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Belastungen
und Beanspruchungen für die Pflegenden in der
stationären Altenpflege sind seit der Einführung
der Pflegeversicherung erheblich angestiegen.
Eine Studie des Mannheimer Zentralinstituts für
seelische Gesundheit hat jetzt detailliert nachgewiesen,
wie die Belastungen sich verändert haben und in
welche Richtung sich die Situation in der Altenpflege
verschlechtert hat.
Die AutorInnen haben in einer Studie die Belastungen
und Beanspruchungen in der Altenpflege nach der
Einführung der Pflegeversicherung untersucht.
Die Studie zeigt, wie die Belastungen in den letzten
Jahren gestiegen sind.
In
der Bundesrepublik Deutschland , arbeiten etwa
400.000 professionelle Altenpflegekräfte in 23.000
stationären, teilstationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen.
Da der Bedarf nach Pflegeleistungen in Zukunft
weiter ansteigen wird, kommt dem Altenpflegeberuf
eine wachsende Bedeutung im Gesundheitswesen zu.
Im Unterschied zur Krankenpflege bestehen die
Aufgaben von Altenpflegekräften nicht allein in
medizinisch-pflegerischen Leistungen, sondern
auch in der psychosozialen Betreuung, in der Unterstützung
des Lebensumfelds und in der sozialen Integration
älterer Menschen. Somit ist der Arbeitsinhalt
noch stärker als bei anderen personenbezogenen
Dienstleistungen durch die Herstellung und Aufrechterhaltung
zwischenmenschlicher Beziehungen und eine direkte
"Face-to-Face"-Interaktion gekennzeichnet.
In
den stationären Einrichtungen der Altenhilfe erfolgt
die Vergütung pflegebedingter Aufwendungen seit
der Einführung der zweiten Stufe der Pflegeversicherung
am 1. Juli 1996 ebenfalls nach den gesetzlich
festgelegten Pflegesätzen. Um ihre Einnahmen sicherzustellen,
sind die Heime darauf angewiesen, bevorzugt Personen
mit einer hohen Pflegebedürftigkeit, d.h. in den
Pflegestufen II oder II, aufzunehmen. Hinzu kommt,
dass leichtere Pflegefälle auf Grund materieller
Anreize häufiger als früher durch Angehörige oder
ambulante Dienste versorgt werden. Auf Grund der
veränderten Rahmenbedingungen gelangen vermehrt
Personen mit erheblichen Alltagseinschränkungen
und einem hohen Pflegebedarf in die Einrichtungen.
Diese Personen weisen neben körperlichen Beeinträchtigungen
sehr häufig auch psychische Störungen, vor allem
dementielle und depressive Erkrankungen auf. Psychische
Auffälligkeiten haben bei AltenheimbewohnerInnen
bereits in den letzten Jahren erheblich zugenommen.
Neben einem steigenden Bedarf an Grund- und Behandlungspflege
ergibt sich hieraus ein wachsender Bedarf an gerontopsychiatrischer
Behandlung und psychosozialer Betreuung.
Diesen
wachsenden Anforderungen stehen seit der Einführung
der Pflegeversicherung knappere finanzielle Ressourcen
gegenüber, die sich ungünstig auf die personelle
Ausstattung niederschlagen. Wie einschlägige Studien
zur Beanspruchungssituation in der Altenpflege
zeigen, ist die Tätigkeit in Alten- und Altenpflegeheimen
ohnehin mit einer erhöhten körperlichen und psychischen
Beanspruchung verbunden, die sich negativ auf
den Gesundheitszustand, die Arbeits- und die Bleibemotivation
der Pflegenden auswirken kann. Durch die Zunahme
des Pflege- und Betreuungsaufwands bei gleichzeitigem
Personalrückgang ist von einer Zunahme der bereits
hohen Beanspruchung des Altenpflegepersonals auszugehen.
Aus der Arbeitspsychologie ist bekannt, dass höhere
Belastungen bei gleichzeitig reduzierten Ressourcen
langfristig zu negativen Beanspruchungsfolgen
wie z.B. körperlichen und psychischen Beschwerden
führen können. Darüber hinaus ist auf Grund der
veränderten Arbeitssituation und der sinkenden
Arbeitsplatzsicherheit ein wachsendes Missverhältnis
zwischen extrinsischen sowie intrinsischen Anforderungen
einerseits und Gratifikationen andererseits zu
erwarten. Berufliche "Gratifikationskrisen"
gehen ebenfalls mit erhöhten Gesundheitsrisiken
einher. Beschäftigte im Bereich personenbezogener
Dienstleistungen sind in diesem Zusammenhang besonders
disponiert für das sog. Burnout-Syndrom, das langfristig
aus einer negativen Bilanz insbesondere des zwischenmenschlichen
Austausches resultieren kann.
