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Nahrungsverweigerung
gehört zu den am häufigsten auftretenden
Problemen in der Pflege. Wie lässt sich dieses
Phänomen beschreiben? Durch weiche Faktoren
wird es möglicherweise ausgelöst? Wie
verhalten sich Pflegende und Patienten in dieser
Situation?
Sichtet
man die Pflegeliteratur zum Thema Nahrungsverweigerung,
dann stellt man fest, dass der Schwerpunkt der
geführten Diskussionen auf ethisch-moralischer
Ebene liegt. Gewöhnlich wird hierbei der
Begriff Nahrungsverweigerung nicht definiert,
sondern es wird vorausgesetzt, dass alle dasselbe
darunter verstehen. Die Probleme in Verbindung
mit einer Nahrungsverweigerung beschreiben die
schwedischen Pflegeforscherinnen Norberg, Bäckström
und Athlin in einer Studie zum Thema "Essensverweigerung
bei Patienten in Pflegeheimen". Sie sagen,
dass es zwei Hauptprobleme für die helfenden
Personen gibt:
-
Die Pflegenden müssen entscheiden, ob der
Patient Essen absichtlich verweigert oder ob
er nicht essen kann.
- Sie
müssen entscheiden, wie sie handeln, welche
technischen Hilfestellungen sie anwenden sollen
und ob das, was sie tun, vom ethischen Standpunkt
her zu verantworten ist.
Eine
Unterscheidung zwischen einer akuten und chronischen
Nahrungsverweigerung ist in der wissenschaftlichen
Literatur untypisch. Doch diese Differenzierung
ist für Pflegende wichtig, da die Pflege
an die jeweilige Form angepasst werden muss.
Ein
Beispiel für eine akute Nahrungsverweigerung
ist die Geschichte vom Suppenkaspar: Der Suppenkaspar
äußert verbal klar seinen Willen und
handelt entsprechend, niemand bricht - etwa durch
Zwangsernährung - seinen Willen. Er stirbt.
In
der Pflegepraxis sehen wir selten ein so eindeutiges
Bild der Nahrungsverweigerung. Meist ist das Bild
unklar und die Bezeichnung "chronische Nahrungsverweigerung"
angemessen. Es gibt Tage, an denen der Erkrankte
nichts isst. An anderen Tagen nimmt er wenig zu
sich. Manchmal isst er täglich, aber wenig.
Es kommt vor, dass er aggressiv reagiert, wenn
man versucht, ihm Essen zu geben. Viele Betroffene
leiden an kognitiven Funktionsstörungen,
können ihre Wünsche nicht eindeutig
artikulieren. Sie äußern ein Hungergefühl,
verschließen jedoch ihre Lippen, wenn der
Löffel zu ihrem Mund geführt wird. Andere
lassen sich Essen eingeben, aber schlucken es
nicht hinunter. Manchmal sieht es so aus, als
würden Patienten essen, jedoch stochern sie
nur mit der Gabel im Püree.
Im
Rahmen einer Forschungsarbeit entwickelte ich
ein Nahrungsverweigerungsmodell. Das Modell erklärt
die Zusammenhänge zwischen den einzelnen
Kategorien einer Nahrungsverweigerung. Auf der
linken Seite ist die Partei A aufgeführt
- die fordernde Person - die Pflegenden. Auf der
rechten Seite steht die Partei B - die abwehrende
Person, also der nahrungsverweigernde Patient.

Das
Modell besteht zudem aus den Kategorien "Müssen",
"Nicht wollen", "Nicht können",
dem "geduldeten Spannungsfeld", dem
"Spannungsaufbau" und dem "Spannungsabbau".
Die Kategorie "Müssen" spiegelt
den Mittelpunkt des zu untersuchenden Phänomens
wider.
Die
Pflegenden drücken dieses "Müssen"
z.B. in ihrer Wortwahl aus. Sie sagen u.a.:
- Wenn
die Patienten wirklich nicht essen wollen, dann
ist das in Ordnung und man lässt sie in
Ruhe.
