Was verbinden Sie mit dem
Wort „Tandem“? Gemeinsam strampeln, mal
durchatmen können, nicht allein sein?
Genau diese Assoziationen möchte das
Projekt „TANDEM Häusliche Unterstützung
für Angehörige von Menschen mit
Demenz" wecken. Angehörige demenziell
Erkrankter sollen durchatmen können,
einen „TANDEM"Partner haben, der hin
und wieder für sie strampelt, damit
sie wieder Kraft schöpfen können
für die Beanspruchung in der täglichen
Pflege und Betreuung.
Ziel des auf drei Jahre
ausgelegten Projektes, das aus Mitteln des
nordrhein-westfälischen Ministeriums
für Arbeit und Soziales, Qualifikation
und Technologie (MASQT) finanziert und von
der Diakonie gGmbH im Evangelischen Stadtkirchenverband
Köln getragen wird, ist es, die Lebensqualität
der Angehörigen von Demenzkranken positiv
zu beeinflussen, indem ihnen stundenweise
Freiräume geschaffen werden.
„Einfach mal hinsetzen"
„Ich möchte mich einfach
mal hinsetzen, ein paar Seiten am Stück
lesen, den Vögeln zuhören oder
ein Museum besuchen" oder „Ich würde
mich gern einmal in Ruhe rasieren, ohne
ständiges Klopfen und Rufen an der
Türe auf die Toilette gehen, zwischendurch
mal einen Kaffee trinken können":
So sehen in der Regel die Vorstellungen
von „Lebensqualität" und von einem
„idealen Tag" aus, wie sie Angehörige
von Menschen mit Demenz immer wieder äußern.
Sie entwickeln diese Wünsche, weil
ihr Alltag sie nicht zulässt. Müssen
sie doch oft rund um die Uhr aufmerksam
sein und stets mit einem Ohr auf die Bedürfnisse
ihres altersverwirrten Partners oder Elternteils
achten. Selbst ein notwendiger Arztbesuch
ist oft schwer zu organisieren.
Denn wer kümmert sich
währenddessen um den altersverwirrten
Angehörigen? Für die Entlastung
dieser Menschen suchen wir vom „TANDEM"-Projekt
deshalb Frauen und Männer, die sich
mit: dem Krankheitsbild Demenz auskennen
und adäquate Kommunikationsmöglichkeiten
mit dem demenziell Erkrankten anzuwenden
wissen. Die Kandidaten sollten einfühlsam
und vertrauenswürdig sein, weil es
pflegenden Angehörigen wenig hilft,
wenn sie die Sorge, ob zu Hause alles gut
geht, während ihrer knapp bemessenen
freien Zeit auffrisst. Und nicht zuletzt:
Die Helfer sollen bezahlbar sein.
„Mal ein paar Seiten
am Stück lesen"
Allen diesen Anforderungen
an ein niedrig schwelliges Unterstützungsangebot
versucht „TANDEM" gerecht zu werden:
Lediglich eine Aufwandsentschädigung
von 7,50 Euro pro Stunde müssen die
Familien an ihren jeweiligen „TANDEM"-Partner
bezahlen. In Einzelvereinbarungen mit den
Pflegekassen wird jeweils versucht, „TANDEM“
als Leistung im Sinne des Pflegeleistungsergänzungsgesetzes
(PflEG) bzw. der Verhinderungspflege aus
SGB XI anerkennen zu lassen - bislang mit
Erfolg.
In einem Vorgespräch
zur 30-stündigen Schulung befragen
wir die Interessierten zu ihrer Motivation
für gerade diese Tätigkeit. Wir
treffen Vereinbarungen über die notwendige
Kontinuität und Verbindlichkeit einer
Tätigkeit als „TANDEM"-Partner.
Und sprechen die individuellen Kraftquellen
an, aus denen ein potenzieller „TANDEM"-Partner
schöpfen kann, wenn anstrengende Betreuungssituationen
verarbeitet werden müssen.
Der Zeitumfang von wöchentlich
zwei bis drei Stunden Betreuungszeit ist
von vornherein festgelegt. Wir geben Informationen
über die parallel zu den Einsätzen
monatlich stattfindenden Reflexionstreffen
mit der Schulungsgruppe und betonen die
ständige Ansprechbarkeit der Projektkoordinatorin,
die auch während der Einsätze
der „TANDEM"-Partner immer Rufbereitschaft
hat. Ein Qualitätsmerkmal, das über
die Schulung und die Reflexionstreffen hinaus
Sicherheit vermittelt. Zwar sind die TANDEM-Partner
in der häuslichen Betreuungssituation
mit dem demenziell Erkrankten allein, sie
können sich aber jederzeit telefonisch
Rat holen.
