BIBB/IAB-Erhebung 1998/1999 'Wandel der Erwerbsarbeit': Fragestellungen
Folgende Fragen wurden analysiert
Welche Chancen haben Personen ohne formale Qualifikation?
Die Gesellschaft befindet sich auf dem Weg in eine Informations- und Dienstleistungsgesellschaft. Lebenslanges Lernen und steigende Qualifikationsanforderungen sind zu einem beherrschenden Thema geworden. Eine Personengruppe steht dabei oft am Rand: Die Un- und /oder Angelernten, oder besser, die Nicht-formal-Qualifizierten (NFQ). Oft werden sie als die Verlierer des Strukturwandels bezeichnet. Die Arbeitslosenquote von Personen ohne Berufsabschluss hat sich im Westen bereits zwischen 1980 und 1995 mehr als verdreifacht (von 5,9 Prozent auf 20,0 Prozent. Bis 1998 erfolgte erneut ein deutlicher Anstieg. Mittlerweile ist fast jede vierte "ungelernte" Erwerbsperson in Westdeutschland arbeitslos (23,3 Prozent), in den neuen Ländern ist es über die Hälfte (53,5 Prozent). Im Vergleich dazu blieb die Arbeitslosigkeit bei allen anderen Qualifikationsebenen unter dem Durchschnitt. Allerdings ist die Gruppe der Nicht-formal-Qualifizierten deutlich heterogener als oft dargestellt. Die Unterschiede zu der Gruppe mit Lehr- oder Berufsfachschulabschluss bestehen hauptsächlich in ihrer Stellung im Beruf und damit folgend im Einkommen. Je höher allerdings der Schulabschluss der Nicht-formal-Qualifizierten ist, desto höher sind die von ihnen besetzten Stellen. Hingegen sind Unterschiede in den Arbeitsbedingungen nur gering. Gleiches gilt für die Brachenschwerpunkte. Unterschiede bestehen allerdings in der Weiterbildung. Im Bereich der informellen Weiterbildung sind NFQ deutlich unterrepräsentiert.
Wie wirken sich technische und gesellschaftliche Innovationen auf die persönliche Arbeitssituation im Betrieb aus?
Veränderungen am Arbeitsplatz werden von der Mehrheit der Erwerbstätigen erlebt. Bei einem Rückblick auf 1997 und 1998 haben nur 23% der Befragten keine Veränderungen registriert, die überwiegende Zahl der Erwerbstätigen war mit technischen, organisatorischen oder Personalveränderungen in ihrem Betrieb konfrontiert. Allerdings hat sich dies nur für einen Teil davon (zwei von fünf Erwerbstätigen) auch auf die persönliche Arbeitssituation ausgewirkt. Die Bewertung dieser Veränderungen konnte nur indierekt erfasst werden. Die Zufriedenheitsraten waren insgesamt hoch, unzufrieden waren tendenziell eher jene Erwerbstätigen, bei denen keine Änderungen aufgetreten sind bzw. bei denen sich die persönliche Arbeitsstituation nicht verändert hat.
Welche Chancen, Risiken, Anforderungen und Belastungen sind mit dem Arbeitsplatz verbunden?
Berufliche Arbeit wird durch die Berufsbezeichnung nur unzureichend beschrieben. Berufe weisen ein sehr unterschiedliches Tätigkeitsprofil auf.
Das Entlassungsrisiko wird heute deutlich höher eingeschätzt als bei der letzten Erhebung, wobei Kleinbetriebe nahezu dieselbe Beschäftigungssicherheit bieten wie größere Betriebe.
Knapp jeder fünfte Beschäftigte arbeitet regelmäßig an Samstagen und knapp jeder Zehnte an Sonn- und Feiertagen. In der Nacht, d. h. zwischen 23.00 Uhr und 05.00 Uhr, arbeitet regelmäßig etwa jeder zehnte Beschäftigte.
Tendenziell zugenommen haben der Stress und der Arbeitsdruck in den Betrieben, aber auch die fachlichen Anforderungen an den Arbeitsplätzen. Deutlich abgenommen hat dagegen die körperliche Belastung. Auch ist die Arbeit vielseitiger geworden.
Unterforderung am Arbeitsplatz wird häufiger als Problem empfunden als Überforderung, das gilt für alle Ausbildungsniveaus.
