Das BIBB hat in den vergangenen Jahren mit zwei Forschungsprojekten die Lernsituation von Migrantinnen und Migranten in beruflichen Weiterbildungskursen mit gemischter Teilnehmerstruktur (Einheimische und Migrantinnen/Migranten) untersucht. Es sollten mögliche Besonderheiten ermittelt und auf der Grundlage empirischer Erhebungen einige grundsätzliche Empfehlungen für die Gestaltung dieser Lehrgänge formuliert werden. Dies geschah mit dem Ziel, die Regelangebote beruflicher Weiterbildung für Migrantinnen und Migranten nicht allein formal-rechtlich zugänglich zu machen, sondern auch ihre Lernsituation in angemessener Weise zu berücksichtigen. Die Forschungsergebnisse betreffen verschiedene Aspekte der Verständigung in der Kurssprache Deutsch als Mutter- bzw. Zweitsprache. Insofern geben sie wertvolle Hinweise für die im Rahmen des ESF-Bundesprogramms vorgesehenen Maßnahmen zur berufsbezogenen Sprachförderung.
Spezifische Lernsituation - Unterstützungsangebote
Das BIBB hat in einem Forschungsprojekt08 am Beispiel von Ausbildereignungslehrgängen untersucht, welche Anforderungen in den Kursen speziell von Teilnehmerinnen und Teilnehmern ausländischer Herkunft als besonders schwierig empfunden werden können und welche Maßnahmen geeignet sind, sie unter Beibehaltung der inhaltlichen Anforderungen an Lehrgang und Prüfung zu unterstützen. Die Studie umfasst neben Sachverständigengesprächen und teilnehmenden Beobachtungen bei ausgewählten Lehrgangssequenzen vor allem eine standardisierte schriftliche Erhebung unter Trägern und insgesamt 358 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, von denen 180 ausländischer und - als Vergleichsgruppe - 178 deutscher Herkunft waren. Befragt wurden zum einen Teilnehmer/-innen an Regelkursen, zum anderen - als Vergleichsgruppe - Personen, die an speziellen Kursen für Migrantinnen und Migranten teilnahmen, wie sie seinerzeit im Rahmen der "Förderung von lokalen und regionalen Projekten zur Ausschöpfung und Erhöhung des betrieblichen Lehrstellenangebotes" in einigen Städten angeboten wurden.09
Bei der Teilnehmerbefragung ging es über Strukturdaten hinaus auch um persönliche Motive für die Kursteilnahme, Schwierigkeiten im Lehrgang, die Bewertung möglicher Unterstützungsangebote sowie um Einschätzungen hinsichtlich der schriftlichen und der mündlichen Prüfung - d. h. um grundlegende Aspekte ihrer Lernsituation als Migrantinnen und Migranten in beruflicher Weiterbildung. Neue Aktualität erhalten die Forschungsergebnisse durch den nationalen ESF-Programmteil zur berufsbezogenen Sprachförderung, der auch für qualifizierte Migrantinnen und Migranten ergänzende sprachliche Angebote im Rahmen von Weiterbildungslehrgängen vorsieht.
In allen untersuchten Kursen gab es Teilnehmer/-innen, für die Deutsch die Zweitsprache war und die mehr Probleme als Muttersprachler/-innen hatten, Erklärungen und Übungsaufgaben zu verstehen sowie mit dem Unterrichtstempo Schritt zu halten. Diese wünschten sich - befragt nach Lernhilfen, die sie für wichtig erachten - vor allem schriftliche Lernmaterialien wie etwa ein Glossar mit ausführlichen Erläuterungen von Fachausdrücken - dies ebenso wie Teilnehmende ohne Migrationshintergrund. Als wichtig bewerteten sie darüber hinaus ein Fachwörterbuch; außerdem - dies etwas häufiger als die deutschen Kursteilnehmer/-innen - zusätzliche Unterrichtsstunden, insbesondere vor der Prüfung.
Muttersprachliche Angebote spielen dagegen als Unterstützungsmöglichkeit eine deutlich untergeordnete Rolle, und auch der Wunsch, die schriftliche Prüfung in der Muttersprache abzulegen, war bei den Zweitsprachlern/-innen gering ausgeprägt. Dies gilt zumal dann, wenn sie sich insgesamt im Kurs gut unterstützt fühlten: So gaben 92 % der befragten Teilnehmer/-innen spezieller Migrantenkurse, in denen beispielsweise zusätzliche Unterrichtsstunden oder von den Dozenten/-innen selbst erstellte Lernmaterialen angeboten wurden, an, die Prüfung lieber in Deutsch als ihrer Muttersprache ablegen zu wollen - bei den teilnehmenden Migranten/-innen in Regelkursen, die keinerlei Unterstützung erhielten, waren es dagegen nur 62 %.
