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DECVET - eine Pilotinitiative zur Förderung von Durchlässigkeit und Transparenz in der Berufsbildung in Deutschland

Die Ziele der DECVET - Pilotinitiative

Egon Meerten

Mit der DECVET-Pilotinitiative sollen pilothaft Reformansätze eruiert und erprobt werden, die innerhalb des deutschen Berufsbildungssystems Transparenz und Durchlässigkeit (im Sinne anschlussfähiger Übergänge) fördern. Dazu werden in 10 betriebspraktisch ausgerichteten Pilotprojekten Modelle für ein Leistungspunktesystem zur Erfassung, Übertragung und Anrechnung von Lernergebnissen und Kompetenzen von einem Teilbereich des beruflichen Bildungssystems in einen anderen entwickelt und erprobt.

Die Initiative konzentriert sich insbesondere auf vier zentrale Teilsysteme der deutschen Berufsbildung, deren gegenseitige Anschluss- und Übergangsmöglichkeiten derzeit noch wesentliche Mängel aufweisen:

  1. Das sog. Übergangssystem. In diesem System werden Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, in verschiedensten berufsvorbereitenden Qualifizierungsmaßnahmen auf eine duale (betriebliche) Ausbildung vorbereitet. Die Übergänge in Ausbildung gestalten sich zumeist jedoch schwierig und viele Jugendlichen verbleiben oftmals Jahre in diesem System wie in einer Sackgasse.
  2. das duale Ausbildungssystem, in dem auf der Grundlage bundeseinheitlicher Ausbildungsordnungen Jugendliche in Betrieben praktisch und parallel in Berufsschulen fachtheoretisch ausgebildet werden.
  3. Vollschulische Ausbildung in beruflichen Schulen ( mit betrieblichen Praktika und Abschlussprüfung)
  4. gesetzlich geregelte berufliche Fortbildung ( z.B. Meisterfortbildung)

Über die Implementierung transparenter und transferierbarer Anrechnungsmodelle wird angestrebt, die vertikale und horizontale Durchlässigkeit zwischen diesen Subsystemen beruflicher Bildung zu erhöhen und damit die Planungsmöglichkeiten und Umsetzungschancen für individuelle Qualifizierungs- und Karrierewege im Kontext lebenslangen Lernens wesentlich zu verbessern. Darüber hinaus werden von derartigen Anrechnungsmodellen positive Impulse für eine bessere Verknüpfung von Lernformen und intensivere Kooperationen der Bildungsinstitutionen erwartet.

Wissenschaftlich begleitet wird die Initiative von einem Konsortium der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (Lehrstuhl für Berufspädagogik) und der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik). Beraten wird die Gesamtinitiative von einem Beirat, in dem Beauftragte des Bundes, der Länder und der Sozialpartner vertreten sind. Darüber hinaus wurde in jedem  Projekt eine Steuergruppe gebildet, die die Projektarbeiten beratend und mitwirkend unterstützt. Die Steuergruppen setzten sich zusammen aus Vertreter und Vertreterinnen u.a. der jeweiligen Länderministerien, der regionalen Kammern, Schulen und  Betriebe, der Sozialpartner und der Berufsverbände.

Die Arbeitsfelder

In den 10 Pilotprojekten, die 2008 ihre Arbeit aufnahmen, wurden bisher  branchenspezifische  Übergangs- und Anrechnungsmodelle für folgende vier Schnittstellen des deutschen Berufsbildungssystems entwickelt : 1

  • zwischen Berufsausbildungsvorbereitung und dualer Ausbildung
  • innerhalb der dualen Berufsausbildung an der Schnittstelle gemeinsamer berufsübergreifenden Qualifikationen in einem Berufsfeld ( z.B. Wechsel von der Ausbildung zum Verfahrensmechaniker in die Mechatronikerausbildung: welche Lernleistungen/Kompetenzen können wie und in welchen Umfang auf die weitere Ausbildung angerechnet werden?)
  • zwischen vollzeitschulischer und dualer Berufsausbildung (  u.a. durch flexible Übergangmöglichkeiten von der Schule in eine betriebliche Ausbildung mit entsprechenden Anrechungsmodi für bereits vorhandene Lernergebnisse)
  • zwischen dualer Berufsausbildung und beruflicher Fortbildung (des Bundes nach § 53 und 54 BBiG) (neben der Frage, wie und in welchen Umfang z.b. in der Erstausbildung erworbene Zusatzqualifikationen auf die Fortbildung angerechnet werden können, steht hier vor allem die Frage im Vordergrund: wie können in langjähriger beruflicher Praxis non-formal/informell erworbene Kompetenzen auf die Fortbildung angerechnet werden?)

Die Verfahren und Modelle werden zurzeit mit  Probandengruppen in unterschiedlichen Bildungsinstitutionen, Schulen und Betrieben erprobt.

