4. In welchen Berufen wird sich der Fachkräftemangel zeigen?
Würde allein der erlernte Beruf betrachtet, so würde bereits heute in einigen der 12 betrachteten Berufshauptfelder ein hoher Fachkräftemangel vorliegen (vgl. Abbildung 2). Diese Betrachtungsweise unterstellt jedoch, dass es keine berufliche Flexibilität gibt, d.h. ein jeder übt seinen erlernten Beruf auch tatsächlich aus. Die Situation würde sich insbesondere demografiebedingt bis 2025 verschärfen und sich in Richtung eines übergreifenden Fachkräftemangels weiterentwickeln - vorausgesetzt, das Ausbildungsverhalten setzt sich im Trend der letzten Jahre weiterhin fort.
Abbildung 2: Differenz zwischen Erwerbspersonen und Erwerbstätigen vor Einbeziehung der beruflichen Flexibilität - in 1000 Personen -

Tatsächlich werden jedoch viele der Erwerbstätigen in ihrem erlernten Beruf nicht bleiben. Sie werden in ein anderes Berufshauptfeld wechseln. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig. Anreiz für einen Wechsel können sowohl bessere Beschäftigungschancen, Einkommenschancen, bessere Arbeitsbedingungen, Aufstiegschancen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, regionale Unterschiede usw. sein. Diesen Grad der beruflichen Flexibilität beschreibt die sogenannte Flexibilitätsmatrix des BIBB (MAIER et al. in HELMRICH, ZIKA 2010: S. 153-180), die für die BIBB-Berufsfelder aufzeigt, wer mit welchem erlernten Beruf in welchem ausgeübten Beruf arbeitet, wer also in seinem erlernten Berufsfeld bleibt und wer dieses wechselt. Es geht hier nicht vorrangig um die Gründe des Wechsels sondern um die Chance und die berufliche Flexibilität, die dies ermöglicht.
Der in Abbildung 3 dargestellte, teilweise Ausgleich von Arbeitskräfteangebot und Arbeitskräftebedarf ist jedoch nicht alleine auf die "beruflichen Wanderungsbewegungen" zurückzuführen. Neben den "Berufswechslern" beinhaltet das Merkmal "ausgeübter Beruf" auch gut 600.000 Personen (=1,5 % aller Erwerbstätigen), die nie einen Beruf erlernt haben. Diese Personengruppe ist damit auch nicht Bestandteil des Arbeitskräfteangebots, wie es in Abbildung 2 definiert ist.
Abbildung 3: Differenz zwischen Erwerbspersonen und Erwerbstätigen nach Einbeziehung der beruflichen Flexibilität - in 1000 Personen -

Bei der Gegenüberstellung von Arbeitskräftebedarf und Arbeitskräfteangebot auf der Ebene von Berufshauptfeldern lassen sich drei Gruppen von Berufen unter Berücksichtigung der Flexibilität unterscheiden:
Die erste Gruppe beinhaltet Berufshauptfelder, in denen dem projizierten Bedarf auch bis 2025 ein ausreichendes Angebot gegenübersteht:
Hierzu gehören:
- Be-, verarbeitende und instandsetzende Berufe
- Maschinen und Anlagen steuernde und wartende Berufe
- Berufe im Warenhandel und Vertrieb
- Büro-, kaufmännische Dienstleistungsberufe
In der zweiten Gruppe sind Berufshauptfelder zusammengefasst, die zwar durch eine angespannte Arbeitsmarktsituation gekennzeichnet sind, das projizierte Angebot aber den Bedarf rein rechnerisch noch deckt. Im Einzelnen sind dies:
- Rohstoffgewinnende Berufe
- Technisch-Naturwissenschaftliche Berufe
- Lehrberufe
Die dritte Gruppe umfasst Berufshauptfelder, für die mindestens eine Projektion ein quantitativ nicht ausreichendes Arbeitskräfteangebot projiziert. Hierzu zählen:
- Verkehrs-, Lager-, Transport, Sicherheits- und Wachberufe
- Gastronomie- und Reinigungsberufe
- Rechts-, Management- und wirtschaftswissenschaftliche Berufe
- Künstlerische, Medien-, Geistes- und Sozialwissenschaftliche Berufe
- Gesundheits- und Sozialberufe, Körperpfleger
Die Gegenüberstellung der Projektionen des Angebots und Bedarfs hat Modellcharakter.