Die Nahrungsaufnahme bei
schwer pflegebedürftigen Menschen findet
oft als liebloses Ritual statt. Ein Projekt
zeigt, wie Betroffene mit etwas Fantasie
zur aktiven Teilnahme an den Mahlzeiten
zu animieren sind.
Im Bereich von schwerst
pflegebedürftigen Menschen befindet
sich die Diskussion um das Thema „Esskultur"
noch im Embryonalstadium. Nach wie vor werden
Tagesreste aufgewärmt, gewürfelt,
püriert und stundenlang warm gehalten.
Die so zubereiteten Kostformen werden den
Betroffenen, die als Gäste oder Kunden
kaum wahrgenommen werden, gewissenlos vorgesetzt.
Dabei spielt gerade für solche Menschen
die richtige Ernährung eine Schlüsselrolle
bei der Erhaltung ihrer kognitiven und physischen
Funktionen. Doch für diese Klientel
gibt es bisher kaum praktikable Lösungen,
welche sowohl die ernährungsphysiologischen
als auch die sozialen Aspekte berücksichtigen.
Im Auftrag der „Schule für Angewandte
Gerontologie" in Zürich hatte
ich die Möglichkeit, eine Projektarbeit
unter dem Motto „Essen als basale Stimulation"
zu realisieren. Ausschlaggebend war meine
Tätigkeit im Pflegeheim „Sonnweid"
im Schweizer Wetzikon, einer Institution
für demenzkranke Menschen. Dort hatte
sich nach einer allgemeinen Bestandsaufnahme
herauskristallisiert, dass fördernde
Konzepte gerade im Verpflegungsbereich von
Demenzkranken fehlen. Somit machte ich mich
daran, diesem Zustand abzuhelfen, und dies
wollte ich mit dem Mittel der basalen Stimulation
tun.
Gerüche als
Stimulator
Die basale Stimulation
versteht sich als ein Konzept, die positiven
Möglichkeiten eines Patienten zu fördern
statt seine Defekte,
Defizite und Ausfälle aufzuzeigen.
Insofern ist die basale Stimulation keine
Behandlung, sondern der qualifizierte Versuch,
sich der Lebenssituation des Patienten anzupassen
und ihm für seine individuelle und
aktuelle Lebenssituation geeignete Wahrnehmungs-,
Bewegungs- und Kommunikationsangebote zu
machen. Die Nahrungszubereitung und -aufnahme
sollten in diesem Fall erstmals das Mittel
sein, mit dem dementen Menschen via basale
Stimulation zu kommunizieren und ihn zu
stimulieren.
In der Vorbereitung zum
Projekt hat sich gezeigt, dass die basalen
Reize eines guten Essens vor allem über
den Geruch erfolgen. Diese Tatsache wurde
anhand der Mitarbeiterschulung ermittelt,
welche dem Projekt vorausging. Während
dieser eintägigen Schulung versuchten
die Teilnehmer, sich in die Lage eines schwer
pflegebedürftigen Menschen zu versetzen.
So hatten wir uns beispielsweise gegenseitig
die Augen verbunden und so blind verschiedene
Speisen gekostet. Dabei haben wir die Erfahrung
gemacht, wie wichtig es ist zu wissen, was
man isst. So hat sich zum Beispiel ein Teilnehmer
vor dem pürierten kalten Schweinebraten
dermaßen geekelt, dass er ihn gleich
wieder ausgespuckt hat.
Aufgrund verschiedener
solcher Experimente konnten wir schließlich
auch feststellen, wie stark wir auf bestimmte
Gerüche reagieren und welch wichtige
Rolle der Geruch einer
Speise spielt, um unseren Appetit anzuregen.
Düfte senden Lockstoffe aus, die uns
augenblicklich zu stimulieren vermögen.
Beim Riechen eines guten Essens läuft
uns ja bekanntlich „das Wasser im Munde
zusammen". Dieses Wissen wollten wir
uns bei der Umsetzung von „Essen als basale
Stimulation" zu Eigen machen. Als Hauptprojekt
hat sich dabei das Kochen am Bett von demenzkranken
Menschen mittels Stimulation durch
Gerüche herauskristallisiert.
Essen mit Hand und
Fuß
Als weitere Produkte der
basalen Stimulation ergaben sich die Realisierungen
von „Eat by Walking" und „Fingerfond",
die im Gegensatz zum Kernprojekt an den
Seh- und an den Tastsinn appellieren. „Eat
by walking" richtet sich primär
an Demente in einem frühen Stadium
ihrer Krankheit, die nicht mehr ruhig am
Tisch sitzen und essen können und stattdessen
ruhelos umherwandern. Für sie wurden
an verschiedenen Stationen, an welchen sie
vorbeigehen, kleine Happen (beispielsweise
in Form von Frucht- oder Gemüsestücken)
platziert, sodass sie sich unterwegs etwas
davon nehmen konnten. Auch die Tische wurden
statt mit Blumen mit bunt geschnittenem
Gemüse dekoriert. Die Probanden von
„Eat by Walking", die vorher aufgrund
ihrer Ruhelosigkeit kaum einmal eine ganze
Mahlzeit zu sich nehmen konnten, aßen
auf diese Weise viel mehr und zusätzlich
auch noch wertvolle Rohkost.
„Fingerfond" richtet
sich an diejenigen Menschen, die ihre motorischen
Fähigkeiten nicht mehr kontrollieren
können und Mühe haben, mit dem
Besteck umzugehen. Ihnen wird mit „Fingerfond"
die Möglichkeit geboten, mit den Fingern
zu essen, statt sich das Essen reichen zu
lassen. Die Patienten treten dadurch aus
der passiven Rolle des Sich-füttern-Lassens
heraus und beteiligen sich wieder aktiv
an der Nahrungsaufnahme. Dadurch wird die
Selbstständigkeit dieser Menschen wieder
mehr gefördert und gefordert. Da sie
mit den Fingern essen, wird zusätzlich
der Tastsinn stimuliert. Um sicherzugehen,
dass sich die Heimbewohner und Angehörigen
nicht aus ethischen Gründen am „Mit-den-Fingern-Essen"
stören, wurden sie über dieses
Projekt informiert und um Zustimmung gebeten.
Wichtig ist beim „Fingerfond", dass
die Küche sich mit dieser Zubereitungsart
von mundgerechten Stücken auseinander
setzt und an ihre Kreativität appelliert,
statt den Patienten Fertigprodukte zu servieren.
Mit innovativen Ideen können wahre
Kunststücke vollbracht werden. So kann
das Birchermüesli beispielsweise mit
Gelatine verhärtet und in Stücke
geschnitten, so können Miniwindbeutel
mit Lachsmousse gefüllt und serviert
werden. Es ist jedoch auch darauf zu achten,
dass trotz „Fingerfood" immer noch
alle drei Komponenten angeboten werden.
Während des Projektes machten wir allerdings
die Erfahrung, dass es die Patienten im
späteren Stadium der Demenz verwirren
kann, wenn sie drei verschiedene Farben
auf dem Teller präsentiert bekommen.
Ebenso irritierte es sie, wenn die Teller
gemustert waren. Wir zogen daraus die Konsequenz,
die Komponenten nacheinander statt miteinander
auf unifarbenen Tellern zu servieren, was
bestens funktionierte. Die Schlussbilanz
bei der Umsetzung von „Fingerfond"
war äußerst zufrieden stellend:
Während das Projekt mit einem einzigen
Probanden gestartet wurde, essen heute 17
demenzkranke Menschen im Pflegeheim „Sonnweid"
mit den Fingern.