Der wohl schwierigste Unterstützungsbereich
ist die Begleitung des Krebskranken während
des Sterbeprozesses. Hier kommt es darauf
an, Hilfe im Leben zu geben, damit das Sterben
nicht als qualvoller, als nicht lebenswerter
Teil des Lebens empfunden wird. Alle Maßnahmen,
die der Verbesserung oder wenigstens dem
Erhalt der Lebensqualität dienen, sind
hier zu rechtfertigen. Unter palliativer
Pflege sind hier die Vermeidung von Durst,
die Bekämpfung von Schmerzen und Maßnahmen
zur Verhinderung tumor- oder therapiebedingter
Komplikationen (z.B. Vermeidung einer Obstipation)
zu sehen.
In diesem Handlungsfeld treffen Pflegekräfte
häufig auf hilflose Angehörige.
Nicht selten werden diese zu den eigentlichen
Hilfebedürftigen, während der
Patient in eine Phase nachlassenden Bewusstseins
hineingleitet. Sie brauchen Trost, Anerkennung
für ihre Leistung, ggf. Hilfestellung
bei pflegerischen Maßnahmen oder auch
im Prozess des Loslassen-Könnens.
Neben den pflegerischen
Interventionen, die den körperlichen
Bereich betreffen, braucht der Sterbende
Hilfe bei der Auseinandersetzung
mit der Krankheit. Krebs ist auch heute
in vielen Familien ein Tabuthema, über
das man nicht sprechen kann. So bleibt der
Patient nicht selten mit seinen belastenden
Gedanken und Fragen allein.
Schwerpunkte pflegerischer
Interventionen im psychischen Bereich
Der Schwerpunkt pflegerischer
Interventionen liegt darin, ein Begleiter
für die Zeit der Krise zu sein. Den
Patienten zu unterstützen in der Annahme
der Diagnose „Krebs" und bei den Auswirkungen
auf sein Leben ist oberstes Ziel. Er soll
in den Pflegenden einen Ansprechpartner
finden bezüglich seiner Ängste
und Fragen. Hierfür sind nicht immer
hochprofessionelle Gesprächstechniken
oder eine psychologische Grundausbildung
notwendig. Allein das mitfühlende Zuhören,
das Bemühen um Verständnis für
die Ängste und Sorgen des anderen können
sehr hilfreich sein. Die Grundregel für
eine solche Begleitung lautet: Der Betroffene
bestimmt die Richtung des Gesprächs,
den Inhalt, den zeitlichen Rahmen. Der Pflegende
kritisiert nicht, gibt
keine Appelle oder Anweisungen, sondern
lässt den Betroffenen seinen eigenen
Weg finden.
Einhaltung der Grundregeln der Themenzentrierten
Interaktion (TZI) oder die Gesprächstechnik
nach Rogers auch als Spiegelmethode bekannt
können hier geeignet sein. Fragen wie
„Wie würden Sie sich jetzt entscheiden?",
„Wie möchten Sie das jetzt machen?"
helfen gerade bei der Suche nach Problemlösungsstrategien
im Bereich der Sinnfindung und der Verarbeitung
der Diagnose.
Nicht selten erleben Pflegende
in der ambulanten Onkologie ein Spannungsfeld,
welches zwischen dem Betroffenen und seinen
Angehörigen entsteht. Insbesondere
die Kinder erkrankter Patienten können
oftmals nicht verstehen, warum der Vater
oder die Mutter nun vieles nicht mehr alleine
bewältigen kann, warum Wesensveränderungen
eintreten oder ein zunehmender Abbau den
Tod anktindigt. Für sie bedeuten diese
Veränderungen die drohende Erkenntnis,
dass das Dasein als Kind der Eltern möglicherweise
bald zu Ende geht. Hier sind es die Pflegenden,
die zwischen beiden Ebenen vermitteln, die
Verständnis durch Aufklärung und
Information erwirken können, die den
Kindern helfen, die typische Rolle des Kindes
abzulegen und in die des Versorgenden, Betreuenden
und Beschützenden zu schlüpfen.
Verständnis für beide Seiten ist
hier erforderlich. Auch hier ist es hilfreich,
wenn Kenntnisse und Fähigkeiten zur
speziellen Gesprächsführung (z.B.
TZI oder Methode nach Rogers) vorliegen.
