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Für den Umgang mit den
eigenen Gefühlen gibt es an einem Arbeitsplatz,
bei dem die Beziehung von Mensch zu Mensch –
also in der Begleitung, Betreuung und Pflege von
Menschen – im Vordergrund steht, kaum Zeit,
wenig Raum und gleichfalls häufig keine
angemessene Sprache. Die daraus entstehenden
Gefühlslasten können oft erdrückend sein.
Pflegende werden fast täglich mit tabubesetzten
Gefühlen belastet. Das Bemühen, diese Gefühle
nicht zuzulassen bzw. umzuinterpretieren, kann zu
Deformationen des Selbst mit Auswirkungen sowohl
auf der beruflichen als auch auf der persönlichen
Ebene führen.
Der Begriff der Gefühlslast ist sehr bewusst
als Ergänzung zu zahlreichen
arbeitswissenschaftlichen Untersuchungen gewählt,
in denen es eher um konkret nachweisbare bzw.
messbare Belastungen geht. Ungleich schwieriger
wird es, die psycho-sozialen Aspekte in
Untersuchungen abzubilden, zumal wenn es sich um
Tabubereiche handelt. Tabu – sinngemäß
übersetzt bedeutet: Das Verbotene, das nicht An-
oder Auszusprechende. Das Verbot – oder der
Zensor – ist in diesem Falle nicht außen
zu suchen: Diese Kontrolle kommt viel mehr aus dem
eigenen Selbst und macht die enorme Gefühlslast
aus. Diese Gefühlslasten gewinnen für die
Pflegenden umso mehr an Bedeutung, je weniger sie
in einer öffentlichen Auseinandersetzung bewusst
und besprechbar sind.
Überschreitung von Tabugrenzen in der Pflege
In vielen körpernahen, intimen Pflegetätigkeiten
werden Tabugrenzen erreicht bzw. überschritten.
Dabei entstehen sowohl für die Pflegenden als
auch für die Patienten Gefühle wie Angst, Scham
und Peinlichkeit, Ekel und Abneigung bis hin zur
Aggression, die innerhalb der direkten Interaktion
üblicherweise nicht präsentabel sind. Vor allem
der Aspekt der Scham spielt eine besondere Rolle.
Die Überschreitung der Schamgrenzen stellt eine
kontinuierliche Anforderung an die Emotionsbalance
der Pflegenden dar. In den Pflegesituationen geht
es nicht allein um die Scham, entstehend aus dem
Kontrollverlust über Körperfunktionen oder
körperliche Gebrechen, sondern es geht ebenso
um die Scham, abhängig zu sein, den Verlust
sozialer Funktionen und des eigenen
Selbstwertgefühls.
Widerspruch zwischen eigenen Gefühlen und
dem
geforderten beruflichen Verhalten
Besonders
problematisch wird die Situation, wenn die eigenen
Gefühle und inneren Impulse mit dem geforderten
beruflichen Verhalten bzw. den erwünschten
Außendarstellungen oder den eigenen beruflichen
Idealen im Widerspruch stehen. Die Situation
verschärft sich vor dem Hintergrund der
allgegenwärtigen Qualitätssicherungs- und Zertifizierungsdebatten, bei gleichzeitig
gefordertem kunden- und serviceorientiertem
Verhalten.
Diese Form der von Pflegenden zu
leistenden Gefühlsarbeit mit entsprechender
professioneller Außendarstellung ist eine enorme
Leistung schlechthin, die tagtäglich von ihnen
erbracht wird.
Drei Ebenen der Gefühlsarbeit
Die
amerikanische Soziologin Arlie Hochschildt hat in
ihrer berufssoziologischen Studie "The managed
heart" sehr anschaulich drei Ebenen der
Gefühlsarbeit beschrieben. Ihre Untersuchung in
Dienstleistungsberufen macht deutlich, dass von
den dort Beschäftigten ein hohes Maß an
Gefühlskontrolle und professioneller
Außendarstellung gefordert wird.
Folgen der Gefühlslast
Arlie Hochschildt sagt:
„Gelegentlich geht das Gefühl dafür verloren,
was sie empfunden hätten, wenn sie sich nicht so
sehr bemüht hätten, anders zu empfinden."
Bei der Fülle der zu verarbeitenden tabubesetzten
Gefühle und dem damit dauerhaft geforderten
Gefühlsmanagement kommt es nicht selten zu
berufsbedingten Deformationen des Selbst mit
entsprechend deutlichen Auswirkungen sowohl auf
der beruflichen als auch auf der persönlichen
Ebene. Abnehmende berufliche Motivation bis hin zu
den manifesten Symptomen eines Burnout samt
selbstschädigenden Kompensationsmechanismen sind
schon oft beschrieben und geschildert worden.
Aggression schlägt nicht selten in Autoaggression
um.
