Wohnsituation
im hohen Alter
Ein
gravierendes Risiko liegt für die Hochaltrigen
in unzureichend auf mögliche körperliche
Einschränkungen angepasste Wohnbedingungen.
Im Falle von Mobilitätseinschränkungen
oder durch andere Ursachen ausgelösten
Hilfe- und Pflegebedarfs sind die Wohnbedingungen
ein bestimmender Faktor für die Aufrechterhaltung
der selbstständigen Lebensführung.
Die Kommission weist nachdrücklich
darauf hin, dass vorbeugende Maßnahmen
zur Wohnungsanpassung entscheidend dazu
beitragen können, den Verbleib in der
eigenen Wohnung auch bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit
zu erhalten. Am wirkungsvollsten ist die
individuelle Anpassung der Wohnung älterer
Menschen dann, wenn sie präventiv erfolgt.
Die Praxis zeigt allerdings, dass solche
Maßnahmen oft erst durchgeführt
werden, wenn bereits massive Probleme bei
der Bewältigung des Alltags eingetreten
sind. Durch eine systematische und qualitätsvolle
Wohnberatung können wohnbezogene Risiken
erheblich vermindert oder ausgeschaltet
werden. Der Kommission erscheint deshalb
ein weiterer Ausbau zu einer in allen Bundesländern
verfügbaren wohnortnahen Infrastruktur
von Wohnberatungsstellen mit gesicherter
Finanzierung als notwendig.
Die
Bedeutung von unterstützenden Umweltbedingungen,
wie der Wohnsituation, wächst vor allem
dann, wenn das soziale Hilfenetz mit zunehmendem
Alter abnimmt.
Soziale
Lage im hohen Alter
Einschnitte
in das soziale Netzwerk können die
Lebensqualität hochaltriger Menschen
sehr negativ beeinflussen. Es gibt keine
andere Altersphase, in der so viele soziale
Verlusterfahrungen zu beklagen sind wie
in der Hochaltrigkeit. Jene Menschen, die
ein hohes Alter erreichen, sind auch jene,
die am häufigsten den Tod des Partners,
von Familienangehörigen und von Freunden
erleben müssen. Von den über 80Jährigen
wohnen zudem 60 Prozent allein in ihrem
Haushalt. Alleinleben, Tod des (Ehe)Partners,
Kinderlosigkeit, Wohnen im Heim sowie Gesundheits-
und Mobilitätseinschränkungen
sind gerade im hohen Alter Risikofaktoren
für Einsamkeit. In Deutschland gibt
etwa ein Drittel der über 70-Jährigen
an, manchmal oder öfter Einsamkeitsgefühle
zu erleben, während dies nur bei 15
% der jüngeren Menschen der Fall ist.
Aber auch hier verfügen alte Menschen
über persönliche Ressourcen, die
ihnen helfen, ihre soziale Lebenssituation
immer wieder zufriedenstellend zu stabilisieren.
Soziale
Risiken der Hochaltrigkeit sind häufig
auch Erfahrungen mit Altersdiskriminierung
oder die Angst vor Gewalt und zunehmender
Abhängigkeit von der Hilfe Fremder.
Das Spektrum der Gewalt reicht von Vernachlässigung
und seelischer Misshandlung über finanzielle
Ausnutzung, Freiheitseinschränkung
bis hin zu körperlicher Gewalt. Über
zwei Drittel der Fälle von Gewalt treten
in familiären Beziehungen auf. Untersuchungen
zufolge werden ca. 600.000 (6,6 %) der 60-
bis 75-Jährigen Opfer innerfamilialer
Gewalt. Hochaltrige Menschen sind insbesondere
durch Gewalt in familialen Pflegebeziehungen
gefährdet, in denen sich „Opfer“ und
„Täter“ meistens in einer ausweglosen
Situation von Überforderung, gegenseitiger
Abhängigkeit, sozialer Isolation und
einer durch Pflege belasteten Krise befinden.
Hier empfiehlt die Kommission dringend zur
Prävention von Gewalt gegenüber
hochaltrigen Menschen die politische Anti-Gewalt-Arbeit
um das Thema Alter zu ergänzen.