Das Arbeitsprogramm

Auf dem Wege zur Entwicklung und Erprobung möglicher Anrechnungsmodelle mussten zunächst in verschiedenen Arbeitsphasen die dazu erforderlichen Rahmenbedingungen und Instrumente entwickelt werden. Für diese Entwicklungsarbeiten wurde den Projekten die Vorgabe gemacht, sich an zentralen Konstruktionskriterien des ".European Credit System for Vocational Education and Training" (ECVET) zu orientieren. Zentral stehen hier die ECVET-Kriterien der Lernergebnisorientierung (Outcome), der  Kompetenzorientierung sowie der punktebezogenen Bemessung von Units für Anerkennungs- und Anrechnungsentscheidungen. Für Anrechnungsmodelle implizieren diese ECVET-Prinzipien zudem: die Zu- und Übergänge in den Subsystemen der Berufsbildung sollen nicht mehr primär an formalen Bildungsabschlüssen und Zertifikaten gekoppelt sein, sondern über die Feststellung vorhandener Lernergebnisse und Kompetenzen gestaltet werden.

Die Entwicklung der Rahmenbedingungen und Instrumente für schnittstellenspezifische Anrechnungsmodelle erfolgte in allen Projekten auf der Basis eines einheitlichen Arbeitsprogramms:

 Im ersten Schritt wurden die Qualifikationen der einbezogenen Berufsprofile auf der Basis der gesetzlich vorgegebenen Ausbildungsordnungen und Rahmenplänen ergebnis-/outcomeorientiert beschrieben, d.h. in Form von Kompetenzen und den ihnen inhärenten Kenntnissen und Fertigkeiten, die der Lernende beherrscht und in Handlungskontexten realisieren und anwenden kann. Zusammengefasst wurden die Lernergebnisse in Units (= Lerneinheiten im Sinne von "Einheiten von Gelerntem"), die Teile einer Qualifikation (Beruf) darstellen und in der Summe eine Gesamtqualifikation abbilden.

Anschließend wurden Überschneidungspotentiale (Äquivalenzen) zu den Lernergebnissen an den Schnittstellen eruiert und dokumentiert.
Im folgenden Arbeitsschritt erfolgte die Entwicklung einer Bemessungsgrundlage für die Zuordnung von Leistungspunkten pro Units. Die Punkte sollen den Leistungsgrad der Lerneinheiten und ihr Verhältnis untereinander als auch zur Gesamtqualifikation quantitativ gewichten.

Im weiteren Schritt wurden Verfahren, Erfassungsinstrumente und Prüfungsformen entwickelt bzw. angepasst und kombiniert, die es erlauben , die in den Units als Lernergebnisse beschriebenen Kompetenzen zu überprüfen und zu bewerten. Kriterien für die Entwicklung der im Einzelnen sehr unterschiedlich ausgeformten Prüfungsansätze waren u.a. der Wissen und Kenntnisse integrierende Kompetenzbezug der Prüfungsinstrumente, Ausführungs-, Handlungs- und Performanzorientierung der Prüfung sowie Validität des Prüfungsverfahrens.  Zur Sicherung der Umsetzbarkeit und Akzeptanz der neuen Prüfungsansätze waren zudem Kriterien der Verfahrensökonomie und Prüfungskompetenz zu berücksichtigen. Da die auf Anrechnungen orientierten Kompetenzprüfungsverfahren an das Prüfungspersonal neue Anforderungen stellen, entwickelten die Pilotprojekte Qualifizierungskonzepte für das Prüfungspersonal. Für die Akzeptanz der zu erprobenden Anerkennungsverfahren bei allen beteiligten Bildungsakteuren wird es entscheidend sein, dass die Prüfungsverfahren transparent, nachvollziehbar und valide sind.

Während in den beschrieben Arbeitsschritten die  Konstruktbasis für Anerkennungen geschaffen wurde, geht es in der derzeitigen Arbeitsphase der DECVET - Projekte um die Ausgestaltung und Erprobung von pragmatischen und akzeptanzfähigen Anrechnungsverfahren. Konkret sind hier  u. a. die Fragen zu klären: Wie wird ein Anrechnungsverfahren ausgelöst? Von welchen Akteuren / Institutionen wird das Verfahren aktiv gestaltet und verantwortet? Wer erfasst die Lernergebnisse, wer bewertet und zertifiziert sie, wer erkennt an? Die Ausgestaltung und Realerprobung von Anrechnungsverfahren ist nur durch Einbezug aller Akteure der beruflichen Bildungspraxis und auf der Basis von Commitments realisierbar. Der aktive Einbezug der Akteure der beruflichen Bildung in die Steuerkreise der Gesamtinitiative und der Projekte wirkt hier unterstützend.

Erprobungsergebnisse zur Umsetzbarkeit, Effizienz und Funktionalität der entwickelten Anrechnungsmodelle werden 2011 vorliegen. Auf der Basis der Ergebnisse  wird zu prüfen sein, ob und inwieweit  sich die nach Schnittstellen und Branchen differenzierten Anrechnungsmodelle für das Gesamtsystem beruflicher Bildung generalisieren und standardisieren lassen.

Kontaktadressen zu Decvet im BIBB:

Frau Köhlmann-Eckel

Fußnoten:

1 Für die Schnittstelle zwischen Berufsbildung und Hochschulen wurde in einer eigenen Pilotinitiative ANKOM ( "Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge") mit 10 Projekten entsprechende Anrechnungsmodelle entwickelt und erprobt ( weitere Informationen unter www.ankom.his.de )

Letzte Änderung: 21.04.2010

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