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Ganzheitlicher Ausbildungsnachweis (IHK Bodensee)

IHK Ausbildertag 2011

Im Rahmen der bundesweiten Modellinitiative zur "Qualitätsentwicklung und  -sicherung in der betrieblichen Berufsausbildung" des BIBB, generierte die IHK Bodensee-Oberschwaben auf der Grundlage einer Vorstudie den "Ganzheitlichen Ausbildungsnachweis" als konkretes Qualitätssicherungsinstrument. Diese weiterentwickelte Neuauflage des herkömmlichen Ausbildungsnachweises, auch als Berichtsheft bekannt, sieht vor, dass nicht nur das rein Fachliche, sondern auch die persönliche, individuelle Weiterentwicklung der Auszubildenden berücksichtigt wird. Darüber hinaus gibt der Ganzheitliche Ausbildungsnachweis Aufschluss darüber, was der/die Auszubildende in einer Woche gelernt hat und wie er/sie diese Tätigkeit infolgedessen beherrscht.
Um also nicht nur das WAS, sondern auch das WIE zu berücksichtigen, wurden einige neue Komponenten in den Ganzheitlichen Ausbildungsnachweis eingearbeitet. Ein stärkerer Abgleich der Lerninhalte mit dem Ausbildungsrahmenplan, Selbst- und Fremdbildabgleich, Lernfortschrittskontrolle, sowie Feedback und Zielvereinbarung tragen zur Förderung der Selbständigkeit der Auszubildenden bei und helfen, den Lernprozess effizienter zu gestalten. Darüber hinaus werden die Ausbilderinnen und Ausbilder durch eine bessere Übersicht über den Leistungs- und Entwicklungsstand ihrer Auszubildenden, mittel- und langfristig entlastet.

Im Zuge dieses Projektes wird der Ganzheitliche Ausbildungsnachweis nun in 50 Betrieben eingeführt, erprobt und evaluiert. Diese Pilotbetriebe bilden einen Querschnitt aus Branchen, Unternehmensgröße und Landkreisen im IHK-Bezirk Bodensee-Oberschwaben. Die Pilotphase des Projekts wurde auf dem Ausbildertag der IHK am 12. Mai 2011 eingeläutet.

Den Ausbildertag eröffneten Heinrich Grieshaber, Präsident der IHK Bodensee-Oberschwaben, mit dem Grußwort und Frau Dr. Dorothea Schemme vom BIBB aus dem Arbeitsbereich Entwicklungsprogramme / Modellversuche, mit der Vorstellung der bundesweiten Modellinitiative zum Thema "Qualitätsentwicklung und -sicherung in der betrieblichen Berufsausbildung". Die Rednerin ging anfangs auf die "Herausforderungen der Berufsbildung als Anlässe für Qualitätsverbesserungen" (Schemme 2011, Folie 1) ein und stellte anschließend "Ansätze aus Forschung und Praxis" (Schemme 2011, Folie 1) zum Thema Qualität in der betrieblichen Berufsausbildung vor. Darüber hinaus benannte Frau Dr. Schemme alle zehn Projekte der Modellinitiative und stellte die Strukturen und Prozesse dar.

Als Experte auf dem Gebiet der Qualitätsentwicklung und -sicherung in der betrieblichen Berufsausbildung, auf dessen Forschungsergebnissen die Modellinitiative des BIBB gründet, führte Prof. Dr. Georg Spöttl, Sprecher des Instituts Technik und Bildung an der Universität Bremen, tiefer in das Thema ein. Er stellte unter anderem mit Hilfe aktueller Statistiken, die Notwendigkeit der Qualitätsentwicklung und -sicherung in der betrieblichen Berufsausbildung zur Sicherung des Fachkräftebedarfs, dar. Besonders betonte der Hauptredner, dass diese Notwendigkeit den Ausbildungsakteuren bewusst gemacht werden müsse und sie dahingehend gefördert werden müssten, da die Ausbilderinnen und Ausbilder, die im Zentrum des betrieblichen Ausbildungsprozesses stünden, auf "konkrete Unterstützung zur Verbesserung der Ausbildungsqualität" (Spöttl, 2011, Folie 48) angewiesen seien. Darüber hinaus erläuterte Prof. Dr. Spöttl die Dringlichkeit der Entwicklung von Indikatoren für den Ausbildungsprozess und zwar, aufgrund der erheblichen Verschiedenheit der Ausbildungsprozesse, branchen- und berufsspezifisch (vgl. Spöttl 2011, Folie 48). 

