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Literatur und Informationen zur Ausbildung

LÖSER, A. P.

"Sind Sie es, der mich zu Hause pflegt?
Ambulante Versorgung von Krebspatienten
In: Heilberufe 10/2002, S. 44 - 45


Die häusliche Versorgung von Krebspatienten erfordert besonders hohe fachliche Kompetenz der Pflegekräfte. Schmerzanalyse und -bekämpfung, Unterbrechung des ANE-Syndroms, Maßnahmen zur Linderung der Dysphagie sind nur einige der Aufgaben. Pflegeinterventionen im psychischen und sozialen Bereich gehören dazu. Lesen Sie den 2. Teil eines Berichts über Anforderungen an die ambulante Pflege onkologischer Patienten.

Der wohl schwierigste Unterstützungsbereich ist die Begleitung des Krebskranken während des Sterbeprozesses. Hier kommt es darauf an, Hilfe im Leben zu geben, damit das Sterben nicht als qualvoller, als nicht lebenswerter Teil des Lebens empfunden wird. Alle Maßnahmen, die der Verbesserung oder wenigstens dem Erhalt der Lebensqualität dienen, sind hier zu rechtfertigen. Unter palliativer Pflege sind hier die Vermeidung von Durst, die Bekämpfung von Schmerzen und Maßnahmen zur Verhinderung tumor- oder therapiebedingter Komplikationen (z.B. Vermeidung einer Obstipation) zu sehen.
In diesem Handlungsfeld treffen Pflegekräfte häufig auf hilflose Angehörige. Nicht selten werden diese zu den eigentlichen Hilfebedürftigen, während der Patient in eine Phase nachlassenden Bewusstseins hineingleitet. Sie brauchen Trost, Anerkennung für ihre Leistung, ggf. Hilfestellung bei pflegerischen Maßnahmen oder auch im Prozess des Loslassen-Könnens.

Neben den pflegerischen Interventionen, die den körperlichen Bereich betreffen, braucht der Sterbende Hilfe bei der Auseinandersetzung mit der Krankheit. Krebs ist auch heute in vielen Familien ein Tabuthema, über das man nicht sprechen kann. So bleibt der Patient nicht selten mit seinen belastenden Gedanken und Fragen allein.

Schwerpunkte pflegerischer Interventionen im psychischen Bereich

Der Schwerpunkt pflegerischer Interventionen liegt darin, ein Begleiter für die Zeit der Krise zu sein. Den Patienten zu unterstützen in der Annahme der Diagnose „Krebs" und bei den Auswirkungen auf sein Leben ist oberstes Ziel. Er soll in den Pflegenden einen Ansprechpartner finden bezüglich seiner Ängste und Fragen. Hierfür sind nicht immer hochprofessionelle Gesprächstechniken oder eine psychologische Grundausbildung notwendig. Allein das mitfühlende Zuhören, das Bemühen um Verständnis für die Ängste und Sorgen des anderen können sehr hilfreich sein. Die Grundregel für eine solche Begleitung lautet: Der Betroffene bestimmt die Richtung des Gesprächs, den Inhalt, den zeitlichen Rahmen. Der Pflegende kritisiert nicht, gibt keine Appelle oder Anweisungen, sondern lässt den Betroffenen seinen eigenen Weg finden.
Einhaltung der Grundregeln der Themenzentrierten Interaktion (TZI) oder die Gesprächstechnik nach Rogers auch als Spiegelmethode bekannt können hier geeignet sein. Fragen wie „Wie würden Sie sich jetzt entscheiden?", „Wie möchten Sie das jetzt machen?" helfen gerade bei der Suche nach Problemlösungsstrategien im Bereich der Sinnfindung und der Verarbeitung der Diagnose.

Nicht selten erleben Pflegende in der ambulanten Onkologie ein Spannungsfeld, welches zwischen dem Betroffenen und seinen Angehörigen entsteht. Insbesondere die Kinder erkrankter Patienten können oftmals nicht verstehen, warum der Vater oder die Mutter nun vieles nicht mehr alleine bewältigen kann, warum Wesensveränderungen eintreten oder ein zunehmender Abbau den Tod anktindigt. Für sie bedeuten diese Veränderungen die drohende Erkenntnis, dass das Dasein als Kind der Eltern möglicherweise bald zu Ende geht. Hier sind es die Pflegenden, die zwischen beiden Ebenen vermitteln, die Verständnis durch Aufklärung und Information erwirken können, die den Kindern helfen, die typische Rolle des Kindes abzulegen und in die des Versorgenden, Betreuenden und Beschützenden zu schlüpfen. Verständnis für beide Seiten ist hier erforderlich. Auch hier ist es hilfreich, wenn Kenntnisse und Fähigkeiten zur speziellen Gesprächsführung (z.B. TZI oder Methode nach Rogers) vorliegen. Es ist wichtig, nicht zu kritisieren oder zu appellieren, sondern Verständnis für die Angst, für die vielen ungeklärten Fragen und für die anfangs oft bestehende Ablehnung der neuen Situation zu zeigen.