„Mal wieder ein
Museum besuchen"
Entscheiden sich nach den
jeweiligen Einzelgesprächen mehrere
Interessenten und die Projektkoordinatorin
für eine Zusammenarbeit, beginnt die
Qualifizierung. Die Frage: „Was ist eigentlich
eine Demenz?" eröffnet die Schulung,
in der im weiteren Verlauf die verschiedensten
Themen bearbeitet werden: Symptome des demenziellen
Syndroms, Umgangs- und Kommunikationsmöglichkeiten,
Demenz als Familienkrankheit, die Situation
pflegender Angehöriger, Grundzüge
des Betreuungs- und des Pflegeversicherungsrechts
sowie die Altenhilfestrukturen in Köln.
An unserer ersten „TANDEM"-Schulung,
die von März bis Juli dieses Jahres
stattfand, nahmen sieben Interessierte teil,
an der zweiten Schulung zwischen Juni und
September deren zehn - überwiegend
Frauen. In beiden Schulungen blieben die
Teilnehmer bis zum Ende bei der Stange;
nach Rückfrage konnten wir jeden von
ihnen zur Unterstützung pflegender
Angehöriger vermitteln. Nach der Schulung
abzuklären, ob auch weiterhin daran
Interesse besteht, in die praktische Tätigkeit
einzusteigen, erscheint uns notwendig. So
möchten wir all jenen Teilnehmern,
die im Laufe eines Kurses vielleicht Angst
vor der eigenen Courage bekommen haben,
eine mögliche Überforderung ersparen.
Gleichzeitig verringern wir so die Gefahr,
dass eine aus der Unsicherheit der Helferin
resultierende schnelle Beendigung der „TANDEM“-Partnerschaft
die pflegenden Angehörigen enttäuscht
und entmutigt.
Der berufliche Hintergrund
der „TANDEM“-Partner spiegelt die ganze
Bandbreite unserer Interessenten wider.
Unter den bisherigen Teilnehmer befanden
sich eine junge Mutter, deren Kind vormittags
im Kindergarten ist. Eine mittelalte Frau,
deren Sohn nun zum Studium in eine andere
Stadt gezogen ist. Dazu Bürokaufleute,
eine Röntgenassistentin, ein pensionierter
Krankenhaus-Seelsorger, Studentinnen - Menschen
zwischen 22 und 72 Jahren. Auch die Vielzahl
der Nationalitäten spricht Bände:
Unter den 17 Teilnehmern unserer ersten
beiden Kurse befanden sich neben zahlreichen
Deutschen eine Belgierin, ein Kameruner
und eine Spanierin.
„Mal in Ruhe Kaffee
trinken"
Parallel zur umfassenden
Schulung suchen wir über die Lokalpresse,
über ambulante Pflegedienste und Seniorenberater
Familien, die Interesse an einem „TANDEM“-Partner
haben. Nach einem ersten Telefonat vereinbaren
wir einen Hausbesuch, damit die Projektkoordinatorin
die Familie kennen lernen und sich ein Bild
von der Pflegesituation machen kann.
Bei diesem Besuch erheben
wir Grundzüge der Biografie des demenziell
Erkrankten, ermitteln Vorlieben und Ressourcen,
Abneigungen und Schwächen. Dieser Teil
des Gesprächs dient neben der Schulung
der Befähigung des zukünftigen
„TANDEM"-Partners: Das Wissen über
Neigungen und prägnante Punkte im Lebenslauf
soll ihm einen Zugang zur Welt des Erkrankten
ermöglichen.
Der zweite Teil des Gesprächs
dreht sich ausschließlich um die pflegenden
Angehörigen. Gemeinsam entwickeln wir,
was für den jeweiligen pflegenden Angehörigen
Lebensqualität bedeutet und wie ein
idealer Tag bei ihm aussehen könnte.
An den hier genannten Indikatoren
für die subjektive Lebensqualität
will „TANDEM" ansetzen. Die Angehörigen
fühlen sich motiviert, die „TANDEM"-Einsätze
zu nutzen, um entsprechend ihrer Vorlieben
tätig zu werden und etwas für
sich zu tun. Ob und inwiefern eine stundenweise
Entlastung in gewünschter Richtung
die Lebensqualität der pflegenden Angehörigen
signifikant beeinflusst, wird bis Ende 2004
Gegenstand der Auswertung des Projektes
sein.
„Mal wieder den
Vögeln zuhören"