Und was heißt das für die Ausbildungsbetriebe?
Unabhängig von den eher systembezogenen Überlegungen zur Integrations- und Qualifikationsfunktion der beruflichen Bildung sind also v.a. die Ausbildungsbetriebe selbst gefordert, sich auf die veränderten und weiter verändernden Bedingungen einzustellen:
Und die sind in erster Linie gekennzeichnet durch eine wachsende Konkurrenz um geeignete Bewerberinnen und Bewerber! Hier wird vermutlich die geballte Kreativität Ihrer Rekrutierungsfachleute erforderlich sein, um auch künftig den gewünschten Nachwuchs gewinnen zu können. So wissen wir aus einer aktuellen BIBB-Studie, dem BIBB-Ausbildungsmonitor vom Herbst letzten Jahres (vgl. BIBB-Report 10/09 "Unbesetzte Ausbildungsstellen: Warum Betriebe erfolglos bleiben"), dass insbesondere kleinere und mittlere Betriebe schon jetzt Schwierigkeiten bei der Besetzung ihrer Ausbildungsplätze haben. Davon sind vorrangig das Verkehrs- und Nachrichtenwesen, das Gastgewerbe und die sonstigen Dienstleistungen wie zum Beispiel die Reinigungs- und Körperpflegebranche oder die Entsorgungswirtschaft betroffen.
Aus unserer Studie wissen wir aber auch, dass die Betriebe mit ihrem Handeln durchaus Einfluss auf ihre Besetzungschancen nehmen können: So trägt vor allem eine frühzeitige Personalplanung dazu bei, dass der Anteil der unbesetzten Ausbildungsstellen signifikant reduziert wird. Wenn bei der Suche nach Auszubildenden zudem ein breit aufgestelltes Angebot von Vermittlungskanälen genutzt wird und die Anforderungen an die Bewerberinnen und Bewerber nicht allzu hochfliegend formuliert werden, kann das Risiko unbesetzter Ausbildungsplätze sogar noch weiter reduziert werden.
Weitere Ansatzpunkte für eine verbesserte Anwerbestrategie liegen den BIBB-Analysen zufolge in einer besseren Vernetzung zwischen Schule und Wirtschaft, im Werben für weniger bekannte Berufe sowie in der Unterstützung von Betrieben bei der Durchführung von Auswahlverfahren.
Darüber hinaus ist mir bei der Durchsicht des Programms aufgefallen, dass auch diese Veranstaltung im weiteren Verlauf noch zahlreiche Hinweise und Anregungen für eine Optimierung Ihres Ausbildungsmarketings bieten wird.
Das beste Argument für das Ausbildungsmarketing dürfte dabei aber wohl die Attraktivität und Qualität der eigenen Ausbildungsangebote sein. Und hier gibt es durchaus noch "Luft nach oben": So beurteilen zwar fast vier Fünftel aller 6.000 vom BIBB hierzu befragten Auszubildenden die Qualität ihrer Ausbildung als zumindest "befriedigend". Immerhin ein Fünftel aber auch nur als "ausreichend" bzw. "mangelhaft" (1%; vgl. BIBB-Report 9/09 "Viel Licht - aber auch Schatten"), und als wirklich "gut" bezeichnet sie insgesamt nur ein Viertel.
Während die fachliche Eignung und das Verhalten der Ausbilderinnen und Ausbilder, deren Qualität den Befragten besonders am Herzen liegt, ähnlich positiv gesehen werden wie die materiellen Bedingungen der Ausbildung, schneiden die inhaltliche und methodische Umsetzung der Ausbildung sowie das Lernklima im Betrieb weniger gut ab. Die größten Schwierigkeiten sehen die Auszubildenden bei der Ausbildungsorganisation: Demnach werde der Ausbildungsverlauf relativ selten genau geplant und eingehalten und in vielen Betrieben fehlten außerdem regelmäßige "Feedback"-Gespräche. So nehmen sich die Ausbilderinnen und Ausbilder nur recht selten Zeit, konkrete Ausbildungsergebnisse mit den Auszubildenden zu besprechen. Dabei werden dann wesentlich häufiger schlechte Leistungen kritisiert, während das lernpsychologisch wichtigere Lob bei guten Leistungen oft ausbleibt. Auch übergeordnete Feedbackgespräche über den Ausbildungsverlauf - Womit ist der Auszubildende zufrieden und unzufrieden? Worauf sollte von beiden Seiten beim weiteren Ausbildungsverlauf geachtet werden? - finden aus Perspektive der Auszubildenden nur selten statt.
Schwierig scheint überdies auch die Zusammenarbeit zwischen den Lernorten Ausbildungsbetrieb und Berufsschule zu sein, die von den Auszubildenden am kritischsten beurteilt wurde. Nicht nur im Hinblick auf die Zufriedenheit ihrer Auszubildenden, sondern v.a. um die mit einer Ausbildung verbundenen Möglichkeiten zum Kompetenzerwerb möglichst optimal auszuschöpfen, sind die Betriebe deshalb gut beraten, die Qualität ihrer Ausbildungsangebote in systematischer Form kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Um die eigene Attraktivität als Arbeitgeber durch qualitativ überzeugende Ausbildungsangebote zum eigenen Wettbewerbsvorteil auszubauen, können auch Zusatzqualifikationen hilfreich sein, die bereits während der Ausbildung erworben werden und von dort eine Brücke zur Weiterbildung schlagen (vgl. hierzu das Informationssystem "AusbildungPlus"). Weitere Ansatzpunkte zu einer Attraktivitätssteigerung, die sich gleichzeitig positiv auf den Kompetenzerwerb auswirken, sind Auslandsaufenthalte bzw. auch der Austausch von Auszubildenden mit Bildungseinrichtungen aus Partnerländern. Und mit Blick auf den Anstieg der Qualifikationsanforderungen können in manchen Bereichen auch duale Studienangebote eine sinnvolle Möglichkeit sein, Kompetenzvermittlung und Attraktivität gleichzeitig zu verbessern (vgl. wiederum www.ausbildungplus.de ).
