Berufszeit und parallele Zeiten - Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Anforderungen
Für die je unterschiedlichen Formen von Zeit in Berufen, die sich, wie erläutert, aus der historischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Funktion, der sie zugeordnet sind, erklären lassen, wurden in der aktuellen Untersuchung möglichst repräsentative Erwerbsberufe ausgesucht.12
- Die Hebammen stehen hierbei für Berufe, die mit natürlichen Zeitabläufen befasst sind, also jener Form von Zeit, die (noch) an die Rhythmen der Natur gebunden ist.
- Die Straßenbahnfahrer stehen für Berufe, die an die Uhrzeit gebunden sind und deren Handlungsabläufe sehr streng getaktet und mit wenig zeitlichen Handlungsspielräumen ausgestattet sind.
- Die Bauleiter repräsentieren jene Berufe, die Zukunft vergegenwärtigen, indem sie Projekte planen und umsetzen und sich sowie die Zeit Anderer in diese geplante Projektzeit integrieren.
- Die Künstler repräsentieren schließlich Berufe, die eine starke Orientierung auf die Eigenzeit haben, ihre Tätigkeit auf die eigenen Empfindungen ausrichten und auf die Zeit der Materialien, mit denen sie sich befassen.
Die Berufsausübenden sind aber als Subjekte ihres Handelns nicht nur mit der "Berufszeit" verbunden, sondern zugleich mit einer individuellen Biografie und den damit verbundenen Erfahrungen und auf Zukunft bezogenen Intentionen. Sie sind also zugleich "Agenten ihrer eigenen Zeit".
Daneben haben sie auch unterschiedliche Zeiten zu koordinieren, in die sie mit ihrem Leben eingebunden sind: Zeitabläufe öffentlicher Verkehrsmittel, von Fernsehprogrammen, Schul- und Betreuungszeiten der Kinder, Öffnungszeiten von Kantinen, Geschäften und Ämtern etc. "Durch das Nebeneinander der Zeiten in einer hoch differenzierten Gesellschaft steht das Individuum vor sehr unterschiedlichen Belastungen, die Eigenzeit mit den Anforderungen der institutionalisierten Fremdzeit in Einklang zu bringen."13
Will man die Unterschiede von Zeit in Berufen untersuchen, so wird das Verhältnis des Einzelnen zu verschiedenen Zeiten und zu seinem eigenen Leben bedeutsam. Die Bedeutung von Leben und Tod und die Frage danach, ob das Leben selbst als Gestaltbares begriffen wird, wie in dem Konzept der "linear offenen Zukunft" von Rammstedt14 wirkt auf das Verhältnis von Zeit und Beruf ein. Aus diesem Grund wurde nicht nur das Erleben der Zeit im Beruf betrachtet, sondern biografische Verläufe und der Umgang mit Zeit auch außerhalb des beruflichen Handelns.
Abbildung 1 : Einflussfaktoren auf das subjektive Zeiterleben im Beruf

Der Abbildung 1 kann man verschiedene Einflussfaktoren auf das Zeiterleben in Berufen entnehmen. Neben einer systematischen Auswertung der Interviews hinsichtlich dieser Struktur erfolgte dazu spiegelnd eine Theorieentwicklung der jeweiligen "Berufszeit" auf der Basis von Feinanalysen ausgewählter Interviewausschnitte, die sich auf das berufliche Handeln bezogen.15 Betrachtet man nun die Interviewergebnisse in den Berufen, so zeigen sich exemplarisch folgende Phänomene:
Straßenbahnfahrer
Ihre Werdegänge in den Beruf sind unterschiedlich und erscheinen stark von Zufällen abhängig und weniger ihrer gezielter Planung unterworfen zu sein. Das eigene Leben wird demzufolge stärker als von Außen bestimmt betrachtet, denn als von eigenen Entscheidungen beeinflussbar.
Parallelen außerhalb des Berufes zeigen sich bei ihnen im Hinblick auf ihre Hobbys, die sie eher allein gepflegt haben und noch pflegen. Durch die geringe Fallzahl bleibt aber unklar, ob ihre Affinität zu einer sehr strukturierten Gartenarbeit eher Zufall ist, der Notwendigkeit geschuldet, einen zusätzlichen Beitrag zur Ernährung der Familie beizutragen oder dem Bedürfnis auch in der Freizeit eine klar strukturierte Aufgabe zu haben (manche Aussagen legen die letzte Vermutung nahe). "Selbst im Urlaub ist alles durchgeplant, bis auf die Minute fast. Zeit habe ich nicht! ... Nee, das sage ich nicht so. Es ist bei mir alles durchgeplant." 16 Die Identifikation mit ihrem Beruf ist unterschiedlich stark ausgeprägt.
