Qualitätsorientierte Ausbildung in Handwerksunternehmen: Einbeziehung der Peergroup als Tandem-Partner zu Beginn der Ausbildung
Das Qualifizierungsinstrument "Auszubildende begleiten Auszubildende - Azubi-Tandem"
Claudia Klemm, Handwerkskammer Hannover
Als besonders qualitätsrelevante Phasen in der Ausbildung wurden vom Verbundprojekt der Ausbildungsstart und die Probezeit identifiziert1. Damit einhergehend wurden Qualitätsziele, Standards und Indikatoren definiert, die die Qualitätsansprüche an diesen Ausbildungsabschnitt näher charakterisieren. In einem dazugehörigen Portfolio werden Instrumente und Maßnahmen zur Qualitätssicherung dargestellt, auf die die Betriebe zugreifen können. Darin enthalten ist die Informationsmappe "Gelungener Ausbildungsstart" der Handwerkskammer Hannover, in der Checklisten, Ablaufpläne etc. zusammengestellt sind, die Meistern Struktur und Orientierung bei der Gestaltung der ersten Wochen bieten. Ergänzend hierzu wird das Azubi-Tandem eingeführt, welches im Folgenden näher vorgestellt wird. In dem Workshop Azubi-Tandem werden Aspekte wie Betriebsregeln aus der Informationsmappe Gelungener Ausbildungsstart aufgegriffen werden. Auszubildende älterer Lehrjahre sollen neue Auszubildende in den Betriebsalltag einweisen und mit ihrem Erfahrungswissen auf Stolpersteine, betriebliche Eigenheiten etc. aufmerksam machen. Dies soll dabei unterstützen, in den Betrieben ein wertschätzendes Klima für die neuen Auszubildenden zu schaffen und zwar gleichermaßen bei Meister/innen, Fachkräften und Auszubildenden aus zweiten oder dritten Lehrjahrgängen (peers).
In Kleinbetrieben, in denen Auszubildende von Beginn an in die betrieblichen Abläufe integriert werden, müssen auch sämtliche Bezugsgruppen in die Gestaltung der ersten Ausbildungstage einbezogen werden. Dies ist anders als in Großbetrieben, in denen Auszubildende erst später in den sogenannten Praxisphasen in betriebliche Arbeits- und Geschäftsprozesse eingebunden werden. Dort gilt dann die spätere Integration in die Praxisgemeinschaft, häufig erst nach Ausbildungsende, als Erfolgsindikator guter Ausbildung 2.
Ein Kernelement qualitativer Berufsausbildung bildet die Förderung eigenverantwortlichen Handelns der Auszubildenden. Dies manifestiert sich auch in der Qualifizierungsabfrage an Ausbilder/innen, in denen diese evident nach Qualifizierungsangeboten zur "Stärkung der Verantwortung und Selbstständigkeit der Auszubildenden" nachfragen. Häufig fehlen allerdings Ideen, wie die Eigenverantwortung der Jugendlichen angeregt werden könnte.
Aus der im Projekt durchgeführten Befragung von 149 Auszubildenden ging ebenfalls hervor, dass Auszubildende sich vielseitige und verantwortungsvolle Aufgaben wünschen. Da ein gelungener Einstieg in das Berufsleben gerade für neue Auszubildende prägend ist und in den ersten Tagen entscheidende Weichen für den Ausbildungserfolg gestellt werden3, wurden im Konzept für den Workshop Azubi-Tandem zwei Bedürfnisse miteinander gekoppelt:
1) Der Wunsch von neu in das Berufsleben einsteigenden Jugendlichen nach Zuwendung und Orientierung und
2) Das Bedürfnis von erfahrenen Auszubildenden nach Übernahme von Verantwortung.
Ziel des Workshops ist es, Auszubildende höherer Ausbildungsjahre zu qualifizieren und zu sensibilisieren, um neuen Auszubildenden die Eingewöhnung in den Betrieb und in die Arbeitsabläufe zu erleichtern. Denn zu Beginn einer Ausbildung führt mangelndes Handlungswissen oft zu Problemen. Durch eine gezielte Einführung werden Übergangsproblematiken abgefedert und dem neuen Auszubildenden das Gefühl vermittelt, willkommen zu sein
Im Workshop lernten erfahrene Auszubildende, Verantwortung für neue Auszubildende zu übernehmen und ihnen als Ansprechpartner auf Augenhöhe gegenüber zu stehen. Diese verantwortungsvolle Aufgabe stärkt erfahrene Lehrlinge in ihrem Selbstbewusstsein und entlastet Ausbilder/innen zeitlich. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Berufsrolle fördert die Identitätsbildung und durch Erklären/Erläutern von (bereits internalisierten) Arbeitsabläufen werden diese nochmals von den älteren Auszubildenden intensiv durchdrungen. Die Auszubildenden dokumentieren zudem gegenüber ihren Meister/innen und Gesellen, dass sie eigenständig und verantwortlich Aufgaben übernehmen können.
Im Juni 2011 wurden Handwerksbetriebe des Kammerbezirks Hannover zu dem Workshop eingeladen , die zum August mit neuen Auszubildenden Lehrverträge abgeschlossen haben und mehrere Auszubildende beschäftigen. Es wurden insgesamt 18 Auszubildende angemeldet, davon waren 13 männliche und fünf weibliche Jugendliche.
