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40/ 2002
Bonn, 23.10.2002
Berufsbildung für eine globale Gesellschaft - Perspektiven im 21. Jahrhundert
- 4. Fachkongress des Bundesinstituts für Berufsbildung im Berliner ICC eröffnet -
"Erziehung und Schulbildung, berufliche Aus- und Weiterbildung, Hochschulbildung, Wissenschaft, Forschung und Technologieentwicklung - dies alles zusammen ist der einzige Rohstoff in Deutschland, der immer wieder und unbegrenzt erneuerbar ist. Ohne Bildung, Wissenschaft und Forschung ist die Qualität unserer Exporte und unser Rang in der Weltwirtschaft nicht zu sichern und auszubauen. Die Leistungsstärke unserer beruflichen Aus- und Weiterbildung spielt dabei eine herausragende Rolle. Staatliche und privatwirtschaftliche Sparmaßnahmen müssen sich hier verbieten. Wo Erziehung und Bildung, wo berufliche Aus- und Weiterbildung, wo Wissenschaft und Forschung betroffen sind, dürfen nicht die Finanzminister, sondern müssen die Bildungsfachleute das letzte Wort haben." Diese grundlegende Forderung stellte der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, Prof. Dr. Helmut Pütz, an den Anfang seines Vortrags zum Thema "Berufliche Bildung ist und bleibt attraktiv", mit dem er in Anwesenheit des Bundespräsidenten Johannes Rau am 23. Oktober 2002 im Berliner ICC den 4. Fachkongress des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) "Berufsbildung für eine globale Gesellschaft - Perspektiven im 21. Jahrhundert" eröffnete. Mit 11 Foren und 43 Arbeitskreisen, in denen 450 Referenten/innen und 2 000 Teilnehmer/innen vom 23.-25. Oktober 2002 alle zentralen Themen und Probleme der gegenwärtigen und zukünftigen beruflichen Bildung bearbeiten und diskutieren, ist dies der bisher größte in Europa und international veranstaltete Berufsbildungskongress.
In seinen weiteren Ausführungen benannte Prof. Pütz die aus seiner Sicht entscheidenden Ansätze für die notwendige Attraktivitätssteigerung beruflicher Aus- und Weiterbildung in einer globalisierten Wirtschaft. Dabei plädierte er für
- die Durchführung eines Berufsbildungs-PISA, in dem die Bewährung von Berufsbildungsgängen und -abschlüssen in der Berufstätigkeit und auf dem Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich unter die Lupe genommen werden solle
- die flexible Fortentwicklung der vielfältigen Lernorte unseres Berufsbildungssystems (u.a. Berufsschule, Betrieb, Vollzeitberufsschule, Berufskolleg, Oberstufenzentren, außer- und überbetriebliche Ausbildungsstätten) und ihre gleichwertige, gleichberechtigte und sich gegenseitig ergänzende Form der Kooperation
- die Einführung von Qualifizierungsbausteinen zur Verknüpfung der Berufsvorbereitung mit der nachfolgenden Aus- und Weiterbildung. Ideologische Blockaden gegen Qualifizierungsbausteine und Module im gesamten Aus- und Weiterbildungsverlauf seien, so Prof. Pütz, nicht mehr hinnehmbar, weil sie die notwendige Flexibilisierung, Öffnung und Anpassungsfähigkeit unseres beruflichen Aus- und Weiterbildungssystems verhinderten
- die Einrichtung von mehr ein- bis zweijährigen bis hin zu dreieinhalbjährigen Ausbildungsgängen - bei grundsätzlicher Beibehaltung der dreijährigen Ausbildungsdauer - in einem gestuften System und in Verbindung mit Qualifizierungsbausteinen / Modulen sowie Zusatzqualifikationen
- die Etablierung eines neuen Prüfungssystems wie das der "gestreckten Prüfung" oder ähnlich flexibler Formen und die Dokumentation der einzelnen Ausbildungsabschnitte in einem Ausbildungspass
die - auch finanzielle - Verbesserung und den Ausbau der Berufsfachschulen zu einem durchlässigen, differenzierten und konkurrenzfähigen System - die Zahlung einer Ausbildungsvergütung an alle jungen Menschen in der beruflichen Bildung, unabhängig davon, ob sie in einer dualen oder in einer vollzeitschulischen Berufsbildung ihre Qualifikation erwerben
- die Einrichtung von Berufsfachgruppen oder Fachkommissionen beim BIBB, um die Arbeiten u.a. zur Neuordnung von Ausbildungsberufen zeitgerechter und passgenauer gestalten zu können
- die Durchsetzung eines eigenständigen, gleichwertigen und integrierten Berufsbildungssystems, das beruflich Qualifizierten den Durchgang bis hin zur Fachhochschule und zum fachqualifikationsbezogenen Universitätsstudium ermöglicht
- die Einrichtung einer unabhängigen Stiftung "Qualitätssicherung in der Weiterbildung" zur Herstellung und Sicherung von Qualität, Transparenz und Einheitlichkeit in allen beruflichen Weiterbildungsgängen
die Entwicklung von mehr einfachen Ausbildungsberufen, die stärker praxisorientiert sind und die zur Erreichung des Ausbildungsziels Qualifizierungsbausteine und Teilqualifikationen einsetzen. Sie böten auch Jugendlichen, die besonderer Förderung bedürfen, mehr Chancen auf einen staatlich anerkannten Berufsabschluss.
Mit Blick auf den europäischen Arbeitsmarkt forderte Prof. Pütz zum Schluss seines Vortrags die Bundesregierung auf, die Qualität und die Anerkennung der deutschen Berufsbildung auch im Rahmen der Europäischen Union zu sichern. In Brüssel müsse durchgesetzt werden, dass deutsche Berufsbildungsabschlüsse in den dort für die qualitative Bewertung der europäischen Berufsbildungssysteme zugrunde gelegten fünf Klassifikationsstufen nicht in die zweitniedrigste Stufe eingeordnet werde. Deutsche Berufsbildungsabschlüsse gehörten in die Stufe drei, die weiterführenden Abschlüsse bei der Aufstiegsfortbildung (Meister, Fachwirte, Fachkaufleute, Techniker) in Stufe 4. Prof. Pütz sagte: "Wenn die EU-Kommission in einer Richtlinie die deutschen Berufsbildungsabschlüsse in die zweitniedrigste Stufe einordnet, missachtet sie damit die Anerkennung, die die Qualität unserer beruflichen Qualifizierung weltweit erfährt. Eine Einordnung deutlich unter ihrem tatsächlichen Niveau hat erhebliche negative Auswirkungen auf den Stellenwert und die Übertragbarkeit von deutschen Berufsbildungsabschlüssen in Europa."




