Effektives
und Zeit sparendes Handeln in der Pflege
erfolgt nicht ausschließlich nach
dem Handlungsmuster zweckrationaler Arbeit.
Ebenso wichtig ist ein „erfahrungsgeleitetes,
subjektivierendes Arbeitshandeln“. Dies
ist das Ergebnis einer Untersuchung in einem
Altenheim, bei der das pflegerische Handeln
erfahrener Altenpflegerinnen und Altenpfleger,
die zeitlich gut mit ihrer Arbeit zurechtkommen,
und deren Arbeitsqualität im Team und
im Haus anerkannt ist. Im Folgenden seien
zunächst einige Befunde dieser Untersuchungen
dargestellt und daran anschließend
daraus resultierende Perspektiven für
die berufliche Bildung umrissen.
Erfahrungsgeleitete Arbeit in der
Pflege
Leitend
für ein zweckrationales Arbeitshandeln
ist ein planmäßiges Vorgehen,
bei dem die Durchführung einzelner
Arbeitsschritte soweit wie möglich
vorab festgelegt (geplant) werden.
Interaktiv-dialogisches Vorgehen Tatsächlich
gibt es aber in der Arbeit kompetenter Altenpfleger
keine konkrete Arbeitsplanung, sondern lediglich
einen Rahmen, eine Orientierungsgröße,
die offen bleibt für Abweichungen.
Für das, was dann in der Pflege tatsächlich
getan wird, spielt nicht der Plan, sondern
die Interaktion und Kommunikation mit den
Pflegebedürftigen die zentrale Rolle.
Die nötigen Verrichtungen (Waschen,
Hilfe beim Anziehen etc.) werden nicht schematisch
und routinemäßig „nach Plan“
ausgeführt, sondern in Umfang, Dauer
und Art situativ auf die jeweilige Individualität
und Befindlichkeit des alten Menschen abgestimmt.
Ausschlaggebend dafür ist die Wahrnehmung
der aktuellen Situation des alten Menschen:
Eine solche Durchführung der Pflegearbeit
hat immer den Charakter eines „Dialogs“,
auch wenn dabei verbale Mitteilungen eine
vergleichsweise geringe Rolle spielen. Mit
einem solchen Vorgehen verbinden sich eine
besondere sinnliche Wahrnehmung von Informationen
und deren Interpretation sowie Beziehung
zu den Pflegebedürftigen.
Komplexe
sinnliche Wahrnehmung und subjektives Empfinden
Beim
zweckrationalen Handeln wird die sinnliche
Wahrnehmung darauf beschränkt, Eigenschaften
der Umwelt möglichst exakt und objektiv
zu registrieren und dementsprechend die
einzelnen Sinne wie „technische Instrumente“
zu nutzen. Subjektives Empfinden gilt als
eher störend, weil es die Objektivität
der Wahrnehmung verzerre.
Demgegenüber erfordern sowohl das interaktiv-dialogische
Vorgehen in der Pflege, als auch die Einschätzung
der Befindlichkeit der Pflegebedürftigen,
nach der sich die Durchführung der
täglichen Arbeit schließlich
richtet, eine differenzierte sinnliche Wahrnehmung
gerade auch solcher „Informationen“, die
sich nicht oder nur begrenzt exakt definieren
und messen lassen Ihre Wahrnehmung erfolgt
über mehrere Sinne, wobei gerade auch
subjektive Empfindungen handlungsleitend
sind. Wenn die Pflegekräfte das Zimmer
betreten, machen sie sich ein Bild über
den aktuellen Zustand. Sie orientieren sich
dabei an „Spuren“ einer unruhigen Nacht,
ob jemand noch im Bett liegt, bereits angezogen
ist usw. Ergänzt wird dies durch Wahrnehmungen
des Gesichtsausdrucks, der Färbung
der Haut, der Körperhaltung, des Zustandes
des Bettes u. ä. Neben den optischen
Eindrücken ergeben sich auch aus Gerüchen
wichtige Hinweise auf die psychisch-physische
Befindlichkeit des Pflegebedürftigen.