Pflegende können durch Information und Aufklärung auch dazu beitragen, dass der Betroffene seine Angst im Umgang mit technischen Geräten (z.B. Port-A-Cath) verliert.
Vermittelnde Tätigkeiten und Koordination übernehmen Pflegende auch gegenüber weiteren versorgenden Bereichen, wie Mahlzeitendiensten, Ärzten, Seelsorgern usw. Immer wenn die Kräfte des Betroffenen hierzu nicht mehr ausreichen, bedarf es der Unterstützung durch Pflegende.

Schwerpunkte pflegerischer Interventionen im sozialen Bereich Pflegekräfte können helfen, Ängste zu reduzieren, Spannungen abzubauen oder zu vermeiden sowie soziale Beziehungen zu fördern oder zu erhalten. Sie können eine angemessene Versorgung gewährleisten, indem sie die erforderlichen Pflegemaßnahmen fachlich exakt darstellen und somit für eine adäquate Einstufung durch die Pflegekassen und eine angemessene Finanzierung sorgen.
Eine besondere Bedeutung hat in der ambulanten Pflege die Pflegeplanung. Da finanzielle Leistungen hier nicht als Fallpauschale berechnet werden, sondern analog zu erkennbaren Leistungen im Rahmen der Pflegeversicherung, bedarf es der genauen Analyse und sachlichen Darstellung des realistischen Pflegezeitaufwandes. Der MDK stuft die Pflegebedürftigkeit des Betroffenen ein. D.h. es wird die vorhandene (mindestens sechs Monate andauernde) Krankheit mit ihren Einschränkungen in der selbstständigen Durchführung der sich wiederholenden Aktivitäten des täglichen Lebens analysiert und entsprechende Maßnahmen, die dein Erkrankten zur Kompensation seiner Defizite angeboten werden, berechnet. Alle Probleme des Betroffenen sind in der Pflegeplanung aufzuführen und entsprechende Maßnahmen zu beschreiben.
Faktoren, die bei diesem Patienten bedingen, dass Pflegehandlungen häufiger als beim Durchschnittspatienten durchgeführt werden müssen oder die jeweils mehr Zeit beanspruchen, die sog. Erschwernisfaktoren, sind unbedingt einzutragen. Das so häufig beklagte Zeitproblem kann nur gelöst werden, wenn eine dem Zustand angemessene Pflegestufe festgelegt wird, um die entsprechende Finanzierung der Pflege zu erhalten. Im Pflegebericht sollte der Zeitaufwand für Leistungen, die mehr als die durchschnittliche Zeit benötigen, wiederholt vermerkt werden, damit der MDK-Gutachter von den Zeitkorridorwerten abweichen und einen angemessenen Wert eintragen kann.

Die Beratung, die Fragen finanzieller Unterstützungsmöglichkeiten, z.B. die der Hilfsmittelversorgung oder der Mit-Finanzierung von Umbaumaßnahmen durch die Krankenkassen betreffen, kann ebenfalls von Pflegenden geleistet werden.
Darüber hinaus erhält der Betroffene eine grundlegende Information zu Leistungen und Abrechnungsmodalitäten des ambulanten Pflegeanbieters.
Die hier aufgeführten Schwerpunkte können nur als exemplarische Auflistung gesehen werden. Der Forderung nach einer umfassenden ambulanten pflegerischen Versorgung Krebskranker steht allerdings das derzeitige Finanzierungsmodell im Wege. Hoffnung machen kann hier jedoch die Perspektive, dass jeder Einzelne von uns an dem Ort, an dem er eingesetzt ist und dort Krebskranke betreut, handelnd tätig werden kann. Jede Hilfe und Unterstützung, die einem Menschen angeboten wird, der Hilfsbedarf signalisiert, ist als ein Schritt auf dem Weg zur Humanität zu sehen. Jeder Schritt zählt und gibt Hoffnung für die Bewältigung des nächsten.