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Literatur und Informationen zur Ausbildung

HEINEMANN, H .

Der Vierte Altenbericht – ausgewählte Befunde und Empfehlungen

In: informationsdienst altersfragen 7/8-2002
S. 2 - 4


Wohnsituation im hohen Alter

Ein gravierendes Risiko liegt für die Hochaltrigen in unzureichend auf mögliche körperliche Einschränkungen angepasste Wohnbedingungen. Im Falle von Mobilitätseinschränkungen oder durch andere Ursachen ausgelösten Hilfe- und Pflegebedarfs sind die Wohnbedingungen ein bestimmender Faktor für die Aufrechterhaltung der selbstständigen Lebensführung. Die Kommission weist nachdrücklich darauf hin, dass vorbeugende Maßnahmen zur Wohnungsanpassung entscheidend dazu beitragen können, den Verbleib in der eigenen Wohnung auch bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit zu erhalten. Am wirkungsvollsten ist die individuelle Anpassung der Wohnung älterer Menschen dann, wenn sie präventiv erfolgt. Die Praxis zeigt allerdings, dass solche Maßnahmen oft erst durchgeführt werden, wenn bereits massive Probleme bei der Bewältigung des Alltags eingetreten sind. Durch eine systematische und qualitätsvolle Wohnberatung können wohnbezogene Risiken erheblich vermindert oder ausgeschaltet werden. Der Kommission erscheint deshalb ein weiterer Ausbau zu einer in allen Bundesländern verfügbaren wohnortnahen Infrastruktur von Wohnberatungsstellen mit gesicherter Finanzierung als notwendig.

Die Bedeutung von unterstützenden Umweltbedingungen, wie der Wohnsituation, wächst vor allem dann, wenn das soziale Hilfenetz mit zunehmendem Alter abnimmt.

Soziale Lage im hohen Alter

Einschnitte in das soziale Netzwerk können die Lebensqualität hochaltriger Menschen sehr negativ beeinflussen. Es gibt keine andere Altersphase, in der so viele soziale Verlusterfahrungen zu beklagen sind wie in der Hochaltrigkeit. Jene Menschen, die ein hohes Alter erreichen, sind auch jene, die am häufigsten den Tod des Partners, von Familienangehörigen und von Freunden erleben müssen. Von den über 80Jährigen wohnen zudem 60 Prozent allein in ihrem Haushalt. Alleinleben, Tod des (Ehe)Partners, Kinderlosigkeit, Wohnen im Heim sowie Gesundheits- und Mobilitätseinschränkungen sind gerade im hohen Alter Risikofaktoren für Einsamkeit. In Deutschland gibt etwa ein Drittel der über 70-Jährigen an, manchmal oder öfter Einsamkeitsgefühle zu erleben, während dies nur bei 15 % der jüngeren Menschen der Fall ist. Aber auch hier verfügen alte Menschen über persönliche Ressourcen, die ihnen helfen, ihre soziale Lebenssituation immer wieder zufriedenstellend zu stabilisieren.

Soziale Risiken der Hochaltrigkeit sind häufig auch Erfahrungen mit Altersdiskriminierung oder die Angst vor Gewalt und zunehmender Abhängigkeit von der Hilfe Fremder. Das Spektrum der Gewalt reicht von Vernachlässigung und seelischer Misshandlung über finanzielle Ausnutzung, Freiheitseinschränkung bis hin zu körperlicher Gewalt. Über zwei Drittel der Fälle von Gewalt treten in familiären Beziehungen auf. Untersuchungen zufolge werden ca. 600.000 (6,6 %) der 60- bis 75-Jährigen Opfer innerfamilialer Gewalt. Hochaltrige Menschen sind insbesondere durch Gewalt in familialen Pflegebeziehungen gefährdet, in denen sich „Opfer“ und „Täter“ meistens in einer ausweglosen Situation von Überforderung, gegenseitiger Abhängigkeit, sozialer Isolation und einer durch Pflege belasteten Krise befinden. Hier empfiehlt die Kommission dringend zur Prävention von Gewalt gegenüber hochaltrigen Menschen die politische Anti-Gewalt-Arbeit um das Thema Alter zu ergänzen.

