschland angemessene Instrumente?

Irmgard Frank: Wir haben ja in NRW den Qualifikationspass entwickelt, in dem solche Kompetenzen festgehalten werden. In anderen Ländern gibt es viel umfassendere Portfolioverfahren, Kompetenzen zu erfassen. Die Frage der Bewertung ist eine ganz andere Sache. Aber in diese Richtung muss man einfach weiterkommen

Damit beschäftigen wir uns im Rahmen der europäischen Diskussion und damit wird sich auch das BIBB in Zukunft auseinandersetzen. Es gibt schon ältere, aber bislang nicht widersprochenen Untersuchungen, wonach 70 Prozent dessen, was wir können, informell, also außerhalb unserer formalen Bildungssysteme erworben wird. Wir haben aber für diese Kompetenzen keine angemessenen Bewertungsverfahren und grenzen sie deshalb aus unseren Fokus aus. So entsteht eine ausgeprägte Defizitkultur. Dabei geht jeder an eine Ausbildung ganz anders heran, wenn ihm gesagt wird, was er kann. Nach dem "3.-Weg-Konzept" setzt das Coaching bei den Stärken an. Ich bin gespannt, wie es funktioniert, aber genau an der Stelle müssen wir weiterkommen. Wenn wir dann noch durchlässige Strukturen schaffen, damit keine Sackgassen entstehen, haben wir viel gewonnen.

G.I.B.: Besteht beim 3. Weg und grundsätzlich bei der zweijährigen Ausbildung nicht die Gefahr, dass die qualitativen Niveaus bestimmter Berufsbilder unter Wert sinken und sich in der Berufsbildung als Standard durchsetzen, sprich: Besteht nicht die Gefahr einer Substituierung?

Irmgard Frank: Das hängt davon ab, inwieweit die gesetzten Standards abgeleitet sind aus den Kriterien des Berufsbildungssystems und inwieweit sie eingehalten werden. Ich sehe die Gefahr auf der Basis unserer festgelegten Kriterien erst mal so nicht, aber das wird die Praxis zeigen. Wir haben natürlich grundsätzlich das Problem, dass zweijährige Berufe Substitutionseffekte haben, jeder neue Beruf hat gegebenenfalls Substitutionseffekte, aber es muss nicht sein, wenn die Anschlussfähigkeit sichergestellt ist, wenn die jungen Leute nicht allein gelassen werden.

G.I.B.: Das BIBB hat eine Untersuchung zur Akzeptanz zweijähriger Ausbildungsberufe durchgeführt - mit nicht nur positiven Ergebnissen. Wie groß sind die Chancen der Jugendlichen mit dem 3. Weg oder einer zweijährigen Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt wirklich?

Irmgard Frank: Das hängt wirklich von den Berufen ab. Zunächst muss man sehen, dass wir auch nach dem Berufsbildungsgesetz für Jugendliche die Möglichkeit vorsehen, die Ausbildungszeit nicht nur zu verlängern, sondern auch von drei auf zwei Jahre zu verkürzen. Die Entscheidung für zweijährige Berufe war häufig auch bildungspolitisch intendiert. Zudem kamen die Überlegungen zur Schaffung zweijähriger Berufe in der Vergangenheit in erster Linie aus der Wirtschaft, die hier einen sehr großen Bedarf gemeldet hat, der sich nach dem gegenwärtigen, vorläufigen Ergebnis - wir haben keine Erkenntnisse, die Aussagen zu lassen - für alle neu geordneten Berufe so nicht realisieren lässt. Inwieweit die zweijährige Ausbildung langfristig zu einer Arbeitsmarktfähigkeit führt, ist ein noch relativ ungelöstes Problem.