Rund 7% der Beschäftigten fühlten sich durch Kollegen oder Vorgesetzte schikaniert.
Jeder vierte Beschäftigte arbeitet an mobilen, häufig wechselnden Arbeitsorten.
Warum werden Arbeitgeber oder Beruf gewechselt und welche Auswirkungen hat das?
Die moderne Arbeitswelt erfordert von den Erwerbstätigen eine immer größere Flexibilität. Den stabilen, lebenslangen Beruf und Arbeitsplatz wird es künftig immer seltener geben.
Berufliche Mobilität lohnt sich in den meisten Fällen. Je höher das Bildungs- und Qualifikationsniveau und damit meist auch der Berufsstatus, umso erfolgreicher verlaufen die beruflichen Wechselprozesse. Besonders positive Auswirkungen haben Arbeitgeber- und Berufswechsel, wenn sie selbstbestimmt und eigenmotiviert waren, die Berufswünsche realisiert werden konnten und gleichzeitig noch mit einer systematischen Vorbereitung auf die neue Tätigkeit verbunden waren. Dagegen wird Mobilität, die durch äußere Umstände wie Stellenabbau oder Betriebsschließungen erzwungen wird, häufig als Verschlechterung erfahren. Betriebliche Fluktuationsprozesse werden zunehmend durch Betriebe und deren ökonomische Situation bestimmt. Dadurch verringert sich der Spielraum für eigenmotiviertes Wechseln der Beschäftigten.
Sind wir ausreichend für unsere Arbeit gerüstet? - Kenntnisanforderungen am Arbeitsplatz
Ein Teil unserer beruflichen Identität stützt sich auf die besonderen Kenntnisse, die wir bei unserer Arbeit benötigen. Nach den Ergebnissen der BIBB/IAB-Erhebung 1998/1999 benötigt heute bereits ein knappes Drittel der Erwerbstätigen besondere Kenntnisse in der Anwendung von Computerprogrammen. Sie gehören heute zusammen mit Deutsch, Rechtschreibung, Rechnen, Mathematik, Fremdsprachen und rhetorischen Fertigkeiten zum Kanon einer modernen Allgemeinbildung.
Wer auf einem Arbeitsplatz arbeitet, welcher besondere Kenntnisse abverlangt - sei es besonderes betriebswirtschaftliches, informationstechnisches, kommunikatives, medizinisches oder sonstiges Fachwissen, der arbeitet häufig auch in der besseren beruflichen Position und verdient mehr.
Je anspruchsvoller die Tätigkeit, desto stärker steigt der Weiterbildungsbedarf. Wer generell weiterbildungsaktiv ist und/oder auf Arbeitsplätzen arbeitet, deren Anforderungen in den letzten Jahren gestiegen sind, neigt dazu, auch solche Wissens- und Kenntnisbereiche in seine Fortbildungsüberlegungen einzubeziehen, die zur Zeit nicht oder noch nicht Teil seiner abverlangten Qualifikation sind. Die Bereitschaft und Fähigkeit zur Weiterbildung ist längst selbst zu einer der Arbeitsplatzanforderungen geworden.
Mit welchen Arbeitsmitteln verrichten Erwerbstätige in Deutschland heutzutage ihre Arbeit?
Die Auswirkungen des technischen Wandels, an dem vor allem die Mikroelektronik beteiligt ist, sind heutzutage überall festzustellen:
Beinahe zwei Drittel der Erwerbstätigen in der Bundesrepublik Deutschland haben an ihrem Arbeitsplatz mit computergesteuertem Gerät zu tun, mehr als ein Drittel davon die überwiegende Zeit am Tag.
Computergesteuertes Gerät verdrängt nicht Werkzeuge und Arbeitsmittel einfacher Art sondern ergänzt sie.
Die Vielfalt des Arbeitsmitteleinsatzes wird nicht geringer, sondern nimmt zu.
Nach Altersgruppen zeigt sich ein Schwerpunkt der Nutzung bei der mittleren Altersgruppe der 30- bis 45-Jährigen.
In den Bereichen der Verwaltungs-, Büro- und Laborberufe ist eine Tätigkeit ohne neue Technik nicht mehr denkbar. Selbst im Berufsbereich "Naturprodukte gewinnen" verwenden schon 27% zumindest gelegentlich ein computergesteuertes Gerät.





