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Reformspielräume und Reformgrenzen: Wie reformfähig ist das deutsche Berufsbildungssystem?

Rede des Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung Manfred Kremer

anlässlich des ISWA-Seminars 2006 "Zukunft der beruflichen Aus- und Weiterbildung" am 19. September in Berlin

Logo: Institut für Sozial- und Wirtschaftspolitische Ausbildung e.V. (ISWA)

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie reformfähig ist das deutsche Berufsbildungssystem?

Die Antwort auf diese Frage erfordert eine Vorstellung von den Reformzielen und den Rahmenbedingungen, die sie bestimmen. Darüber haben Sie in den letzen beiden Tagen sicher schon viel gehört und diskutiert. Deshalb will ich das Ausgangsszenario meiner Überlegungen nur kurz und eher exemplarisch darlegen.

I.

Zahl und Anteil jüngerer Nachwuchs- und Arbeitskräfte werden in den nächsten Jahrzehnten fortlaufend sinken. Der Anteil älterer Menschen wird insgesamt und in der Arbeitswelt erheblich wachsen. Kurzum: Deutschland schrumpft und altert.

Um die Folgen dieser unausweichlichen demografischen Entwicklung bewältigen zu können, brauchen wir beständig eine hohe Zahl von Zuwanderern.

Gleichzeitig erleben wir einen raschen und beständigen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Er wird durch Stichworte wie Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, Informatisierung, Ökologisierung und Internationalisierung beschrieben. Als Folge werden einfache Fach- und Hilfstätigen weiter zurückgedrängt. Die Beschäftigungschancen von Menschen mit Bildungsdefiziten werden sich weiter verschlechtern. Der Bedarf an breiter und höher qualifizierten Menschen wird weiter wachsen.

Für die Bildungspolitik bedeuten diese beiden Entwicklungen:

Es müssen so viele Menschen wie möglich so breit und so hoch qualifiziert werden wie möglich. Und diese Menschen müssen kontinuierlich weiterlernen. Wir brauchen mehr allgemeine Bildung und berufliche Bildung und eine breite Beteiligung Jüngerer und Älterer am stetigen Weiterlernen im gesamten Lebensverlauf, insbesondere während des gesamten Berufslebens.

Deshalb ist es fatal, dass die Bildungsexpansion der 70er und 80er Jahre zu Beginn der 90er Jahren ins Stocken geriet. Die "Bildungsarmut" ist in den letzen Jahren eher gewachsen. Der Anteil der jungen Leute die wichtige Basiskompetenzen nur auf niedrigem Niveau erwerben ist zu hoch. Zu wenige erreichen hohe und höchste Qualifikationen. Das IAB und andere, wie z.B. die OECD weisen seit einigen Jahren darauf hin, dass in Deutschland eines der ganz wenigen OECD-Länder ist, in denn inzwischen die Jüngeren - gemessen an den Bildungsabschlüssen - eher schlechter qualifiziert sind als die Älteren.

Vor diesem Hintergrund sind die Ziele notwendiger Reformen weitgehend unbestritten klar. Sie werden uns auch bei internationalen Vergleichen deutlich vor Augen geführt - zuletzt und erneut mit dem OECD Bericht "Bildung auf einen Blick":

  • Der Anteil der Jugendlichen, die in und an der Schule scheitern muss deutlich sinken.
  • Der in Deutschland besonders starke Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg muss deutlich gelockert werden. Insbesondere müssen die Bildungschancen der Zuwanderer und ihrer Kinder, die das Land dringend braucht, nachhaltig verbessert werden.
  • Sehr viel mehr junge Menschen müssen allgemeinbildende Basisfähigkeiten auf hohem und höchstem Kompetenzniveau erwerben.
  • Der Anteil der jungen Leute mit qualifizierter Berufs- oder Hochschulausbildung muss steigen.
  • Flexiblere und durchlässigere Aus- und Weiterbildungsstrukturen sind notwendig, damit mehr Menschen auch über berufliches Lernen hohe und höchste Qualifikationen erreichen können.
  • Mehr Menschen müssen an kontinuierlichem an beruflichen Lernen teilnehmen, um Kompetenzen stetig zu sichern und weiter zu entwickeln, um versäumte Qualifizierung nachzuholen, um Innovationsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit bis ins höhere Alter zu erhalten.
  • Arbeitsorganisation, Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur müssen familienfreundlicher werden. Wir brauchen mehr Frauen, die erwerbstätig bleiben und qualifizierte Berufstätigkeiten ausüben.
  • Mehr Auszubildende und Beschäftigte müssen für die Anforderungen der zunehmenden Internationalisierung qualifiziert werden.
  • Das deutsche Berufsbildungssystem muss international anschlussfähiger werden.