Im
folgenden präsentieren wir die Ergebnisse einer
Studie, die zwischen 1996 und 1999 durchgeführt
wurde und die Veränderungen in der Beanspruchungssituation
in der Altenpflege aufzeigt.
Ergebnisse
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Personalstand:
Umgerechnet in Vollzeitäquivalente, waren
1996 518, 1997 484 und 1998 448 Stellen besetzt.
Dies entspricht einem Personalabbau von 6,6
Prozent zwischen 1996 und 1997 und weiteren
7,4 Prozent im folgenden Jahr. Bezogen auf
das Ausgangsniveau von 1996, ist im Erhebungszeitraum
ein Personalrückgang von 13,5 Prozent zu verzeichnen.
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Organisationale
Stressoren: Personalmangel wurde
bei allen Erhebungen als größter Belastungsfaktor
angegeben. Zwischen 1996 und 1998 hat sich
der bestehende Personalmangel signifikant
verschärft. Ebenfalls signifikant erhöht haben
sich Probleme bei der Belegung der Station:
Es wurden häufiger BewohnerInnen aufgenommen,
die eigentlich nicht auf die Station gehörten,
es herrschte häufiger Aufnahmedruck und Überbelegung.
Bezüglich Mangel an Arbeitsmitteln, Mitarbeiterfluktuation/
-absentismus sowie unsicheren Informationen
ergaben sich nicht signifikante Schwankungen
mit einer Tendenz zur Zunahme der Probleme
im Jahre 1998.
-
Arbeitsbelastungen
in der Altenpflege: Die höchsten
Belastungen gingen von einem hoben Zeitdruck
und einer mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung
aus. Beide Probleme nahmen 1997 und 1998 gegenüber
dem Vorjahr signifikant zu. Darüber hinaus
wurden die Zuständigkeit für zu viele BewohnerInnen
sowie Schwierigkeiten mit verwirrten, aggressiven,
depressiven und apathischen Personen in beiden
Jahren als relativ belastend empfunden. Der
Umgang mit den Schamgefühlen und der Sexualität
der BewohnerInnen sowie mögliche sexuelle
Belästigungen wurden hingegen als deutlich
weniger belastend erlebt. Zwischen 1996 und
1998 fanden in Bezug auf die durchschnittliche
Arbeitsbelastung weder im Querschnitt noch
im Längsschnitt signifikante Veränderungen
statt.
-
Berufserwartungen
und Berufsrealität:
Die höchsten Erwartungen waren
darauf gerichtet, gute Pflege zu leisten.
Ein sicheres Einkommen spielte die zweitwichtigste
Rolle. Kontakt zu alten Menschen und zum Kollegenteam
zu haben, Hilfsbedürftigen zu helfen, Kompetenz
und Verantwortung auszuüben, wurden ebenfalls
als sehr wichtig eingeschätzt. Aufstieg und
Karriere spielten hingegen eine nachgeordnete
Rolle. Im Erhebungszeitraum fanden keine Veränderungen
bei den Berufserwartungen statt. Dagegen wurde
die Berufsrealität 1998 signifikant negativer
beurteilt als in den Vorjahren. Entsprechend
nahmen die Diskrepanzen zwischen den Erwartungen
und der wahrgenommenen Realität (im Querschnitt
hochsignifikant, im Längsschnitt tendenziell)
zu. Wachsende Diskrepanzen zeigten sich vor
allem bei der Flexibilität in der Dienstgestaltung,
den Möglichkeiten zur Qualifikation und Weiterbildung,
der psychosozialen Betreuung der BewohnerInnen
und den Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten.
-
Soziale
Stressoren: Belastungen
in den sozialen Beziehungen waren aus der
Sicht der befragten Mitarbeiterlnnen in geringem
bis mittlerem Ausmaß vorhanden: Stress mit
Vorgesetzten und KollegInnen war weniger ausgeprägt
als Stress mit den HeimbewohnerInnen. Zwischen
1996 und 1998 nahmen die Belastungen mit den
Vorgesetzten signifikant zu. In den sozialen
Belastungen mit den KollegInnen und BewohnerInnen
fanden hingegen keine wesentlichen Veränderungen
statt.