- Nur
ein bisschen müssen sie essen. Wir sehen
zu, dass alles aufgegessen wird.
- Wir
können keinen Menschen verhungern lassen.
Pflegende
fühlen sich verpflichtet, nahrungsverweigernden
Personen Nahrung zukommen zu lassen. Sie wissen,
dass sie bei der Unterstützung der Nahrungsaufnahme
oft gegen den Willen des Bedürftigen handeln.
Weitere
Kategorien sind das "Nicht wollen" und
das "Nicht können": Eine kranke
Frau war zu kraftlos, um Nahrung aufzunehmen.
Die Tochter: "Gestern habe ich ihr eine Banane
in die Hand gedrückt. Sie behält die
Banane in der Hand, beißt aber nicht ab.
Als ich's ihr abgebrochen und so halb in den Mund
gesteckt habe, hat sie die ganze Banane aufgegessen.
Alleine schafft sie es nicht."
Im
"geduldeten Spannungsfeld" lässt
die nahrungsverweigernde Person das Eingeben von
Essen durch eine helfende Person zu, obwohl sie
offensichtlich keinen Appetit hat und in Ruhe
gelassen werden möchte. Zum "Spannungsaufbau"
kommt es z.B., wenn die verweigernde Person immer
mehr zum Essen und Trinken gedrängt wird.
Der
"Spannungsabbau" soll auf die Möglichkeit
hinweisen, die Ausprägung einer Nahrungsverweigerung
zu verringern, z.B., indem die helfende Person
nicht auf das "Essen müssen" besteht,
was so ohne weiteres natürlich nicht umsetzbar
ist.
Faktoren, die eine Nahrungsverweigerung auslösen
können. Als Beispiel möchte ich das
Phänomen "Hospitalhopping" vorstellen.
Der
84-jährige Herr G., der an einer leichten
Demenz leidet, muss sich 1993 im Krankenhaus operieren
lassen. Nach der Operation leidet er an Verwirrtheitszuständen
und wird pflegebedürftig. Von 1993 bis 1996
pflegen ihn seine sehbehinderte Ehefrau und ein
ambulanter Pflegedienst zu Hause. Im Mai 1996
kann Herr G. plötzlich nicht mehr aufstehen.
Wegen eines Flüssigkeitsmangels kommt er
ins Krankenhaus und wird am nächsten Tag
wieder entlassen. Die Tochter veranlasst eine
erneute Einweisung in ein anderes Krankenhaus.
Kurz danach erfolgt die Verlegung in ein Fachkrankenhaus,
von dort die Verlegung in ein Landeskrankenhaus.
Danach kommt er in eine Klinik für Kurzzeitpflege
und von dort in ein Altenheim. Seine Demenz nimmt
zu, und das Essen bleibt häufig unangetastet.
Er wird aggressiver und irrt ständig umher.
Im Dezember 1997 fällt Herr G. hin und ist
seitdem auf einen Rollstuhl angewiesen. Im Januar
1998 wird er in ein Krankenhaus eingewiesen, da
er Fieber hat. Zudem stellen die Ärzte ein
Parkinson-Syndrom fest. Nach seiner Entlassung
zurück im Altenheim, wehrt er das servierte
Essen mit seinen Händen ab oder spuckt es
wieder aus. Er kann nicht mehr aufstehen und wird
bettlägerig. Diese Situation ist kein Sonderfall!
Hohes
Alter in Verbindung mit Krankheiten machen zahlreiche
stationäre Aufenthalte in Gesundheitseinrichtungen
erforderlich, so dass der Erkrankte immer abhängiger
von anderen Personen wird und zahlreiche Verluste
hinnehmen muss. Diese beziehen sich z.B. auf sein
soziales Umfeld, die Bezugspersonen, seine Kommunikations-
und Bewegungsfähigkeit und die Ästhetik
beim Essen und Trinken. In dieser Lebenssituation
stellt eine Nahrungsverweigerung oftmals die einzige
verbliebene Kommunikationsform dar, mit der er
Gefühle und seinen Willen ausdrücken
kann.
