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Entdecke Dein Talent - das Berufsorientierungsprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung

Carolin Kunert

Rund 60.000 junge Menschen verlassen jedes Jahr ohne Abschluss die Schule. Eine weitere wachsende Zahl von jungen Menschen gilt als nicht ausbildungsreif und findet keinen Zugang zum Arbeitsmarkt. Zudem gibt es einerseits eine relativ hohe Zahl von Ausbildungsabbrüchen, während andererseits viele Betriebe insbesondere in Ostdeutschland Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen können. Diesen Trend will das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit seinem Programm "Förderung von Berufsorientierung in überbetrieblichen und vergleichbaren Berufsbildungsstätten" stoppen und Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen. 

Hohe Akzeptanz bereits in der Pilotphase

Das im Jahr 2008 gestartete Programm zur Berufsorientierung hat schon in der Pilotphase eine hohe Akzeptanz bei den Jugendlichen und beim Bildungspersonal gefunden. Das zeigen nicht nur die hohen Teilnehmerzahlen (zum gegebenen  Zeitpunkt bereits mehr als 100.000; bewilligt: fast 170.000), sondern auch die Ergebnisse der internen und externen Evaluation des Programms. Die bis zum 31.Dezember 2010 befristete Pilotphase konnte daher vorzeitig beendet, das Förderprogramm verstetigt werden. Neu ist, dass neben der praktischen Erprobung in Berufsbildungsstätten nun auch eine Potenzialanalyse Bestandteil der Förderung ist und das Berufsorientierungsprogramm in die BMBF-Bildungsketten-Initiative integriert ist. Diese umfasst neben Potenzialanalyse und Berufsorientierung auch den Einsatz von "Berufseinstiegsbegleitern" für besonders förderungsbedürftige Schülerinnen und Schüler ab der Vorabgangsklasse.

Berufsorientierung muss heute junge Menschen darauf vorbereiten, sich ständig neuen Anforderungen zu stellen. Für eine erfolgreiche Bewältigung dieser Aufgabe brauchen sie ein stabiles Fundament von berufsübergreifenden Schlüsselkompetenzen. Es geht es also nicht mehr primär um die Frage "Was will ich werden?", sondern um die Stärkung der Persönlichkeit. Dies bedeutet einen Paradigmenwechseln in der Berufsorientierung: Weg von der reinen beruflichen Information und Beratung - hin zur Förderung des beruflichen Selbstkonzepts. Deswegen startet das Berufsorientierungsprogramm mit der Potenzialanalyse bereits in der 7. Klasse. Die Werkstatttage sind in der 8. Klasse vorgesehen.  Dadurch bleibt genug Zeit, die Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage der ermittelten Stärken und Potenziale individuell zu fördern, erforderliche Schlüsselkompetenzen weiter zu entwickeln und sie auf erste berufliche Entscheidungen im Rahmen der praktischen Berufsorientierung vorzubereiten.

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Neu im Programm: Die Potenzialanalyse

Für die meisten Jugendlichen in der 7. Klasse spielt die Berufswahl noch keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle. Vielmehr ist ihre Lebensphase geprägt vom Beginn der Pubertät, von Abgrenzungstendenzen und Identitätsfragen. Durch systematische Selbst- und Fremdeinschätzung unterstützt die Potenzialanalyse diese ersten Prozesse der Selbstreflexion und fördert eine realistische Selbstwahrnehmung im Hinblick auf externe Anforderungen. Sie zeigt, welche verborgenen Talente in den Jugendlichen schlummern und gibt Hinweise, wie Kompetenzen durch individuelle Förderung in Anschluss weiterentwickelt werden können.

In der Potenzialanalyse werden Personal-, Sozial- und Methodenkompetenz untersucht, berufsübergreifende Schlüsselkompetenzen also, die auch im Alltagsleben von Bedeutung sind.  Es handelt sich explizit nicht um eine Lernstandsfeststellung schulischer Lerninhalte. Die Potenzialanalyse sollte zur klaren Abgrenzung auch deshalb außerhalb der schulischen Räumlichkeiten stattfinden.

Potenzialanalysen nutzen Verfahren, die auch bei anderen Kompetenzfeststellungen zum Einsatz kommen. Man unterscheidet drei Verfahrensarten: simulations- bzw. handlungsorientierte Verfahren, biografieorientierte Verfahren und Verfahren zur Selbst- und Fremdbeschreibung.
Die Potenzialanalyse im Rahmen des Berufsorientierungsprogramms hat eine Gesamtdauer von bis zu 3 Tagen. Hier kommen primär handlungsorientierte Verfahren, wie z.B. Assessment Center-Übungen oder Arbeitsproben zum Einsatz.  Die Teilnehmenden erhalten die Möglichkeit, eigene Kompetenzen auszuprobieren und eigene Fähigkeiten, Neigungen und Interessen zu identifizieren. Die Schülerinnen und Schüler werden bei den Übungen anhand von vorab definierten Verhaltenskriterien durch geschulte Pädagogen beobachtet (max. 1:4)  und erhalten anschließend in Einzelgesprächen Rückmeldung. Die Beobachtung erfolgt verhaltensorientiert und wird bewusst - auch zeitlich - von deren Bewertung getrennt. Um subjektive Eindrücke und Beobachtungsfehler zu vermeiden bzw. zu reduzieren, wechseln die Beobachter nach jeder Aufgabe. Die Ergebnisse der Potenzialanalyse werden mit den Jugendlichen nach dem Prinzip des Kompetenzansatzes reflektiert sowie schriftlich dokumentiert und dienen als Grundlage für eine individuelle Förderung der jungen Menschen im Anschluss.