Wir wissen im Moment einfach noch zu wenig im Vorfeld von der Ordnungsforschung, uns fehlen Qualifikationsstrukturanalysen, um über zwei- oder dreijährige Ausbildungen fundierte Aussagen treffen zu können. Unsere Tradition einer dreijährigen Ausbildung beruht häufig nicht auf der Basis empirischer Erkenntnisse, wobei es grundsätzlich in Ordnung ist, junge Leute drei Jahre lang auszubilden, damit sie umfänglichere Kompetenzen erwerben können und so besser in die Arbeitswelt integrierbar sind. Richtig ist, dass die zweijährigen Ausbildungen eher Sackgassenberufe sind, wenn sie keine Anschlussfähigkeiten haben, wie etwa beim Verkäufer, der sich weiter zum Einzelhandelskaufmann ausbilden lassen kann. Wenn wir durchlässige Systeme schaffen, in denen auch aufeinander aufgebaut werden kann, können wir zukünftig sicher noch mehr zweijährige Berufe schaffen. Aber diese Diskussion wird sehr ideologisch geführt: Wir haben einerseits die Aussage, dass sich die Anforderungen in den Berufen erhöhen, andererseits ist zu hören, dass junge Leute bereits über bestimmte Kompetenzen verfügen.

G.I.B.: Zur Zielgruppe: Sehen Sie ein Problem darin, dass hier Jugendliche nur aufgrund mangelnder Möglichkeiten eine zweijährige Ausbildung absolvieren, weil sie für eine dreijährige ihren Wohnort, ihr Zuhause verlassen müssten?

Irmgard Frank: Das bleibt jedem einzelnen Jugendlichen überlassen. Wir haben entgegen der allgemeinen Auffassung eine sehr hohe Mobilität junger Leute bei der Ausbildungsplatzsuche, gerade in den neuen Bundesländern. Sie kennen die Klagen der Regionalpolitiker, dass ganze Landstriche im Grunde von jungen Leuten entvölkert sind. Diese Mobilität scheint in den alten Bundesländern noch nicht ganz so ausgeprägt zu sein. Vielleicht weil hier die sozialen Beziehungen im Augenblick noch wichtiger sind, weil man ja mit jedem Wechsel seines Wohnorts auch sein ganzes soziales Umfeld wechselt. Junge Leute müssen mit 18, 19 Jahren Entscheidungen treffen, die für ihr ganzes weitere Leben von großer Tragweite sind. Insofern hängt es sicher vom Einzelnen ab, wie weit er sich darauf einlassen kann, diesen zweijährigen Weg zu gehen. Vielleicht bekommt er aber eine so professionelle und gute Begleitung, die ihm anderswo nicht zur Verfügung steht. Es ist ja die Frage, wie viele Personen an diesem Programm partizipieren werden, wie man in der Evaluation die Motive und Alternativen ermittelt und eigentlich bräuchte man eine Vergleichskohorte.

G.I.B.: Ähnlich wie beim Landesprogramm "Jugend in Arbeit plus" spielt die individuelle Bildungsberatung, das Bildungscoaching eine zentrale Rolle beim "3. Weg" in NRW. Welche Qualitätsanforderungen stellen Sie an dieses Unterstützungsangebot? Ist es "nur" eine sozialpädagogische Begleitung in neuem Gewand?

Irmgard Frank: Im Fokus von Ausbildung steht der Einzelne. Man muss sehen, wie man ihn oder sie fördern und fordern kann. Das ist ja die Philosophie von Ausbildung: Junge Leute ins Wasser zu werfen und darauf zu achten, dass sie nicht ertrinken, sie also zu begleiten im Selbstständigwerden. In der Schweiz haben die Jugendlichen einen rechtlichen Anspruch auf Förderung, auf Coaching in Kleinstgruppen. Das ist ein guter Weg, aber ich glaube nicht, dass dieses Vorgehen bei uns durchsetzbar ist. In den Unternehmen haben wir unterschiedliche Systeme: Wir haben die so genannten Patenschaftssysteme, wobei entweder etwas ältere Jugendliche das Coaching für junge Leute übernehmen, oder Systeme, wo Ausbilder durch die Ausbildereignungsverordnung bestimmte Kompetenzen erworben haben. Ich finde, das ist eine wunderbare Kombination, und selbst wenn das Coaching eine "sozialpädagogische Begleitung in neuem Gewand" wäre: Wo ist das Problem?

G.I.B.: Die Struktur des Übergangsmanagements von der Schule in den Beruf soll in NRW Fehlallokation vermeiden, Jugendliche sollen von vornherein den richtigen Weg einschlagen. Wie kann sichergestellt werden, dass der "3. Weg" in ein regionales Übergangsmanagement integriert wird?