Im
Zusammenhang mit einer Nahrungsverweigerung geht
es vor allem darum, zu versuchen, die Situation
der Betroffenen zu verstehen. Das Phänomen
"Hospitalhopping" gibt erste Hinweise
darauf, dass die erkrankte Person auf Grund kognitiver
und körperlicher Funktionsstörungen
in ein immer größer werdendes Abhängigkeitsverhältnis
gerät. Und so kommt es letztendlich dazu,
dass andere Menschen darüber bestimmen, wann,
was, wie, wo und mit wem die erkrankte Person
isst und trinkt. Diese Abhängigkeit bedeutet
einen erheblichen Verlust der Lebensqualität.
Eine
Nahrungsverweigerung bleibt grundsätzlich
ein schwer zu lösendes Problem und ist immer
mit ethischen und moralischen Fragestellungen
behaftet. Zudem dürfen die Folgen einer Nahrungsverweigerung
- wie Mangelernährung - nicht unberücksichtigt
bleiben. Die Therapie einer Verweigerung hängt
u.a. von den Ursachen ab. Oftmals habe ich erlebt,
dass eine künstliche Ernährung gewählt
worden ist. Doch hierbei ist zu beachten, dass
damit nur die Symptome, nicht aber die Ursachen
einer Nahrungsverweigerung behandelt werden.
Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass
das System der Krankenhäuser und Pflegeheime
wenig darauf ausgerichtet ist, schwerstkranke
hochbetagte Menschen menschenwürdig zu pflegen.
So wird z.B. eine langsam essende Person gewöhnlich
als Störfaktor wahrgenommen, da sie den streng
strukturierten Tagesablauf der Einrichtungen behindert.
Es ist offensichtlich, dass die Konzepte in den
jeweiligen Einrichtungen an die Bedürfnisse
der Erkrankten angepasst werden müssen.
Sechs Phasen, in die sich eine Nahrungsverweigerung
hinsichtlich einer Unterstützung beim Essen
unterteilen lässt:
- Phase:
"freudlose Nahrungsaufnahme"
Die Betroffenen sind nicht begeistert, dass
sie essen sollen, wie ihrer Mimik, ihren Äußerungen,
oder ihrem Verhalten zu entnehmen ist. Sie haben
keinen Appetit und möchten in Ruhe gelassen
werden.
- Phase:"widerwillige
Akzeptanz" (geduldetes Spannungsfeld)
Die Erkrankten lassen sich von der helfenden
Person zum Essen überreden, im Sinne von:"Wenn
es denn sein muss, dann esse ich eben",
und es scheint, als würde sie ausschließlich
aus Liebe zur Pflegeperson essen.
- Phase:
"Verbale und nonverbale Nahrungsverweigerung"
Die Erkrankten beginnen durch Mimik und Gestik
sowie durch Äußerungen das Eingeben
weiterer Speisen zu verhindern (= Spannungsaufbau).
- Phase:
"Widerwillige Nahrungsaufnahme"
Die Erkrankten sind jetzt nur noch sehr widerwillig
bereit, Nahrung aufzunehmen. Sie werden von
der helfenden Person zum Essen immer häufiger
gedrängt und ggf. auch überlistet.
- Phase:"Nonverbale
Nahrungsverweigerung"
Die verweigernde Person spricht kaum noch und
reagiert hauptsächlich nonverbal. Sie dreht
ihren Kopf zur Seite, wenn der Löffel zum
Mund geführt wird. Sie presst ihre Lippen
zusammen, schließt ihre Augen und ignoriert
ihr Umfeld. Gewöhnlich hören die helfenden
Personen in dieser Phase auf, Essen zu reichen.
Versuchen sie es dennoch, kann beim Erkrankten
ein aggressives Verhalten ausgelöst werden.
- Phase:
"Trinken akzeptieren"
Obwohl die erkrankte Person deutlich zu verstehen
gegeben hat, nicht mehr essen zu wollen, ist
sie seltsamerweise dennoch bereit, etwas Flüssigkeit
zu sich zu nehmen, wenn sie direkt zum Trinken
aufgefordert wird.
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