Dies ist eine recht umfangreiche, aber wohl noch nicht vollständige Liste von Anforderungen an Bildungspolitik, Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaft.

Diese Liste macht deutlich:
Wenn Deutschland international anschluss- und wettbewerbsfähig bleiben will, wenn wir die Lebens- und Berufschancen der nachwachsenden Generationen nachhaltig sichern wollen, dann ist eine neue und noch weitergehende Bildungsexpansion notwendig, die alle Bildungsbereiche umfasst.

Meine erste Feststellung lautet deshalb:
Über Grenzen und Spielräume für Reformen der beruflichen Bildung wird nicht nur im Berufsbildungssystem entschieden. Wirksame Berufsbildungsreformen müssen Teil einer abgestimmten und koordinierten Reform des gesamten Bildungssystems sein. Vor allem muss dafür gesorgt werden, dass Übergänge und Verbindungen an den Schnittstellen zwischen den Bildungsbereichen ohne Reibungsverluste funktionieren.

II.

Reformen an der Basis unseres Bildungswesens sind besonders wichtig.

Die deutschen Schulen habe in den letzen Jahren an internationalen Vergleichsuntersuchungen teilgenommen. 2006 gab es den ersten indikatorengestützten Nationalen Bildungsbericht. Die deutsche Schulpolitik ist von "gefühlter" Qualität zu "geprüfter" Qualität übergegangen. Das war ein wichtiger Schritt.

Wir wissen jetzt, dass Qualität und Leistungsfähigkeit unserer Schulen den Möglichkeiten eines modernen Schulsystems ausgesprochen deutlich hinterher hinken. Unsere Schulen entlassen nicht nur zu viele junge Leute ohne hinreichende Basiskompetenzen in grundlegenden Kulturtechniken. Sie tun dies auch in sehr hohem Maße sozial selektiv. Nur in weniger als einer Hand voll Vergleichsländern haben Kinder mit schwächerem sozioökonomischem Hintergrund ähnlich schlechte Bildungschancen wie bei uns. Ganz besonders gilt dies für Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund.

Das ist keine gute Ausgangsposition für die Berufsbildung.

Wir wissen, das Qualität und Breite der in den Schulen vermittelten Allgemeinbildung sehr stark über Ausbildungserfolg und Weiterbildungsteilnahme entscheiden und damit über Berufserfolg, über den gesamten beruflichen Werdegang.

Der erreichte Schulabschluss beeinflusst die langfristige Beschäftigungsfähigkeit - gemessen am Arbeitslosigkeitsrisiko 40jähriger - stärker als die Art der Berufsausbildung. Das ist ein Ergebnis einer BIBB-Analyse zum Vergleich der langfristigen Beschäftigungsfähigkeit von dual oder schulisch Ausgebildeten.

Ganz entscheidend für die Reformfähigkeit des Berufsbildungssystems - ist deshalb, dass die Basis unseres Bildungswesens in Ordnung gebracht wird.

Der Vergleich mit den bei PISA erfolgreichen Nationen zeigt, das durchgreifende Reformen der frühkindlichen Förderung, der Formen des Lehrens und Lernens in deutschen Schulen und wohl auch der Strukturen des Schulsystems notwendig sind. Es ist sehr zu hoffen, dass die anerkennenswerten Anstrengungen der deutschen Kultusminister zur Qualitätsverbesserung Früchte tragen.

Andreas Schleicher, der Koordinator der internationalen Vergleiche der OECD, hat dazu in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung in einer zugespitzten Bewertung der deutschen Bildungsdiskussion angemerkt, dass es allerdings kaum reichen wird, das bestehende Bildungssystem noch ein wenig schneller, noch ein wenig besser zu machen. "Es ist an der Zeit", so Schleicher, "darüber hinaus über die langfristige Veränderung der dem bestehenden Bildungssystem zugrunde liegenden Paradigmen und Strukturen nachzudenken und dazu ideologische Scheuklappen fallen zu lassen. Die Frage, was Schüler heute lernen müssen, um in 20 Jahren erfolgreich zu sein, muss in den Vordergrund rücken".

