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Literatur und Informationen zur Ausbildung

OVERLANDER, G.

Die Last des Mitfühlens
In: Heilberufe 1/2002, S. 20 - 21


Für den Umgang mit den eigenen Gefühlen gibt es an einem Arbeitsplatz, bei dem die Beziehung von Mensch zu Mensch – also in der Begleitung, Betreuung und Pflege von Menschen – im Vordergrund steht, kaum Zeit, wenig Raum und gleichfalls häufig keine angemessene Sprache. Die daraus entstehenden Gefühlslasten können oft erdrückend sein. Pflegende werden fast täglich mit tabubesetzten Gefühlen belastet. Das Bemühen, diese Gefühle nicht zuzulassen bzw. umzuinterpretieren, kann zu Deformationen des Selbst mit Auswirkungen sowohl auf der beruflichen als auch auf der persönlichen Ebene führen.

Der Begriff der Gefühlslast ist sehr bewusst als Ergänzung zu zahlreichen arbeitswissenschaftlichen Untersuchungen gewählt, in denen es eher um konkret nachweisbare bzw. messbare Belastungen geht. Ungleich schwieriger wird es, die psycho-sozialen Aspekte in Untersuchungen abzubilden, zumal wenn es sich um Tabubereiche handelt. Tabu – sinngemäß übersetzt bedeutet: Das Verbotene, das nicht An- oder Auszusprechende. Das Verbot – oder der Zensor – ist in diesem Falle nicht  außen zu suchen: Diese Kontrolle kommt viel mehr aus dem eigenen Selbst und macht die enorme Gefühlslast aus. Diese Gefühlslasten gewinnen für die Pflegenden umso mehr an Bedeutung, je weniger sie in einer öffentlichen Auseinandersetzung bewusst und besprechbar sind.

Überschreitung von Tabugrenzen in der Pflege

In vielen körpernahen, intimen Pflegetätigkeiten werden Tabugrenzen erreicht bzw. überschritten. Dabei entstehen sowohl für die Pflegenden als auch für die Patienten Gefühle wie Angst, Scham und Peinlichkeit, Ekel und Abneigung bis hin zur Aggression, die innerhalb der direkten Interaktion üblicherweise nicht präsentabel sind. Vor allem der Aspekt der Scham spielt eine besondere Rolle. Die Überschreitung der Schamgrenzen stellt eine kontinuierliche Anforderung an die Emotionsbalance der Pflegenden dar. In den Pflegesituationen geht es nicht allein um die Scham, entstehend aus dem Kontrollverlust über Körperfunktionen oder körperliche Gebrechen, sondern es geht ebenso um die Scham, abhängig zu sein, den Verlust sozialer Funktionen und des eigenen Selbstwertgefühls.

Widerspruch zwischen eigenen Gefühlen und dem geforderten beruflichen Verhalten

Besonders problematisch wird die Situation, wenn die eigenen Gefühle und inneren Impulse mit dem geforderten beruflichen Verhalten bzw. den erwünschten Außendarstellungen oder den eigenen beruflichen Idealen im Widerspruch stehen. Die Situation verschärft sich vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Qualitätssicherungs- und Zertifizierungsdebatten, bei gleichzeitig gefordertem kunden- und serviceorientiertem Verhalten.

Diese Form der von Pflegenden zu leistenden Gefühlsarbeit mit entsprechender professioneller Außendarstellung ist eine enorme Leistung schlechthin, die tagtäglich von ihnen erbracht wird.

Drei Ebenen der Gefühlsarbeit

Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschildt hat in ihrer berufssoziologischen Studie "The managed heart" sehr anschaulich drei Ebenen der Gefühlsarbeit beschrieben. Ihre Untersuchung in Dienstleistungsberufen macht deutlich, dass von den dort Beschäftigten ein hohes Maß an Gefühlskontrolle und professioneller Außendarstellung gefordert wird.

Folgen der Gefühlslast

Arlie Hochschildt sagt: „Gelegentlich geht das Gefühl dafür verloren, was sie empfunden hätten, wenn sie sich nicht so sehr bemüht hätten, anders zu empfinden." Bei der Fülle der zu verarbeitenden tabubesetzten Gefühle und dem damit dauerhaft geforderten Gefühlsmanagement kommt es nicht selten zu berufsbedingten Deformationen des Selbst mit entsprechend deutlichen Auswirkungen sowohl auf der beruflichen als auch auf der persönlichen Ebene. Abnehmende berufliche Motivation bis hin zu den manifesten Symptomen eines Burnout samt selbstschädigenden Kompensationsmechanismen sind schon oft beschrieben und geschildert worden. Aggression schlägt nicht selten in Autoaggression um.

