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Azubis für den Aufschwung

 

Azubis für den Aufschwung

Die Konjunktur zieht an: Mit dem Aufschwung schafft die Wirtschaft Stellen - auch für Auszubildende. Doch eine enorme Fachkräftelücke droht.
Vier Themen gehören auf die Agenda eines jeden Sofortprogramms.

VON PROF. DR. FRIEDRICH HUBERT ESSER

Der deutsche Wirtschaftsmotor brummt. Das ist gut für den Arbeitsmarkt und auch für den Ausbildungsstellenmarkt, denn aufgrund der engen Verzahnung folgt der Lehrstellenmarkt dem Arbeitsmarkt mit geringer Verzögerung - in guten wie in schlechten Zeiten. So ist 2011 mit einer positiven Entwicklung zu rechnen: Die Zahl der Ausbildungsplatzangebote steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 40000 auf knapp 620000. So weit, so gut - wäre da nicht die demographische Entwicklung.

Die berufliche Bildung in Deutschland steht vor großen Herausforderungen, weil den Betrieben bald die Menschen fehlen werden, die als Fachkräfte den Aufschwung tragen sollen. Die Zahl der Jugendlichen geht weiter zurück, immer weniger junge Menschen stehen somit dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Gleichzeitig werden in wenigen Jahren viele Beschäftigte das Rentenalter erreichen - eine enorme Fachkräftelücke droht. Bis 2025 könnten rund zwei Millionen Fachkräfte in Deutschland fehlen. In einigen Regionen und Branchen ist dieser Mangel bereits heute deutlich spürbar.

Um den Fachkräftemangel wirksam zu bekämpfen, ist ein Mix aus unterschiedlichen Politikansätzen erforderlich, wobei neben gesellschafts-, sozial- und arbeitsmarktpolitischen Initiativen vor allem vier berufsbildungspolitische Themen auf die Agenda eines Sofortprogramms gehören:

Übergangsmanagement etablieren

Um den Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung zu verbessern, unternehmen Bund, Länder und Kommunen viel - aber nicht unbedingt nachhaltig. So sinnvoll viele einzelne Maßnahmen auch sein mögen, insgesamt betrachtet sind sie zu wenig miteinander vernetzt. Das "Übergangssystem" ist intransparent und - gemessen am finanziellen Aufwand - ineffizient. Der Maßnahmen-Wirrwarr muss endlich entflochten werden. Nach Expertenschätzungen kostet das "Übergangssystem" jährlich mehr als 4 Milliarden Euro. Geld ist also genug vorhanden, man muss es nur endlich sinnvoll(er) einsetzen: Prävention statt Reparatur muss die Devise eines sofort zu etablierenden Übergangsmanagements lauten. Das Programm "Bildungsketten" der Bundesregierung und der Einsatz von "Berufseinstiegsbegleitern" sind dabei wichtige Anknüpfungspunkte. Was fehlt, ist der auf allen Ebenen miteinander abgestimmte flächendeckende Ansatz.

Alle Potentiale nutzen

Kein Jugendlicher darf künftig dem Ausbildungsstellenmarkt verlorengehen. Ausbildungsfähigen und -willigen Jugendlichen muss ein betriebliches Ausbildungsangebot unterbreitet werden. Wo dies nicht gelingt, muss es außerbetriebliche oder vollqualifizierende schulische Ersatzangebote geben. Die rund 84 000 Jugendlichen, die 2010 trotz vorhandener Ausbildungsreife und vorhandenem Ausbildungswunsch neu im "Übergangssystem" landeten, gehören dort nicht hin. Sie müssen ausgebildet werden, um aus ihnen Fachkräfte von morgen zu machen. Das Übergangsmanagement muss künftig auf diejenigen konzentriert werden, denen der Übergang - aus welchen Gründen auch immer - schwerfällt. Diese Jugendlichen brauchen Unterstützung, um sie an die Ausbildung heranzuführen. Eltern, Lehrer und Betriebe müssen sich dieser Aufgabe in noch viel stärkerem Maße als bislang öffnen.

Ungelernte nachqualifizieren

Knapp 1,5 Millionen junge Erwachsene im Alter von 20 bis 29 Jahren verfügen über keinen Berufsabschluss. Dies kann sich Deutschland nicht erlauben. Alle Untersuchungen zeigen: Ein qualifizierter Abschluss ist noch immer die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Vor allem der Bund ist hier gefordert, die notwendigen Maßnahmen, wie zum Beispiel die Vorbereitung auf die sogenannte Externenprüfung, zu ergreifen, um die Zahl bis zum Jahr 2015 zu halbieren.

Ältere weiterbilden

Vor allem die älteren Arbeitnehmer müssen stärker für die Weiterbildung gewonnen werden. Es gilt, diese Menschen mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung länger in Beschäftigung zu halten. Gefordert sind hier vor allem die Betriebe selbst: Gerade kleine und mittlere Unternehmen müssen entsprechende Personalentwicklungs-, Gesundheits-, Lern- und Arbeitszeitmodelle entwickeln, die es Älteren auch jenseits der 55 oder 60 Jahre ermöglichen, produktiv für den Betrieb tätig zu sein.

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser ist Präsident
des Instituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.

 

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Letzte Änderung: 27.05.2011


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