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Die praktische Berufsorientierung: ein Element der BMBF-Bildungsketten

Die Idee des Berufsorientierungsprogramms und der Bildungsketten ist, dass die verschiedenen Maßnahmen der Berufsorientierung aufeinander aufbauen bzw. miteinander verzahnt sind. Die Potenzialanalyse ist das erste Glied dieser Kette, deren Ergebnisse in die weiteren Maßnahmen und Unterstützungsangebote im Rahmen der Berufsorientierung einfließen sollen. Deswegen ist es wichtig, dass Eltern, Schulen und andere beteiligte Institutionen in den Prozess mit einbezogen werden. Außerdem sind Potenzialanalyse und Berufsorientierung konzeptionell miteinander zu verbinden. Die damit verbundene Vorstellung ist z.B., dass die Entscheidung über die Berufsfelder im Rahmen der Werkstatttage bewusster und den Neigungen und Kompetenzen der jungen Menschen entsprechend erfolgen kann.

Im Rahmen der Werkstatttage haben die Jugendlichen die Gelegenheit, für zwei Wochen bzw. 80 Stunden in einer Berufsbildungsstätte unter Anleitung erfahrener AusbilderInnen praktische Erfahrungen in mindestens drei Berufsfeldern zu machen.  Berufsbildungsstätten verfügen über die erforderlichen Werkstatteinrichtungen und die Erfahrungen in der beruflichen Erstausbildung. Durch die räumliche und inhaltliche Distanz zur alltäglichen Schulrealität haben Jugendliche auch hier die Chance, neue Talente zu entdecken und neue Seiten von sich zu zeigen. Die Rückmeldungen aus der Pilotphase zeigen, dass Jugendliche durch praktisches Tun Selbstvertrauen und Stolz auf die eigene Leistung entwickeln. Das gewonnene Selbstverständnis ermutigt sie zu vermehrten  Anstrengungen und weckt die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Wenn es außerdem gelingt, den Anwendungsbezug schulischer Lerninhalte erlebbar zu  machen, hat dies erfahrungsgemäß auch positiven Einfluss auf die schulischen Leistungen. Die Jungen und Mädchen lernen beim "Selbermachen" die Realität unterschiedlicher Berufe kennen und können dabei prüfen, ob die Tätigkeit ihren Neigungen entspricht. Dies hilft dabei, die spätere Berufswahl bewusst und überlegt zu treffen. Das selbst bestimmte Berufsziel wird mit größerem Ernst verfolgt. Die Aussicht einen Ausbildungsplatz zu bekommen und die Ausbildung erfolgreich abzuschließen, steigt.

Die Berufsorientierung schließt mit einer Zertifizierung ab, die Schülern wie potenziellen Lehrherren als Entscheidungshilfe für die Berufswahl bzw. die Übernahme in ein Ausbildungsverhältnis dienen soll. Dabei ist schulische Beteiligung wichtig und erwünscht: Die Teilnahme der Lehrerinnen und Lehrer an der Berufsorientierung wird von den Jungen und Mädchen als persönliche Wertschätzung empfunden und gewürdigt. Eine enge Verzahnung mit der Schule fördert zudem die nachhaltige Wirkung von Potenzialanalyse und Berufsorientierung.

nsbesondere die Durchführung einer Potenzialanalyse in der 7. Klasse, also mit jungen Menschen im Alter zwischen 12 und 15, ist in dieser Form noch relativ neu. Einige Landesinitiativen können bereits auf erste Erfahrungen zurück schauen. Aus diesem Grund wird die Potenzialanalyse in der ersten Phase des nun verstetigten Berufsorientierungsprogramms intensiv durch das BIBB begleitet und evaluiert, um auf dieser Grundlage die Verfahren und Qualitätsstandards kontinuierlich weiterzuentwickeln.

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Literatur

  • Bundesministerium für Bildung und Forschung: Qualitätsstandards zur Durchführung von Potenzialanalysen in Programmen zur Berufsorientierung des BMBF. Berlin, Mai 2010.
  • Bundesinstitut für Berufsbildung/Institut für Maßnahmen zur Förderung der beruflichen und sozialen Eingliederung e.V. (Hrsg.): Qualitätsstandards für Verfahren der Kompetenzfeststellung im Übergang Schule - Beruf. Bonn und Moers 2007.
  • Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik GmbH: Handreichung zur Durchführung von Potenzialanalysen im Berufsorientierungsprogramm (BOP) des BMBF. Offenbach am Main, Mai 2010.
  • Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik GmbH/Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur: Evaluierung des Berufsorientierungsprogramms in überbetrieblichen und vergleichbaren Bildungsstätten. Offenbach und Frankfurt, Januar 2010.
  • Kriterienkatalog Ausbildungsreife. Ein Konzept für die Praxis. Erarbeitet vom Expertenkreis "Ausbildungsreife" im Auftrag des Pakt-Lenkungsausschusses. Nürnberg und Berlin, Januar 2006.

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Letzte Änderung: 14.12.2010

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