Inhalte des Workshops "Azubi-Tandem"
In diesem 8-stündigen Workshop wurden die Teilnehmer/innen auf ihre Rolle im Azubi-Tandem vorbereitet. Der Schwerpunkt des Schulungskonzepts liegt auf einem Kommunikations- und Kooperationstraining. Dies wird durch theoretischen Input und verschiedene Übungen erreicht.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wurden die Teilnehmer/innen gebeten, sich nach bestimmten Aussagen aufzustellen. Die Aufstellung erfolgte anhand der Frage: Wenn ich an meinen ersten Tag der Ausbildung zurückdenke, fühlte ich mich. a) gut angenommen, b) allein gelassen, c) sicher, weil ich einen festen Ansprechpartner hatte. Dies war ein perfekter Einstieg, um offen in den Erfahrungsaustausch einzusteigen. Anschließend wurde mit den Teilnehmer/innen über einschneidende Veränderungen und Schwierigkeiten zu Beginn einer Ausbildung gesprochen. Da sich die Mehrheit im 2. Lehrjahr der Ausbildung befand, konnten sich die Jugendlichen noch lebhaft an den eigenen Einstieg erinnern. Die verschiedenen Punkte wurden per Kartenabfrage geclustert. Mögliche Konfliktpotenziale aber auch Chancen wurden in der Gruppe herausgearbeitet. Hierbei wurden von den Teilnehmer/innen vor allem die Punkte "weniger Freizeit", "geregelter Tagesablauf", "neue Kollegen", "mehr Verantwortung" und "Geld verdienen" genannt.
Durch theoretische Inputs und praktische Übungen (z.B. "Schwebender Stab") wurde gemeinsam mit den Auszubildenden gelungene Kommunikation als wichtigster Faktor für einen guten Berufseinstieg identifiziert. Anhand einer kurzen, prägnanten Filmsequenz aus dem Ausbildungsalltag wurden anschließend gemeinsam Kommunikationsstrategien und Unterstützungsmethoden bei der Einführung neuer Auszubildender reflektiert und zusammen getragen.
Abb. 1 Teilnehmer/innen des Workshops "Azubi-Tandem"
Die Jugendlichen nannten neben zwischenmenschlichen Faktoren, wie beispielsweise "auf Augenhöhe begegnen", "Vertrauen aufbauen" und "gemeinsam Pause machen", auch pragmatische Vorschläge wie "Ablauf und Regeln erklären", "gemeinsames Treffen aller Azubis", "Organigramm/ Mitarbeiterlisten" und "Einstiegsmappe mit allen wichtigen Informationen".
Neben den Bewusstmachen von Kommunikationsstilen und Übungen zur Veränderung bzw. Reflexion des eigenen Stils erhielten die erfahrenen Auszubildenden im Verbundprojekt entwickelte Vorlagen und Checklisten (z.B. Checkliste "Erster Tag", Vorlage "Betriebsregeln"), die zu Ausbildungsbeginn im Betrieb eingesetzt werden können. Diese wurden besprochen und es wurde verabredet, dass diese den Ausbildungsverantwortlichen gezeigt und die Einführung der neuen Auszubildenden in Absprache mit den Meister/innen bzw. Ausbildungsverantwortlichen geplant wird.
Evaluation des Workshopkonzepts
Anfang Oktober 2011 wurde evaluiert, wie die Umsetzung des "Azubi-Tandems" in den Unternehmen gelungen ist. Die Evaluation verfolgte dabei mehrere Zielsetzungen, nämlich
- die Anwendbarkeit der im Azubi-Tandem entwickelten Materialien zu überprüfen,
- zu ermitteln, in wie weit Veränderungen der Einführungspraxis neuer Auszubildenden realisiert wurden und
- den Erfolg dieser Personalentwicklungsmaßnahme einzuordnen.
Außerdem wurde nach Anregungen zur Weiterentwicklung des Workshops gefragt. Die Mehrheit der Unternehmen bewertete die Übertragung der Workshopinhalte in den Betriebsalltag positiv. Ein Ausbilder schilderte, dass der erfahrene Lehrling nach dem Workshop eine eigene Begrüßungsmappe entwickelt habe, die nun jedem Neu-Azubi ausgehändigt wird. Weitere Anregungen des Auszubildenden zur Gestaltung der Ausbildung wurden in den betreffenden Betrieb diskutiert und umgesetzt. Deutlich wurde, dass ein motivierendes Planungs- und Vorbereitungsgespräch zwischen den Ausbilder/innen und Auszubildenden für die Umsetzung entscheidend ist.
Schlussfolgernd betrachtet bewährte es sich, Auszubildende als Botschafter in "Sachen Ausbildungsqualität" einzusetzen, um neue Auszubildende wertschätzend und zielgruppenansprechend in das Unternehmen zu integrieren. Zur Weiterentwicklung dieses Kammerangebots wurden von den Betrieben eine regelmäßige Wiederholung im Winter und Frühjahr sowie das Einbinden der Gesellen angeregt.
Literatur: Gelungener Ausbildungsstart der Handwerkskammer Hannover
Handwerkskammer Hannover
Claudia Klemm
Berliner Allee 17
30175 Hannover
Download der Informationsmappe Gelungener Ausbildungsstart
1 Qualitätsentwicklung in der Ausbildung in Handwerksbetrieben Konzeption und erste Realisierung Düsseldorf/Hannover 2012
2 vgl. Bremer, Rainer. (2001): Entwicklung integrierter Berufsbildungspläne und Lernortkooperation. In : Gerds, P. Zöller, A: Der Lernfeldansatz der Kultusministerkonferenz. Bielefeld
3 vgl. Ruschel, A., Einführung der Auszubildenden in das Unternehmen, abgerufen am 4.10.2011 unter http://www.adalbert-ruschel.de/downloades/einfuehrung%20der%20auszubildenden.pdf





