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Seite drucken Seite empfehlen Seite vorlesen Der virtuelle Patient: medicMed in Witten/Herdecke

Dr. Cornelia-Christine Schürer-Maly  

Das Medizinstudium ist einem Andrang an Studierenden ausgesetzt, der die Ausbildungskapazitäten weit überschreitet. Um die entstehenden Engpässe in der Lehre zu bewältigen, bietet sich die Um- bzw. Aufarbeitung multimedial erfasster Patientengeschichten zu Diagnostik- oder Behandlungssimulationen an. Zudem können Prüfungsfragen realitätsnäher gestaltet werden.

Das Projekt medicMed hatte an der Universität Witten/Herdecke (UWH) das Ziel, den Modellstudiengang Medizin zu unterstützen und zu ergänzen. Die multimedial aufbereiteten Fallgeschichten beruhen auf den Vorlagen von etwa einhundert Patientengeschichten aus dem fallbasierten, problemorientierten Lernen (POL). Diese sind im Modellstudiengang in einer Lernspirale angeordnet, so dass Wissen erworben, vertieft und ggf. wiederholt werden kann. Die Weiterentwicklung der vorhandenen POL-Fälle (E-Pol) stellt sicher, dass Inhalte hergestellt werden, die im studentischen Alltag Anwendung finden und akzeptiert werden.

Der Vorteil des virtuellen Patienten

Ein Problem in der ärztlichen Ausbildung stellt die mangelnde Verfügbarkeit des geeigneten "Lehrmaterials" dar. Patienten mit "beispielhaften Erkrankungen" befinden sich meist nicht dann in der Universitätsklinik, wenn das entsprechende Krankheitsbild im Curriculum vorgesehen ist. Hier bietet die multimediale Aufarbeitung des Einzelfalles eine - wenn auch eingeschränkte - Möglichkeit, selbst ohne Patientenkontakt praxisnahe Erfahrungen zu sammeln. Auch hat der virtuelle Patient den unschätzbaren Vorteil, dass er wiederholte "studentische Konsultationen" keineswegs als Belastung empfindet.

Für die Bearbeitung der Fälle stehen im Projekt medicMed unterschiedliche Formate zur Verfügung. Die komplexeste Variante sind interaktive Fallsimulationen, sog. "Extended Cases". Sie bestehen aus 28-32 Templates1, und ihre Bearbeitungszeit beträgt etwa drei Stunden. Auf diese Weise lässt sich die Krankenakte eines Patienten abbilden. Daneben gibt es die etwas stärker geführten Fallgeschichten in zwei weiteren Abstufungen, als "Medium Cases" und "Compact Cases". Diese Differenzierung trägt den unterschiedlichen Lerntypen Rechnung. Die ursprünglichen Papierfälle dienten lediglich als Gerüst für die E-Pol-Fälle. Auf der Grundlage dieser Vorlagen entwickelten die ärztlichen Mitarbeiter des Projektes "komplexe Drehbücher", die abschließend von Fachärzten an den kooperierenden Kliniken der Universität einem ausführlichen Review unterzogen wurden. Die Neuentwicklung schloss die Beschaffung und Bearbeitung geeigneter Medien mit ein. Die "Medium Cases" setzen sich aus 18-22 Templates zusammen und können rund zehn Fragen zur Überprüfung des erworbenen Wissens darstellen. Für die Bearbeitung benötigt der Lernende ungefähr eine Stunde. Die kleinste Lerneinheit steht mit den "Compact Cases" zur Verfügung. Ihre Bearbeitungszeit beträgt maximal 20-30 Minuten.

Insgesamt stehen 47 derartige POL-orientierte Patientenfälle im Intranet zur Verfügung, die 40 Lernstunden repräsentieren (22 Compact, 23 Medium, zwei Extended Cases). Bei der Bearbeitung sind beliebig viele Unterbrechungen möglich. Der Wiedereinstieg erfolgt dabei genau an der Stelle des vorherigen Abbruchs. Begleitend werden noch so genannte Basiswissenstexte angeboten, die Grundlagenwissen zu den abgehandelten Diagnosen und Krankheitsbildern vermitteln (Abbildungen 1 und 2).