Der Mann hat Recht.

III.

Auch bei großen Anstrengungen wird es lange dauern, bis die erkannten Mängel im Schulwesen behoben sind. Deshalb macht es wenig Sinn über diese Mängel nur zu klagen oder Schuldzuweisungen wie "Schwarze Peter" hin und her zu schieben.

Von den für die Berufsbildung Verantwortlichen müssen diese Mängel im Interesse der Jugendlichen und im Interesse von Gesellschaft und Wirtschaft vielmehr als Herausforderung verstanden werden. Die Berufsbildung muss und kann mit ihren Möglichkeiten dazu beitragen, die daraus entstehenden Probleme beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung zu lösen oder mindestens zu mildern.

Dazu muss die berufliche Förderung von jungen Leuten mit Lern-, Motivations- und Verhaltensdefiziten sowie der Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund schon in den allgemeinbildenden Schulen beginnen.

Bei der Kooperation von Schulen und Betrieben zur Verbesserung von Berufsorientierung, Ausbildungsreife und Ausbildungsvorbereitung hat es in letzter Zeit durchaus beachtliche Fortschritte gegeben. Dies ist nicht zuletzt auf Aktivitäten im Ausbildungspakt, auf stärker in die Breite gehende Initiativen einzelner Länder und teilweise auch auf ein stärkeres Engagement der Arbeitsagenturen zurückzuführen.

Von einer flächendeckenden und vorbehaltlosen Kooperation aller Verantwortlichen und Beteiligten sind wir allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Wirklich nachhaltige Strukturen, in denen die Ressourcen zur Berufsorientierung und Berufsausbildungsvorbereitung vor Ort in einem koordinierten regionalen "Übergangsmanagement von der Schule in die Ausbildung" und zur "Förderung aus einem Guss" gebündelt werden, gibt es - soweit ich es überblicke - bisher nicht.

Dazu wäre eine wesentlich intensivere und systematischere Zusammenarbeit von allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, Berufsbildungs- und Jugendhilfeeinrichtungen, Betrieben, Kammern, Arbeitsagenturen und Kommunen über Zuständigkeitsgrenzen hinweg notwendig. Ob die auf der Ebene von Bund und Ländern Verantwortlichen bereit sind, die dazu erforderlichen kompetenz- und förderrechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, versehe ich mit einem Fragezeichen. Daran mache ich exemplarisch meine zweite These fest:

Die Grenzen der Reformfähigkeit des Berufsbildungssystems werden wesentlich durch die Kooperationsbereitschaft der Beteiligten in allen Bereichen und auf allen Ebenen des Bildungswesens bestimmt.

IV.

Mangelnde Ausbildungsreife oder mindestens erhebliche Defizite vieler Schulabgängern sind die eine Seite des Problems. Sie machen vielen Jugendlichen den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung schwer. Viele Betriebe beklagen zu recht, dass Ausbildungsplätze häufig unbesetzt bleiben, weil sich keine geeigneten Bewerber finden.

Ein mittlerweile chronisches Unterangebot an betrieblichen Ausbildungsplätze ist die andere, quantitativ wohl bedeutsamere Seite der Medaille. Wenn wir ehrlich miteinander umgehen, müssen wir feststellen, dass es bisher nur selten gelungen ist, allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Jugendlichen ein betriebliches Ausbildungsangebot zu machen. Die Ausnahme bilden kurze Zeitspannen Mitte der 70er sowie Ende der 80er und insbesondere Anfang der 90er Jahre, als sinkende Schulabgängerzahlen mit einer boomende Wirtschaft zusammentrafen.

Ich halte allerdings nichts davon, daraus Vorwürfe, an welche Adresse auch immer, abzuleiten.

2005 wurden in einer nach wir vor schwierigen konjunkturellen und durch strukturelle Umbrüche gekennzeichneten Situation 500.000 neue betriebliche Ausbildungsverträge abgeschlossen. Für 2006 darf nach allen vorliegenden Informationen mit einem deutlichen Zuwachs gerechnet werden. Das ist nicht wenig und schon gar keine Abwendung der Betriebe vom dualen System der Berufsausbildung.

