Berufsbildungszusammenarbeit des BIBB mit Indien
Maren Verfürth
Am Rande der deutsch-indischen Regierungskonsultationen unter Leitung von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel fand am 31. Mai 2011 in Delhi ein bilaterales Gespräch zwischen Bundesministerin Prof. Dr. Schavan und dem indischen Arbeitsminister Mallikarjun Kharge statt. BM0in Schavan sagte dem indischen Arbeitsminister Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zu.
Für die indische Regierung ist das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) bei der Reform seines Berufsbildungssystems ein wichtiger Partner. BIBB-Präsident Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, der ebenfalls zur Delegation bei den deutsch-indischen Regierungskonsultationen gehörte:
"Indien als aufstrebende Wirtschaftsmacht hat sich das Ziel gesetzt, bis 2022 rund 500 Millionen Menschen beruflich zu qualifizieren. Bei dieser gewaltigen Aufgabe zählt die indische Regierung auf deutsche Unterstützung und insbesondere auf die Expertise des BIBB. Aufgrund seiner einzigartigen Verbindung zwischen Theorie und Praxis entwickelt das deutsche duale Berufsbildungssystem für Indien große Anziehungskraft. Das BIBB kann mit seinen Beratungsdienstleistungen einen starken Beitrag für die Weiterentwicklung des indischen Berufsbildungssystems leisten."
Die indische Zentralregierung - Government of India (GOI) - unternimmt mit der "Skill Development Mission" eine massive Anstrengung zur Reform des indischen Berufsbildungssystems. Hintergrund dieser Reformanstrengungen ist die Herausforderung, das gravierende Ungleichgewicht zwischen unzureichend qualifizierten Arbeitskräften und dem gleichzeitig wachsenden Bedarf der indischen Wirtschaft nach qualifizierten Fachkräften auszugleichen. Angestrebt wird daher der rasche Aufbau einer leistungsfähigen Berufsbildungsinfrastruktur. Dies umfasst u.a. die Erarbeitung nationaler Standards und Zertifizierungen (NVQF), die Modernisierung bzw. den Bau von Ausbildungsstätten oder -zentren, die Qualifizierung des Ausbildungspersonals, den Zugriff auf moderne technische Ausstattungen, zeitgemäße berufspädagogische Ausbildungsmethoden und -medien und die Etablierung von Berufsbildungsforschung.
Die indische Seite hat explizit deutsches Know How zur Unterstützung seiner Anstrengungen bei der Modernisierung des Berufsbildungssystems angefragt. Es geht dabei nicht um Systemübertragung, sondern darum, spezifische Elemente des deutschen Systems in den indischen Reformprozess einfließen zu lassen. Von besonderem Interesse ist hierbei die Einbeziehung der Privatwirtschaft auf allen Ebenen. Hier hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Berufsbildung in Indien nicht mehr weiterhin ausschließlich durch den Staat zu gestalten ist, sondern im Interesse der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsrelevanz die Wirtschaft an dieser Anstrengung beteiligt werden muss. Daher blickt die indische Regierung interessiert auf das deutsche duale System, in welchem die Wirtschaft eine tragende Rolle als Arbeitgeber, Lernort, Prüfungs- und Zertifizierungsstelle und Mitgestalter von Rahmenbedingungen spielt.
Innerhalb der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geleiteten deutsch-indischen Arbeitsgruppe zur Berufsbildung wurde vereinbart, dass Fachleute des BIBB künftig die indische Regierung bei der Entwicklung von Berufs- und Prüfungsstandards, bei der Qualifikationsentwicklungsforschung sowie bei der Qualifizierung des Ausbildungspersonals beraten werden. Ein erster gemeinsamer Workshop ist Mitte September in Neu-Delhi geplant. "Das Ziel der BIBB-Strategie ist, die Fachkräfte vor Ort nachhaltig zu stärken", betont BIBB-Präsident Esser. Auch ein Austausch von Gastwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen zwischen dem BIBB und dem "Central Staff Training und Research Institute" (CSTARI) ist vorgesehen, um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern.
Die deutsche indische Arbeitsgruppe zur Berufsbildung wurde in Folge deutsch - indischer Regierungsverhandlungen im Jahr 2007 gegründet, bei denen die indische Regierung die deutsche Regierung um Unterstützung bei der Reform des indischen Berufsbildungssystems gebeten hat. Im Auftrag des BMBF koordiniert das BIBB diese AG.
Die Sitzungen der deutsch-indischen Arbeitsgruppe zur Berufsbildung finden einmal im Jahr, abwechselnd in Indien und Deutschland, statt. Weitere deutsche Mitglieder der AG sind AA, BMZ, das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), die Initiative "International Marketing of Vocational Education" (iMOVE) und sequa. Indische Mitglieder der AG sind das indische Arbeitsministerium (MoLE), welches auf indischer Seite die Federführung inne hat, das indische Bildungsministerium (MoHRD), der Kammer- und Industrieverband "Federation of Indian Chambers of Commerce & Industry" (FICCI) und der Industrieverband "Confederation of Indian Industry" (CII). Über diese Mitglieder hinaus nehmen abhängig vom Gegenstand der Sitzung weitere Institutionen teil, wie beispielweise die Deutsche Gesellschaft für Inter-nationale Zusammenarbeit (giz), einzelne deutsche Kammern und Verbände, das indische Ministerium für kleinste, kleine und mittlere Unternehmen (MoMSME) oder das indische Apex Hi-Tech Institute.
Der in den bisherigen Treffen stattgefundene Informationsaustausch in der AG bezieht sich auf folgende Themenbereiche, die in sogenannten "Issues" festgehalten sind:
Issue-1: Creating Public Private Partnership on the Pattern of German Dual System
Issue-2: German Assistance in Upgradation of Vocational Training Institutions
Issue-3: Training of Trainers
Issue-4: Development of Competency Standards
Issue-5: Transparency of Qualifications (Mutual Recognition of Qualification)
Issue-6: Development of Instructional Material
Issue-7: Assessing Labor Market Demand and Converting it into Training Modules
Das BIBB leistet kontinuierlich inhaltliche Beiträge zu den in der AG beschlossenen Aktions-linien. Aktuell ist das Institut in folgende Aktivitäten eingebunden, mit deren Hilfe der deutsch-indische Dialog zur Reform des indischen Berufsbildungssystems weiter ausgebaut und fachlich vertieft werden soll:
- Eine sogenannte "Stocktaking-Studie", die an die Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk (ZWH, Düsseldorf) vergeben worden ist, soll das Ausbildungsengagement deutscher Unternehmen in Indien untersuchen und Vorschläge zur Stärkung des Engagements erarbeiten.
- Beratung des "Central Staff Training and Research Institute" (CSTARI) in Kalkutta, welches dem Director General Employment & Training (DGET) unterstellt ist. Themen der Beratung sind Berufsstandardisierung, Qualifikationsentwicklungsforschung und Ausbildung des Bildungspersonals sowie Planung eines Aufenthalts von bis zu vier Gastwissenschaftlern des CSTARI beim BIBB.
- Zusammenarbeit mit der semi-privatwirtschaftlichen "National Skill Development Corporation" (NSDC) im Bereich der Entwicklung von Berufs-, Ausbildungs- und Prüfungsstandards.