E-Pol-Technik

Das Learning-Management-System medicMed an der Universität Witten/Herdecke arbeitet mit einer templatebasierten Datenbankstruktur, die mittels PHP und Java Script gesteuert wird. Für die Dateneingabe und -ausgabe stehen zwei unterschiedliche grafische Benutzeroberflächen zur Verfügung. Die Content-Management-Applikation (CMA) stellt die Anwendung zur Erstellung und Verwaltung der Fälle dar. Unter dieser Oberfläche erstellen und verwalten die Redakteure die multimedialen Fallgeschichten. Hier findet auch die Nutzerverwaltung statt. Im Prinzip handelt es sich um ein webbasiertes Content-Management-System. Die hier festgelegten Daten generieren die Inhalte der Content-Delivery-Application (CDA) von medicMed. Auf dieser Ebene können die Studierenden die multimedialen Fälle auswählen und bearbeiten.

EINFÜHRUNGSSCREEN
Abbildung 1: Einführungsscreen zur Vorstellung einer Patientin

BILDZUORDNUNGSAUFGABE
Abbildung 2: Bildzuordnungsaufgabe

Der virtuelle Patient als Prüfungsobjekt OSCE (Objective Structured Clinical Exam)

Im November 2002 wurden im Rahmen einer summativen OSCE-Prüfung mehrere Stationen von medicMed entwickelt und betreut. Damit wurde erstmals in Deutschland eine das medizinische Staatsexamen ersetzende Prüfung mit PC-Modulen durchgeführt (Abbildung 3). Bei der Konzeption der Stationen lag der Fokus darauf, welche Fragestellungen sinnvoll durch eine interaktive Lernumgebung am PC bearbeitet werden könnten. Die sonst übliche Verwendung von Simulationspatienten stößt bei der Darstellung von pathologischen Befunden an Grenzen. Echten Patienten ist es nur schwer zuzumuten, sich von einer Vielzahl von Prüflingen über Stunden hin untersuchen zu lassen. Am PC können dagegen mit einem virtuellen Stethoskop beispielsweise auch krankhafte Herz- und Lungengeräusche unter stets gleichen Bedingungen abgehört werden.

Insgesamt wurden drei von vierzehn OSCE-Stationen durch PC-gestützte Module ersetzt. Für jede Aufgabe hatten die Studierenden fünf Minuten Bearbeitungszeit. Die Inhalte und Fragestellungen wurden in Absprache mit der verantwortlichen Prüfungsleitung entwickelt. Die Studierenden erhielten vorab ausführliche Informationen. Jede PC-Station wurde zweifach aufgebaut, so dass bei einem Hard- oder Software-Problem ohne Verzug hätte gewechselt werden können. Die Aufgabenstellung lag jeweils in ausgedruckter Form zusätzlich neben den Rechnern. Die Navigation auf der Oberfläche erfolgte ausschließlich mit der Maus, die Tastatur kam nicht zum Einsatz. Bei der Konzeption der PC-Stationen wurde zunächst bewusst auf eine elektronische Auswertung der Prüfungsergebnisse verzichtet. Die Erfassung der Leistungen erfolgte wie üblich über eine Checkliste. Neben einer Person für die fachliche Begutachtung war auch an jeder Station eine Person für technische Probleme bzw. für Fragen zur Bedienung anwesend.