Betrachtet man den beruflichen Handlungsbereich der Straßenbahnfahrer, so finden sich wenig Gestaltungsspielräume im Arbeitsalltag, weil die zeitlichen Verbindungen des "Systems Straßenbahn" zu seiner Umwelt weitgehend reguliert sind. (Man kann die Fahrt der Straßenbahn wie einen geschlossenen Raum betrachten, in den man einsteigen kann und dann den ihm obliegenden Regeln ausgesetzt ist.). Die Fähigkeit der Straßenbahnfahrer liegt gerade in der Anpassung der eigenen Handlungsabläufe an vorgegebene Zeitmuster, die in fast gleicher Form immer wiederkehren. Das Streben nach Pünktlichkeit ist für sie zentral und sie haben das Ziel, in "schwierigen Zeiten" Ruhe und Freundlichkeit zu bewahren und die Interessen ihrer Kunden (der Fahrgäste) so gut es geht zu berücksichtigen.
Bei ihnen nimmt sich das Zeiterleben aus, wie ein Hineinfließen in die gegebenen Anforderungen, wie sich auch ihr beruflicher Werdegang ausnimmt, wie ein Hineinfügen in die sich stellenden Gelegenheiten. Zeit ist hier nicht "Eigenzeit" sondern "Fremdzeit", vorgefundene Gegebenheit, aus der herauszutreten mit dem Wiederfinden der eigenen Zeit einhergeht.
Hebammen
In ihren Biografien lassen sich wenig Parallelen feststellen, lediglich gleicht sich die Orientierung in ihren Hobbys auf das gemeinsame Verbringen von Zeit mit ihren Freundinnen und Freunden, ohne produktbezogene Leistungsansprüche. Diese Hobbys verlieren aber mit dem Auftreten der Berufstätigkeit an Bedeutung (dass das Familienleben hierzu auch "keine Zeit mehr lässt" kommt hinzu.). Alle Hebammen haben eine hohe Selbstidentifikation mit ihrem Beruf. Bereits zu einem frühen Zeitpunkt ihres Lebens haben sie die Ausübung des Berufes zu ihrem Ziel erklärt und haben ihren persönlichen Lebensentwurf auf diesen ausgerichtet und zum Teil auch ihre Wohnorte hierfür gewechselt.
In ihrem Beruf wird Zeit flexibel den jeweiligen Anforderungen zur Verfügung gestellt. Die natürlichen Prozesse der Geburt die Zeit strukturieren zu lassen, halten sie für sinnvoll. Dagegen werden die eigenen Handlungsabläufe nicht planbar und schaffen ein Spannungsverhältnis, einerseits die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und andererseits Ruhe und Ausgeglichenheit als Unterstützerinnen eines wertvollen Prozesses weiterzugeben.
Sie geben ihre Zeit dem Leben und dem Leben die Zeit, die es benötigt und strapazieren zum Teil dabei die eigenen Möglichkeiten. "... also man rennt dann wirklich von Frau zu Frau und muss sich dann entschuldigen. ... Ich kann nie mal für mich selbst die Zeit einteilen." 17
Es scheint eine Besonderheit, dass in diesem gesellschaftlichen Handlungsfeld keine zeitliche Anforderung hinsichtlich der Dauer gestellt wird, weil es akzeptiert ist, dass eine Geburt unterschiedliche Dauer haben kann und die Leistungsfähigkeit einer Hebamme nicht anhand quantitativer, sondern qualitativer Messgrößen gemessen wird, also dem erfolgreichen Verlauf einer Geburt möglichst mit wenig Beeinträchtigungen für Mutter und Kind. Die Hebammen ordnen sich der Nichtplanbarkeit unter: "Ich versuche immer, es mir nicht anmerken zu lassen, obwohl ich nie richtig Zeit habe."18
Bauleiter
Sie lernten auffallend früh, ihre eigene Zeit zu planen und sich selbst Ziele in ihrer Zeit zu setzen. Nun wenden sie diese Fähigkeiten bei der Planung ihrer Zeit und der Anderer an, setzen sich Ziele, beherrschen das Instrument der langfristigen Projektplanung und der Untergliederung der Zeit in Zwischenschritte und Teilziele. Zeit wird als sich in die Zukunft erstreckende Linie gedacht, vergangene Zeit reflektiert und im hohen Maße als gestaltbar gedacht und interpretiert.
Mittels der eigenen Fachlichkeit und ihrer hierarchischen Funktion bauen sie Widerstand gegen fremde Anforderungen an die von ihnen geplante Zeit auf und setzen die selbst geplante Zeit durch. Sie repräsentieren unter systemtheoretischer Perspektive eine Funktion, in der sowohl die Zeit eines Teilbereichs der Gesellschaft gesteuert wird und demzufolge die dort geltenden Zeitlogiken verinnerlicht werden, als auch Anpassungen an Zeiten anderer gesellschaftlicher Teilbereiche vorgenommen werden, wie z.B. bei der Baustoffzulieferung, der Zeit von Geschäftspartnern oder der Logik der Energieversorgung eines anderen Unternehmens.
