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15 % Jugendliche ohne Berufsabschluss - Bedarf an Ausbildungsplätzen wird zu niedrig eingeschätzt

Cover des Gutachtens 'Jugendliche ohne Berufsabschluss - Handlungsempfehlungen für die berufliche Bildung'

Der Anteil der Jugendlichen ohne Berufsabschluss liegt seit vielen Jahren fast unverändert bei rund 15 % - viel zu hoch für ein Land wie Deutschland, dem aufgrund der demografischen Entwicklung ein Mangel an Auszubildenden und Fachkräften droht. Ein neues Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel: "Jugendliche ohne Berufsabschluss - Handlungsempfehlungen für die berufliche Bildung" - erstellt vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) - zeigt, dass auch gravierende Mängel in der Ausbildungsmarktbilanzierung und der sich daraus ergebende fehlende Handlungsdruck dazu führen, dass voll qualifizierende Ausbildungsplätze in viel zu geringem Ausmaß zur Verfügung gestellt werden.


Seit Jahren schwankt der Anteil der Jugendlichen ohne Berufsabschluss um rund 15 %. Die individuellen Ursachen für die Ausbildungslosigkeit sind schlechte Bildungsvoraussetzungen und besondere Lebensumstände auf Seiten der Betroffenen. Ein fehlendes Interesse der Jugendlichen an einer vollqualifizierenden Berufsausbildung spielt dagegen kaum eine Rolle. Fast alle haben nach einem Ausbildungsplatz gesucht. Ein gutes Drittel hat sogar einmal eine Berufsausbildung begonnen, diese aber nicht erfolgreich abgeschlossen. Doch gilt auch in diesen Fällen, dass vor allem Auszubildende mit niedriger schulischer Vorbildung in der Gefahr sind, vorzeitig abzubrechen.

Es sind allerdings nicht nur persönliche Gründe auf Seiten der Jugendlichen dafür verantwortlich, dass es bislang nicht gelang, den Anteil der Ausbildungslosen substanziell zu senken. Denn die Zahl der vollqualifizierenden Ausbildungsplätze war in den letzten Jahren viel zu niedrig. Das Ausbildungsangebot des dualen Systems hielt mit der bis Mitte dieses Jahrzehnts stetig steigenden Zahl an Schulentlassenen nicht mit, und die vollqualifizierenden Bildungsangebote des Schulberufssystems reichten nicht aus, um die Lücke zu schließen. Selbst ausbildungsreife Ausbildungsstellenbewerber mussten in wachsender Zahl auf teilqualifizierende Bildungsgänge des sogenannten Übergangssystems ausweichen.

Aufgrund des "Staus" an der "Ersten Schwelle" standen die Abgänger aus allgemeinbildenden Schulen vor der Herausforderung, immer längere Zeiträume bis zum möglichen Eintritt in eine Berufsausbildung zu überbrücken. Dies traf insbesondere jene Jugendlichen, die für eine solch anspruchsvolle Aufgabe - sich auf einem Markt zu bewegen, der von nur niedrigen Erfolgsaussichten geprägt ist und den Ausbildungsinteressierten ein hohes Maß an oft langjähriger Frustrationstoleranz abverlangt - die ungünstigsten Voraussetzungen mitbringen: nämlich die Gruppe der Hauptschulabsolventen, die mit 15, 16 oder 17 Jahren bei weitem die jüngsten von allen Schulentlassenen sind, oft aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen, nur über begrenzte Bildungsressourcen verfügen und die Schule oft mit einem bereits angeschlagenen Selbstbild verlassen.

Wesentliche Gründe für die unzureichende Bereitstellung an vollqualifizierenden Ausbildungsplätzen sind in den Mängeln der Ausbildungsmarktbilanzierung und der Steuerung der Bildungsströme zu suchen. Seit der Berufsbildungsberichterstattung Mitte der 1970er-Jahre ist es Tradition, jährlich zum Stichtag 30. September Bilanz zu ziehen. Bis dahin sind aber bereits viele erfolglose Ausbildungsstellenbewerber in teilqualifizierende Bildungsgänge des Übergangssystems eingemündet. Diese Jugendlichen zählen zum Bilanzierungsstichtag zu den "versorgten Ausbildungsstellenbewerbern", auch dann, wenn sie noch auf Ausbildungsplatzsuche sind. Da sie nicht zu den erfolglosen Ausbildungsplatznachfragern gerechnet werden, erschienen die Bilanzen selbst in den Jahren des größten Ausbildungsplatzmangels weitgehend ausgeglichen. Ein unmittelbarer Handlungsbedarf war dann nicht mehr erkennbar, und weitere Maßnahmen schienen auch nicht mehr zweckmäßig zu sein, da sich die Jugendlichen ja bereits in alternativen teilqualifizierenden Bildungsgängen befanden. Das Übergangssystem trug somit in den letzten Jahren nicht nur dazu bei, Jugendliche mit Reifedefiziten weiter zu qualifizieren, sondern hatte auch ganz wesentlich die Funktion, die Ausbildungsmarktbilanz rein rechnerisch zu stabilisieren. Die Möglichkeiten der Absolventen des Übergangssystems, anschließend in vollqualifizierende Berufsausbildung zu gelangen, waren allerdings aufgrund des chronischen Defizits an entsprechenden Plätzen beschränkt, und somit stieg die Zahl der Altbewerber kontinuierlich an.

Die Probleme der vergangenen Jahre signalisieren Handlungsbedarf. Dabei sind zwei wichtige Rahmenbedingungen zu berücksichtigen: die aktuelle Wirtschaftskrise und die demografische Entwicklung. Die Wirtschaftskrise wird 2009 aller Voraussicht nach zu einem stärkeren Einbruch des betrieblichen Ausbildungsplatzangebots führen, so dass kompensatorisch außerbetriebliche Ausbildungsplätze bereitgestellt werden müssen. Spätestens nach Überwindung der aktuellen Wirtschaftskrise wird aber die demografische Entwicklung zu einer Umkehrung der Marktverhältnisse führen. Denn so deutlich, wie die Zahl der Jugendlichen sinkt, wird die Zahl der in die Verrentung wechselnden Erwerbspersonen wachsen. Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe wird deshalb steigen, und die Jugendlichen, die bislang ohne Berufsabschluss zu bleiben drohen, werden auch aus Sicht der Betriebe zunehmend zu einer unverzichtbaren Reserve werden, um den im Kern nicht mehr zu verhindernden Mangel an Nachwuchsfachkräften zumindest abzumildern. Deshalb werden der Druck, aber auch das Engagement der Wirtschaft, die Ausbildungsreife und den Zugang dieser Jugendlichen in Berufsausbildung sicherzustellen, wachsen. Damit eröffnen sich gute Voraussetzungen für eine signifikante Verringerung der Ausbildungslosenquote.

Nach den bisherigen Erfahrungen muss hierfür aber eine kontinuierliche individuelle Begleitung der Jugendlichen aus den Haupt- und Förderschulen sichergestellt werden, die über episodische Beratung und punktuelle Kontaktaufnahme weit hinausgeht. Dies gilt insbesondere für sozial benachteiligte Jugendliche. Deshalb sollten in allen Kommunen Mentorensysteme in Kombination mit regionalem Übergangsmanagement etabliert werden. Nur auf diese Weise kann dafür Sorge getragen werden, dass die sozioökonomische Herkunft der Jugendlichen zumindest beim Übergang in die Berufsausbildung kein Hindernis mehr darstellt.

 

Gutachten "Jugendliche ohne Berufsabschluss - Handlungsempfehlungen für die berufliche Bildung"

 

Letzte Änderung: 18.06.2009

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