Doch machen wir uns nichts vor, meine Damen und Herren!
Auch die Konkurrenz schläft nicht und so werden alle Beteiligten kurz oder lang in die Situation kommen, bislang ungenutzte Reserven erschließen zu müssen, um die vorhandenen Lücken auffüllen zu können. Und spätestens jetzt bin ich wieder bei den Jugendlichen mit den eingeschränkten Voraussetzungen:
So gehört es zu den wichtigsten Aufgaben eines "nachhaltigen Demografie-managements", Konzepte zu entwickeln, um künftig auch solche jungen Menschen beruflich zu qualifizieren, die bislang noch nicht ins "Beuteschema" des eigenen Unternehmens gepasst haben. "Die fetten Jahre sind vorbei!", will sagen: Die Zeit, in der sich vor allem die als attraktiv wahrgenommenen Arbeitgeber ihren Nachwuchs ausschließlich unter den "Sahnehäubchen" in der Bewerberschar auswählen konnten, ist vorüber. Die Unternehmen werden sich in den kommenden Jahren ernsthafte Gedanken darüber machen müssen, wie sie die bisher eher benachteiligten jungen Menschen für eine berufliche Tätigkeit fit machen können. Und zwar nicht aus karitativen Gründen. Sondern aus purem Eigennutz und im berechtigten Eigeninteresse an der Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen aller Branchen werden künftig größere Anstrengungen unternehmen müssen, um Schulabgängerinnen und Schulabgängern die hierzu notwendigen Kompetenzen zu vermitteln.
Dabei kann der Weg zur Erschließung dieser Potentiale - mit Blick auf die langfristige Beschäftigungsfähigkeit der Betroffenen und die Wettbewerbsfähig-keit der Unternehmen - nicht über mehr "Einfachberufe" führen. Die Antwort auf überall steigende Anforderungen an die fachlichen, personalen und sozialen Kompetenzen kann nicht die weitere Absenkung der Anforderungen oder Verkürzung der Ausbildungszeiten sein.
Wir brauchen möglichst breit und möglichst hoch qualifizierten Nachwuchs. Wir haben sehr viele Beispiele dafür, dass vermeintlich leistungsschwache Jugendliche in der Ernstsituation einer betrieblichen Ausbildung geradezu aufblühen und Erstaunliches leisten, auch wenn das manchmal mehr Zeit braucht. Vielleicht kann man sich in diesem Zusammenhang ja auch an Erfahrungen orientieren, die man bereits im Rahmen von Programmen gemacht hat, bei denen sich die tatsächliche Zeit bis zum Abschluss einer Ausbildung an den individuellen Voraussetzungen der Auszubildenden orientiert.
Die hierzu erforderlichen Investitionen will ich keineswegs klein reden. Betriebliche Ausbildung kostet eine Menge Geld und steht von daher seit Jahren unter erheblichem Kosten- und Legitimationsdruck. Allerdings wissen wir aus unseren eigenen Untersuchungen aber auch, dass sich diese Investitionen für viele Betriebe zumindest auf längere Sicht rechnen. Deshalb gilt: Kostenbewusstsein und Ausbildungsengagement sind kein Widerspruch, ganz im Gegenteil: Für viele Betriebe ist und bleibt die duale Ausbildung "eine lohnende Investition" (vgl. BIBB-Report 8/09 Duale Ausbildung: Für viele Betriebe eine lohnende Investition)!
So sind die Betriebe in den letzten Jahren zunehmend dazu übergegangen, die eigene Ausbildung effizienter und kostengünstiger zu organisieren. Dabei werden die Auszubildenden weitaus stärker als zuvor in die betriebliche Wertschöpfung eingebunden. Dadurch dass sie viel früher und häufiger für produktive Tätigkeiten eingesetzt werden, sind die von ihnen erbrachten und monetär bewerteten Leistungen im Durchschnitt von 8.000,- Euro per anno im Jahr 2000 um etwa die Hälfte auf 12.000,- Euro im Jahr 2007 gestiegen.
Die Gesamtkosten der Betriebe für die Ausbildung sind dadurch deutlich zurückgegangen. So lagen die Nettokosten pro Azubi im Jahr 2007 bei jährlich 3.596 Euro, wobei dieser Wert nach Region und Branche sehr stark variiert. Die eindeutigen Gewinner dieser Entwicklung sind auf jeden Fall die Betriebe, die zur Gewinnung des eigenen Fachkräftenachwuchses ausbilden: Denn sie profitieren von ihrer langfristigen Investition, sofern es ihnen gelingt, die von ihnen ausgebildeten Fachkräfte anschließend zu übernehmen!