Erkrankungen
und Funktionseinschränkungen im hohen
Alter
Mit
dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit,
an mehreren Krankheiten und Funktionseinbußen
gleichzeitig zu leiden (Multimorbidität):
etwa 30 Prozent der über 70-Jährigen
haben fünf oder mehr Diagnosen. Das
Spektrum an Krankheiten hat sich in den
letzten Jahrzehnten insgesamt von den akuten
hin zu den chronischen Erkrankungen verschoben,
wobei die chronischen körperlichen
Erkrankungen (und damit verbundene funktionelle
Einschränkungen) mit zunehmendem Alter
stark ansteigen. Häufige chronische
Erkrankungen bei Älteren sind Diabetes
mellitus, hoher Blutdruck und cerebrale
Erkrankungen. Zahlenmäßig am
bedeutsamsten sind bei Hochbetagten neben
den Störungen des Bewegungsapparates
die Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Für
viele chronische Erkrankungen des höheren
Lebensalters sind wichtige Risikofaktoren,
wie z.B. Bewegungsmangel, Übergewicht
und Rauchen, seit langem bekannt. Durch
Prävention und Gesundheitsförderung
im mittleren Lebensalter ließe sich
der Anteil der Personen, die ein hohes Lebensalter
in vergleichsweise guter Gesundheit erreichen,
deutlich erhöhen. Gerade bei Erkrankungen
der Muskeln und des Skeletts, wie z.B. Arthose,
Frakturen etc., die mit dem Alter stark
zunehmen, spielt Prävention eine große
Rolle. Das Risiko für eine Schenkelhalsfraktur
beispielsweise, deren Zahl sich bis zum
Jahr 2050 vermutlich vervierfachen wird,
könnte durch die Aufrechterhaltung
bzw. Aufnahme einer moderaten körperlichen
Aktivität bis ins hohe Alter, wozu
auch tägliches Gehen und Treppensteigen
zählen, um ca. 50 % reduziert werden.
Die Kommission empfiehlt deshalb, der Prävention
und Gesundheitsförderung in allen Altersstufen
einen größeren Stellenwert einzuräumen.
Das gleichzeitige Auftreten von verschiedenen,
zumeist chronischen Krankheiten bei älteren
Menschen wird begleitet von einer häufigen
Anwendung von Arzneimitteln: Über ein
Drittel nehmen fünf oder mehr Medikamente
gleichzeitig ein, wobei Über- und Fehlmedikationen,
aber auch in erheblichem Umfang Untermedikationen
vorkommen.
Demenzrisiko
des hohen Alters
Im
hohen Alter zeigt sich das Problem beeinträchtigter
Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Denkfähigkeit
in besonderer Schärfe. So ist in den
nächsten Jahrzehnten auf Grund der
Zunahme vor allem hochaltriger Menschen
mit einem beträchtlichen Anstieg der
Zahl Demenzkranker zu rechnen. Derzeit leiden
einer konservativen Schätzung zufolge
über 900.000 Menschen in Deutschland
an einer mittelschweren oder schweren Demenz,
etwa zwei Drittel von ihnen an einer Alzheimerkrankheit,
welche die häufigste Form der Demenzen
ist. Andere Berechnungen, die auch leichtere
Demenzformen berücksichtigen, sprechen
von 1,2 bis 1,6 Millionen Demenzkranken
im Alter von 65 Jahren und mehr. Bei den
über 90-Jährigen liegt der Anteil
bei über 30 Prozent. Bleibt ein Durchbruch
in der Prävention und Therapie der
Demenzerkrankung aus, so wird entsprechend
dem Anstieg der älteren Menschen die
Zahl der Demenzkranken bis zum Jahr 2020
auf fast 1,4 Millionen und bis zum Jahr
2050 auf mehr als 2 Millionen ansteigen.
Mit
einer Demenz gehen wesentliche Veränderungen
der Persönlichkeit einher. Die Betroffenen
werden erheblich in ihrer Fähigkeit,
ein unabhängiges und selbstständiges
Leben zu führen, eingeschränkt
und sind in hohem Maß auf die Hilfe
und Pflege Anderer angewiesen. Neben dem
fortschreitenden Verlust an Gedächtnisleistungen
und geistigen Funktionen bis hin zum geistigen
Verfall mit Verlust der Sprachfähigkeit
treten häufig auch andere psychische
Auffälligkeiten bei Demenzkranken auf,
wie Depressionen, Schlafstörungen,
Unruhe, Angst, Wahnvorstellungen und Aggressionen.
Die Unfähigkeit zur Wahrnehmung und
Interpretation von Hunger, Durst, Schmerzen,
voller Blase/Darm sowie die Beeinträchtigung
der Sehfähigkeit und des Riechvermögens
können zur Verwahrlosung trotz einer
gut erhaltenen Beweglichkeit und physischen
Gesundheit führen.
Die
hier genannten Symptome führen in erster
Linie zu einer Verschlechterung der Lebensqualität
der Betroffenen. Die Kommission betont in
diesem Zusammenhang aber auch die erheblichen
Belastungen für die Betreuenden und
pflegenden Angehörigen, die z.B. durch
ambulante Dienste nur sehr begrenzt entlastet
werden können. Zudem werden neben den
außergewöhnlichen Belastungen
für Betroffene und Pflegende auch die
hohen gesellschaftlichen Kosten der Demenz
in verschiedenen, eigens für den Vierten
Altenbericht erstellten Modellrechnungen
untersucht. Zur Unterstützung demenziell
Erkrankter bei der Bewältigung ihrer
krankheitsbedingten Probleme sind vor allem
Informationen über Veränderungen
der Wahrnehmung, des Erlebens und der Reaktion
Demenzkranker erforderlich. Auch wenn eine
optimale räumliche und soziale Umgebung
und therapeutischer Umgang den Verlauf der
Demenzerkrankung nicht zu beeinflussen scheinen,
erhöhen sie dennoch die Lebensqualität
der Betroffenen und tragen zu einer Senkung
der Mortalität bei.
