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Praktika im Übergang von Ausbildung zur Berufstätigkeit in Deutschland und Europa

Philipp Grollmann, Tanja Weigel, Tobias Wolfgarten

Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise findet das Thema des Übergangs von Schule in die Arbeitswelt das besondere Interesse der EU-Kommission und der Mitgliedsstaaten. In südeuropäischen Ländern wie z.B. Spanien und Griechenland finden sich stellenweise Jugendarbeitslosigkeitsraten von bis zu 50%. Diese hohe Jugendarbeitslosigkeit geht häufig mit prekären Beschäftigungsverhältnissen für diejenigen einher, die einen Arbeitsplatz gefunden haben. Neben Befristungen und niedriger Bezahlung gehören auch verschiedenste Formen von Praktika zu diesen Beschäftigungsverhältnissen. Schon vor einigen Jahren wurden diese Phänomene in Frankreich mit dem Begriff "Génération Précaire" belegt. In der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" tauchte der Begriff "Generation Praktikum" im Jahr 2005 das erste Mal auf. In der öffentlichen Diskussion zu diesem Thema stand damit das Phänomen "Praktikum" vor allem in Verbindung mit der Ausbildung in Hochschulen und Universitäten im Vordergrund.

Praktika finden in Deutschland und Europa aber nicht nur als Bestandteil der Hochschulausbildung oder im Anschluss an den Abschluss einer Hochschulausbildung statt, sondern kommen häufig auch in der vorberuflichen oder in der Berufsbildung zum Einsatz. Jenseits der Frage nach Ihrer Verortung im Bildungssystem werden sie aus beschäftigungspolitischen Motiven öffentlich gefördert oder durch besondere arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen bei der Einstellung von jungen Arbeitnehmern ermöglicht.

Sie stellen sich damit teilweise auch als Alternative zu einer strukturierten dualen Ausbildung dar. Beide Formen, duale Ausbildung und Praktika, sollen in Zukunft im Rahmen der europäischen Berufsbildungs- und Beschäftigungspolitik gefördert werden.1

Inhalt

Formen von Praktika in Europa

Praktika in Europa sind in den unterschiedlichsten Formen und Kontexten zu beobachten. Im Rahmen einer Studie, die vom Institute for Employment Studies (IES, Großbritannien) durchgeführt wurde und an der sich das BIBB beteiligt hat, wurden für alle EU Mitgliedsstaaten 5 Typen von Praktika identifiziert, die zu einem erfolgreichen Übergang in den Arbeitsmarkt beitragen sollen:

  • Praktika, die Teil eines akademischen oder beruflichen Ausbildungscurriculums sind (z.B. während der Schul- oder Studienzeit); 
  • Praktika, die auf dem freien Arbeitsmarkt stattfinden, d.h. freiwillige Praktika; 
  • Praktika als Teil aktiver Arbeitsmarktpolitik, deren Zielgruppe vor allem arbeitsuchende junge Menschen sind; 
  • Praktika als verpflichtender Teil einer berufsqualifizierenden, professionellen Ausbildung (wie z.B. in den Bereichen Medizin, Recht etc.) 
  • transnationale Praktika.

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Praktika auf dem freien Arbeitsmarkt

In den letzten Jahren haben sich insbesondere die Praktika auf dem freien Arbeitsmarkt als defizitär im Hinblick auf Qualität und Nutzen für den Praktikanten erwiesen; vor allem dann, wenn diese an der "zweiten Schwelle", also im Übergang von der Ausbildung in den Beruf, stattfinden. Bei Praktika von Hochschulabsolventen sind in vielen EU-Ländern die allgemeinen Arbeitsbedingungen nicht reguliert, weshalb Elemente wie Bezahlung, Urlaubsanspruch und Lerninhalte unklar bleiben. Daher ließen sich  diese Praktika  leicht missbrauchen und sie wurden dafür oft heftig kritisiert. . Die Arbeits- bzw. Lernbedingungen der Praktikanten unterscheiden sich stark zwischen den Ländern und variieren oft auch innerhalb eines Landes zwischen Branchen und Arbeitgebern. Branchen, in denen besonders viele Praktika auf dem freien Arbeitsmarkt durchgeführt werden, sind beispielsweise der Kreativ- und Medienbereich sowie die Gast- und Hotelwirtschaft.

