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Seite drucken Seite empfehlen Seite vorlesen Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement in der beruflichen Aus- und Weiterbildung

Edgar Sauter  

Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement sind keine Erfindungen aus dem Bildungssystem, ihre Instrumente haben sich inzwischen jedoch auch im Bildungswesen durchgesetzt. Viele Experten - so die Ergebnisse der Delphi-Befragung des BMBF - sehen gerade im Qualitätsmanagement einen Motor für die Abstimmung des Bildungssystems mit den Herausforderungen der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Dabei sind die Erwartungen an die Leistungen des Qualitätsmanagements außerordentlich weit reichend und umfassend: Sie richten sich zum einen auf Verhaltens- und Bewusstseinsveränderungen der Verantwortlichen im Sinne einer Stärkung des Prinzips der Eigenverantwortung im Bildungssystem; zum anderen wird von Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement aber auch ein wirksamer Beitrag zur Veränderung und Entwicklung der Bildungseinrichtungen im Sinne "lernender Organisationen" erwartet, der auch eine stärkere ökonomische Orientierung des Bildungssystems einschließt.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass mit ständig wachsenden Ausgaben für die berufliche Bildung und hier wiederum für die besonders schnell wachsende Weiterbildung seit Anfang der 90er Jahre Fragen des Qualitätsmanagements, der Erfolgsevaluation und des Bildungscontrollings die Diskussion der Qualitätssicherung beherrschen. Neben die eher inhaltsbezogenen Ansätze der 70er Jahre traten immer stärker die prozessbezogenen Ansätze der Qualitätssicherung.

Zu den letzteren Ansätzen gehören vor allem die Qualitätsmanagementsysteme auf der Grundlage des internationalen Normenkomplexes ISO 9000 ff., die verschiedenen Qualitätspreise (z.B. Europäischer Qualitätspreis der Europäischen Stiftung für Qualitätsmanagement) oder die Qualitätsphilosophien, die dem Total Quality Management (TQM) oder dem Bildungscontrolling verpflichtet sind. Diesen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie den Prozess der Durchführung im Hinblick auf das jeweilige Produkt oder die Dienstleistung - in diesem Falle berufliche Bildung - bewerten und zu optimieren versuchen. Es kommt schließlich der Qualität der Produkte zugute,wenn die Qualitätssicherung im gesamten Leistungserstellungsprozess verankert ist.

In den letzten Jahren haben sich die prozessorientierten Ansätze der Qualitätssicherung auch in der beruflichen Bildung weitgehend durchgesetzt. Es ist eine insgesamt vielfältige, experimentierfreudige Szene entstanden, die für die Nutzer und Teilnehmer allerdings schwer durchschaubar ist. Es gibt in diesem "gewachsenen System" eine Reihe von Punkten, die Hinweise auf Handlungsbedarf geben:

Kein gesellschaftlicher Konsens über Qualität
Es gibt keinen generellen gesellschaftlichen Konsens über das,was Qualität der beruflichen Bildung ausmacht. Qualität ist keine statische Größe, sie unterliegt der fortlaufenden Entwicklung und muss immer wieder in Kommunikationszusammenhängen erarbeitet werden. Beispiele für Qualitätsvorstellungen, die sich auf Teilbereiche der beruflichen Bildung erstrecken, sind die nach gesetzlichen Vorgaben entwickelten beruflichen Mindeststandards in Ausbildungs- und Fortbildungsordnungen. Inhaltliche Mindeststandards sind darüber hinaus in der Regel dort anzutreffen, wo es um Kriterien für finanzielle Förderung geht, wie z.B. bei Kriterien für die von der Bundesanstalt geförderte Weiterbildung. Für weite Teile der (ungeregelten) Weiterbildung gelten Pluralität und Wettbewerb auch für die Qualitätsvorstellungen und -ansprüche.

