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'Das System ist und bleibt ein Erfolgsmodell!'

Interview mit Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung

IHKplus
Der technologische wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel stellt hohe Anforderungen an die künftige Qualifikation der Fachkräfte in den Unternehmen. Maßgebliche Grundlage für diese Qualifikationen sind in Deutschland die duale Berufsausbildung und die betriebliche Weiterbildung. Wird die duale Ausbildung den sich ändernden Anforderungen auch künftig noch gerecht? Oder brauchen wir mehr Studierende?

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser
Das duale System ist ein lernendes System und wird genau deshalb auch in Zukunft den Anforderungen gerecht werden. In den letzten Jahren wurde reichlich über die Zukunft unseres Ausbildungssystems diskutiert. Jetzt werden gute Verbesserungsvorschläge umgesetzt: Bildungsketten im Rahmen eines Übergangsmanagements, Berufsgruppen im Rahmen eines Beruferelaunches oder die Verzahnung von Berufsbildung und Studium, um einige Beispiele zu nennen. Eine einseitige Forderung nach mehr Akademikern ist falsch. Die OECD selbst bescheinigte dem dualen Ausbildungssystem zuletzt eine weltweit hohe Anerkennung. Eine Berufswertigkeitsstudie aus NRW dokumentiert, dass die Karrierechancen beruflich Qualifizierter nicht hinter denen von Akademikern zurückstehen. Der Qualifikationsbedarf der Wirtschaft wird weiterhin sehr differenziert sein. Deutschland wird ein hochpreisiger, auf Qualitätsprodukte setzender Wirtschaftsstandort bleiben. Folglich werden wir eher mehr als weniger Höherqualifizierte brauchen - damit sind aber nicht nur die Akademiker gemeint. Der Deutsche Qualifikationsrahmen wird das in Zukunft deutlich machen: Meister und Techniker werden hier, so die Ergebnisse einer Erprobungsphase, auf Augenhöhe mit dem Bachelor bewertet werden.

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Immer noch klafft eine große Lücke zwischen dem Angebot an Lehrstellen und der Nachfrage bei den Schulabgängern, zahlreiche Stellen bleiben unbesetzt. Sind die Ausbildungsberufe zu anspruchsvoll?

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser
Die Einflüsse auf Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt sind vielfältig. Neben demografischen, wirtschaftlichen und regionalen Entwicklungen spielen Berufswahlverhalten und insbesondere die Ausbildungsreife der Jugendlichen eine nicht unerhebliche Rolle bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen. Die Neuordnung von Ausbildungsberufen richtet sich nach den Erfordernissen der technisch gewerblichen Entwicklungen. Zudem gibt es verschiedene Anspruchsniveaus der Ausbildungsberufe, die sich vor allem in der Ausbildungsdauer widerspiegeln. Wenn wir die Ausbildungsreife gerade unserer Hauptschüler sowie der Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch eine stärker individualisierte Förderung sowie Berufsorientierung in der vorberuflichen Bildung verbessert bekommen, wird die Lücke erheblich kleiner werden.

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Die Bertelsmann Stiftung fordert eine Ausbildungsgarantie, die aus Mitteln der "Warteschleifen", dem staatlich geförderten Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung, finanziert werden soll. Kann ein solches System erfolgreich sein? Können die "Übergangs- und Warteschleifen-Systeme" eliminiert werden?

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser
Der Begriff "Warteschleifen" im Zusammenhang mit Maßnahmen zwischen der allgemeinbildenden Schule und dem Beginn einer dualen Ausbildung wird nach meiner Auffassung aktuell überstrapaziert. In Zeiten eines deutlichen Überhangs an Ausbildungsplatzbewerbern hat der Übergangsbereich - von einer systematischen Struktur möchte ich gar nicht sprechen - die aus Sicht der Jugendlichen ungünstige Angebots-Nachfrage-Relation abpuffern können. Viele Jugendliche konnten und können diese angebotenen Maßnahmen nutzen, um einen Schulabschluss nachzuholen und damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern Anderen wird erst nach der Schule die erforderliche Ausbildungsreife vermittelt. Nicht alle Maßnahmen zeigen jedoch den gewünschten Erfolg. Hier müssen wir zukünftig die Instrumente des Übergangsmanagements, bspw den Bildungskettenansatz oder die Grundqualifizierung mit Ausbildungsbausteinen konsequent umsetzen.

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Wird in den IHK Abschlussprüfungen der Auszubildenden tatsächlich das Wissensspektrum abgefragt, das eine Fachkraft für die gestiegenen Anforderungen im Berufsleben benötigt? Wer soll künftig der Zertifizierer sein?

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser
Die Abschlussprüfungen werden eben sowie Struktur und Inhalte der Ausbildung unter Beteiligung von Bund, Ländern und Sozialpartnern entwickelt - in den IHKs als öffentlich-rechtlichen Organisationen wird die Prüfung von Praktikern aus der Wirtschaft und den berufsbildenden Schulen einzelbetriebsunabhängig abgenommen und zertifiziert. Damit wird gewährleistet, dass die Prüfungsinhalte den aktuellen und zukünftigen Gegebenheiten in den Branchen entsprechen und Fachkräfte für einen ganzen Markt und nicht nur für einen einzelnen Betrieb verfügbar sind. Dieses System ist und bleibt ein Erfolgsmodell!

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In der Wahrnehmung vieler junger Menschen ist das duale Berufsausbildungssystem nicht attraktiv genug. Was kann man tun?

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser
Wir müssen die Stärken des dualen Systems - gleichwertig, durchlässig, differenziert, karriereorientiert und auch zunehmend international zu sein - besser herausstellen und vermarkten. Um Chancen und Möglichkeiten der dualen Aus- und Weiterbildung gerade auch bei leistungsstarken Schulabsolventen bekannter zu machen, planen Bundesregierung und Wirtschaft zurzeit entsprechende öffentlichkeitswirksame Aktionen. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen sollen daneben durch Konzepte zur Fachkräftegewinnung unterstützt werden. Letztlich haben es vor allem die Ausbildungsbetriebe selber in der Hand, die Vorzüge einer Berufsausbildung deutlich zu machen und dafür zu werben.

Quelle:  IHKplus , Zeitschrift der IHK Köln,  Ausgabe 1. Juni 2011

Letzte Änderung: 15.06.2011


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