Akustisch wird vor allem die Art zu sprechen
wahrgenommen. Doch geht es hier nicht um
die sachlichen Inhalte, sondern den Tonfall,
die Lautstärke oder Erregtheit der
Stimmen, die auf die aktuelle Befindlichkeit
hinweisen. Wichtig sind auch die körperlichen
Berührungen: „Ich spüre, wenn
ich jemanden anfasse, ob er steif, locker
ist, ob seine Haut warm oder kalt ist, wie
er sich fühlt.“
Erfahrungswissen, assoziatives Denken
und Gespür
Beim
zweckrationalen Handeln werden Formen des
Wissens und Denkens genutzt, die sich vor
allem in logischschlussfolgernden Operationen
und formalen Begriffen und Relationen vollziehen,
bzw. im Gedächtnis gespeichert sind.
Das berufliche Fachwissen ist vor allem
hierdurch geprägt. Ein solches Wissen
und entsprechende kognitive Prozesse sind
auch in der Pflege unverzichtbar. Aber sie
reichen nicht aus.
Als ebenso wichtig (und teilweise sogar
wichtiger) wird das „Erfahrungswissen“ eingeschätzt.
Es ist ein Wissen, das, sich im Verlauf
der praktischen Tätigkeit und des Umgangs
mit älteren Menschen entwickelt hat.
Für die Interpretation der zuvor beschriebenen
sinnlichen Wahrnehmungen ist es die wesentliche
Grundlage, ebenso wie für die Entscheidungen,
die daraus für das eigene Handeln getroffen
werden. Ein solches Wissen besteht aus einer
Vielzahl eigener Erfahrungen, auf die man
bei der Einschätzung einer konkreten
Situation zurückgreift, aber auch aus
sehr spezifischen und individuellen Kenntnissen
über die Pflegebedürftigen, die
im Verlauf des Umgangs mit ihnen erworben
werden. Typisch hierfür die Aussage:
„Je besser und länger man jemanden
kennt, ums so leichter wird es; wenn es
klingelt, weiß' ich schon warum.“
Aber auch: „Je besser man sie kennt, um
so weniger klingelt es, weil man vorher
schon weiß, was nötig ist.“ Des
weiteren spielt sich das Denken bei der
Beurteilung von Situationen und der Entscheidung,
welche Handlungen notwendig sind, oft in
„Bildern“ ab. „Ich erinnere mich an bestimmte
Situationen und entscheide dann, was zu
tun ist.“ Es handelt sich dementsprechend
weniger um ein logisch-analytisches Folgern,
sondern eher um ein „assoziatives Denken“.
Eine wichtige Grundlage dafür ist das
sich „Hineinversetzen“ in den anderen, allerdings
nicht über eine „intellektuelle Analyse“,
sondern primär über ein „Nach-Empfinden“.
Gefühl ist dabei kein emotionaler Zustand,
sondern ein Medium des Erkennens und Beurteilens.
Gesprochen wird daher auch sowohl von „Gefühl“
wie von „Gespür“.
Empathische Beziehung zu den Pflegebedürftigen
Zweckrationales
Handeln erfordert eine möglichst sachliche,
distanzierte Beziehung zu Arbeitsmitteln
und Arbeitsgegenständen, bei der das
„Gegenüber“ als „Objekt“ wahrgenommen
wird. In der Pflege gilt eine solche Distanzierung
u. a. als Möglichkeit, den Gefahren
eines psychischen Burnouts entgegenzuwirken.
Demgegenüber beruht jedoch das geschilderte
„erfahrungsgeleitete Arbeiten“ auf einer
empathischen Beziehung zu den pflegebedürftigen
alten Menschen. Sie ist nicht im Sinne einer
„emotionalen Bindung“ zu verstehen, sondern
eher im Sinne einer „Vertrautheit“, die
die eigene Arbeit erleichtert und eine wesentliche
Voraussetzung ist für die oben beschriebene
dialogisch-interaktive Durchführung
der Pflegetätigkeit. Auch dann, wenn
die zu betreuenden alten Menschen sehr hilflos
sind, beruht die Beziehung zu ihnen grundsätzlich
auf einer gleichwertigen wechselseitigen
Anerkennung als Subjekt.
Der Pflegebedürftige wird als Partner
wahrgenommen, von dem es, auch wenn er verwirrt
ist, etwas zu erfahren gilt. Oft sind körperliche
Äußerungen hier das zentrale
Medium, über das sich - anstelle von
Sprache - Interaktions- und Kommunikationsprozesse
vollziehen.
