Thesen aus Sicht der Bildungsforschung und der Medienforschung
Angela Fogolin, Egon Meerten, Gert Zinke
Thesen aus Sicht der Bildungsforschung
A: Thesen im Hinblick auf angenommene Potentiale Neuer Medien für die Qualitätsentwicklung in der Berufsbildung
- Neue Medien verändern Lernmöglichkeiten und Lernverhalten. Daher können Neue Medien durchaus Instrumente zur Qualitätsentwicklung von Lehr-/Lernprozessen sein.
- Neue Medien können den in Neuordnungen von Ausbildungsberufen geforderten Paradigmenwechsel (Handlungs- und Prozessorientierung sowie Kompetenzentwicklung als angestrebte didaktische Methoden bzw. Ziele) maßgeblich unterstützen. Ihr Einsatz in der Berufsbildung kann daher als ein wichtiges Qualitätsmerkmal angesehen werden.
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Die Potentiale der Neuen Medien für formelle und informelle Lernprozesse im Rahmen einer beruflichen Ausbildung werden noch nicht hinreichend erkannt bzw. genutzt. Dies betrifft sowohl die einzelnen Lernorte als Solitäre als auch die Lernortkooperation zwischen Ausbildungsbetrieb, ÜBS und Berufsschule.
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Auf den Neuen Medien basierende Lernangebote ermöglichen und erfordern eine verbesserte Lernortkooperation zwischen Ausbildungsbetrieb, ÜBS und Schule.
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Auf den Neuen Medien basierende Lernangebote bieten den Auszubildenden zusätzliche Möglichkeiten, ihre Lernprozesse durch Zeit- und/oder Ortsunabhängigkeit verstärkt selbst zu steuern.
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Unterschiedliche Lerngewohnheiten von Ausbildungspersonal und Auszubildenden ("Digital Natives" versus "Digital Immigrants") beeinflussen den Einsatz und die Nutzung von auf Neuen Medien basierenden Lernangeboten maßgeblich.
B: Thesen im Hinblick auf ein mögliches forschungsmethodisches Vorgehen und im Hinblick auf Perspektiven für Forschung und Entwicklung in der Berufsbildung
- Bildungsforschung hat die Potentiale von Neuen Medien für die Qualitätsentwicklung von Lehr-/Lernprozessen (insbesondere in der betrieblichen Ausbildung) bisher nicht hinreichend untersucht. Es bestehen insbesondere Defizite sowohl bezüglich der Theoriebildung, als auch bezüglich praktischer Umsetzungskonzepte.
- Forschungsmethoden zur Bewertung des Medieneinsatzes müssen
- die Bedingungsstruktur (didaktisch-methodische und organisatorische Rahmenbedingungen) ,
- die Binnenstruktur eines Mediums (seine Funktionalität und seine inhaltlich-didaktische Gestaltung) und
- die daraus resultierenden Interdependenzen zwischen Bedingungsstruktur und Binnenstruktur berücksichtigen.
Dabei können exemplarische Lernstandserhebungen, verknüpft mit Fragen zur Nutzung Neuer Medien, Hinweise darauf liefern, inwieweit Neue Medien Kompetenzentwicklung befördern.
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Ein möglicher Ansatz ist eine Modell- bzw. Typologienbildung vonLernzusammenhängen und ein damit verbundener Untersuchungsansatz, der parallel auf Methoden der Bildungsforschung und der Mediennutzungsforschung baut.
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In der berufspädagogischen Lehr-/Lernforschung dominiert die Fokussierung auf (berufs-) schulische Lehr-/Lernprozesse.
- Die Verläufe und Zusammenhänge des Kompetenzerwerbs in betrieblichen Arbeitsprozessen sowie die lehr-/lernunterstützenden Anforderungen und Routinen des Medieneinsatzes in einer prozessorientierter Ausbildung wurden im Vergleich dazu bisher kaum untersucht. Auch sind die wenigen Forschungsarbeiten aufgrund unterschiedlicher Ansätze und Fragestellungen nur wenig vergleichbar.
Dies macht sich in zweifacher Hinsicht bemerkbar:
- Es fehlt ein gemeinsamer konzeptioneller und forschungsmethodischer Bezugsrahmen und eine gemeinsame Terminologie innerhalb der Bildungsforschung sowie zwischen Bildungs- und Mediennutzungsforschung.
- Die berufspädagogische Lehr-/Lernforschung hat die auf Neue Medien gestützten betrieblichen Lehr-/Lernprozesse, die verknüpft mit betrieblicher Arbeit stattfinden, bisher hinsichtlich ihrer Potentiale für prozessorientierte Ausbildung untersucht.
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Weiterer Forschungs- und Handlungsbedarf besteht auf zwei Ebenen:
- Zum einen im Hinblick auf den Einsatz von auf Neuen Medien basierenden Lernangeboten:
Worin besteht der konkrete Mehrwert, wo gibt es Unterstützungsbedarfe des (Aus-) Bildungspersonals und in welcher (welchen) medialer (medialen) Form(en) kann diesen Bedarfen Rechnung getragen werden?