Gleichzeitig zeigen sich Folgen in der direkten
Interaktion mit den Patienten. Wenn das
Gefühlsmanagement zusammenbricht, kommt es oft zu
einer negativen Einstellung zu den Menschen,
denen ursprünglich alle Aufmerksamkeit gewidmet
war – den Patienten. Diese werden dann nicht mehr
als Individuen, als Menschen gesehen, sondern als
ein Konglomerat von Arbeit, Problemen und
Belastungen. In der Folge dieser
Depersonalisierung kommt es zu inadäquatem
Verhalten bis hin zu psychischer und physischer
Gewalt. Gewalt an Hilflosen – diese Form des
kompletten Zusammenbruchs der Affektkontrolle
bedeutet in der Pflegebeziehung den „Super-GAU".
Vorbeugen, lösen, verhindern
Deutlicher als
bislang muss das Bewusstsein dafür geschaffen
werden, dass auch die emotionalen Lasten der
Pflegenden Präventions- und Interventionsmassnahmen bedürfen.
Schon in der
Berufsausbildung muss mehr Raum für
Selbstreflexionsprozesse sein. In der weiteren
Berufspraxis kann z.B. durch Supervision Raum und
Zeit gegeben werden, in denen auch die
unerwünschten oder belastenden Gefühle
unbewertet ihren Platz und Ausdruck finden
können. Berufsbegleitende Fortbildungen und
Seminare stellen eine gute
Präventionsmöglichkeit dar, wenn sie die
Möglichkeit schaffen, soziale Wahrnehmungs- und
Handlungskompetenzen erweitern zu können und
Anregungen vermitteln, mit den eigenen Belastungen
besser umgehen zu können.
Betriebe könnten durch
Jobrotation oder so genannte Jobbörsen den
Pflegekräften die Möglichkeit einer „Sabbatzeit"
schaffen. Hier geht es darum, für einen
definierten Zeitraum in einer anderen Abteilung
die jeweils spezifische Arbeitsbelastung zu
verringern. Notwendig für die Pflegenden ist,
sich selbst Lind ihrer Gefühle bewusst zu sein,
um mit professionellem Selbstbewusstsein die
Gefühlsarbeit leisten zu können. Die
allgegenwärtigen Forderungen nach Empathie und
Mitfühlen dürfen keine unerfüllbaren Sein-Sollens-Forderungen ohne entsprechende
Unterstützung sein, denn Perfektionsideale lassen
sich stets nur durch Verleugnung der Realität
aufrecht erhalten, und das geht letztendlich zu
Lasten aller.
Ebenen der
Gefühlsarbeit
Die körperliche Ebene
Hier geben sich die
Betreffenden alle Mühe, gefühlsbedingte
begleitende Reaktionen zu kontrollieren oder zu
unterdrücken, z.B. das Zittern in der Stimme.
Dies lässt sich durchaus auf Pflegesituationen
übertragen:
- in Stresssituationen Ruhe
vermitteln,
- Luft anhalten bei unangenehmen
Gerüchen,
- Übelkeit unterdrücken, Ekel
nicht sicht bar werden lassen.
Expressive Ebene bzw. Oberflächenhandeln
Auf
dieser Ausdrucksebene geht es darum, soziale
Höflichkeitsstandards aufrecht zu erhalten, mit
deren Hilfe die Pflegenden versuchen, durch
kontrollierte Gestik und Mimik das gewünschte
äußere – professionelle – Erscheinungsbild
darzustellen. Dieser Versuch kann durchaus im
Widerspruch zu den wirklichen Gefühlen stehen
(z.B. Ärger, Peinlichkeit oder Ekel), welche
dabei unterdrückt oder überspielt werden. „Dabei
ist der Körper das entscheidende Werkzeug, nicht
die Seele", so Hochschildt. Gemeint ist
hierbei etwa das sog. „sich Zusammennehmen"
vor der Tür eines Zimmers, das ungern betreten
wird, um anschließend freundlich auftreten zu
können. Ein solches Vorderbühnen- bzw.
Oberflächenhandeln ist erforderlich; zugleich zeigt sich, dass es sich
hier um eine täglich zu erbringende Leistung bzw.
Last handelt.
Kognitive oder innere Ebene
Hier geht es um die
eigenen Gefühle und die Uminterpretation von
Situationen bzw. die Erzeugung von inneren Bildern
in belastenden Situationen, bei denen eine
gleichzeitige Veränderung der eigenen inneren
Empfindungen angestrebt wird, das „Deep acting".
Dies ist eine innere Produktion eines
gewünschten, für richtig und notwendig
erachteten Gefühls und/oder die Unterdrückung
eines empfundenen, aber nicht gewollten Gefühls.
Bei dauerhafter Selbstbeeinflussung, die immer mit
einem Willensakt verbunden ist, werden diese
Gefühle dann wirklich erlebt. Beispiele der
Uminterpretation eigener Gefühle sind
Erklärungen des Pflegepersonals in Bezug auf
Patientenverhalten:
- Der kann doch nichts
dafür.
- Der ist doch krank.
- Das ist nicht mit
Absicht geschehen.
Die kognitive Ebene, d.h. die aktive
Uminterpretation der eigenen Gefühle bleibt nicht
ohne Folgewirkung. Zunehmend geht der Kontakt zu
den wirklichen Gefühlen, zu dem wirklichen Selbst
verloren.
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