Es ist zweifellos auch ein Verdienst des Ausbildungspaktes, dass sich das betriebliche Ausbildungsangebot in den letzten Jahren günstiger entwickelt hat als die Beschäftigung insgesamt. Insoweit war der Pakt erfolgreich. Alle Zusagen wurden eingehalten oder überfüllt. Eine völlige Abkoppelung der Ausbildungsleistungen der Betriebe von der weiterhin schwierigen Beschäftigungsentwicklung und den strukturellen Veränderungen der Arbeitswelt ist aber offenbar nicht zu erreichen. Eine nachhaltige Lösung der Probleme am Ausbildungsstellenmarkt hat der Ausbildungspakt deshalb bisher nicht bewirken können.

Sie wird auch nicht von der demografischen Entwicklung kommen. Im Westen haben wir es bis weit in das nächste Jahrzehnt mit zunächst noch stetig steigenden und dann auf sehr hohem Niveau verharrenden Nachfragerzahlen zu tun. Im Osten müsste das derzeitige betriebliche Ausbildungsangebot trotz rasch sinkender Nachfrage der Schulabgänger deutlich steigen, um allein mit betrieblicher Ausbildung einen Ausgleich am Ausbildungsstellenmarkt zu ereichen.

Wie am Arbeitsmarkt geht deshalb auch am Ausbildungsstellenmarkt die demografische "Milchmädchenrechnung" nicht auf. Sinkende Arbeitslosenquoten und steigende Ausbildungsquoten werden nicht durch die Demografie erreicht. Dazu müssen vielmehr die strukturellen Probleme am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt gelöst werden.

2006 rechnen wir trotz der steigenden Zahl neuer Ausbildungsverträge erneut mit rund 40.000 registrierten unvermittelten Ausbildungsplatzbewerbern und -bewerberinnen. Hinzu kommt auch in diesem Jahr eine hohe Zahl ausbildungsfähiger junger Leute, die alternative Bildungsgänge wählen, und deshalb offiziell nicht als unvermittelt gelten.

Nach den Erhebungen des BIBB dürften in den letzten Jahren jeweils insgesamt rund 150.000 ausbildungsfähige junge Leute keinen direkten Einstieg in eine betriebliche Ausbildung gefunden haben.

Die weitaus meisten von ihnen durchlaufen stattdessen zunächst Berufsausbildungsvorbereitung, berufliche Grundbildung, weiterführende Bildungsgänge an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen oder vollzeitschulische Berufsausbildungen. Anschließend geht die Mehrzahl erneut auf die Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz. Weil Berufsbildungszeiten in Schulen oder bei Bildungsträgern in der Regel nicht zur Verkürzung einer anschließenden dualen Berufsausbildung führen und nicht als gleichwertig anerkannt werden, ist im Berufsbildungsjargon die Rede von unproduktiven "Warteschleifen".

Dahinter steht eine strukturelle Schwäche des deutschen Berufsbildungssystems. Anders als etwa in Österreich und der Schweiz wurden und werden duale Berufsausbildung nach Bundesrecht und schulische Berufsausbildung nach Landesrecht in Deutschland weitgehend unabgestimmt und unabhängig voneinander entwickelt.

Das neue Berufsbildungsgesetz ermöglicht es deshalb, nach dem dualen Prinzip durchgeführte schulische Berufsausbildung in staatlich anerkannten und bundesweit einheitlichen Ausbildungsberufen beim Zugang zu den Kammerprüfungen als gleichwertig anzuerkennen. Es ermöglicht ferner die Anrechnung schulisch vermittelter Teilqualifikationen auf Zeiten einer einschlägigen dualen Berufsausbildung, wenn Auszubildende und Ausbildungsbetrieb dies wollen.

Arbeitgeber und Gewerkschaften zögern nach wie vor, diese Angebote des neuen Berufsbildungsgesetzes zur Reduzierung von "Warteschleifen" aktiver aufzugreifen und aktiver mitzugestalten. Für den Zugang schulisch Ausgebildeter zu den Kammerprüfungen haben sie zudem bei der Beratung der neuen gesetzlichen Regelung ein frühes "Verfallsdatum" durchgesetzt.
Die Länder zeigen ihrerseits wenig Bereitschaft, Arbeitgeber und Gewerkschaften bei der Entwicklung schulischer Berufsbildungsgänge nach Berufsbildungsgesetz -wie auf Bundesebene - maßgeblich zu beteiligen. Mit dem Hinweis auf die ungewisse Geltungsdauer der Regelung halten sie sich bei der Entwicklung solcher Angebote eher zurück.