- Zum anderen im Hinblick auf veränderte Rollenanforderungen an das (Aus-) Bildungspersonal:
Welche Unterstützungsbedarfe bestehen, um den sich ändernden Anforderungen (hin zu einer eher moderierenden als unterweisenden Tätigkeit) gerecht zu werden, aber auch: wo macht die unterweisende Rolle zukünftig Sinn und wie können eher instruktionale Settings dort, wo sie erforderlich sind, zukünftig in die Ausbildung integriert werden?
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Ein breit angelegtes Forschungsprogramm, das die (durch Neue Medien unterstützte) Qualität betrieblicher und lernortverknüpfender Lehr-/Lernprozesse im Rahmen der Dualen Ausbildung untersucht, kann dazu beitragen, zu den o.g. Aspekten vertiefende Erkenntnisse zu gewinnen.
Julia Flasdick, Lutz Goertz, Lutz Michel
Thesen aus Sicht der Medienforschung
I. Einführung
- Einen hohen Stellenwert innerhalb der Kommunikationsforschung hat die Medienforschung. Eine wichtige Teildisziplin ist hier die Rezeptionsforschung; sie erfasst Rezeptionshandlungen wie die Mediennutzung (z.B. Marktanteile von Fernsehsendern, Zugriffe auf Websites), aber auch Rezeptionsmotive oder die Bewertung von Medieninhalten.
- Zu den Methoden der Medienforschung gehören die qualitative und quantitative Befragung, die Beobachtung, aber auch passive Verfahren wie die Telemetrie oder die Logfile-Analyse.
- Die Funktion der Medienforschung ist dabei mehr als eine reine Bestandsaufnahme, wer welchen Sender sieht oder wer welches Medium bevorzugt. Über einen längeren Zeitraum ist sie auch ein Gradmesser für die Qualität der Medien.
II. Anwendungsbeispiele aus der Medienforschung
- Auf der Mikroebene misst man dies beispielsweise durch Copy-Tests für Zeitschriften, die Schlüsse auf die angemessene Platzierung von Artikeln und Anzeigen zulassen. Ein weiteres Beispiel zur Ermittlung der Qualität von Medieninhalten sind Test-Vorführungen von neuen Fernsehshow-Konzepten oder Kinofilmen, die Aussagen liefern, ob der Medieninhalt zu den Seh-Bedürfnissen der Zuschauer passt.
- Auf der Makroebene ist die Publikumsforschung ein Seismograph für die Beliebtheit und auch Vertrauenswürdigkeit von Medien in bestimmten Bevölkerungsgruppen. Bei der Zeitungsforschung zeigt die Entwicklung der Leserzahlen in den letzten 15 Jahren, dass die Tageszeitung vor allem in den jüngeren Zielgruppen an Akzeptanz verliert und so offenbar nicht mehr den Informationsbedürfnissen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen entspricht.
- Instrumente der Mikro- und Makroperspektive sind somit ein Gradmesser für die vom Publikum wahrgenommene Qualität des Angebots.
III. Anwendungsszenarien für die Bildungsforschung
- Auf der Makroebene können informelle Lernprozesse oder der Gebrauch von Medien zu Lernzwecken mittels Tagesablauferhebung nachvollzogen werden.
Im Zusammenhang mit der Erforschung des Einsatzes Neuer Medien zur Qualitätssteigerung in der Berufsbildung ließe sich mit dieser Methode ermitteln, welche Medien von den Auszubildenden im Laufe eines bestimmten Zeitraumes zum formellen und informellen Lernen genutzt werden. - Ebenfalls auf der Makroebene lassen sich unter Verwendung experimenteller Designs Einflüsse auf die Lernmotivation feststellen.
- Ferner ist es möglich, Kompetenzanforderungen durch Inhaltsanalysen von Stellenanzeigen zu ermitteln.
- Auf der Mesoebene lassen sich die Bedeutung bestimmter Medien zu Lernzwecken oder Lernstile von bestimmten Zielgruppen im Rahmen von biographischen Interviews nachzeichnen.
- Ebenso auf der Mesoebene können Aufbau und Didaktik von Lernangeboten mittels Inhaltsanalyse ermittelt werden.
- Auf der Mikroebene können automatische Messverfahren dazu beitragen, das Entscheidungsverhalten innerhalb virtueller Lernangebote sichtbar zu machen.
- Auf der selben Ebene können Gruppendiskussionen dazu eingesetzt werden, Erfahrungen mit dem Einsatz bestimmter Lernmethoden zu erörtern oder einzelne Lernangebote bewerten zu lassen.
Im Zusammenhang mit der Erforschung des Einsatzes Neuer Medien zur Qualitätssteigerung in der Berufsbildung ließe sich mit dieser Methode ermitteln, welche Lernerfahrungen Azubis mit welchen Medien gemacht haben.