Gleichzeitig zeigen sich Folgen in der direkten Interaktion mit den Patienten. Wenn das Gefühlsmanagement zusammenbricht, kommt es oft zu einer negativen Einstellung zu den Menschen, denen ursprünglich alle Aufmerksamkeit gewidmet war – den Patienten. Diese werden dann nicht mehr als Individuen, als Menschen gesehen, sondern als ein Konglomerat von Arbeit, Problemen und Belastungen. In der Folge dieser Depersonalisierung kommt es zu inadäquatem Verhalten bis hin zu psychischer und physischer Gewalt. Gewalt an Hilflosen – diese Form des kompletten Zusammenbruchs der Affektkontrolle bedeutet in der Pflegebeziehung den „Super-GAU".

Vorbeugen, lösen, verhindern

Deutlicher als bislang muss das Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass auch die emotionalen Lasten der Pflegenden Präventions- und Interventionsmassnahmen bedürfen.

Schon in der Berufsausbildung muss mehr Raum für Selbstreflexionsprozesse sein. In der weiteren Berufspraxis kann z.B. durch Supervision Raum und Zeit gegeben werden, in denen auch die unerwünschten oder belastenden Gefühle unbewertet ihren Platz und Ausdruck finden können. Berufsbegleitende Fortbildungen und Seminare stellen eine gute Präventionsmöglichkeit dar, wenn sie die Möglichkeit schaffen, soziale Wahrnehmungs- und Handlungskompetenzen erweitern zu können und Anregungen vermitteln, mit den eigenen Belastungen besser umgehen zu können.

Betriebe könnten durch Jobrotation oder so genannte Jobbörsen den Pflegekräften die Möglichkeit einer „Sabbatzeit" schaffen. Hier geht es darum, für einen definierten Zeitraum in einer anderen Abteilung die jeweils spezifische Arbeitsbelastung zu verringern. Notwendig für die Pflegenden ist, sich selbst Lind ihrer Gefühle bewusst zu sein, um mit professionellem Selbstbewusstsein die Gefühlsarbeit leisten zu können. Die allgegenwärtigen Forderungen nach Empathie und Mitfühlen dürfen keine unerfüllbaren Sein-Sollens-Forderungen ohne entsprechende Unterstützung sein, denn Perfektionsideale lassen sich stets nur durch Verleugnung der Realität aufrecht erhalten, und das geht letztendlich zu Lasten aller.

Ebenen der Gefühlsarbeit

Die körperliche Ebene
Hier geben sich die Betreffenden alle Mühe, gefühlsbedingte begleitende Reaktionen zu kontrollieren oder zu unterdrücken, z.B. das Zittern in der Stimme.

Dies lässt sich durchaus auf Pflegesituationen übertragen: 

  • in Stresssituationen Ruhe vermitteln,
  • Luft anhalten bei unangenehmen Gerüchen,
  • Übelkeit unterdrücken, Ekel nicht sicht bar werden lassen.

Expressive Ebene bzw. Oberflächenhandeln
Auf dieser Ausdrucksebene geht es darum, soziale Höflichkeitsstandards aufrecht zu erhalten, mit deren Hilfe die Pflegenden versuchen, durch kontrollierte Gestik und Mimik das gewünschte äußere – professionelle – Erscheinungsbild darzustellen. Dieser Versuch kann durchaus im Widerspruch zu den wirklichen Gefühlen stehen (z.B. Ärger, Peinlichkeit oder Ekel), welche dabei unterdrückt oder überspielt werden. „Dabei ist der Körper das entscheidende Werkzeug, nicht die Seele", so Hochschildt. Gemeint ist hierbei etwa das sog. „sich Zusammennehmen" vor der Tür eines Zimmers, das ungern betreten wird, um anschließend freundlich auftreten zu können. Ein solches Vorderbühnen- bzw. Oberflächenhandeln ist
erforderlich; zugleich zeigt sich, dass es sich hier um eine täglich zu erbringende Leistung bzw. Last handelt.

Kognitive oder innere Ebene
Hier geht es um die eigenen Gefühle und die Uminterpretation von Situationen bzw. die Erzeugung von inneren Bildern in belastenden Situationen, bei denen eine gleichzeitige Veränderung der eigenen inneren Empfindungen angestrebt wird, das „Deep acting". Dies ist eine innere Produktion eines gewünschten, für richtig und notwendig erachteten Gefühls und/oder die Unterdrückung eines empfundenen, aber nicht gewollten Gefühls.

Bei dauerhafter Selbstbeeinflussung, die immer mit einem Willensakt verbunden ist, werden diese Gefühle dann wirklich erlebt. Beispiele der Uminterpretation eigener Gefühle sind Erklärungen des Pflegepersonals in Bezug auf Patientenverhalten:

  • Der kann doch nichts dafür.
  • Der ist doch krank.
  • Das ist nicht mit Absicht geschehen.

Die kognitive Ebene, d.h. die aktive Uminterpretation der eigenen Gefühle bleibt nicht ohne Folgewirkung. Zunehmend geht der Kontakt zu den wirklichen Gefühlen, zu dem wirklichen Selbst verloren.