Die Beteiligten sind eben nicht bereit, das Berufsbildungssystem als Ganzes zu sehen. Sie sind nicht bereit aus einer Konkurrenzsituation eine Kooperationssituation zu machen. Deshalb bleiben schulische und duale Berufsausbildung weiter unverbunden nebeneinander stehen statt besser verknüpft zu werden.

Dies ist die Hauptursache für das "Warteschleifenphänomen", für die beständig unbefriedigende Lage am Ausbildungsstellenmarkt und die beängstigende Vergeudung von Ressourcen und von Lebenszeit junger Menschen.

V.

Betrachten wir als letztes exemplarisches Feld zur Erhärtung unserer beiden Thesen, die aktuelle Diskussion zur internationalen - vor allem europäischen - Anschlussfähigkeit des deutschen Berufsbildungssystems.

In dieser Diskussion werden wie in einem Brennglas wesentlichen Fragen und "Baustellen" für eine Reform der Berufsbildung gebündelt.

Es geht im Kern um die Themen Flexibilität, Durchlässigkeit und Gleichwertigkeit der Bildungsgänge.

Unter der internationalen Perspektive geht es dabei darum, in Deutschland erworbene Qualifikationen und Kompetenzen ohne Barrieren grenz- und bildungsbereichsübergreifend sichtbar zu machen und zu bewerten. Qualifikationen und Kompetenzen sollen auch auf ausländischen, insbesondere auf den europäischen Arbeitsmärkten sowie in den Bildungssystemen anderer Länder gut und ohne Barrieren verwertbar sein.

Natürlich gilt auch das Umgekehrte: ein international ausgerichtetes Berufsbildungssystem muss strukturell in der Lage sein, im Ausland erworbene Qualifikationen und Kompetenzen im inländischen Bildungssystem verwertbar zu machen und eine "Übersetzungsleistung" für den Arbeitsmarkt erbringen.

Die Europäische Kommission strebt deshalb im Gefolge der Beschlüsse von Lissabon (2000) und Maastricht (2004) die rasche Einführung eines Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) und eines Europäischen Leistungspunktesystems für die berufliche Bildung (ECVET) an.

EQR und ECVET sollen die europaweite Transparenz, Durchlässigkeit und Kompetenzorientierung von Qualifikationen unterstützen und ermöglichen, letztlich auch mit dem Ziel der wechselseitigen Anrechnung.

Bundesregierung und Kultusministerkonferenz sowie der Hauptausschuss des Bundesinstitutes für Berufsbildung haben sich grundsätzlich hinter diesen Prozess gestellt. Sie sehen darin vor allem eine Chance für eine angemessenere europäische Bewertung der betrieblichen beruflichen Bildung.

Uns sollte aber klar sein, dass die Beteiligung an diesem europäischen Prozess erhebliche Rückwirkungen auf Struktur und Verfasstheit des nationalen Systems haben wird und haben muss.

Die "Philosophie" des Europäischen Qualifikationsrahmen und der auf ihn bezogenen Nationalen Qualifikationsrahmen erfordert es, Bildungssysteme als Ganzes zu sehen. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt meiner Überlegungen.

Qualifikationsrahmen machen nur Sinn, wenn nicht nur auf dem Papier sondern auch in der Bildungspraxis die unterschiedlichen Stränge - Schule, duale und schulische Berufsausbildung, berufliche und allgemeine Weiterbildung, Hochschule, formales und informelles Lernen - vor allem an den Schnittstellen und Übergängen besser verknüpft und inhaltlich stärker auf einander bezogen werden.

Zu den großen Schwächen des deutschen Bildungssystems gehört aber, wie ich beispielhaft bereits dargelegt habe, dass es keine systematisch gestalteten Schnittstellen zwischen allgemeiner Bildung und Berufsbildung gibt, dass duale und schulische Berufsausbildung nahezu unabgestimmt nebeneinander entwickelt wurden und werden und dass tragfähige Verbindungen zwischen beruflicher Bildung und Hochschulstudium nur in Ansätzen bestehen.