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Organisationale
Ressourcen: Der
Tätigkeitsspielraum wurde überwiegend günstig
beurteilt, ebenso die von Vorgesetzten erhaltene
Rückmeldung über Art, Umfang und Erfolg der
Arbeit. Die Partizipation (Beteiligung) an
arbeitsrelevanten Entscheidungen wurde hingegen
deutlich ungünstiger beurteilt. Die organisationalen
Ressourcen nahmen zwischen 1996 und 1998 in
nahezu allen Bereichen ab. Sowohl im Querschnitt
als auch im Längsschnitt signifikant war die
Abnahme des Entscheidungsspielraums.
-
Soziale
Ressourcen: Das
soziale Klima mit Kollegen und Vorgesetzten
wurde insgesamt als eher positiv beurteilt.
Aus den Ergebnissen geht hervor, dass auch
die Beziehungen zu den BewohnerInnen als überwiegend
positiv erlebt wurden. Zwischen 1996 und 1998
verschlechterte sich das soziale Klima der
Tendenz nach in allen Bereichen. Im Längsschnitt
war ein signifikant schlechteres Klima mit
Vorgesetzten und BewohnerInnen festzustellen.
-
Außerberufliche
soziale Unterstützung:
Die Ergebnisse wiesen auf eine
eher hohe instrumentelle und emotionale Unterstützung
im außerberuflichen Bereich hin, die sich
im Erhebungszeitraum kaum veränderte.
-
Arbeitsbezogene
Beanspruchungsfolgen:
Zwischen 1996 und 1998 ließ sich
ein signifikanter bis hochsignifikanter Anstieg
der emotionalen Erschöpfung, der arbeitsbedingten
intrinsischen Motivierung und der Arbeitsunzufriedenheit
nachweisen. Aversionen gegenüber BewohnerInnen
und reaktives Abschirmen nahmen hingegen nicht
zu. Der Anteil von Personen mit einer nach
Definition der Testautoren kritischen Ausprägung
emotionaler Erschöpfung stieg bei den Querschnitterhebungen
von 30,1 auf 39,1 Prozent, zu einem späteren
Zeitpunkt von 31,4 auf 39,7 Prozent der Befragten
an. Statistisch bedeutsam war ebenso die Zunahme
kritischer Ausprägungen in Bezug auf einen
Mangel intrinsischer Motivierung (von 22,3
auf 36,2 Prozent bzw. von 20,8 auf 33,8 Prozent)
und in Bezug auf Arbeitsunzufriedenheit (von
24,7 auf 38,6 Prozent bzw. von 18,9 auf 39,5
Prozent).
-
Gesundheitliche
Beanspruchung:
In fast allen erfassten Merkmalsbereichen
fand zwischen 1996 und 1998 eine signifikante
bis hochsignifikante Zunahme körperlicher
und psychischer Beeinträchtigungen statt:
Kreuzschmerzen, gefolgt von Kopfschmerzen,
erwiesen sich als die häufigsten somatischen
Beschwerden: In beiden Jahren gaben über 80
Prozent der AltenpflegerInnen Kreuzschmerzen
und etwa zwei Drittel Kopfschmerzen an. Ebenfalls
häufig traten Muskelschmerzen, Schweregefühl
in den Armen oder Beinen sowie Schwächegefühl
in den einzelnen Körperteilen auf. Im Vergleich
zur Normstichprobe waren diese Werte insbesondere
bei der letzten Erhebung deutlich erhöht.
Müdigkeit und Schlafstörungen waren gegenüber
der Allgemeinbevölkerung bei der ersten Erhebung
leicht, bei der letzten Erhebung ebenfalls
deutlich erhöht. Im Skalenwert der Allgemeine
Depressions-Skala (ADS) zeigte sich bei der
ersten Erhebung eine durchschnittliche, bei
den beiden folgenden Erhebungen sowohl im
Querschnitt als auch im Längsschnitt jedoch
überdurchschnittlich hohe Belastung durch
depressive Symptome: Danach weisen ca. 16
Prozent der weiblichen Allgemeinbevölkerung
einen Wert über 22 Punkten auf, im Querschnitt
stieg der Anteil depressiver Pflegepersonen
nicht signifikant von 15,2 auf 22,5 Prozent,
im Längsschnitt von 17,8 auf 23,6 Prozent
an.
Disskusion
Durch
welche Veränderungen der Arbeitsbedingungen können
die gestiegenen Beanspruchungsfolgen erklärt werden?
Bei der Analyse erwies sich die zunehmende Diskrepanz
zwischen der Berufserwartung und -realität als
signifikanter Prädiktor der Beanspruchungsfolgen.
Alle weiteren Veränderungen der Arbeitsbedingungen
hatten hingegen keinen statistisch bedeutsamen
Vorhersagewert.
