Erschließung von Potenzialen
Trotz der Entspannung in diesem Jahr sind die quantitativen Probleme auf dem Ausbildungsmarkt noch längst nicht gelöst. Die Schaffung eines ausreichenden Angebots an Ausbildungsplätzen und die Verringerung der "Altbewerber" stehen voraussichtlich noch eine ganze Zeit lang im Fokus. Gleichzeitig signalisieren Meldungen über eine Verknappung an Fachkräften bereits den fundamentalen Wandel, der uns in Zukunft bevorsteht. Allerdings scheint es derzeit verfrüht, über einen gravierenden Mangel an Fachkräften zu klagen - jedenfalls soweit es um die Ebene der dual ausgebildeten Fachkräfte geht.
- Denn die Zahl der Altbewerber, die mit ihrem Ausbildungswunsch nicht zum Zuge gekommen sind, liegt in einer Größenordnung von 300.000 Jugendlichen. Das waren im Jahr 2006 rund 40 Prozent aller Bewerberinnen und Bewerber um Ausbildungsplätze.
- Immer noch bleiben etwa 15 Prozent eines Altersjahrgangs ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung.
- Ein unerschlossenes Potenzial stellen auch diejenigen dar, die in der Vergangenheit ohne Berufsausbildung geblieben sind und die als Ungelernte arbeiten oder arbeitslos sind.
- Zu erinnern ist auch daran, dass nach der Abschlussprüfung nur etwa jeder zweite Absolvent im Ausbildungsbetrieb auch in ein Arbeitsverhältnis einmündet. Für viele schließt sich nach dem Ende der Ausbildung zunächst eine Phase der Arbeitslosigkeit an.
Rein quantitativ betrachtet steht damit noch auf Jahre ein erhebliches Potenzial an Lehrstellenbewerbern und Absolventen zur Verfügung. Zunehmende Knappheitsprobleme werden aber vor allem in jenen Bereichen auftreten, die nicht genügend Vorsorge in Form eigener Ausbildung getroffen haben. Dies ist auch in jenen Berufen und Branchen zu erwarten, die bei den Jugendlichen weniger begehrt oder bekannt sind, sei es wegen der Anforderungen, der Arbeitsbedingungen oder schlichtweg, weil die Berufe bei den Jugendlichen nicht "in" sind.
Betriebe werden sich wieder damit vertraut machen müssen, dass die Zahl der Bewerbungen zurückgeht und weniger Jugendliche eine Lehrstelle suchen. Betriebe und ihre Verbände werden deshalb - mehr noch als bislang bereits - ein aktives Marketing betreiben müssen, um das Bewerberpotenzial für ihre Berufe zu erschließen. Um Schulabgänger, die guten zumal, wird ein Wettbewerb zwischen den Bildungsgängen, zwischen den Branchen und zwischen den Betrieben entstehen. Die Qualität der Berufsausbildung dürfte dabei zu einem wichtigen Faktor im Wettbewerb um qualifizierten Nachwuchs werden.
Dies gilt umso mehr, als sich parallel die Bewerberstruktur weiter wandeln wird. Denn die qualifizierten Bewerber, vor allem diejenigen mit Fachhochschul- oder Hochschulreife, werden ein Studium unter Umständen attraktiver finden. Dafür sorgen günstige Bedarfsprognosen für Akademiker, aber auch die Ausweitung der Studienkapazitäten in den Bachelor- und Masterstudiengängen. Um Fachkräfte zu gewinnen, werden Betriebe deshalb künftig sehr viel stärker das Potenzial jener Jugendlichen erschließen müssen, die bislang wegen einer mangelnden Ausbildungsreife oder aus anderen Gründen ohne Ausbildung geblieben und statt dessen im "Übergangssystem" gelandet sind. Das sind vor allem die Hauptschulabsolventen, die Schulabgänger mit schlechteren Leistungen, die Migranten und die Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Um diese Potenziale zu erschließen, bedarf es allerdings besonderer Fördermaßnahmen. Sie müssen möglichst frühzeitig einsetzen, das heißt bereits während der Schulzeit. Durch die Kooperation allgemeiner und beruflicher Schulen, die Integration von Praxisphasen in Betrieben und überbetrieblichen Bildungsstätten in den Unterricht könnte die Berufsorientierung verbessert und auch der Sinn des Lernens besser deutlich gemacht werden. Übergangsmanagement ist der technokratische Begriff hierfür. Es geht aber um mehr, nämlich eine neue Verortung von Praxiserfahrungen als Teil des schulischen Bildungsauftrags.
Notwendig ist darüber hinaus die Förderung während der Berufsausbildung. Bewährt haben sich ausbildungsbegleitende Hilfen und eine sozialpädagogische Begleitung. Derartige Maßnahmen müssten ausgebaut und verstetigt werden. Betriebe brauchen dazu eine Unterstützung durch externe Dienstleister. Hier kommt den Akteuren in der Region eine wichtige Aufgabe zu, solche Supportstrukturen, namentlich für KMU, zu entwickeln und dauerhaft zu gewährleisten.