Archivierte Inhalte: Dieses Internetangebot wird nicht mehr gepflegt und weiter entwickelt. Die Inhalte werden lediglich zu Archivzwecken aufbewahrt.

Impressum



 

Literatur und Informationen zur Ausbildung

SCHMIDT, L.

Bewegen, Berühren, Wahrnehmen – Das Konzept der Basalen Stimulation in der Pflege
In: Heilberufe 5/2002, S. 20- 21


Basale Stimulation ist ein Konzept zur Wahrnehmungs- und Kommunikationsförderung. Es geht davon aus, dass die Wahrnehmung bestimmter Patienten - z.B. Bewusstlose, Desorientierte oder Hemiplegiker durch elementare Anregungen entscheidend verbessert werden kann. Um wahrnehmen oder kommunizieren zu können, ist Bewegung nötig, d.h. Fördern der Wahrnehmung fördert die Bewegung. Einige Einblicke in die Basale Stimulation gibt dieser Beitrag.

Basale Stimulation geht davon aus, dass alle Aktivitäten eines Menschen in Wechselbeziehung zueinander stehen. Kommunikation, Bewegung und Wahrnehmung werden im Zusammenspiel betrachtet. Besondere Bedeutung erhält dabei die Körpereigenwahrnehmung. Sie gibt Informationen über das Körper-Ich (Körperselbstbild). Wenn z. B. ein Mensch lange ohne Bewegung ist, kann er seine Körperform nicht mehr eindeutig wahrnehmen (Körperbildstörung). In Studien ist festgestellt worden, dass die Wahrnehmung sehr rasch abnimmt, wenn Bewegung fehlt. Kann ich mich selbst nicht wahrnehmen, sind meine Gedanken und Bemühungen stark darauf konzentriert, mich selbst zu finden: Wo oder wie befinde ich mich im Raum (liegend, sitzend oder stehend)? Wo fange ich an, wo höre ich auf? Endet mein Körper an den Füßen oder an den Zehen? Nehme ich meine Füße nur noch als Masse wahr und nicht als ein Gebilde mit fünf Zehen?

Herkunft des Konzepts

In den 70er Jahren entwickelte der Sonderpädagoge und Heilpädagogische Psychologe Prof. Dr. Andreas Fröhlich das Konzept der Basalen Stimulation zur Früh- und Wahrnehmungsförderung für schwerst- und mehrfachbehinderte Kinder. Die wohl wichtigste Erkenntnis war, dass über den Körper dieser Kinder ein Zugang zu ihrer Wahrnehmungswelt geschaffen werden konnte und somit Kommunikation möglich wurde. Die Vermittlung von Erfahrungen vollzog sich dabei nicht über Sprache und Bild, sondern über Berührung, Bewegung und unmittelbare Auseinandersetzung mit der Umwelt.

Die Krankenschwester und Diplom-Pädagogin Christel Bienstein hat das Konzept der Basalen Stimulation in den 80er Jahren aufgegriffen und in Abstimmung mit Andreas Fröhlich auf die Pflege Erwachsener übertragen. In enger Zusammenarbeit konnte ein Pflegekonzept entwickelt werden, das in unterschiedlichen Fachbereichen von der Neonatologie bis zur Gerontopsychiatrie für eine patientenorientierte Pflege genutzt werden kann.

Was ist Wahrnehmung?

Wahrnehmung ist die sinngebende Verarbeitung von Reizen. Für uns ist Wahrnehmung so selbstverständlich, dass wir erst darüber nachdenken, wenn wir in eine Situation geraten in der wir ihre möglichen Grenzen erfahren, z. B. dermaßen konzentriert arbeiten, dass wir herantretende Personen nicht bemerken.

Damit unser Gehirn die wahrgenommenen Reize verarbeiten kann, sind unterschiedliche Informationen nötig. Ein gleichbleibender Reiz führt zur Gewöhnung, er kann nicht mehr differenziert verarbeitet werden. Dies wird z. B. deutlich, wenn wir in einen Raum kommen, der schlecht gelüftet ist, und die im Raum befindlichen Personen dies nicht wahrnehmen. Um Materialien oder Gegenstände wahrnehmen zu können, brauchen wir Veränderungen, wir müssen Unterschiede feststellen können, wir brauchen Vergleiche und Grenzen, und um den Reiz verarbeiten zu können, sind Pausen notwendig.

Die Basale Stimulation orientiert sich an den Entwicklungsstufen des Menschen, so wie er sie in seinem Entwicklungsprozess ab der Embryonalzeit durchläuft. Innerhalb der fünf Entwicklungsstufen lässt sich die Wahrnehmung in sieben Bereiche (Sinne) differenzieren.

Stufen sensorischer Entwicklung

  1. In der ersten Stufe werden die basalen Sinne aufgebaut (basal (griech.) = an der Basis/der Grundfläche befindlich):
    Der somatische Sinn betrifft Erfahrungen, die wir über unseren Körper und unsere Haut machen. Die somatische Stimulation soll Oberflächen und Grenzen bewusst machen, der Mensch soll den eigenen Körper spüren. Uns gibt z. B. die Kleidung Informationen über unser Körperbild.
    Der vibratorische Sinn betrifft feine Schwingungen, die unser Körper aufnimmt. Die vibratorische Stimulation ist wichtig für die Wahrnehmung des Knochengerüstes, sie gibt uns das Gefühl von innerer Stabilität. Wir erfahren Vibrationen z. B. durch Gehen oder durch unsere Stimme.
    Der vestibuläre Sinn betrifft unser Gleichgewicht. Die vestibuläre Stimulation lässt uns wahrnehmen, in welcher Position wir uns im Raum befinden und wie wir uns bewegen. Position und Bewegung unseres Körpers können wir selbst mit geschlossenen Augen wahrnehmen. Erfahrbar machen wir sie uns u.a. durch Nicken und Drehen des Kopfes, Schaukeln und Wiegen des Körpers.