Uneinheitliche Verantwortung
Die Verantwortung für die Qualität beruflicher Ausund Weiterbildung wird von unterschiedlichen Akteuren wahrgenommen; zu unterscheiden sind insbesondere

  • staatliche Verantwortung im schulischen Bereich (Berufsschule, Berufsfachschule, Fachschule),
  • öffentliche Verantwortung im Sinne eines tripartistischen Zusammenwirkens von Staat und Sozialparteien vor allem im Bereich der Festlegung von Standards für anerkannte Ausbildungsberufe und Weiterbildungsregelungen, sowie 
  • private Verantwortung in den (ungeregelten) Bereichen der Weiterbildung (insbesondere der betrieblichen Weiterbildung).

Für die individuellen Nutzer hat die unterschiedliche Verantwortung für die Qualität von Aus- und Weiterbildung weit reichende Folgen:Vergleichbarkeit der Angebote und die Anrechenbarkeit von  Zertifikaten sind eingeschränkt, Durchlässigkeit und Mobilität werden behindert.

Keine systematische Evaluation
Die Grundlagen für eine systematische Qualitätsentwicklung in der beruflichen Bildung sind uneinheitlich und zum Teil unterentwickelt: Es gibt zwar ein wachsendes Interesse an Erfolgskontrollen, aber Verfahren der Qualitätsüberprüfung bei Anbietern und Angeboten, die diesen Namen verdienen, sind erst in Ansätzen vorhanden; so z.B. im Bereich der von der Bundesanstalt für Arbeit geförderten Weiterbildung. Es fehlen in der Regel verbindliche Vorgaben und Verfahren für die interne und externe Evaluation der Anbieter und ihrer Angebote. Das gilt besonders für die neuen Formen des Lernens in der Arbeit.

Unzureichende Informationen über verwertbare Qualifikationen
Die defizitäre Lage in der Evaluation von Anbietern und Angeboten beruflicher Bildung führt bei den potenziellen Nutzern von Aus- und Weiterbildung, den Teilnehmern und Betrieben, zu Informationsmängeln hinsichtlich der Anwendungsmöglichkeiten der Qualifikationen. Definition, Messen, Bewerten und damit das Vergleichen des Erfolgs von Bildung sind wenig verbreitet. Insbesondere Informationen über die Verwertbarkeit des Gelernten in der Arbeitssituation oder Aussagen zu Reintegrationschancen in den Arbeitsmarkt, die vor allem für Arbeitslose wichtig wären, sind nach wie vor Mangelware.

Unterentwickelter Einfluss der Teilnehmer und Nutzer
Bildungsteilnehmer können aufgrund des Verhaltens der Anbieter und der Finanzierungsmechanismen nur relativ geringen Einfluss auf die Qualität des Angebots nehmen. Im Bereich der schulischen Bildung werden Bildungsteilnehmer mit weitgehend standardisierten Bildungsgängen konfrontiert, die überwiegend öffentlich finanziert werden. Aber auch im außerschulischen Bereich, wo sie als selbst zahlende Teilnehmer auf die Qualität des Angebots Einfluss nehmen könnten, bleibt es aufgrund des skizzierten Anbieterverhaltens beim Anspruch. In der Realität dominiert das für den Bildungsbereich nicht akzeptable Prinzip von "Versuch und Irrtum" für die individuellen Nachfrager.

Handlungsbedarf und Konturen einer Qualitätssicherung
Das skizzierte "gewachsene" System der Qualitätssicherung fordert mit seinen Merkmalen und Mängeln zu Folgerungen für die künftige Entwicklung heraus. Dies gilt vor allem dann, wenn Eigenverantwortung und Selbststeuerung zu Kennzeichen des lebensbegleitenden Lernens werden sollen. In den folgenden fünf Punkten werden Konturen einer Qualitätssicherung skizziert, die auch die eingangs formulierte "Motorfunktion" für das Bildungssystem erfüllen kann:

1. Integrierter Ansatz für Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement
Die Diskussion um die Qualitätsentwicklung in den 90er Jahren hat gezeigt, dass es wenig sinnvoll ist, die inhaltsbezogenen Ansätze der Qualitätssicherung gegen die prozessbezogenen Ansätze des Qualitätsmanagements auszuspielen. Eine Integration aus beiden Typen von Ansätzen bietet vielmehr die Möglichkeit, die Vorteile beider Ansätze zu kombinieren und die gesamte Qualitätssicherung auf eine breitere Basis zu stellen. Sie dürfte auch am besten in der Lage sein, sowohl den Interessen der Teilnehmer hinsichtlich der Verwertbarkeit des Gelernten als auch denen der Anbieter nach verbesserten Kosten-Nutzen-Relationen entgegenzukommen.