Folgerungen
für die berufliche Bildung
Wie
die geschilderten Befunde zeigen, wird das
vorherrschende arbeitswissenschaftliche
Verständnis von „effektiver und effizienter
Arbeit“ der Arbeit in der Altenpflege nicht
gerecht. Bekräftigt wird dies auch
durch andere Untersuchungen zur Rolle von
„Intuition“ und „Erfahrung“ in der Pflege.
Des weiteren legten die von uns untersuchten
Pflegekräfte überzeugend dar,
dass die Planung und Durchführung der
Arbeit nach dem Schema zweckrationalen Handelns
sowohl erheblich zeitintensiver als auch
emotional belastender und anstrengender
ist. Der Aufwand wird erhöht, da man
ständig damit zu tun hat, „gegen“ die
Pflegebedürftigen die Arbeit „durchzuziehen“.
Je konkreter man die Pflegearbeit fasst,
desto weniger konkret „planbar“ ist sie,
desto unvorhersehbarer treten die verschiedenen
Anforderungen auf. Sinnvoll und hilfreich
ist daher, sich auf eine „Rahmenplanung“
zu beschränken und diese durch ein
situativ ausgerichtetes Arbeitshandeln -
so wie geschildert - im konkreten Ablauf
auszufüllen. Dies darf nicht verwechselt
werden mit einem „Dahinwursteln“, sondern
erfordert selbst eine hohe berufliche Kompetenz.
Berücksichtigt man die geschilderten
Besonderheiten der pflegerischen Arbeit
– zu deren genauerer und systematischer
Kenntnis ohne Zweifel weitere empirische
Untersuchungen notwendig sind –, so ergeben
sich eine Reihe grundlegender Konsequenzen
und neue Perspektiven für die berufliche
Bildung. Notwendig ist die systematische
Förderung und Unterstützung der
Heranbildung von Kompetenzen für ein
erfahrungsgeleitetes, subjektivierendes
Arbeitshandeln in der Pflege:
-
Das erfahrungsgeleitete, subjektivierende
Arbeitshandeln in der Pflege ist keine
laienhafte Jedermanns-Vorgehensweise oder
ein Zeichen mangelnder Professionalität,
sondern es enthält ganz im Gegenteil
außerordentlich hohe, anspruchsvolle
Anforderungen an die persönliche
Arbeitsautonomie, das Wahrnehmungsvermögen,
die Sozialen Fähigkeiten und vor
allem an die Fähigkeiten der Selbstorganisation;
die eine darauf gerichtete systematische
Ausbildung verlangen. Gerade in der Befähigung
zu jenem situativen, wahrnehmungsgeleiteten
Arbeitshandeln liegt die besondere Professionalität
der Altenpfleger - und nicht in dem letztlich
vergeblichen Versuch, ein sachlich unangemessenes
Handlungsmuster für die Pflege zu
adaptieren.
- Deshalb
müssen die genannten Fähigkeiten
- des interaktiv-dialogischen Vorgehens,
der sensiblen Wahrnehmung, des „Erfahrungswissens“
und der Empathie - als fachliche Kompetenzen
anerkannt und in den Ausbildungsgängen
zu den Pflegeberufen (neben den eher wissenschaftlich-objektivierenden
Elementen) systematisch vermittelt werden
im Sinne eines Ausbildungsschwerpunkts
„berufliche Handlungsfähigkeit“.
- Das
wirft erhebliche methodische und didaktische
Probleme auf, die dringend in Modellversuchen
erforscht werden sollten. Ausgangspunkt
der Ausbildung dieser Fähigkeiten
sollte es sein, die genannten Anforderungen
und die ihnen entsprechenden Fähigkeiten
in ihrer Bedeutung für das pflegerische
Handeln überhaupt bewusst zu machen
und sie von dem Vorurteil zu befreien,
sie seien vorrational und vorprofessionell.
Dazu könnte die Ausbildung an Erfahrungen
aus den hier üblichen Vorpraktika
anknüpfen und sie zur Grundlage eines
spezifischen beruflichen Selbstverständnisses
der Pflegeberufe machen.