Erhebliche Probleme bereitete gerade den Zweitsprachlern/-innen die in Form von multiple-choice durchgeführte schriftliche Prüfung. Wie ein im Rahmen des Projektes erstelltes sprachwissenschaftliches Gutachten zeigt, wurden in den untersuchten Prüfungsbögen (Fragen- und Antwortbögen) zum Teil substantivische Formulierungen und zusammengesetzte Substantive verwendet, die die Lesbarkeit der Texte und das Verständnis der Fragen stark erschwerten. Dasselbe gilt für erläuternde Textteile, die wesentliche Merkmale der Amts- und Verwaltungssprache enthielten.
Derartige sprachliche Formen erschweren grundsätzlich allen Teilnehmenden, unabhängig von der Herkunft, das inhaltliche Verständnis, das zur Beantwortung der Fragen notwendig ist. Besonders folgenreich sind sie aber für Zweitsprachler/-innen, denen sehr komplizierte Formulierungen mehr Probleme bereiten als Muttersprachlern/-innen. Zudem können Erstere, wenn sie schwer verständliche Textteile mehrfach lesen müssen, schon allein dadurch an den zeitlichen Vorgaben der schriftlichen Prüfung scheitern. Bei der Formulierung schriftlicher Prüfungsaufgaben sollte deshalb stets auf sprachliche Klarheit und Verständlichkeit geachtet werden.10 Sinnvoll ist es darüber hinaus, Zweitsprachlern/-innen zusätzliche Zeit für die Bearbeitung der Fragen einzuräumen, da sie sowohl Fragen als auch erläuternde Textteile unter Umständen mehrfach lesen müssen.
Anforderungen an das Lehrpersonal
Dass qualifiziertes Lehrpersonal eine wichtige Voraussetzung für die Gewährleistung von Qualität in den Kursen darstellt, ist unstrittig. Ziel einer weiteren Untersuchung des BIBB11 war es deshalb zu ermitteln, welche Anforderungen an das Lehrpersonal in der beruflichen Weiterbildung speziell dann gestellt werden müssen, wenn ihre Kursteilnehmer/-innen teils Einheimische und teils Migrantinnen bzw. Migranten sind.
In diese explorativ angelegte Studie wurden Lehrende und Lernende aus Kursen einbezogen, die von der Bundesagentur für Arbeit finanziert und in denen Inhalte aus dem IT-Bereich (Bürokommunikation, Applikationsentwicklung, SAP) vermittelt worden sind. Durch die Zugangsvoraussetzung (Berufsabschluss bzw. Studium) war sichergestellt, dass mögliche, in der Untersuchung erkennbar werdende Probleme nicht auf eine grundsätzlich mangelnde Lernfähigkeit der Befragten zurückgehen, sondern andere Ursachen haben müssen.
Es wurden insgesamt 25 leitfadengestützte Interviews sowohl mit Trainerinnen und Trainern als auch mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern unterschiedlicher Herkunft geführt, um die subjektive Sicht der Beteiligten auf den Kurs (Situationen, in denen der Migrationshintergrund von Bedeutung ist; Umgang mit Verständnisschwierigkeiten) zu ermitteln und dabei sowohl Raum für die persönlichen Assoziationen und Erzählstränge der Interviewten zu lassen als auch die Möglichkeit vertiefender Nachfragen zu eröffnen. Weitere Informationsquellen waren teilnehmende Beobachtungen an einzelnen Kurstagen sowie Gutachten zu ausgewählten Aspekten des Forschungsthemas.
Kompetenz im Umgang mit Zweitsprachlern/-innen
Grundlage der Verständigung in den Kursen ist selbstverständlich die deutsche Sprache. Entsprechende Kenntnisse sind daher eine Zugangsvoraussetzung zu den Kursen, deren Vorliegen die Träger vorab überprüfen. Für die Lernsituation von Migrantinnen und Migranten in den Regelkursen der beruflichen Weiterbildung bedeutet dies, dass sie zusätzlich zu den für alle Teilnehmenden geltenden inhaltlichen auch sprachliche Anforderungen zu bewältigen haben: Sie erlernen die Fachinhalte in Deutsch als Zweitsprache - in derselben, oft knapp bemessenen Zeit wie die muttersprachlichen Kursteilnehmer/-innen. Auch Personen, die über gute alltagssprachliche deutsche Sprachkompetenz verfügen, kann dies Schwierigkeiten bereiten, die sich im Unterricht insbesondere beim Umgang mit dem Fachvokabular zeigen. Sprachliche Verständnisprobleme sind dabei nicht immer von inhaltlichen zu unterscheiden. Eine sinnvolle Unterstützung bieten hier die bereits erwähnten Lernhilfen wie Glossare mit Erläuterungen der wichtigsten Fachbegriffe, aber auch zusätzliche Unterrichtsstunden, in denen Fachbegriffe im Zusammenhang mit den zuvor behandelten Inhalten wiederholt und eingeübt werden ("weiterbildungsbegleitende Hilfen").