  2. Die zweite Stufe ist der oral-nasale Sinn, er betrifft das Schmecken und Riechen. Die oral-nasale Stimulation vermittelt uns Genuss und beeinflusst auch unsere Emotionen (Geruchssinn ist mit dem limbischen System verbunden). Die Mund-Nasenzone ist sehr wahrnehmungsstark. Bestimmte Gerüche rufen Erinnerungen hervor, z. B. Vanille Weihnachten, Pfefferminz Erkältung. Ein gesunder Mensch wird durch seine Mobilität mit den unterschiedlichsten Gerüchen konfrontiert. Oral sammeln wir unsere Erfahrungen, z. B. durch den Genuss von Speisen und Getränken.

  3. Die dritte Stufe ist der akustische Sinn, er betrifft das Hören. Wir nehmen im täglichen Leben eine Vielzahl von Geräuschen wahr.

  4. Die vierte Stufe ist der taktil-haptische Sinn, er betrifft das Tasten und Fühlen. Mittels taktil-haptischer Stimulation machen wir uns unsere Umwelt durch aktives Fühlen begreifbar. Hierzu benutzen wir in der Hauptsache unsere Hände, aber auch Füße und Mund. Wir erkennen z. B. mit tastenden Händen auch im Dunklen bekannte Gegenstände.

  5. Die fünfte Stufe ist der visuelle Sinn, er betrifft das Sehen. Die visuelle Stimulation soll uns helfen, unsere Umgebung wahrzunehmen, z. B. Personen und Gegenstände zu erkennen. Ein Sehender wird mit einer Vielzahl von Eindrücken und Reizen konfrontiert.

Erwachsene haben eine Vielzahl an unterschiedlichen Erfahrungen der Sinne, auf die wir als Pflegende zurückgreifen können. Dadurch gewinnt die Pflegeanamnese als Hilfsmittel zur Umsetzung der Basalen Stimulation an Bedeutung.

Es gibt viele Kanäle, durch die ich mit einem Menschen in Beziehung treten kann. Einer der wichtigsten ist die Berührung. Berührung spielt besonders bei stark wahrnehmungsgestörten Menschen eine wesentliche Rolle bei der Kontaktaufnahme und ist mitunter die einzige Möglichkeit zur Kommunikation! Dabei haben die Hände einen hohen Stellenwert, sie können zum Übermittler, zum Sprachrohr werden und sind ein Medium, über das die Kommunikation fließen kann. Die Hände werden zum therapeutischen Mittel, sie dienen als Werkzeug, vermitteln unser Tun. Deshalb sollten Pflegende sich bewusst machen, dass ihre Hände nicht rein funktionell arbeiten, sondern dass sie bei dem Menschen, den wir berühren, etwas auslösen. 

Berühren und berührt werden beinhaltet eine Vielzahl möglicher, oft widersprüchlicher und gegensätzlicher Botschaften, wie Gefühle von Nähe, Gehalten werden, Trost, Unterstützung oder auch Angriff, Distanzverletzung u.a. Aus diesem Grund ist die Qualität der Berührung entscheidend. Aus Sicht der Basalen Stimulation sollte eine Berührung - z. B. bei einer Pflegehandlung - eindeutig, ruhig und flächig sein, was bedeutet: Ich kündige mich durch einen klaren Beginn (Begrüßung) an. Dies kann ich durch Auflegen einer Hand an der Schulter und über die Sprache tun. Während des Kontaktes sollten meine Hände ruhig, im Ganzen und flächig aufgelegt sein. Die Finger werden dabei geschlossen gehalten. Die Hände sollten einen gleichmäßigen Druck ausüben und sich der Körperform des Menschen anpassen. Während des Kontaktes sollen keine Unterbrechungen stattfinden. Auch das Ende der Berührung wird durch eine Verabschiedung, Händedruck oder Auflegen einer Hand an der Schulter verdeutlicht.

Fazit für die Praxis

Beim Lesen dieses Beitrags werden Sie festgestellt haben, dass viele pflegerische Maßnahmen bereits basal stimulierend durchgeführt werden. Durch das bewusste Umsetzen des Konzepts der Basalen Stimulation können wir die Pflege jedoch qualitativ verbessern und zum Wohlbefinden und zur Gesundung von Menschen entscheidend beitragen bzw. deren Krankheitssituation angenehmer gestalten.

Sehr wesentlich für die Ausführung der Basalen Stimulation ist die Bereitschaft der Pflegenden, sich mit dem Patienten und dessen Angehörigen auseinander zu setzen und sich einzufühlen. Erst dadurch wird es möglich, Fähigkeiten des Patienten zu erkennen. Dabei wird eine entscheidende Rolle spielen, inwieweit wir in der Lage sind, trotz all der Hektik im Alltag unser Handeln bewusst zu reflektieren und den pflegebedürftigen Menschen als Ganzen wahrzunehmen.