Triple Jump

Am 6. Juli 2004 wurde an der UniversitätWitten/ Herdecke (UWH) eine interne formative Prüfung ("Triple Jump") für die Studierenden des 9. Semesters im Modellstudiengang Medizin durchgeführt. Bei dieser Prüfung waren die insgesamt 27 Studierenden aufgefordert, unter Nutzung der im Rahmen von medicMed entwickelten Fallbearbeitungsoberfläche jeweils zwei vorgegebene elektronische Fallgeschichten zu bearbeiten. Die Studierenden waren in drei Gruppen eingeteilt. Alle Teilnehmer einer Gruppe erhielten zwei Fälle zur Bearbeitung. Insgesamt kamen sechs "Compact Cases" zum Einsatz. Die Fallbearbeitungszeit betrug maximal zwei Stunden. Die Scheinvergabe war an die Vorlage eines vollständig ausgefüllten und speziell für dieses Prüfungsvorhaben entwickelten Evaluationsbogens gekoppelt. Darin wurden allgemeine Angaben zu den elektronischen Fallgeschichten, Bewertungen der Fallgeschichten sowie Angaben zur PC-Nutzung und Erfahrung abgefragt. Die Fragen waren durchgehend geschlossen gestellt und durch Ankreuzen auf einer Skala von 1 (stimmt völlig) bis 5 (stimmt überhaupt nicht) zu beantworten. Den einzelnen Fragestellungen konnten auch schriftliche Kommentare hinzugefügt werden. Darüber hinaus waren die Studierenden angehalten, mögliche Mängel, Einschätzungen und Vorschläge in Bezug auf die Fallbearbeitung auf einem zusätzlichen Blatt festzuhalten.

Ziel dieser Praxiserprobung mit anschließender Befragung der Studierenden hinsichtlich ihrer Erfahrungen war es, qualitative und quantitative Daten zu erheben, die die geplante Integration ganzer Fallgeschichten und Simulationen in das bestehende medizinische Curriculum an der UWH weiterhin untermauern. Dabei wurde insbesondere untersucht,

  • wie die Studierenden mit der technischen Bedienung (Maus, Tastatur) zurecht kamen;
  • wie die Navigation der Fallgeschichten über die Benutzeroberfläche von den Studierenden beurteilt wurde;
  • wie die Medieneinbindung in die Fälle von den Studierenden beurteilt wurde (bereichernd/störend);
  • ob Schwierigkeiten mit bestimmten Fragetypen aufgetreten sind;
  • ob das PC-Format der Fallgeschichten von den Studierenden als sinnvolle Ergänzung zu den im Curriculum bereits eingesetzten Fällen gesehen wurde;
  • ob es bei der Bewertung Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Studierenden gab.

Ergebnisse

Aus den studentischen Erfahrungsberichten über den Einsatz elektronischer Fallgeschichten in der Prüfung lassen sich folgende Ergebnisse zusammenfassen:

  • Die Aufgabenstellungen zu den Fallgeschichten wurden von einem Großteil der Studierenden (23/27) als "verständlich formuliert" bezeichnet.
  • Auch die Bildschirmgestaltung wurde überwiegend (21/27) als verständlich beschrieben.
  • Die technische Bedienung (Tastatur, Maus) stellte für 25 von 27 Studierenden keinerlei Problem dar.
  • 21 von 27 Studierenden äußerten keine Präferenz für "Papier-Fälle".
  • Jedoch fanden es 14 von 27 Studierenden störend, dass die Diagnosen aus den Fallgeschichten des regulären Lehrplans bekannt waren.
  • 23 von 27 Studierenden beschrieben die angebotenen Medien als eine Bereicherung der Fallgeschichten, und 19 von 27 Studierenden empfanden sie als "gut eingebettet".
  • Schwierigkeiten mit bestimmten Fragearten (z.B. Multiple-Choice-Fragen) traten nicht auf.
  • Computergestützte Fallgeschichten wurden von 17 der 27 Studierenden als gute Möglichkeit bezeichnet, Kenntnisse und Fähigkeiten abzufragen.
  • 15 von 27 Studierenden gaben an, während des Semesters mit fallorientierten Programmen gerne lernen zu wollen.
  • Alle 27 Studierenden besitzen einen eigenen PC und nutzen ihn seit drei bis fünf (4/27) bzw. seit über fünf (22/27) Jahren.
  • Die Häufigkeit der Nutzung liegt zwischen 4-6-mal/Woche (7/27) und einer bis mehreren Stunden/Tag (18/27).
  • Die Einsatzschwerpunkte bilden Textverarbeitung, E-Mails und Internet.
  • Zwischen weiblichen und männlichen Studierenden war kein signifikanter Unterschied auszumachen.