Zwischen den Bildungsbereichen besteht eben eher ein Konkurrenz- als ein Kooperationsverhältnis. Das Ansinnen schulisch getragene Ausbildung nach dem dualen Prinzip besser anrechnungsfähig zu machen oder deren Absolventen zur Kammerprüfung zuzulassen, wird eher als Angriff auf bewährte Strukturen, denn als Chance gesehen, beide Systeme besser miteinander zu verknüpfen.

Ähnliches gilt für das Verhältnis von Berufsbildung und Hochschulstudium. Die gestufte Studienstruktur (Bachelor- und Masterstudiengänge) und das europäisch orientierte Leistungspunktesystem für Hochschulen (ECTS) werden nicht mutig als Chance genutzt, breitere Verbindungswege zwischen anspruchsvoller beruflicher Aus- und Weiterbildung und Studium zu bauen oder gar Gleichwertigkeiten durch angemessene Anrechnung und Gleichstellung anzuerkennen. Beide Seiten nehmen sich vielmehr als Konkurrenten um Schulabgänger und weiterbildungsaktive Berufstätige wahr und sind nur bedingt kooperationsbereit.

In Qualifikationsrahmen werden vergleichbare Kompetenzen prinzipiell als gleichwertig eingestuft. Die Beschreibung und Bewertung der Kompetenzen erfolgt dabei unabhängig davon ob sie an Hochschulen, in einem geregelten Weiterbildungsgang, einer dualen oder schulischen Berufsausbildung oder durch Lernen im Arbeitsprozess erworben wurden.

Dies legt nahe die unbestrittene Stärke der deutschen Berufsbildung entschlossener zu nutzen, um mehr Menschen auf höchstem Niveau zu qualifizieren. Ein "zweiter Königsweg" zu Höchstqualifikationen im Berufsbildungssystem wäre effizient, flexibel und bedarfsgenau. Er
würde stärker in die Breite wirken, als die alleinige Konzentration auf eine Steigerung der Studierquote.

Schließlich kollidieren Qualifikationsrahmen und Leistungspunktesysteme scheinbar mit dem Berufsprinzip. Eine Berufsausbildung soll umfassende fachliche, methodische, soziale und personale berufliche Handlungsfähigkeit in breit angelegten national einheitlichen Berufen vermitteln. Qualifikationsrahmen erfordern nämlich die Definition und gegebenenfalls auch die Anrechnung von Kompetenzen und Qualifikationen, die Teile einer solchen Berufsausbildung oder einer breiter angelegten beruflichen Weiterbildung sind. In nach Niveaustufen gegliederten Qualifikationsrahmen würden zudem anerkannte Ausbildungsberufe - je nach Anforderungsniveau - unterschiedlichen Kompetenzstufen zugeordnet. Die Gleichwertigkeit der Abschlüsse würde als Fiktion offengelegt.

Vor diesem Hintergrund schwankt die deutsche Debatte zwischen ängstlicher Abwehrhaltung und grundsätzlicher Infragestellung der bisherigen Strukturen.

Notwendig ist aber eine kritisch-konstruktive Bereitschaft zu mehr Flexibilität der Wege durch Ausbildungsstufen und Ausbildungsbausteine. So könnten Lernorte und Bildungsgänge in allen Bildungsphasen und auf allen Ebenen des Bildungssystems flexibler und leichter miteinander verknüpft werden.

Wir können dabei auf ein überschaubares System von breit angelegten anerkannten Aus- und Fortbildungsberufen zurückgreifen. Dies ist international gesehen ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil. Daran sollte als Orientierung für die Beschreibung von national und international besser verwertbaren und anrechnungsfähigen Kompetenzen festgehalten werden. Zugleich sollte dies einvernehmliches Ziel auch von stufen- oder bausteinförmig angelegten Bildungswegen bleiben.

Die Spielräume und Grenzen für eine derart breit angelegte aber wohl notwendige und langfristig angelegte Reform der Berufsbildung bestimmen wir in unseren Köpfen.

Sind wir bereit lange gepflegte Konkurrenzen in konstruktive Kooperationen umzuwandeln?

Sind wir bereit ohne Scheuklappen mehr zu wagen als nur Bestehendes besser zu machen?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Letzte Änderung: 16.09.2010

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