Um Missständen zu begegnen, versuchen manche Regierungen seit einigen Jahren durch rechtliche Vorschriften, Programme oder auch freiwillige Vereinbarungen  den Schutz von Praktikanten und die Qualität der Praktika zu verbessern. Es gibt viele unterschiedliche Ansätze, allerdings besteht  europaweit noch ein großer Handlungsbedarf in Bezug auf Praktika auf dem offenen Arbeitsmarkt.

Auch in Deutschland richtet sich die Kritik an Praktika vor allem gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse von Hochschulabsolventen und wurde in verschiedenen Studien, insbesondere von Gewerkschaftsseite, vorgebracht (vgl. z. B. Grün/Hecht 2010). Auch in einer HIS-Studie wird diese Kritik teilweise geteilt. So gebe es mitunter Praktika, bei denen es naheliege, dass sie  einzig dem Zweck der Ausnutzung von Praktikanten als billige Arbeitskräfte dienten. Allerdings seien Praktika von Hochschulabsolventen keineswegs ein Massenphänomen, das  die Bezeichnung  "Generation Praktikum"  rechtfertigen würde. (vgl. Briedis/Minks 2007, S. 10)

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Praktika in der beruflichen Bildung

Im Gegensatz dazu scheinen effektive Formen von Praktika diejenigen zu sein, die curricularer Bestandteil von akademischer oder der beruflichen Ausbildung sind. Diese Praktika sind in allen europäischen Ländern strukturiert, in einem gewissen Maße reguliert und es ist ein Lernbezug festzustellen, der dazu beiträgt, die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen zu erhöhen. Die Relevanz der Integration praktischer Elemente in eine Ausbildung wird damit hervorgehoben. Häufig sind diese Praktika Bestandteil der Berufsbildung, die auf Abschlüsse zielt, die den Ebenen 4-6 des europäischen Qualifikationsrahmens zugeordnet werden. Typische Fälle von Berufsbildungssystemen, die Praktika in ihre Curricula integrieren, sind alternierende Formen beruflicher Bildung, so wie wir sie in den Niederlanden, Frankreich oder auch Finnland vorfinden.

Im Unterschied zu vielen europäischen Ländern, in denen Praktika integraler Bestandteil einer Berufsausbildung sind, spielen diese in Deutschland während der Ausbildung eine geringe Rolle. Dies liegt im dualen Ausbildungssystem begründet, welches die Praxis   (ähnlich dem Beschäftigtenstatus) in die Ausbildung  integriert. Relevanter sind dagegen Praktika an den Übergängen zwischen Schule und Ausbildungsverhältnis sowie Ausbildungsabschluss und Berufstätigkeit. Vor allem für Jugendliche mit schlechten Schulnoten kann ein Praktikum die Gelegenheit bieten, praktische Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und auf diese Weise in ein Ausbildungsverhältnis zu gelangen (z.B. BQJ).

Betrachtet man die Rolle von Praktika im Anschluss an eine duale bzw. eine schulische Berufsausbildung im Unterschied zu denen von Hochschulabsolventen, so ergibt sich ein nach Bildungsabschlüssen differenziertes Bild. In einer vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales herausgegebenen Studie (vgl. Fuchs 2008) wird zunächst dargestellt, inwiefern atypische Beschäftigungsformen nach Abschluss des Ausbildungsabschnitts Verbreitung finden. Zu atypischen Arbeitsverhältnissen werden neben Praktika auch Leiharbeit, Teilzeittätigkeit sowie freiberufliche und zeitlich befristete Beschäftigung gerechnet.