Bei
den Arbeitsbedingungen des Altenpflegepersonals
erwiesen sich, übereinstimmend mit früheren Untersuchungen,
ein hoher Zeitdruck, die Zuständigkeit für viele
BewohnerInnen und zu wenig Zeit für die psychosoziale
Betreuung der BewohnerInnen als zentrale Probleme
der Altenpflegetätigkeit. Ebenfalls belastend
waren die mangelhaften Aufstiegs-, Karriere- und
Qualifikationsmöglichkeiten und die geringe Anerkennung
des Altenpflegeberufs in der Gesellschaft. Im
organisatorischen Bereich fielen unzeitgemäß hierarchische
Führungsstrukturen auf, die sich unter anderem
in geringen Partizipationsmöglichkeiten der MitarbeiterInnen
äußerten.
Nach
der Einführung der Pflegeversicherung haben sich
die personellen, organisatorischen und sozialen
Rahmenbedingungen der untersuchten Einrichtungen
wesentlich verschlechtert: Während die Anzahl
der BewohnerInnen konstant blieb und der Pflegebedarf
insbesondere durch psychische Krankheiten anstieg,
fand ein Personalabbau in erheblichem Umfang statt.
Die beobachtete Entwicklung reflektiert aktuelle
Erfahrungen im Altenhilfebereich, wenn auch repräsentative
Statistiken zum aktuellen Personalstand in Alten-
und Pflegeheimen bisher nicht vorliegen. Parallel
zum Personalabbau verringerten sich die Entscheidungs-
und Gestaltungsspielräume und die Partizipationsmöglichkeiten,
die im Umgang mit Arbeitsbelastungen eine wichtige
Rolle spielen. Diese Entwicklung könnte unter
anderem mit einer zunehmenden Arbeitsverdichtung
und daraus resultierender Veränderungen im Betriebsklima
und im Führungsstil der Leitungskräfte zu erklären
sein. Für letztere Hypothese spricht eine – unmittelbar
nach der Einführung – deutliche Verschlechterung
des sozialen Klimas mit Vorgesetzten und einer
wachsenden Unzufriedenheit mit der von ihnen erhaltenen
Rückmeldung. Leitungskräfte nahmen infolge von
Personalkürzungen und der erweiterten Aufsichtspflicht
bei der Pflegedokumentation in wachsenden Maße
Leitungsfunktionen ein, denen nur z.T. adäquate
Leitungskompetenzen gegenüberstehen. In der Bewertung
der Arbeitssituation durch die Pflegekräfte trugen
diese Veränderungen zu wachsenden Diskrepanzen
zwischen den bestehenden Berufserwartungen und
der Wahrnehmung des Pflegealltags bei, die nach
Siegrist zu einem größeren Ungleichgewicht zwischen
persönlicher Verausgabung und extrinsischen und
intrinsischen Verstärkern führen können und nach
Richter & Hacker insbesondere das Burnout-Risiko
erhöhen. Die wachsende Kluft zwischen Erwartung
und Realität erwies sich in dieser Untersuchung
als ein guter Prädiktor für die zunehmend negativen
Folgen beruflicher Beanspruchung: eine nachlassende
Arbeitsmotivation, eine zunehmende Arbeitsunzufriedenheit
und emotionale Erschöpfung, häufigere somatische
Beschwerden, Schlafstörungen sowie depressive
Symptome. Die körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen
der Altenpflegekräfte erreichten, wie ein Vergleich
mit Normwerten aus der Allgemeinbevölkerung zeigt,
im zweiten Jahr nach Einführung der Pflegeversicherung
ein alarmierend hohes Niveau.
Um
den wachsenden Risiken für die Gesundheit der
Altenpflegekräfte zu begegnen, sind dringend sozialpolitische
sowie betriebliche Maßnahmen erforderlich, die
zu einer Reduzierung der angespannten Personalsituation
in Alten- und Pflegeheimen beitragen. Darüber
hinaus sind auf betrieblicher Ebene präventive
Maßnahmen wie z.B. Gesundheitszirkel, Supervision
und auf den Umgang mit Arbeitsbelastungen orientierte
Fort- und Weiterbildungen zu fordern.
Eine
Literaturliste zu dem Beitrag finden Sie im Internet
unter: www.dbfk.de
unter
PFLEGE AKTUELL. Eine ausführliche Darstellung
der Studie mit ausführlichem Zahlenmaterial und
methodischen Hinweisen finden Sie in: Zeitschrift
für Arbeitswissenschaft, Bd. 53 (3), S. 194-203.
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