Da eine kompetente Bilingualität - d.h. die Beherrschung sowohl der Herkunfts- als auch der Landessprache auf hohem mündlichem und schriftlichem Niveau - nicht bei allen Migrantinnen und Migranten vorausgesetzt werden kann (vgl. Esser 2006, S. ii), sollte das Lehrpersonal zudem in der Lage sein, auf die besondere Lernsituation von Zweitsprachlern/-innen einzugehen. Bisher ist dies nicht in systematischer Weise der Fall. Zwar legen die Trainer/-innen nicht nur Wert auf ihre Fachkompetenz, sondern z. B. auch auf didaktische Fähigkeiten zur Unterstützung von Selbstlernprozessen und den Einsatz unterschiedlicher Medien im Kurs, so dass der Eindruck entstehen kann, die Bedürfnisse aller Teilnehmenden würden per se in gleicher Weise Berücksichtigung finden. Die formale Gleichbehandlung aller Lernenden ist aber mit einer Vernachlässigung von Differenzierungen verbunden, die sich aufgrund der Gruppenstruktur als notwendig erweisen.
Trainerinnen und Trainer benötigen daher didaktische und methodische Kenntnisse und Fertigkeiten, um etwa sprachliche Vermittlungsformen mit visuellen Darstellungen zu verbinden. Um Schwierigkeiten zu vermeiden, ist auch auf die sprachliche Form der Präsentation fachlicher Inhalte zu achten. Selbst scheinbare Selbstverständlichkeiten sind von Bedeutung für das Verständnis der Inhalte - dies betrifft die Vermeidung von komplizierten Satzkonstruktionen (Auseinanderreißen zusammengesetzter Verbformen, eingeschobene Relativsätze) ebenso wie den Verzicht auf ein stark dialektgefärbtes oder allzu schnelles, unakzentuiertes Sprechen. Sprachliche Präzision dient allen Lernenden, unabhängig von ihrer Herkunft - besonders wichtig ist sie aber für Personen, die sich mit den fachlichen Inhalten in Deutsch als Zweitsprache auseinandersetzen.
Kulturelle Unterschiede berücksichtigen
Der Stellenwert von "Kultur" als Erklärung für individuelles Verhalten kann schnell über- oder unterschätzt werden.12 Deshalb sollte die Bedeutung, die kulturelle Standards13 für das Verhalten einzelner Individuen haben, nicht überbewertet werden. Bei aller gebotenen Vorsicht ist aber gleichwohl davon auszugehen, dass kulturelle Vorstellungen das Verhalten im Unterricht beeinflussen - dies betrifft etwa das Verständnis von Höflichkeit oder den Umgang mit Autoritäten, Kritik und Konflikten. Manchen unter den Migrantinnen und Migranten gilt es als "frech" und "unhöflich", sich bei Verständnisproblemen an den Dozenten zu wenden. Auch Wünsche und Kritik werden unter Umständen -wenn überhaupt - nur sehr vorsichtig und auf Nachfrage hin formuliert. Dies gilt, wie die Untersuchung zeigt, selbst dann, wenn es um grundlegende Probleme des Unterrichts geht wie etwa die Erfahrung anhaltender Überforderung durch ein allzu schnelles Kurstempo.
Es besteht dann die Gefahr, dass viele Fragen offen bleiben, gerade weil Migrantinnen und Migranten zusätzlich zu den fachlichen auch besondere sprachliche Anforderungen zu bewältigen haben. Um angemessen auf die Lernsituation seiner Teilnehmerinnen eingehen zu können, benötigt das Lehrpersonal deshalb neben Kenntnissen zu Fragen des Deutschen als Zweitsprache auch die Sensibilität für kulturelle Unterschiede. Dies kann nicht bedeuten, dass es sich mit allen Einzelheiten der kulturellen Standards verschiedenster Herkunftsländer seiner Teilnehmerinnen bekannt macht. Es bedarf vielmehr einer allgemeinen Orientierung, die im Laufe der im Unterricht gemachten Erfahrungen spezifiziert wird.