Archivierte Inhalte: Dieses Internetangebot wird nicht mehr gepflegt und weiter entwickelt. Die Inhalte werden lediglich zu Archivzwecken aufbewahrt.

Impressum



 

Literatur und Informationen zur Ausbildung

BIEDERMANN, M.

Reizvolle Düfte
Altenpflege 11/2002, S. 32 - 34


Die Nahrungsaufnahme bei schwer pflegebedürftigen Menschen findet oft als liebloses Ritual statt. Ein Projekt zeigt, wie Betroffene mit etwas Fantasie zur aktiven Teilnahme an den Mahlzeiten zu animieren sind.

Im Bereich von schwerst pflegebedürftigen Menschen befindet sich die Diskussion um das Thema „Esskultur" noch im Embryonalstadium. Nach wie vor werden Tagesreste aufgewärmt, gewürfelt, püriert und stundenlang warm gehalten. Die so zubereiteten Kostformen werden den Betroffenen, die als Gäste oder Kunden kaum wahrgenommen werden, gewissenlos vorgesetzt. Dabei spielt gerade für solche Menschen die richtige Ernährung eine Schlüsselrolle bei der Erhaltung ihrer kognitiven und physischen Funktionen. Doch für diese Klientel gibt es bisher kaum praktikable Lösungen, welche sowohl die ernährungsphysiologischen als auch die sozialen Aspekte berücksichtigen.
Im Auftrag der „Schule für Angewandte Gerontologie" in Zürich hatte ich die Möglichkeit, eine Projektarbeit unter dem Motto „Essen als basale Stimulation" zu realisieren. Ausschlaggebend war meine Tätigkeit im Pflegeheim „Sonnweid" im Schweizer Wetzikon, einer Institution für demenzkranke Menschen. Dort hatte sich nach einer allgemeinen Bestandsaufnahme herauskristallisiert, dass fördernde Konzepte gerade im Verpflegungsbereich von Demenzkranken fehlen. Somit machte ich mich daran, diesem Zustand abzuhelfen, und dies wollte ich mit dem Mittel der basalen Stimulation tun.

Gerüche als Stimulator

Die basale Stimulation versteht sich als ein Konzept, die positiven Möglichkeiten eines Patienten zu fördern statt seine Defekte, Defizite und Ausfälle aufzuzeigen. Insofern ist die basale Stimulation keine Behandlung, sondern der qualifizierte Versuch, sich der Lebenssituation des Patienten anzupassen und ihm für seine individuelle und aktuelle Lebenssituation geeignete Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Kommunikationsangebote zu machen. Die Nahrungszubereitung und -aufnahme sollten in diesem Fall erstmals das Mittel sein, mit dem dementen Menschen via basale Stimulation zu kommunizieren und ihn zu stimulieren.

In der Vorbereitung zum Projekt hat sich gezeigt, dass die basalen Reize eines guten Essens vor allem über den Geruch erfolgen. Diese Tatsache wurde anhand der Mitarbeiterschulung ermittelt, welche dem Projekt vorausging. Während dieser eintägigen Schulung versuchten die Teilnehmer, sich in die Lage eines schwer pflegebedürftigen Menschen zu versetzen. So hatten wir uns beispielsweise gegenseitig die Augen verbunden und so blind verschiedene Speisen gekostet. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist zu wissen, was man isst. So hat sich zum Beispiel ein Teilnehmer vor dem pürierten kalten Schweinebraten dermaßen geekelt, dass er ihn gleich wieder ausgespuckt hat.

Aufgrund verschiedener solcher Experimente konnten wir schließlich auch feststellen, wie stark wir auf bestimmte Gerüche reagieren und welch wichtige Rolle der Geruch einer
Speise spielt, um unseren Appetit anzuregen. Düfte senden Lockstoffe aus, die uns augenblicklich zu stimulieren vermögen. Beim Riechen eines guten Essens läuft uns ja bekanntlich „das Wasser im Munde zusammen". Dieses Wissen wollten wir uns bei der Umsetzung von „Essen als basale Stimulation" zu Eigen machen. Als Hauptprojekt hat sich dabei das Kochen am Bett von demenzkranken Menschen mittels Stimulation durch
Gerüche herauskristallisiert.

Essen mit Hand und Fuß

Als weitere Produkte der basalen Stimulation ergaben sich die Realisierungen von „Eat by Walking" und „Fingerfond", die im Gegensatz zum Kernprojekt an den Seh- und an den Tastsinn appellieren. „Eat by walking" richtet sich primär an Demente in einem frühen Stadium ihrer Krankheit, die nicht mehr ruhig am Tisch sitzen und essen können und stattdessen ruhelos umherwandern. Für sie wurden an verschiedenen Stationen, an welchen sie vorbeigehen, kleine Happen (beispielsweise in Form von Frucht- oder Gemüsestücken) platziert, sodass sie sich unterwegs etwas davon nehmen konnten. Auch die Tische wurden statt mit Blumen mit bunt geschnittenem Gemüse dekoriert. Die Probanden von „Eat by Walking", die vorher aufgrund ihrer Ruhelosigkeit kaum einmal eine ganze Mahlzeit zu sich nehmen konnten, aßen auf diese Weise viel mehr und zusätzlich auch noch wertvolle Rohkost.