Aus den zusätzlichen fallbezogenen Freitext-Kommentaren der Studierenden gingen wichtige inhaltliche, methodische und technische Hinweise und Vorschläge hervor. Diese waren in den meisten Fällen auf die einzelnen Screens der Fallgeschichten bezogen und konnten so einfach und schnell eingearbeitet werden.

Probleme des virtuellen Patienten

Für zwei Teilschritte des Projektes waren die damit verbundenen Arbeitsabläufe komplexer als ursprünglich eingeschätzt. Dies gilt für die Konzeption, den Aufbau, die Testphase und den Betrieb der Lernplattform. Hier war auch eine Projektverlängerung notwendig und hilfreich und ermöglichte eine Fertigstellung notwendiger Arbeiten bis zum 31. März 2004.

Der zweite hier zu nennende Aspekt ist die Abklärung der rechtlichen Rahmenbedingungen für die Erstellung sinnvoller und praxisnaher Medien. Die mit der Universität kooperierenden klinischen Einrichtungen zeigten eine ausgesprochen große Bereitschaft, entsprechende Medien zur Verfügung zu stellen. Allerdings war eine sehr sorgfältige und zeitintensive Klärung der Rechtssituation erforderlich, bevor die ersten Medien (Fotos, Untersuchungsbefunde etc.) eingesetzt werden konnten.

Der virtuelle Patient: Aktueller und zukünftiger Nutzen

Von Seiten des Studiendekanats der Universität Witten/Herdecke wird erwogen, Prüfungen durch ähnliche Fälle wie die bei medicMed entwickelten zu ergänzen. Bei den ersten Befragungen wurde dies von den Studierenden begrüßt.

Die bei medicMed aufgebauten Formen der Wissensvermittlung bzw. -überprüfung eignen sich jedoch nicht nur für Studierende. Basierend auf den Grundlagen von medicMed wurden seit Januar 2004 ähnliche Fallgeschichten für das ärztliche Fortbildungsportal www.evidence.de respektive www.medizinerwissen.de geschaffen. Als neue Form der Wissensvermittlung sollen sie das bisherige Angebot aus webbasierten Leitlinien ergänzen und so den individuellen Lernbedürfnissen der angesprochenen Ärzte Rechnung tragen.

Die Plattformen zur Vermittlung von medizinischem Wissen www.evidence.de, www.medizinerwissen.de, www.leitlinienwissen.de und www.patienten-wissen.de sind seit mehreren Jahren bestens eingeführt und werden teilweise in Kooperation mit führenden medizinischen Körperschaften wie der Bundesärztekammer, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) betrieben.

Der virtuelle Patient in der Praxis

In der ersten Phase ihrer Implementierung sollen die Fallgeschichten der ergänzenden Wissensvermittlung dienen. Im nächsten Schritt ist vorgesehen, die bisher erstellten Formen auch zur interaktiven Wissensüberprüfung weiterzuentwickeln. Daraus ergäbe sich eine Erweiterung des bisherigen Angebotes, Fortbildungs-Punkte (CME) für Ärzte durch das Lösen von medizinischen Quizfragen zu erlangen. Künftig soll es möglich sein, auf einer Internet-Fortbildungsplattform CME-Punkte auch durch virtuelle, medizinisch korrekte und effektive Diagnosen und Behandlungen zu erwerben.

Mit www.patienten-wissen.de existiert auch eine medizinische Plattform, die sich an medizinische Laien wendet. Auch an diese Nutzergruppe lassen sich die bei medicMed entwickelten Lernformen problemlos adaptieren, so dass sie Patienten und ihren Angehörigen in nächster Zukunft zugänglich gemacht werden können. Die ersten Fälle für die Websites sind bereits erstellt und bereit zur Erprobung.

E-POL IN DER PRÜFUNG
Abbildung 3: E-Pol in der Prüfung

Fußnoten

1 Templates sind Vorlagen, die mit Inhalt gefüllt werden können.

Letzte Änderung: 03.11.2006


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