In einem von sieben parallel stattfindenden Workshops mit einer spezifischen Fragestellung zur Qualität in der betrieblichen Berufsausbildung setzten sich die Ausbilderinnen und Ausbilder im Anschluss an den Hauptvortrag intensiver und praxisnah auseinander.

Im Workshop "Bewerbermarketing - der richtige Weg zu den passenden Azubis", zeigte Felicia Ullrich, Geschäftsführerin des U-Form Verlages, verschiedene Strategien des Bewerbermarketings auf. Unter anderem stellte sie verschiedene Auswahlverfahren sowie Auswahlprozesse vor und ging auf die web 2.0 basierte Recherche über Bewerberinnen und Bewerber ein.

Das Thema "Netzwerke aufbauen und nutzen" erörterte Markus Brunnbauer, Leiter des Geschäftsbereichs Ausbildung der IHK Bodensee-Oberschwaben, gemeinsam mit Vertretern verschiedener Netzwerke. Darunter Lernortkooperationen, das Projekt "VERA" (Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen) des Senior Experten Services und Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen.

Auch der Workshop "Umgang mit Lern- und Verhaltensauffälligkeiten" stieß auf reges Interesse. Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. med. Stefan Thelemann, der durch seine Tätigkeit im Berufsbildungswerk Adolf Aich, jahrelange Praxiserfahrung in diesem Bereich nachweisen kann, erarbeitete mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gemeinsam Handlungsstrategien und gab Hilfestellungen in der Ausbildung schwieriger junger Menschen.

Dr. Klaus Reichert, Unternehmensberater für Innovation, gab insbesondere nebenamtlichen Ausbilderinnen und Ausbildern, die fachliche Haupttätigkeit und Ausbildung vereinbaren müssen, Praxistipps im Workshop "Effizienter ausbilden - Strategien zum Zeitmanagement".

Die Grundlagen von "Feedback und Ziele im Dialog" als ein weiterer Aspekt des Themas Qualität in der betrieblichen Berufsausbildung wurden den Ausbilderinnen und Ausbildern von dem Berater-Trio, Norbert Schätzlein, SIRIS Systeme GmbH & Co. KG, Dr. Karin Schätzlein, Schätzlein Seminare und Fritz-Paul Mattes, selbständiger Dozent, nahe gebracht. Mittels eines Rollenspiels und verschiedenen Wahrnehmungsübungen wurden die Feinheiten und Techniken von Feedback und Zielvereinbarung herausgearbeitet und dargestellt.

Da außerdem Didaktik und Methodik für Ausbilderinnen und Ausbilder immer mehr an Bedeutung gewinnen, gab Prof. Dr. Joachim Rottmann von der Pädagogischen Hochschule in Weingarten seinen Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmern einen Überblick über die "Innovationen im Handlungsorientierten Lernen".

Im siebten Workshop berichteten Prof. Dr. Jürgen Seifried und Alexander Baumgartner von der Universität Konstanz anhand von Bildergeschichten über "professionelle Fehlerkompetenz von betrieblichen Ausbilderinnen und Ausbildern im Hotel- und Gastgewerbe".