- In
der Fachausbildung selbst genügt
es natürlich nicht, nur von diesen
Fähigkeiten und ihrer Bedeutung zu
wissen; sie müssen vielmehr auch
praktisch erübt werden, wie angehende
Schreiner das Hobeln auch nicht theoretisch
erlernen, sondern dadurch, dass sie es
praktizieren. Damit gewinnt in den Pflegeausbildungen
der fachpraktische Teil eine neue und
zentrale Bedeutung.
- Innerhalb
der Fachschulen könnte dieser fachpraktische
Teil darin bestehen, dass hier entsprechende
Übungen etwa zur Wahrnehmungsschulung,
zur Entwicklung von Empathie oder zur
Steigerung des subjektiven Empfindens
genau so wichtig genommen und systematisch
durchgeführt werden wie etwa Übungen
zum Blutdruckmessen oder zum Lagern von
Patienten. Vor allem ist es hierzu auch
wichtig, einerseits das entsprechende
sprachliche Vermögen auszudifferenzieren,
andererseits aber auch das Wahrnehmungsvermögen
vom jeweils mitgebrachten Begriffshorizont
unabhängiger zu machen.
Parallel dazu muss die Bereitschaft gefördert
werden, dem eigenen Erfahrungswissen und
den mit ihm verbundenen nicht-objektivierbaren
Erkenntnisfähigkeiten so weit zu
trauen, dass es auch subjektiv als zuverlässige
Orientierungsgrundlage für die eigenen
Entscheidungen und Handlungen akzeptiert
wird.
- Der
Schwerpunkt der Ausbildung der zum erfahrungsgeleiteten
Arbeiten in der Pflege notwendigen Fähigkeiten
muss aber zweifellos in den praktischen
Ausbildungsphasen liegen, die in der Pflegeausbildung
traditionell in Form von Blockpraktika
in den Pflegeeinrichtungen absolviert
werden. So günstig es für die
Ausbildung vor allem der Fähigkeiten
zum selbstständigen beruflichen Handeln
auch sein kann, wenn die Praktikantinnen
„vor Ort“ als hochwillkommene Verstärkung
des ohnedies immer zu knappen Personals
sofort in den regulären Dienstablauf
eingeplant werden, so sehr bedeutet die
Anforderung, erfahrungsgeleitet Arbeiten
zu lernen aber nun auch, dass diese betrieblichen
Praktika klare Lernziele und einen klaren
Lehrauftrag bekommen, der sich in Zukunft
wohl kaum lediglich en passent erledigen
lassen wird, sondern eine entsprechende
Systematik und bewusste Didaktik und Methodik
verlangt.
- Beispielsweise
sollten solche Pflegekräfte als betriebliche
Betreuer der Praktikanten ausgewählt
werden, die selbst jene Fähigkeiten
zum erfahrungsgeleiteten Handeln in hohem
Maße besitzen und sich dessen auch
möglichst bewusst sind; außerdem
muss ihnen klar werden, dass genau hier
eine ihrer wesentlichen Ausbildungsaufgaben
liegt. Dieser Teil des Ausbildungsgeschehens
kann und muss aber darüber hinaus
auch durch bewusste Erkundungsaufgaben,
den Einsatz von Beobachtungsleitfäden,
entsprechende Protokollführung, persönliche
Rückblicke und vor allem intensive
Auswertungsgespräche zwischen Ausbildern
und Praktikanten entscheidend verstärkt
werden. Zu vermuten ist allerdings, dass
man dann, wenn man die dem erfahrungsgeleiteten
Handeln in der Pflege tatsächlich
zugrundeliegenden elementaren Kräfte
und Fähigkeiten noch genauer und
als eigenständige Kompetenzen erkennt,
auch noch ganz andere, eher indirekt,
dafür aber nachhaltig wirkende Lern-
und Übungsformen entwickeln kann.
Diese Hinweise sollen genügen, um deutlich
zu machen, dass nach den Ergebnissen unserer
Untersuchung ein erfahrungsgeleitetes, subjektivierendes
Arbeitshandeln in der Pflegetätigkeit
Umorientierungen sowohl im konkreten Verständnis
der Pflegearbeit und ihrer arbeitsorganisatorischen
Gestaltung wie auch der Ausbildung notwendig
sind.
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