In
Zukunft werden Maßnahmen zur Früherkennung
und zur Behandlung der Demenz sowie zur
Betreuung von Demenzpatienten weiter an
Bedeutung gewinnen. Die Kommission hebt
hierbei die Schlüsselfunktion der Hausärzte
hervor, da diese regelmäßig Kontakt
zu der überwiegenden Zahl alter Menschen
haben und deshalb am ehesten in der Lage
sind, Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit
wahrzunehmen. Noch viel zu häufig führt
die Vorstellung, dass hohes Alter unweigerlich
mit ausgeprägten Störungen aller
Hirnfunktionen verbunden sei, zur falschen
Bewertung der beobachteten Auffälligkeiten
und verhindert eine rechtzeitige Diagnose
von Demenz.
Folgen
für die Lebensqualität
Im
Mittelpunkt der Diskussion des Vierten Altenberichts
stand die Frage, ob die Lebensqualität
hochaltriger Menschen typische Besonderheiten
aufweist. Die Befunde der Kommission des
Berichts belegen eine zweifellos höhere
Risikobetroffenheit im hohen Alter im Vergleich
zu anderen Lebensphasen, wobei es darüber
hinaus häufig zur Kumulation, also
einem Zusammentreffen von gesundheitlichen,
sozialen und finanziellen Problemen kommt.
Zugleich wird auch hier auf die große
Vielfalt und Heterogenität hochaltriger
Menschen hingewiesen. Außerdem muss
bei der Frage nach der Risikokumulation
in den hohen Lebensjahren betont werden,
dass auf Grund ihrer höheren Lebenserwartung
Frauen von den Problemen und Herausforderungen
des Alterns wesentlich stärker betroffen
sind als Männer. Bei den Hundertjährigen
liegt der Anteil der Frauen bei etwa 90
%.
Die
Analyse der sozialen und gesundheitlichen
Risiken, mit denen hochaltrige Frauen und
Männer konfrontiert werden, belegt
dabei, dass die Defizite in der Lebensqualität
älterer Menschen im Vergleich zu jüngeren
Bevölkerungsgruppen vor allem die immateriellen
Aspekte des Lebens betreffen. Neben den
Beeinträchtigungen des Gesundheitszustandes
sind es insbesondere die Einschnitte in
das soziale Netzwerk und Beziehungsgefüge,
welche die Lebensqualität negativ beeinflussen.
Nahezu die Hälfte der über 70-Jährigen
äußert sich besorgt über
ihre Gesundheit, und fast jeder Dritte fühlt
sich einsam. Hingegen zeigt sich im Bereich
der materiellen Ausstattung, dass die Zufriedenheit
mit der finanziellen Ausstattung unabhängig
vom Alter ist.
Des
Weiteren wird dem im höheren Alter
häufig auftretenden Problem der Gleichzeitigkeit
psychischer und körperlicher Erkrankungen
besondere Aufmerksamkeit gewidmet. So ist
beispielsweise aus zahlreichen Untersuchungen
bekannt, dass das Risiko für eine psychiatrische
Erkrankung wesentlich erhöht ist, wenn
ältere Menschen auf Grund einer körperlichen
Erkrankung in ihren Alltagsaktivitäten
eingeschränkt sind. Gerade für
das sehr hohe Alter gilt zudem, dass Krankheiten
durchaus unterschiedliche objektive und
subjektive Bedeutungen haben.
Zudem
wird im Bericht die gegenseitige Abhängigkeit
von sozialer Lage und Krankheits- und Sterberisiko
für hochaltrige Menschen hervorgehoben.
Verschiedene Komponenten der sozialen Lage
älterer Menschen, wie z.B. soziale
Isolation, Einkommen, Wohnen beeinflussen
die Entstehung und Bewältigung von
Krankheiten sowie die Inanspruchnahme von
Leistungen des Gesundheitswesens.
Insgesamt
bestätigt der Vierte Altenbericht mit
den dargestellten Befunden die These, dass
Hochaltrigkeit eine sich ausweitende Lebensphase
mit bedrohten Kompetenzen bzw. deutlich
erhöhter Verletzbarkeit ist, die aber
weiterhin Möglichkeiten der Anpassung
an sich verändernde Lebenssituationen
und aktiven Lebensgestaltung beinhaltet.
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