Irmgard Frank: Das setzt eine intensive Kooperation mit der betrieblichen Praxis voraus, wobei die Träger, die Schulen und die Betriebe stärker miteinander kooperieren. Es gilt, Netzwerke zu schaffen, die einen Austausch ermöglichen, in denen man die verschiedenen Konzepte stärker miteinander verzahnen kann, Kommunikations- und Kooperationsstrukturen also, die zu mehr Transparenz beitragen - und natürlich eine systematische Evaluierung.

G.I.B.: In der Schweiz wurde vor zwei Jahren die bis dahin defizitorientierte "Anlehre" für lernschwache Jugendliche durch eine kompetenz- und arbeitsmarktorientierte, auf Durchlässigkeit angelegte zweijährige "berufliche Grundausbildung mit Attest" ersetzt. Ein Vorbild für NRW?

Irmgard Frank: Die Schweizer haben andere Vorstellungen, ihr Modell ist durch eine sehr starke Modularisierung geprägt. Das Berufsprinzip als die Integration von Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kenntnissen bezogen auf das jeweilige Berufsbild ist mit der Zuschneidung dort eher nicht zu vereinbaren. Dieses Prinzip ist jetzt auch als Philosophie einer jeden Ausbildung im neuen Berufsbildungsgesetz verankert und somit Bestandteil jedes Berufsbilds. Das heißt, die Ausbildung ist darauf gerichtet, Jugendliche zur Beschäftigungsfähigkeit zu führen, damit sie am Arbeitsmarkt bestehen können und in der Lage sind, im Kontext ganz unterschiedlicher Anforderungssituationen handeln zu können. Unser traditionelles Berufsbild ist ja typisch deutsch und manchmal sogar ein bisschen ethisch konnotiert.

G.I.B.: Ist das noch zeitgemäß in einer globalisierten Welt? Die Amerikaner und die Japaner können uns genau an dem Punkt gar nicht verstehen. Sie sagen: Was habe ich von einem Beruf? Entscheidend ist mein jeweiliger Arbeitsplatz!

Irmgard Frank: Gerade weil der Arbeitsplatz entscheidend ist, ist die Berufsausbildung im von uns präferierten Sinn so wichtig! Denn am Arbeitsplatz geht es doch darum, im Kontext der Anforderungen angemessen zu handeln, sich gegenüber Kunden angemessen zu verhalten und entsprechend den Anforderungen des Betriebs die Aufgaben so zu bewältigen, dass es zur Wertschöpfung des Unternehmens beiträgt. Das alles kann nur gelingen, wenn der Beschäftigte mit sich selbst identisch ist, aber auch mit den Zielen des Unternehmens übereinstimmt. Es geht also immer auch um ethische Gesichtspunkte, die nicht expliziert sind. Jede Bildung, jede Ausbildung hat immer diesen Aspekt von "Menschenbildung". Egal in welchem Beruf Sie tätig sind: Ausbildung vermittelt immer mehr als nur die reinen Lehrinhalte, sondern immer zugleich auch die Unternehmensphilosophie, die kulturellen Kontexte, die im Unternehmen bestehen, und je mehr Sie in unterschiedlichen Kontexten tätig sind, umso mehr brauchen Sie diese Fähigkeiten. Die viel diskutierte interkulturelle Kompetenz - was ist sie denn anderes, als die Fähigkeit zu wissen, mit wem ich es zu tun habe und wie und mit welchen Intentionen diese Person handelt, die Fähigkeit also, sich in unterschiedlichen Kontexten angemessen verhalten zu können. Meine Überzeugung ist: In Zukunft wird diese Kompetenz an Bedeutung gewinnen.

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Irmgard Frank
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Internet: www.bibb.de

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Dr. Maria Icking, Tel.: 02041 767-273, E-Mail: m.icking@gib.nrw.de
Manfred Keuler, Tel.: 02041 767-152, E-Mail: m.keuler@gib.nrw.de
Paul Pantel, E-Mail: paul.pantel@arcor.de

Letzte Änderung: 03.11.2006

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