„Fingerfond" richtet sich an diejenigen Menschen, die ihre motorischen Fähigkeiten nicht mehr kontrollieren können und Mühe haben, mit dem Besteck umzugehen. Ihnen wird mit „Fingerfond" die Möglichkeit geboten, mit den Fingern zu essen, statt sich das Essen reichen zu lassen. Die Patienten treten dadurch aus der passiven Rolle des Sich-füttern-Lassens heraus und beteiligen sich wieder aktiv an der Nahrungsaufnahme. Dadurch wird die Selbstständigkeit dieser Menschen wieder mehr gefördert und gefordert. Da sie mit den Fingern essen, wird zusätzlich der Tastsinn stimuliert. Um sicherzugehen, dass sich die Heimbewohner und Angehörigen nicht aus ethischen Gründen am „Mit-den-Fingern-Essen" stören, wurden sie über dieses Projekt informiert und um Zustimmung gebeten.
Wichtig ist beim „Fingerfond", dass die Küche sich mit dieser Zubereitungsart von mundgerechten Stücken auseinander setzt und an ihre Kreativität appelliert, statt den Patienten Fertigprodukte zu servieren. Mit innovativen Ideen können wahre Kunststücke vollbracht werden. So kann das Birchermüesli beispielsweise mit Gelatine verhärtet und in Stücke geschnitten, so können Miniwindbeutel mit Lachsmousse gefüllt und serviert werden. Es ist jedoch auch darauf zu achten, dass trotz „Fingerfood" immer noch alle drei Komponenten angeboten werden. Während des Projektes machten wir allerdings die Erfahrung, dass es die Patienten im späteren Stadium der Demenz verwirren kann, wenn sie drei verschiedene Farben auf dem Teller präsentiert bekommen. Ebenso irritierte es sie, wenn die Teller gemustert waren. Wir zogen daraus die Konsequenz, die Komponenten nacheinander statt miteinander auf unifarbenen Tellern zu servieren, was bestens funktionierte. Die Schlussbilanz bei der Umsetzung von „Fingerfond" war äußerst zufrieden stellend: Während das Projekt mit einem einzigen Probanden gestartet wurde, essen heute 17 demenzkranke Menschen im Pflegeheim „Sonnweid" mit den Fingern.

Kochen am Bett

Das Animieren durch Gerüche - der Kern des Projekts - wurde anhand von „Kochen am Bett" realisiert. Zwischen den Betten zweier schwer demenzkranker Frauen platzierte ich mein fahrbares Kochrechaud und kochte dort mit einfachen Mitteln simple Speisen. Die Vorbereitungen hatten bereits im Vornherein in der Küche stattgefunden. Ziel war es aber nicht, den Probanden ein vollständiges Menü am Bett zu kochen. Vielmehr wollte ich sie durch die Gerüche animieren, damit sie dann Appetit auf das Menü aus der Küche bekommen.

Beim Kochen am Bett wurde einmal mehr deutlich, wie wichtig die Essbiografie der Heimbewohner für die Küche ist. Doch auch bei vertrauten Gerüchen ließen sich die beiden schwer dementen Frauen nur für kurze Zeit stimulieren. In diesen drei bis fünf Minuten der basalen Stimulation wurden sie nervös. ihre Augenlider zitterten, ihre Lippen begannen sie
und sie befeuchteten sie mit der Zunge. Beim Anbraten einer Rösti reagierte eine der beiden Frauen sehr heftig: Sie begann plötzlich aufgeregt vor sich hin zu sprechen. Ich konnte nicht verstehen, was sie sagte, doch es tönte wie „anschaaanscha...". Durch die Zubereitung der Rösti animiert, aß die Frau, die vorher kaum etwas zu sich genommen hatte, einen ganzen Teller davon, was die ganze Abteilung in Staunen versetzte.
Einige Tage später kam der Mann der Frau zu Besuch und zeigte sich erstaunt über die-
ses Ereignis, da seine Frau schon lange keine so heftige Regung mehr gezeigt hatte. Er klärte uns darüber auf, dass er früher mit seiner Frau im Tessin eine Kochsendung moderiert hatte und sie Italienisch sprach. Er war sicher, dass die Laute, die wir gehört hatten, „mangia" (essen) bedeuteten, da Rösti ihr Lieblingsessen gewesen sei.