Im Anschluss an die Workshops erläuterte Prof. Dr. Martin Fischer, Sprecher des Instituts für Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), nach einem amüsanten Streifzug durch die Geschichte des Berichtsheftes, die Neuerungen im "Ganzheitlichen Ausbildungsnachweis" aus pädagogischer Sicht. Mit dem neu konzipierten Ausbildungsnachweis kann seiner Auffassung nach Ausbildung besser geplant, Reflexion und Feedback gezielt gefördert und der Kompetenzerwerb der Auszubildenden besser beobachtet werden (Fischer 2011, Folie 16 ff.). Anschließend stellte er die Rolle des KIT als externe wissenschaftliche Begleitung dar und gab schließlich den Startschuss für das Projekt und die Pilotphase in der Region Bodensee-Oberschwaben.

Zusammenfassend lässt sich als Ergebnis des Ausbildertages festhalten, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie die Betriebe aus der Region Bodensee-Oberschwaben großen Wert auf Qualitätsentwicklung und -sicherung in der betrieblichen Berufsausbildung legen, und zwar insbesondere um ihren eigenen Bedarf an Fachkräften zu sichern. Aus dem hohen Interesse an dem Thema lässt sich ableiten, dass die Betriebe sehr wohl zur Investition der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen bereit sind, wenn sich ein Nutzen für die Beteiligten erkennen lässt.

Bis heute konnten 50 Betriebe zur Mitarbeit am Projekt "Ganzheitlicher Ausbildungsnachweis" gewonnen werden. Die Projektleiterin Sarah Heinzelmann wird das modifizierte Qualitätssicherungsinstrument mittels eines interaktiven Trainings für Ausbilder/innen und Ausbildungsbeauftragte sowie Auszubildende in den Pilotbetrieben einführen.

Nach der zweijährigen Erprobung des Instrumentes durch die 50 Betriebe wird eine Evaluation am Ende der Projektlaufzeit Aufschluss darüber geben, wie der Ganzheitliche Ausbildungsnachweis in der betrieblichen Praxis umsetzbar ist bzw. an welchen Stellen noch Entwicklungs- und Verbesserungsbedarf besteht.

Mithilfe dieser Evaluation, bzw. des Feedbacks der Pilotbetriebe, wird am Ende ein Ausbildungsnachweis generiert werden, der mehrere Vorteile bietet. Zum einen wird durch den stärkeren Abgleich der Lerninhalte mit dem Ausbildungsrahmenplan und die Lernfortschrittskontrolle gewährleistet, dass sowohl der/die Ausbilder/in, als auch der/die Auszubildende selbst, einen besseren Überblick über seinen/ihren aktuellen Leistungsstand und seine/ihre Lernfortschritte erhalten. Zum anderen dient der Selbst- und Fremdbildabgleich der Reflexion und dadurch der Förderung der Selbständigkeit und persönlichen Weiterentwicklung der/des Auszubildenden. Das integrierte Feedback- und Zielvereinbarungsgespräch nach jedem Ausbildungsabschnitt bewirkt ebenso Eigeninitiative und Reflexion durch Standortbestimmung, gemeinsame Zielformulierung und einen erneuten Selbst- und Fremdbildabgleich.


Die Präsentationen der Redner/innen und Workshopleiter/innen finden Sie unter: www.weingarten.ihk.de Dokument-Nr. 93241.

Quellen:
Fischer, Martin (2011): Tätigkeitsnachweis als Instrument zur Qualitätsentwicklung - Start der Pilotphase der IHK Bodensee-Oberschwaben. Vortrag zum Ausbildertag 2011, Weingarten.

Schemme, Dorothea (2011): "Zur Modellinitiative des Bundes - Beitrag zum Ausbildertag 2011. Qualität in der betrieblichen Berufsausbildung", Vortrag zum Ausbildertag 2011, Weingarten.

Spöttl, Georg (2011): "Qualitätsentwicklung und -sicherung in der betrieblichen Berufsausbildung", Vortrag zum Ausbildertag 2011, Weingarten.

 

Letzte Änderung: 23.08.2011


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