Erkrankungen und Funktionseinschränkungen im hohen Alter

Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an mehreren Krankheiten und Funktionseinbußen gleichzeitig zu leiden (Multimorbidität): etwa 30 Prozent der über 70-Jährigen haben fünf oder mehr Diagnosen. Das Spektrum an Krankheiten hat sich in den letzten Jahrzehnten insgesamt von den akuten hin zu den chronischen Erkrankungen verschoben, wobei die chronischen körperlichen Erkrankungen (und damit verbundene funktionelle Einschränkungen) mit zunehmendem Alter stark ansteigen. Häufige chronische Erkrankungen bei Älteren sind Diabetes mellitus, hoher Blutdruck und cerebrale Erkrankungen. Zahlenmäßig am bedeutsamsten sind bei Hochbetagten neben den Störungen des Bewegungsapparates die Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Für viele chronische Erkrankungen des höheren Lebensalters sind wichtige Risikofaktoren, wie z.B. Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen, seit langem bekannt. Durch Prävention und Gesundheitsförderung im mittleren Lebensalter ließe sich der Anteil der Personen, die ein hohes Lebensalter in vergleichsweise guter Gesundheit erreichen, deutlich erhöhen. Gerade bei Erkrankungen der Muskeln und des Skeletts, wie z.B. Arthose, Frakturen etc., die mit dem Alter stark zunehmen, spielt Prävention eine große Rolle. Das Risiko für eine Schenkelhalsfraktur beispielsweise, deren Zahl sich bis zum Jahr 2050 vermutlich vervierfachen wird, könnte durch die Aufrechterhaltung bzw. Aufnahme einer moderaten körperlichen Aktivität bis ins hohe Alter, wozu auch tägliches Gehen und Treppensteigen zählen, um ca. 50 % reduziert werden. Die Kommission empfiehlt deshalb, der Prävention und Gesundheitsförderung in allen Altersstufen einen größeren Stellenwert einzuräumen. Das gleichzeitige Auftreten von verschiedenen, zumeist chronischen Krankheiten bei älteren Menschen wird begleitet von einer häufigen Anwendung von Arzneimitteln: Über ein Drittel nehmen fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig ein, wobei Über- und Fehlmedikationen, aber auch in erheblichem Umfang Untermedikationen vorkommen.

Demenzrisiko des hohen Alters

Im hohen Alter zeigt sich das Problem beeinträchtigter Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Denkfähigkeit in besonderer Schärfe. So ist in den nächsten Jahrzehnten auf Grund der Zunahme vor allem hochaltriger Menschen mit einem beträchtlichen Anstieg der Zahl Demenzkranker zu rechnen. Derzeit leiden einer konservativen Schätzung zufolge über 900.000 Menschen in Deutschland an einer mittelschweren oder schweren Demenz, etwa zwei Drittel von ihnen an einer Alzheimerkrankheit, welche die häufigste Form der Demenzen ist. Andere Berechnungen, die auch leichtere Demenzformen berücksichtigen, sprechen von 1,2 bis 1,6 Millionen Demenzkranken im Alter von 65 Jahren und mehr. Bei den über 90-Jährigen liegt der Anteil bei über 30 Prozent. Bleibt ein Durchbruch in der Prävention und Therapie der Demenzerkrankung aus, so wird entsprechend dem Anstieg der älteren Menschen die Zahl der Demenzkranken bis zum Jahr 2020 auf fast 1,4 Millionen und bis zum Jahr 2050 auf mehr als 2 Millionen ansteigen.

Mit einer Demenz gehen wesentliche Veränderungen der Persönlichkeit einher. Die Betroffenen werden erheblich in ihrer Fähigkeit, ein unabhängiges und selbstständiges Leben zu führen, eingeschränkt und sind in hohem Maß auf die Hilfe und Pflege Anderer angewiesen. Neben dem fortschreitenden Verlust an Gedächtnisleistungen und geistigen Funktionen bis hin zum geistigen Verfall mit Verlust der Sprachfähigkeit treten häufig auch andere psychische Auffälligkeiten bei Demenzkranken auf, wie Depressionen, Schlafstörungen, Unruhe, Angst, Wahnvorstellungen und Aggressionen. Die Unfähigkeit zur Wahrnehmung und Interpretation von Hunger, Durst, Schmerzen, voller Blase/Darm sowie die Beeinträchtigung der Sehfähigkeit und des Riechvermögens können zur Verwahrlosung trotz einer gut erhaltenen Beweglichkeit und physischen Gesundheit führen.

