II.
Sieht man beide Entwicklungen - Demografie und Strukturwandel - zusammen, ist die Konsequenz klar: Es müssen so viele Menschen wie möglich so breit und so hoch qualifiziert werden wie möglich. Und diese Menschen müssen kontinuierlich weiterlernen. Wir brauchen mehr allgemeine Bildung und berufliche Bildung und eine breite Beteiligung Jüngerer und Älterer am stetigen Weiterlernen im gesamten Lebensverlauf, vor allem aber während des gesamten Berufslebens.
Deshalb ist es fatal, dass die Bildungsexpansion der 70er- und 80er-Jahre zu Beginn der 90er-Jahre ins Stocken geriet. Die "Bildungsarmut" ist in den letzten Jahren eher gewachsen. Der Anteil der jungen Leute, die wichtige Basiskompetenzen nur auf niedrigem Niveau erwerben, ist zu hoch. Zu wenige erreichen hohe und höchste Qualifikationen. Das BIBB und andere, wie z.B. das IAB und die OECD, weisen seit einigen Jahren darauf hin, dass Deutschland eines der ganz wenigen OECD-Länder ist, in dem inzwischen die Jüngeren - gemessen an den Bildungsabschlüssen - eher schlechter qualifiziert sind als die Älteren. Der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss liegt seit Jahrzehnten stabil bei rund 9 bis 10 %. Der Anteil der jungen Erwachsenen ohne qualifizierten Berufsabschluss ist gegenüber den 90er-Jahren eher gestiegen und verharrt bei rund 15 %. Mit einem Anteil der Hochschulabsolventen von 20 Prozent, der wie festgemauert stagniert, nehmen wir OECD-weit einen der hintersten Plätze ein. Die Weiterbildungsbeteiligung der Erwerbspersonen bleibt deutlich hinter den Erfordernissen zurück. Je nach Definition und Betrachtungsweise liegt sie zwischen 12 und gut 40 %, aber im europäischen Vergleich immer im unteren Bereich. Das Gravierendste aber ist: in nahezu allen anderen OECD-Ländern steigen diese Quoten von unterschiedlichen Ausgangsniveaus seit Jahren kontinuierlich an. Deutschland ist das einzige Land, das nahezu jede Dynamik bei der Entwicklung der Bildungsbeteiligung vermissen lässt.
Den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel werden wir so nicht erfolgreich bewältigen. Vorsorgende Bildungspolitik ist allemal erfolgreicher, effektiver und billiger als nachsorgende Arbeitsmarktpolitik ist. Deshalb muss sich dies ändern.
Die Ziele notwendiger Reformen sind weitgehend unbestritten. Sie werden uns bei internationalen Vergleichen deutlich vor Augen geführt - zuletzt und erneut mit dem OECD Bericht "Bildung auf einen Blick":
- Der Anteil der Jugendlichen, die in und an der Schule scheitern, muss deutlich sinken.
- Der in Deutschland besonders starke Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg muss deutlich gelockert werden. Insbesondere müssen die Bildungschancen der Zuwanderer und ihrer Kinder, die das Land dringend braucht, nachhaltig verbessert werden.
- Sehr viel mehr junge Menschen müssen allgemein bildende Basisfähigkeiten auf hohem und höchstem Kompetenzniveau erwerben.
- Der Anteil der jungen Leute mit qualifizierter Berufs- oder Hochschulausbildung muss steigen.
- Flexiblere und durchlässigere Aus- und Weiterbildungsstrukturen sind notwendig, damit mehr Menschen auch über berufliches Lernen hohe und höchste Qualifikationen erreichen können.
- Mehr Menschen müssen an kontinuierlichem und an beruflichem Lernen teilnehmen, um Kompetenzen stetig zu sichern und weiterzuentwickeln, um versäumte Qualifizierung nachzuholen, um Innovations- und Beschäftigungsfähigkeit bis ins höhere Alter zu erhalten.
- Arbeitsorganisation, Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur müssen familienfreundlicher werden. Wir brauchen mehr Frauen, die erwerbstätig bleiben und qualifizierte Berufstätigkeiten ausüben.
- Mehr Auszubildende und Beschäftigte müssen für die Anforderungen der zunehmenden Internationalisierung qualifiziert werden.
- Das deutsche Berufsbildungssystem muss international anschlussfähiger werden.
Dies ist eine recht umfangreiche, aber wohl noch nicht vollständige Liste von Anforderungen an Bildungspolitik, Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaft.
Diese Liste macht deutlich:
Wenn Deutschland international anschluss- und wettbewerbsfähig bleiben will, wenn wir die Lebens- und Berufschancen der nachwachsenden Generationen nachhaltig sichern wollen, dann ist eine neue und noch weitergehende Bildungsexpansion notwendig, die alle Bildungsbereiche umfasst.
Wirksame Berufsbildungsreformen müssen Teil einer abgestimmten und koordinierten Reform des gesamten Bildungssystems sein. Vor allem muss dafür gesorgt werden, dass Übergänge und Verbindungen an den Schnittstellen zwischen den Bildungsbereichen ohne Reibungsverluste funktionieren.