Es ist wichtig, nicht zu kritisieren oder
zu appellieren, sondern Verständnis
für die Angst, für die vielen
ungeklärten Fragen und für die
anfangs oft bestehende Ablehnung der neuen
Situation zu zeigen.
Pflegende können durch
Information und Aufklärung auch dazu
beitragen, dass der Betroffene seine Angst
im Umgang mit technischen Geräten (z.B.
Port-A-Cath) verliert.
Vermittelnde Tätigkeiten und Koordination
übernehmen Pflegende auch gegenüber
weiteren versorgenden Bereichen, wie Mahlzeitendiensten,
Ärzten, Seelsorgern usw. Immer wenn
die Kräfte des Betroffenen hierzu nicht
mehr ausreichen, bedarf es der Unterstützung
durch Pflegende.
Schwerpunkte pflegerischer
Interventionen im sozialen Bereich Pflegekräfte
können helfen, Ängste zu reduzieren,
Spannungen abzubauen oder zu vermeiden sowie
soziale Beziehungen zu fördern oder
zu erhalten. Sie können eine angemessene
Versorgung gewährleisten, indem sie
die erforderlichen Pflegemaßnahmen
fachlich exakt darstellen und somit für
eine adäquate Einstufung durch die
Pflegekassen und eine
angemessene Finanzierung sorgen.
Eine besondere Bedeutung hat in der ambulanten
Pflege die Pflegeplanung. Da finanzielle
Leistungen hier nicht als Fallpauschale
berechnet werden, sondern analog zu erkennbaren
Leistungen im Rahmen der Pflegeversicherung,
bedarf es der genauen Analyse und sachlichen
Darstellung des realistischen Pflegezeitaufwandes.
Der MDK stuft die Pflegebedürftigkeit
des Betroffenen ein. D.h. es wird die vorhandene
(mindestens sechs Monate andauernde) Krankheit
mit ihren Einschränkungen in der selbstständigen
Durchführung der sich wiederholenden
Aktivitäten des täglichen Lebens
analysiert und entsprechende Maßnahmen,
die dein Erkrankten zur Kompensation seiner
Defizite angeboten werden, berechnet. Alle
Probleme des Betroffenen sind in der Pflegeplanung
aufzuführen und entsprechende Maßnahmen
zu beschreiben.
Faktoren, die bei diesem Patienten bedingen,
dass Pflegehandlungen häufiger als
beim Durchschnittspatienten durchgeführt
werden müssen oder die jeweils mehr
Zeit beanspruchen, die sog. Erschwernisfaktoren,
sind unbedingt einzutragen. Das so häufig
beklagte Zeitproblem kann nur gelöst
werden, wenn eine dem Zustand angemessene
Pflegestufe festgelegt wird, um die entsprechende
Finanzierung der Pflege zu erhalten. Im
Pflegebericht sollte der Zeitaufwand für
Leistungen, die mehr als die durchschnittliche
Zeit benötigen, wiederholt vermerkt
werden, damit der MDK-Gutachter von den
Zeitkorridorwerten abweichen und einen angemessenen
Wert eintragen kann.
Die Beratung, die Fragen
finanzieller Unterstützungsmöglichkeiten,
z.B. die der Hilfsmittelversorgung oder
der Mit-Finanzierung von Umbaumaßnahmen
durch die Krankenkassen betreffen, kann
ebenfalls von Pflegenden geleistet werden.
Darüber hinaus erhält der Betroffene
eine grundlegende Information zu Leistungen
und Abrechnungsmodalitäten des ambulanten
Pflegeanbieters.
Die hier aufgeführten Schwerpunkte
können nur als exemplarische Auflistung
gesehen werden. Der Forderung nach einer
umfassenden ambulanten pflegerischen Versorgung
Krebskranker steht allerdings das derzeitige
Finanzierungsmodell im Wege. Hoffnung machen
kann hier jedoch die Perspektive, dass jeder
Einzelne von uns an dem Ort, an dem er eingesetzt
ist und dort Krebskranke betreut, handelnd
tätig werden kann. Jede Hilfe und Unterstützung,
die einem Menschen angeboten wird, der Hilfsbedarf
signalisiert, ist als ein Schritt auf dem
Weg zur Humanität zu sehen. Jeder Schritt
zählt und gibt Hoffnung für die
Bewältigung des nächsten.