Allerdings gelangen  32 % der Absolventen einer betrieblichen Berufsausbildung unmittelbar nach Abschluss in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Unter Studienabsolventen sind dies immerhin noch 30 %. Dagegen gelingt der reibungslose Übergang von der Ausbildung in den Beruf lediglich bei 17 % der Absolventen einer schulischen Berufsausbildung. 35 % dieser Gruppe gehen nach ihrem Abschluss ein atypisches Arbeitsverhältnis ein (Betriebliche Ausbildung: 32 %; Studium: 29 %). Fast die Hälfte, genau  48 % der Absolventen einer schulischen Ausbildung gehen zwei oder mehr atypische Beschäftigungsverhältnisse ein, um in eine reguläre Beschäftigung zu gelangen. Gleiches gilt nur für 40 % Hochschulabsolventen bzw. 36 % der Absolventen einer betrieblichen Ausbildung. Betrachtet man nicht alle als atypisch qualifizierten Arbeitsverhältnisse, sondern lediglich Praktika, so werden noch größere Unterschiede zwischen Absolventen einer Hochschule sowie einer betrieblichen Ausbildung sichtbar. Während nur 16 % der Absolventen einer betrieblichen Ausbildung ein Praktikum absolvieren, sind es unter Hochschulabsolventen 24 %. In der Gruppe der schulischen Auszubildenden werden sogar 31 % erreicht. Aus dem geringen Anteil an Praktikanten mit einem dualen Berufsbildungsabschluss lässt sich folgern, dass der Übergang von der Ausbildung in den Beruf für dual ausgebildete gut funktioniert.

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Funktionen von Praktika in Europa

Die duale Berufsbildung führt sowohl im Vergleich mit anderen Bildungsgängen innerhalb Deutschlands wie auch im europäischen Vergleich zu einer guten Passung zwischen betrieblichen Anforderungen und Bildungsinhalten und -abschlüssen. Das soll an dieser Stelle noch mit einer weiteren Zahl verdeutlicht werden. In vielen Ländern Europas ist die Anzahl derjenigen, die zwar über eine universitäre Ausbildung verfügen, aber auf Arbeitsplätzen mit niedrigen oder  mittleren Qualifikationsniveau arbeiten, höher als in Deutschland. So arbeiten z.B. Deutschland lediglich 20% der jungen Erwerbstätigen (25-29-jährig) mit Hochschulabschluss auf Stellen, die ein niedriges oder mittleres Qualifikationsniveau erfordern, während es in Spanien 44% sind (OECD 2010). Der Grund hierfür ist u.a. die geringe Attraktivität der Berufsbildung in Spanien. Ganz offensichtlich werden betriebliche Arbeitsplätze, die in Deutschland durch Absolventen einer Berufsausbildung besetzt werden, in Spanien mit Absolventen eine Hochschulausbildung besetzt. Praktika zum beruflichen Einstieg werden auch hier eine Rolle spielen. Sie übernehmen aber ganz andere Funktionen als z.B. in Deutschland.  Auf der anderen Seite spielen Praktika auch in der beruflichen Bildung in Spanien eine wesentliche Rolle. Praktika werden hier in einem zeitlichen Umfang von 3- 6 Monaten als Teil einer Berufsausbildung  absolviert. Der Weg einer Berufsbildung wird in Spanien jedoch nur von ca. einem Drittel eines Altersjahrgangs gewählt. Von Unternehmen wird signalisiert, dass diese Praktika von großer Bedeutung für ihre Rekrutierungsentscheidungen seien . 2

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Apprenticeship, Alternance, Praktika - Perspektiven für Europa

Der europäische Vergleich  zeigt, dass Praktika zwar ein ganz wesentliches Instrument sind, um den Übergang junger Menschen von der Bildungs- in die Arbeitswelt zu gewährleisten. Sie übernehmen aber in den Mitgliedsstaaten unterschiedliche Funktionen. Diese umfassen aus betrieblicher Perspektive Rekrutierung , Qualifizierung, aber auch produktive Arbeit und günstige Kostenstrukturen. Sie können der  beruflicher Orientierung oder der  Ausbildung dienen, aber auch darzu, das eigene Wissen und Können potentiellen Arbeitgebern unmittelbar zu demonstrieren, bzw. Arbeitserfahrung in dem eigenen Lebenslauf nachzuweisen. Das Hauptmotiv hierbei wäre die Suche nach Beschäftigung.