Die hier genannten Symptome führen in erster Linie zu einer Verschlechterung der Lebensqualität der Betroffenen. Die Kommission betont in diesem Zusammenhang aber auch die erheblichen Belastungen für die Betreuenden und pflegenden Angehörigen, die z.B. durch ambulante Dienste nur sehr begrenzt entlastet werden können. Zudem werden neben den außergewöhnlichen Belastungen für Betroffene und Pflegende auch die hohen gesellschaftlichen Kosten der Demenz in verschiedenen, eigens für den Vierten Altenbericht erstellten Modellrechnungen untersucht. Zur Unterstützung demenziell Erkrankter bei der Bewältigung ihrer krankheitsbedingten Probleme sind vor allem Informationen über Veränderungen der Wahrnehmung, des Erlebens und der Reaktion Demenzkranker erforderlich. Auch wenn eine optimale räumliche und soziale Umgebung und therapeutischer Umgang den Verlauf der Demenzerkrankung nicht zu beeinflussen scheinen, erhöhen sie dennoch die Lebensqualität der Betroffenen und tragen zu einer Senkung der Mortalität bei.

In Zukunft werden Maßnahmen zur Früherkennung und zur Behandlung der Demenz sowie zur Betreuung von Demenzpatienten weiter an Bedeutung gewinnen. Die Kommission hebt hierbei die Schlüsselfunktion der Hausärzte hervor, da diese regelmäßig Kontakt zu der überwiegenden Zahl alter Menschen haben und deshalb am ehesten in der Lage sind, Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit wahrzunehmen. Noch viel zu häufig führt die Vorstellung, dass hohes Alter unweigerlich mit ausgeprägten Störungen aller Hirnfunktionen verbunden sei, zur falschen Bewertung der beobachteten Auffälligkeiten und verhindert eine rechtzeitige Diagnose von Demenz.

Folgen für die Lebensqualität

Im Mittelpunkt der Diskussion des Vierten Altenberichts stand die Frage, ob die Lebensqualität hochaltriger Menschen typische Besonderheiten aufweist. Die Befunde der Kommission des Berichts belegen eine zweifellos höhere Risikobetroffenheit im hohen Alter im Vergleich zu anderen Lebensphasen, wobei es darüber hinaus häufig zur Kumulation, also einem Zusammentreffen von gesundheitlichen, sozialen und finanziellen Problemen kommt. Zugleich wird auch hier auf die große Vielfalt und Heterogenität hochaltriger Menschen hingewiesen. Außerdem muss bei der Frage nach der Risikokumulation in den hohen Lebensjahren betont werden, dass auf Grund ihrer höheren Lebenserwartung Frauen von den Problemen und Herausforderungen des Alterns wesentlich stärker betroffen sind als Männer. Bei den Hundertjährigen liegt der Anteil der Frauen bei etwa 90 %.

Die Analyse der sozialen und gesundheitlichen Risiken, mit denen hochaltrige Frauen und Männer konfrontiert werden, belegt dabei, dass die Defizite in der Lebensqualität älterer Menschen im Vergleich zu jüngeren Bevölkerungsgruppen vor allem die immateriellen Aspekte des Lebens betreffen. Neben den Beeinträchtigungen des Gesundheitszustandes sind es insbesondere die Einschnitte in das soziale Netzwerk und Beziehungsgefüge, welche die Lebensqualität negativ beeinflussen. Nahezu die Hälfte der über 70-Jährigen äußert sich besorgt über ihre Gesundheit, und fast jeder Dritte fühlt sich einsam. Hingegen zeigt sich im Bereich der materiellen Ausstattung, dass die Zufriedenheit mit der finanziellen Ausstattung unabhängig vom Alter ist.

Des Weiteren wird dem im höheren Alter häufig auftretenden Problem der Gleichzeitigkeit psychischer und körperlicher Erkrankungen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. So ist beispielsweise aus zahlreichen Untersuchungen bekannt, dass das Risiko für eine psychiatrische Erkrankung wesentlich erhöht ist, wenn ältere Menschen auf Grund einer körperlichen Erkrankung in ihren Alltagsaktivitäten eingeschränkt sind. Gerade für das sehr hohe Alter gilt zudem, dass Krankheiten durchaus unterschiedliche objektive und subjektive Bedeutungen haben.

Zudem wird im Bericht die gegenseitige Abhängigkeit von sozialer Lage und Krankheits- und Sterberisiko für hochaltrige Menschen hervorgehoben. Verschiedene Komponenten der sozialen Lage älterer Menschen, wie z.B. soziale Isolation, Einkommen, Wohnen beeinflussen die Entstehung und Bewältigung von Krankheiten sowie die Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitswesens.

Insgesamt bestätigt der Vierte Altenbericht mit den dargestellten Befunden die These, dass Hochaltrigkeit eine sich ausweitende Lebensphase mit bedrohten Kompetenzen bzw. deutlich erhöhter Verletzbarkeit ist, die aber weiterhin Möglichkeiten der Anpassung an sich verändernde Lebenssituationen und aktiven Lebensgestaltung beinhaltet.