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Literatur und Informationen zur Ausbildung

KNAUF, A.-F.

Geteiltes Leid
Altenpflege 10/2002, S. 29 - 30


Viele pflegende Angehörige von Alzheimerkranken verlieren im Laufe der Zeit ihre Kraft, ihre Hoffnung, ihren Mut. Die Diakonie in Köln hat deshalb ein Projekt gestartet, das ihnen ein Stück Lebensqualität zurückgeben soll. 

Was verbinden Sie mit dem Wort „Tandem“? Gemeinsam strampeln, mal durchatmen können, nicht allein sein? Genau diese Assoziationen möchte das Projekt „TANDEM Häusliche Unterstützung für Angehörige von Menschen mit Demenz" wecken. Angehörige demenziell Erkrankter sollen durchatmen können, einen „TANDEM"Partner haben, der hin und wieder für sie strampelt, damit sie wieder Kraft schöpfen können für die Beanspruchung in der täglichen Pflege und Betreuung.

Ziel des auf drei Jahre ausgelegten Projektes, das aus Mitteln des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Arbeit und Soziales, Qualifikation und Technologie (MASQT) finanziert und von der Diakonie gGmbH im Evangelischen Stadtkirchenverband Köln getragen wird, ist es, die Lebensqualität der Angehörigen von Demenzkranken positiv zu beeinflussen, indem ihnen stundenweise Freiräume geschaffen werden.

„Einfach mal hinsetzen"

„Ich möchte mich einfach mal hinsetzen, ein paar Seiten am Stück lesen, den Vögeln zuhören oder ein Museum besuchen" oder „Ich würde mich gern einmal in Ruhe rasieren, ohne ständiges Klopfen und Rufen an der Türe auf die Toilette gehen, zwischendurch mal einen Kaffee trinken können": So sehen in der Regel die Vorstellungen von „Lebensqualität" und von einem „idealen Tag" aus, wie sie Angehörige von Menschen mit Demenz immer wieder äußern. Sie entwickeln diese Wünsche, weil ihr Alltag sie nicht zulässt. Müssen sie doch oft rund um die Uhr aufmerksam sein und stets mit einem Ohr auf die Bedürfnisse ihres altersverwirrten Partners oder Elternteils achten. Selbst ein notwendiger Arztbesuch ist oft schwer zu organisieren.

Denn wer kümmert sich währenddessen um den altersverwirrten Angehörigen? Für die Entlastung dieser Menschen suchen wir vom „TANDEM"-Projekt deshalb Frauen und Männer, die sich mit: dem Krankheitsbild Demenz auskennen und adäquate Kommunikationsmöglichkeiten mit dem demenziell Erkrankten anzuwenden wissen. Die Kandidaten sollten einfühlsam und vertrauenswürdig sein, weil es pflegenden Angehörigen wenig hilft, wenn sie die Sorge, ob zu Hause alles gut geht, während ihrer knapp bemessenen freien Zeit auffrisst. Und nicht zuletzt: Die Helfer sollen bezahlbar sein.

„Mal ein paar Seiten am Stück lesen"

Allen diesen Anforderungen an ein niedrig schwelliges Unterstützungsangebot versucht „TANDEM" gerecht zu werden: Lediglich eine Aufwandsentschädigung von 7,50 Euro pro Stunde müssen die Familien an ihren jeweiligen „TANDEM"-Partner bezahlen. In Einzelvereinbarungen mit den Pflegekassen wird jeweils versucht, „TANDEM“ als Leistung im Sinne des Pflegeleistungsergänzungsgesetzes (PflEG) bzw. der Verhinderungspflege aus SGB XI anerkennen zu lassen - bislang mit Erfolg.

In einem Vorgespräch zur 30-stündigen Schulung befragen wir die Interessierten zu ihrer Motivation für gerade diese Tätigkeit. Wir treffen Vereinbarungen über die notwendige Kontinuität und Verbindlichkeit einer Tätigkeit als „TANDEM"-Partner. Und sprechen die individuellen Kraftquellen an, aus denen ein potenzieller „TANDEM"-Partner schöpfen kann, wenn anstrengende Betreuungssituationen verarbeitet werden müssen.

Der Zeitumfang von wöchentlich zwei bis drei Stunden Betreuungszeit ist von vornherein festgelegt. Wir geben Informationen über die parallel zu den Einsätzen monatlich stattfindenden Reflexionstreffen mit der Schulungsgruppe und betonen die ständige Ansprechbarkeit der Projektkoordinatorin, die auch während der Einsätze der „TANDEM"-Partner immer Rufbereitschaft hat. Ein Qualitätsmerkmal, das über die Schulung und die Reflexionstreffen hinaus Sicherheit vermittelt. Zwar sind die TANDEM-Partner in der häuslichen Betreuungssituation mit dem demenziell Erkrankten allein, sie können sich aber jederzeit telefonisch Rat holen.

