Herausforderungen für die Bildungspolitik
Werfen wir zunächst einen Blick auf einige Rahmenbedingungen für die Entwicklung des Bildungswesens, die auch für die Berufsausbildungschancen junger Menschen mit Migrationshintergrund entscheidend sind.
Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert. Zahl und Anteil jüngerer Nachwuchs- und Arbeitskräfte werden nach 2010 fortlaufend sinken. Der Anteil Älterer wird insgesamt und in der Arbeitswelt erheblich wachsen.
Um die Folgen dieser demografischen Entwicklung bewältigen zu können, bedarf es erheblicher Qualifizierungsanstrengungen für Jung und Alt. Darüber hinaus brauchen wir eine beständig hohe Zahl von Zuwanderern, deren Integration vor allem durch Bildung und Qualifizierung geleistet werden muss.
Gleichzeitig wandeln sich Wirtschaft und Gesellschaft stetig und rasch. Dieser Wandel wird durch Stichworte wie Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, Informatisierung, Ökologisierung und Internationalisierung beschrieben.
Als Folge werden einfache Fach- und Hilfstätigkeiten weiter zurückgedrängt. Die Beschäftigungschancen von Menschen mit Bildungsdefiziten werden sich weiter verschlechtern. Der Bedarf an breiter und höher qualifizierten Menschen wird weiter wachsen.
Die Herausforderungen für die Bildungspolitik sind klar:
So viele Menschen wie möglich müssen so breit und so hoch qualifiziert werden wie möglich. Und diese Menschen müssen kontinuierlich weiterlernen.
Notwendig sind mehr Menschen mit breiter Allgemeinbildung und qualifizierten Berufsbildungs- und Hochschulabschlüssen. Notwendig ist eine wesentlich breitere Beteiligung Jüngerer und Älterer am stetigen Weiterlernen im gesamten Lebensverlauf, insbesondere aber während des gesamten Berufslebens.
Deshalb ist es fatal, dass die Bildungsexpansion der 70er- und 80er-Jahre zu Beginn der 90er-Jahre ins Stocken geriet. Im internationalen Vergleich stehen wir mit einer eher wachsenden Bildungsarmut beschämend schlecht da.
20 bis 25 Prozent der fünfzehnjährigen Jugendlichen erreichen wichtige Basiskompetenzen nur auf niedrigstem Niveau. Bei Schülern mit Migrationshintergrund sind es im Bundesdurchschnitt erschreckende 40 Prozent. Zu wenige junge Leute und allemal zu wenige junge Migranten erreichen bei den Basiskompetenzen hohes und höchstes Niveau. Auch weil in Deutschland der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und familiärem Umfeld besonders stark ist.
Inzwischen ist Deutschland das einzige OECD-Land, in dem das Qualifikationsniveau der jüngeren Arbeitskräfte - gemessen an den Bildungsabschlüssen - von 1991 auf 2003 gesunken ist, und eines der ganz wenigen OECD-Länder, in dem infolgedessen inzwischen die Jüngeren eher schlechter qualifiziert sind als die Älteren.
Der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss liegt stabil bei rund 8 Prozent. Bei den jungen Ausländern sind es erschreckende 17,5 Prozent.
Der Anteil der jungen Erwachsenen ohne qualifizierten Berufsabschluss ist gegenüber den 90er-Jahren eher gestiegen. Bei jungen Leuten ohne Migrationshintergrund beträgt er 15%. In der Vergleichsgruppe mit Migrationshintergrund ist dieser Anteil mit dramatischen 41% mehr als zweieinhalb mal so hoch.
Mit einem mehr oder weniger stagnierenden Anteil der Hochschulabsolventen an der gleichaltrigen Bevölkerung von gut 20 Prozent nimmt Deutschland in der OECD einen der hinteren Plätze ein. Wird berücksichtigt, dass weitere 10 Prozent hochwertige Abschlüsse der beruflichen Weiterbildung erreichen, rücken wir etwas vor, bleiben aber im unteren Viertel. Unter den Personen mit Migationshintergrund sind diese Anteile jeweils nur wenig mehr als halb so hoch.
Die Weiterbildungsbeteiligung der Beschäftigten bleibt deutlich hinter den Erfordernissen zurück. Je nach Definition, Betrachtungsweise und statistischer Grundlage liegt sie zwischen 12 Prozent und gut 40 Prozent, aber im europäischen Vergleich immer im unteren Bereich. Die Weiterbildungsbeteiligung von Personen mit Migrationshintergrund liegt jeweils noch deutlich darunter.
Das Schwerwiegendste ist aber, dass Deutschland nahezu jede Dynamik bei der Entwicklung der Bildungsbeteiligung vermissen lässt. In nahezu allen anderen
OECD-Ländern steigen diese Quoten von unterschiedlichen Ausgangsniveaus aus seit Jahren kontinuierlich an.
Vor diesem Hintergrund sind die Ziele notwendiger Reformen weitgehend klar und unbestritten. Sie werden im Nationalen Bildungsbericht und bei internationalen Vergleichen deutlich - zuletzt und erneut mit dem OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick".
Für unser Thema relevante Ziele sind:
- Der Anteil der Jugendlichen, die in und an der Schule scheitern, muss deutlich sinken.
- Der in Deutschland besonders starke Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg muss deutlich gelockert werden. Insbesondere müssen die Bildungschancen der Zuwanderer und ihrer Kinder, die das Land dringend braucht, nachhaltig verbessert werden.
- Sehr viel mehr junge Menschen müssen allgemein bildende Basisfähigkeiten auf hohem und höchstem Kompetenzniveau erwerben.
- Der Anteil junger Leute mit qualifizierter Berufs- oder Hochschulausbildung muss deutlich steigen.
Diese bei weitem nicht vollständige Liste markiert wichtige Anforderungen an die Politik, aber auch an Gesellschaft, Wirtschaft und Individuen.
Wenn Deutschland international anschluss- und wettbewerbsfähig bleiben will, wenn die Lebens- und Berufschancen der nachwachsenden Generationen nachhaltig gesichert werden sollen, dann ist eine neue Bildungsexpansion notwendig, die alle Bildungsbereiche und alle Bevölkerungsgruppen umfasst.
Diese Liste macht zugleich klar, dass über Grenzen und Spielräume der Integration Jugendlicher und junger Erwachsener in die beruflichen Bildung nicht nur im Berufsbildungssystem entschieden wird. Wirksame Berufsbildungsreformen müssen Teil einer abgestimmten und koordinierten Reform des gesamten Bildungssystems sein. Vor allem muss dafür gesorgt werden, dass Übergänge und Verbindungen an den Schnittstellen zwischen den Bildungsbereichen ohne Reibungsverluste funktionieren.
Nach dem PISA-Schock ist vieles in Gang gekommen. Diskussionen und bildungspolitische Aktivitäten drehen sich zu Recht um frühe Förderung, Ganztagsbildung, verbindliche Bildungsstandards, selbstständige Schule und Qualitätsentwicklung. Mehr und mehr gute Beispiele zeigen, wie die Ziele einer Bildungsreform erreichbar sind.
Ich hoffe sehr, dass dies alles in den nächsten Jahren auch in der notwendigen Breite an der Basis der Bildungslandschaft ankommt.