Dort, wo gesetzliche und regulatorische Bedingungen vollständig fehlen, insbesondere bei freiwilligen Praktika , liegen besonders häufig schlechte Arbeitsbedingungen vor.  Dies führt dazu, dass Praktikanten oft nur einen geringen Nutzen von ihrem Einsatz haben und die entsprechenden Praktika somit nicht gut geeignet sind, den Übergang in den Arbeitsmarkt für die Betroffenen zu erleichtern. Es ist jedoch anzumerken, dass zusätzliche Regulierung nicht automatisch zu einer höheren Effektivität und Qualitätssicherung von Praktika beiträgt.

 Praktika sind  eine Form der Verankerung von Arbeitserfahrung im Bildungssystem (teilweise auch als Alternanz bezeichnet). Europaweit gewährleisten sie teilweise die Realisierung von spezifischen Leistungen  einer dualen Berufsbildung.  Beide Konzepte, "Traineehip" und "Apprenticeship" sind in der Zwischenzeit von der EU-Kommission aufgegriffen worden und werden als Lösung gegen die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit in vielen Mitgliedsstaaten propagiert. Hierbei wird es wichtig sein, sich auch die Unterschiede zwischen den beiden Formen zu vergegenwärtigen und ihre Voraussetzungen in den Blick zu nehmen. Dazu ist in dem o.g. Forschungsauftrag für die EU-Kommission (Institute for Employment Studies 2012, 52) die folgende Übersicht entstanden:

 

   Duale Ausbildung   Praktikum
 Umfang   Vollständige berufliche Ausbildung  Betriebliche Praxis als Ergänzung eines Ausbildungsprogramms oder des individuellen Bildungsverlaufs
 Ziel  Vollständiger beruflicher Abschluss  dokumentierte Praxiserfahrung
Ebenen des Bildungsystems   i.d.R. EQR-Ebenen 3-5 Alle Ebenen (auch vorberufliche  Bildung und Hochschulausbildung)
Inhalte  Gesamtes Bündel an für den Beruf benötigtem Wissen, Fertig- und Fähigkeiten Orientierung, Teile des für einen Beruf erforderlichen Wissens und entsprechender  Fertig- und Fähigkeiten
Lernen im Arbeitsprozess  Gleichwertig zu schulischer Instruktion  Zusatz
Zeit  Festgelegt, mittel- und langfristig Sehr unterschiedlich, meistens kurzfristig
Status und Entlohnung  Auszubildender ähnlich wie Arbeitnehmer, i.d.R. tariflich festgelegt  Praktikant ähnlich wie Schüler/Student
Sehr unterschiedlich, häufig unbezahlt
 Steuerung  geregelt; drittelparitätisch  Häufig kaum oder ungeregelt

Die duale Ausbildung (Apprenticeship) stellt sich in Europa als eine besonders effektive Form der Organisation des Übergangs zwischen Ausbildung und Beruf dar, die ganz verschieden Funktionen und Motive  in individueller und betrieblicher Sicht miteinander verknüpft. Sie ist aber auch voraussetzungsreich: Sie zielt auf Berufsbilder, sie ist umfassend geregelt und setzt eine hohe Bereitschaft zum Konsens von Sozialpartnern auf einzelbetrieblicher und politischer Ebene voraus. Dem stehen völlig ungeregelte Formen von Praktika gegenüber, wie sie in manchen Ländern typisch für Hochschulabsolventen sind.  In Berufsbildungsgänge integrierte Praktika stellen die Mitte auf dem so aufgespannten Kontinuum dar. Die Akteure in den Mitgliedsstaaten in Europa werden entscheiden müssen, welchen Grad der Realisierung von Dualität auf diesem Kontinuum sie anstreben wollen und können. Eines aber ist klar: In die  Ausgestaltung der angestrebten Dualität von Bildungsgängen können sich die deutschen Akteure der Berufsbildungspraxis, -forschung und -entwicklung mit ihren Erfahrungen sehr gut einbringen. 
 

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Fußnoten:

  http://ec.europa.eu/social/main.jsp?langId=en&catId=89&newsId=1599&furtherNews=yes


2   Das ist eines der Ergebnisse, zu denen eine vergleichende Betriebsbefragung in KFZ- und kaufmännischen Berufen in Deutschland, Spanien, Finnland und UK geführt hat. Vgl. dazu das Forschungsprojekt "INDUCT" des BIBB, http://www.bibb.de/en/55491.htm

Letzte Änderung: 25.07.2012

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