2. Teilnehmerschutz und Qualitätsbewusstsein stärken
Grundlage der Qualitätsentwicklung in der beruflichen Bildung ist ein verbessertes Qualitätsbewusstsein der potenziellen Bildungsteilnehmer. Dazu gehören nicht nur Informationen über das, was die "gute Qualität" eines Angebots ausmacht, sondern es gehört auch dazu, dass die Bildungsinteressierten die Qualitätsvorstellungen und Standards von Anbietern und deren Angeboten kennen, nachvollziehen und im Hinblick auf eigene Entscheidungen vergleichend bewerten können. Das BIBB verfolgt diese bildungspolitische Zielsetzung seit Anfang der 90er Jahre im Bereich der Weiterbildung mit Hilfe einer Checkliste für die Hand der Bildungsinteressierten.

3. Evaluierung der Bildungsanbieter und -angebote
Dass Bildungsanbieter ihre Bildungsarbeit systematisch und laufend evaluieren und ihre Qualitätsziele und -politik für die Nutzer ihrer Angebote dokumentieren sollen, ist inzwischen eine gängige bildungspolitische Forderung, die jedoch in der Praxis nur sehr zögerlich umgesetzt wird. Der erste Schritt dazu ist in der Regel der Einstieg in die interne Evaluation. Es ist ein Verdienst der verschiedenen Qualitätsmanagementsysteme, dass sie bei dem ureigensten Interesse der Anbieter ansetzen, wenn sie diese dazu bewegen und unterstützen, ihre Qualitätsziele als "Soll" deutlich und verständlich zu definieren und damit kennbar und überprüfbar zu machen. Wenn solche Wirksamkeitskontrollen dann auch noch dazu führen, dass nicht nur Prüfungs- sondern auch Anwendungserfolge offen gelegt werden, verfügen potenzielle Nutzer endlich über Informationen, die sie für ihre Entscheidungen benötigen.

4. Bildungstests für qualitätsorientierte Entscheidungen
Insgesamt fehlt es an empirisch fundierten Hilfen für qualitätsorientierte Entscheidungen der Bildungsinteressierten. Auf deren berechtigte Fragen nach seriösen Anbietern, bewährten  Bildungsangeboten und verwertbaren Qualifikationen müssen stichhaltige Antworten gegeben werden können. Für solche Antworten sind deshalb Ergebnisse aus systematischen, kontinuierlichen und vergleichenden Untersuchungen von Bildungsangeboten und -anbietern auf (regionalen) Bildungsmärkten erforderlich. Mit Hilfe von Dienstleistungs- bzw. Bildungstests sind aber nicht nur Entscheidungskriterien für die Auswahl von Angeboten und Anbietern zu gewinnen, sondern auch für die Qualitätsentwicklung der Anbieter würde mit den veröffentlichten Ergebnissen dieser Bildungstests eine kundennahe Ausrichtung der Bildungsangebote gewährleistet.

5. Stiftung Bildungstest
Für die Durchführung von Bildungstests sind unabhängige Einrichtungen erforderlich. Der  Sachverständigenrat bei der Hans-Böckler-Stiftung und die Bertelsmann-Stiftung haben deshalb die Gründung einer "Stiftung Bildungstest" vorgeschlagen. Die Diskussion um die Organisationsform "Stiftung" und die weitere Ausgestaltung der Qualitätssicherung in Richtung auf eine Akkreditierung von Angeboten und Anbietern sollte jedoch nicht von der Aufgabe "Bildungstests" ablenken. Sie ist nicht länger aufzuschieben, wenn man gleichzeitig - mit Recht - die Eigenverantwortung und Selbststeuerung der Individuen einfordert.

Die skizzierte Qualitätsentwicklung ist nicht nur erforderlich im Interesse der Bildungsinteressierten und Nutzer beruflicher Bildung, sie begründet im internationalen Wettbewerb auch ein unverzichtbares Qualitätsprofil der deutschen Berufsbildung.

Letzte Änderung: 13.07.2004


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