„Mal wieder ein Museum besuchen"

Entscheiden sich nach den jeweiligen Einzelgesprächen mehrere Interessenten und die Projektkoordinatorin für eine Zusammenarbeit, beginnt die Qualifizierung. Die Frage: „Was ist eigentlich eine Demenz?" eröffnet die Schulung, in der im weiteren Verlauf die verschiedensten Themen bearbeitet werden: Symptome des demenziellen Syndroms, Umgangs- und Kommunikationsmöglichkeiten, Demenz als Familienkrankheit, die Situation pflegender Angehöriger, Grundzüge des Betreuungs- und des Pflegeversicherungsrechts sowie die Altenhilfestrukturen in Köln.

An unserer ersten „TANDEM"-Schulung, die von März bis Juli dieses Jahres stattfand, nahmen sieben Interessierte teil, an der zweiten Schulung zwischen Juni und September deren zehn - überwiegend Frauen. In beiden Schulungen blieben die Teilnehmer bis zum Ende bei der Stange; nach Rückfrage konnten wir jeden von ihnen zur Unterstützung pflegender Angehöriger vermitteln. Nach der Schulung abzuklären, ob auch weiterhin daran Interesse besteht, in die praktische Tätigkeit einzusteigen, erscheint uns notwendig. So möchten wir all jenen Teilnehmern, die im Laufe eines Kurses vielleicht Angst vor der eigenen Courage bekommen haben, eine mögliche Überforderung ersparen. Gleichzeitig verringern wir so die Gefahr, dass eine aus der Unsicherheit der Helferin resultierende schnelle Beendigung der „TANDEM“-Partnerschaft die pflegenden Angehörigen enttäuscht und entmutigt.

Der berufliche Hintergrund der „TANDEM“-Partner spiegelt die ganze Bandbreite unserer Interessenten wider. Unter den bisherigen Teilnehmer befanden sich eine junge Mutter, deren Kind vormittags im Kindergarten ist. Eine mittelalte Frau, deren Sohn nun zum Studium in eine andere Stadt gezogen ist. Dazu Bürokaufleute, eine Röntgenassistentin, ein pensionierter Krankenhaus-Seelsorger, Studentinnen - Menschen zwischen 22 und 72 Jahren. Auch die Vielzahl der Nationalitäten spricht Bände: Unter den 17 Teilnehmern unserer ersten beiden Kurse befanden sich neben zahlreichen Deutschen eine Belgierin, ein Kameruner und eine Spanierin.

„Mal in Ruhe Kaffee trinken"

Parallel zur umfassenden Schulung suchen wir über die Lokalpresse, über ambulante Pflegedienste und Seniorenberater Familien, die Interesse an einem „TANDEM“-Partner haben. Nach einem ersten Telefonat vereinbaren wir einen Hausbesuch, damit die Projektkoordinatorin die Familie kennen lernen und sich ein Bild von der Pflegesituation machen kann.

Bei diesem Besuch erheben wir Grundzüge der Biografie des demenziell Erkrankten, ermitteln Vorlieben und Ressourcen, Abneigungen und Schwächen. Dieser Teil des Gesprächs dient neben der Schulung der Befähigung des zukünftigen „TANDEM"-Partners: Das Wissen über Neigungen und prägnante Punkte im Lebenslauf soll ihm einen Zugang zur Welt des Erkrankten ermöglichen.

Der zweite Teil des Gesprächs dreht sich ausschließlich um die pflegenden Angehörigen. Gemeinsam entwickeln wir, was für den jeweiligen pflegenden Angehörigen Lebensqualität bedeutet und wie ein idealer Tag bei ihm aussehen könnte.

An den hier genannten Indikatoren für die subjektive Lebensqualität will „TANDEM" ansetzen. Die Angehörigen fühlen sich motiviert, die „TANDEM"-Einsätze zu nutzen, um entsprechend ihrer Vorlieben tätig zu werden und etwas für sich zu tun. Ob und inwiefern eine stundenweise Entlastung in gewünschter Richtung die Lebensqualität der pflegenden Angehörigen signifikant beeinflusst, wird bis Ende 2004 Gegenstand der Auswertung des Projektes sein.

„Mal wieder den Vögeln zuhören"

Einige pflegende Angehörige nehmen seit Anfang Juli die Unterstützung ihres persönlichen „TANDEM"-Partners regelmäßig in Anspruch. Sie sind nach anfänglichen Bedenken, ob sie ihren demenzkranken Angehörigen denn wirklich loslassen und in die Obhut eines geschulten Helfers übergeben können, recht glücklich über das Angebot. Die leuchtenden Augen einer Angehörigen, die nach langer Zeit mal wieder einen ausgiebigen Spaziergang mit ihrem Hund machen konnte, oder die Begeisterung einer anderen Dame über die Chance, ohne Sorgen mal wieder in aller Ruhe einen Vortrag besuchen zu können, sind nur zwei von vielen positiven Reaktionen.