Sie sehen ihre Aufgabe darin, Zeit möglichst effektiv im Hinblick auf die Unternehmens- oder Karriereziele einzusetzen. Diese Zielsetzung knüpft bei ihnen an früh entwickelte Fähigkeiten an, die sie im Hinblick auf das Erlernen der Uhrzeit in ihrer Kindheit und die an sie gestellte Anforderung, "ihre Zeit" im Blick zu haben, entwickelt haben. Sie begegnet uns auch bei ihrer Leistungsorientierung in ihren Hobbys, bei der sie allerdings auch manchmal die Uhrzeit vergessen haben. Sie pflegen diese Hobbys zum Teil noch weiter, zum Teil haben die Hobbys auch die berufliche Orientierung mit geprägt.
Für einen effektiven Einsatz von Zeit obliegt es ihnen, Entscheidungen darüber zu fällen, wann sich Dinge durch erhöhten Arbeitseinsatz beschleunigen lassen und wann nicht, wann pünktliches Erscheinen notwendig ist und wann nicht und wann es hingegen gut ist, Prozesse zu verlangsamen. Ihnen ist aufgrund ihrer Erfahrungen bewusst, dass Schnelligkeit nicht immer eine Gewähr für ein früheres und gelungenes Erreichen des Zieles ist.
Betrachtet man ihre Identifikation mit dem Beruf, so erscheint es trotz gezielter, auch fachlich-inhaltlicher Qualifikationswege für sie denkbar, auch noch einmal "etwas ganz Anderes" zu machen, in einer anderen Branche in leitender Funktion tätig zu werden.
Bei ihnen erscheint Lebens- und Karriereplanung sehr bewusst und reflektiert. Sie sehen sich eben nicht nur als Gestalter ihrer Zeit im Beruf, sondern auch außerhalb des Berufs als Gestalter ihres Lebens. "Ich setze mir gewisse Ziele Anfang des Jahres, oder auch am Anfang des Tages, oder am Anfang einer Baumaßnahme und dann versuche ich mich eigentlich auch selber daran anzutreiben, weil ich wissen will: Geht das? Schaffe ich das?"19
Künstler
Geht mit dem Beruf des Künstlers das Bild einer hochindividualisierten Persönlichkeit einher, so überraschten die vielen Parallelen in den biografischen Interviews, die es innerhalb der "Künstlergruppe" gegeben hat. Sie haben sich meist allein ihren Hobbys gewidmet und, so es möglich war, von organisierten Freizeitveranstaltungen fern gehalten.
Abbildung 2: Phänomene des Zeiterlebens im Beruf bei den Künstlern

Abbildung 2: Lebenskunst jenseits der Uhrzeit
Allen Befragten ist gemeinsam, dass sie ihren gesamten Lebensentwurf auf ihre beruflichen Ziele, als Künstler tätig sein zu können, ausgerichtet haben. Sie leben allein, ohne Familie und richten ihre Zeit an der Dynamik ihrer Kreativität aus. Lediglich die Arbeitszeiten ihres Nebenjobs (wenn er zur Lebenserhaltung notwendig ist) oder Schlaf und Nahrungsaufnahme schränken sie ein. "Ich schreibe solange ich einen kreativen Fluss verspüre. Solche Ergüsse können mehrere Stunden dauern. Hauptsächlich sind es Schlaf und mein Nebenjob, die meinen Arbeitsrhythmus bestimmen."20
Treten zeitliche Begrenzungen innerhalb ihres Berufes auf, die in Verbindung mit Modellen oder anderen zeitlichen Vorgaben ihrer Auftraggeber einhergehen, so nehmen sie diese als qualitätsmindernd und unangenehm wahr. Sie beschreiben einhellig Phänomene des "Außerhalb-der Uhrzeit-Seins", wenn sie sich in ihren künstlerischen Handlungen "verlieren", hineintauchen in den Augenblick des Geschehens. Diese Phänomene sind für sie untrennbar mit dem künstlerischen Handeln verbunden, weil sich die Zeit für die Kunst nicht planen lässt, sie vielmehr die Fähigkeit erfordert, auf den rechten Augenblick warten zu können. "Geduld ist einfach die schönste Zeit, ohne zu Lernen etwas zu verstehen."21
Daran zeigt sich auch die Parallele zum Konsum der künstlerischen Handlung, die nahezu gänzlich außerhalb einer zeitlichen Verbindung zu einem anderen gesellschaftlichen Bereich stattfindet. Wann ein Kunstwerk aufgenommen wird, steht in der Freiheit des Betrachtenden oder Lesenden. Insofern ist die Eigenzeit, das Aufgehen ihres gesamten Seins in der Kunst die entscheidende Größe für die Künstler.
Der hohe Status, der mit der freien Verfügung über ihre Zeit verbunden ist, geht einher mit einer hohen Abhängigkeit vom Markt, der darüber entscheidet, ob sie ihren Lebensentwurf umsetzen können oder in andere Tätigkeiten ausweichen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. "In meiner Arbeit möchte ich erreichen, dass man mich irgendwann versteht und sich das leisten kann mich zu unterstützen, so dass ich mein Leben leben kann."22