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Das
Verhältnis von Sexualität und Pflege wird
häufig als Tabu-Thema bezeichnet. In dem Begriff
"Tabu" schwingt die Bedeutung mit, dass
etwas verboten ist, in diesem Fall also das Verbot
von sexuellen Elementen in der Pflege. Eine
Untersuchung zeigt aber, dass von Auszubildenden
in der Pflege Sexualität als
selbstverständliches Element der pflegerischen
Begegnung wahrgenommen wird.
Der Duden erklärt,
ein Tabu sei etwas, das sich dem (sprachlichen)
Zugriff aus Gründen moralischer, religiöser oder
konventioneller Scheu entzieht. In diesem Verständnis
kann also dann von einem Tabu gesprochen werden,
wenn ein bestimmter Tatbestand zwar existiert,
aus unterschiedlichen Erwägungen heraus aber nicht
zum Gegenstand erlaubter Kommunikation wird. Diese
Begriffserklärung ist im Zusammenhang von Sexualität
und Pflege außerordentlich wichtig. Sie besagt,
dass davon auszugehen ist, dass nicht die Existenz
von sexuellen Momenten in der Pflege in Frage
steht, offen ist nur, ob und in welcher Form darüber
gesprochen wird. Diese logische Ableitung wird
von einer eigenen Studie bestätigt. In dieser
qualitativen Untersuchung, in deren Verlauf Auszubildende
in der Pflege nach ihren Erfahrungen mit Sexualität
im Rahmen ihrer Praxiseinsätze gefragt wurden,
wird von den Interviewteilnehmern das regelmäßige
Auftreten sexueller Elemente im pflegerischen
Alltag hervorgehoben. Dabei wird der Begriff »Sexualität«
von den Befragten in einem umfassenden Verständnis
interpretiert, so dass ein breites Spektrum von
Beobachtungen,
Begebenheiten und Emotionen hier eingeordnet wird.
Genitalität, Körperkontakte, Beziehungsaufnahme
gehören ebenso dazu wie unterschiedliche Empfindungen
und Fantasien, die auftreten können, wenn Menschen
sich als geschlechtliche Wesen wahrnehmen und
begegnen.
Wenn man von einem
so weit gefassten Verständnis ausgeht, dann ist
festzuhalten, dass Sexualität ein selbstverständlicher
Teil der pflegerischen Begegnung ist. Dabei lässt
sich das Auftreten sexualisierter Momente im Kontext
explizit pflegerischer Handlungen trennen von
Begebenheiten mit sexueller Tönung, die nicht
durch pflegerische Notwendigkeiten initiiert worden
sind. Zu Schwierigkeiten kommt es, wenn in der
Verzahnung sexueller und pflegerischer Aspekte
Grenzen zwischen dem beruflichen und dem privaten
Feld verschwimmen.
Die
Verzahnung von Sexualität und Pflege im Kontext
pflegerischer Aufgaben
Zahlreiche
Pflegehandlungen erfordern die Aufnahme eines
engen Kontaktes zum Körper der zu pflegenden
Person. Nicht selten ist, wie bei der
Ganzkörperpflege, die Entblößung des Körpers
erforderlich. Diese Art der Begegnung zwischen
Pflegenden und Gepflegten kann auf beiden Seiten
zu sexualisierten Fantasien führen. Ihre besondere
Brisanz erhalten diese Situationen durch die
Tatsache, dass häufig Pflegende Frauen und
Männer Pflegebedürftige des jeweils anderen
Geschlechts versorgen. Insbesondere wenn die zu
pflegende Person etwa gleichaltrig ist, kann die
eigene Geschlechtlichkeit angesprochen werden.
Allerdings ist hier ein Unterschied in dem Erleben
der befragten Männer und Frauen zu beobachten.
Während männliche Interviewteilnehmer von
sexuellen Spannungen berichten, die sie bei sich
selbst wahrnehmen, berichten weibliche
Auszubildende davon, dass sie sich bedrängt
fühlen und diese Momente für sie eine Belastung
darstellen.
Sowohl die befragten
Männer wie auch die Frauen bewerten die hier aufblitzende
Vermengung von professionell erforderlicher Kontaktaufnahme
und persönlicher Betroffenheit als problematisch.
Gleichwohl
wird die Notwendigkeit dieser Art der Begegnung
nicht in Frage gestellt, auch nicht das Prinzip
der gegengeschlechtlichen Pflege. Bemerkenswert
ist, dass die Wiederherstellung der Grenze zwischen
dem beruflichen und dem privaten Feld, die von
allen Befragten als erstrebenswertes Ziel genannt
wird, den Männern besser zu gelingen scheint.
Verquickung
von Sexualität und Pflege jenseits pflegerischer
Erfordernisse
Die pflegerische
Begegnung ist nicht ausschließlich durch berufliche
Erfordernisse definiert. Es existiert ein Spielraum,
in dem es an den Beteiligten liegt, eine gewisse
Nähe zuzulassen oder zurückzuweisen. Ein spielerischer
Flirt mit Patientinnen und Patienten wird von
den Befragten durchaus begrüßt. Auch körperliche
Annäherungen wie Streicheln, Umarmungen, Küsschen
auf die Wange finden so lange wohlwollende Akzeptanz,
wie sie als harmlos bewertet und damit dein Bereich
des Sexuellen entzogen werden. Allerdings berichten
die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie
von der Schwierigkeit, die Frage zu beantworten,
welche Verhaltensweisen von zu Pflegenden tatsächlich
als Ausdruck sexuell getönter Wünsche einzustufen
sind. Falls sexuelle Ambitionen in den Vordergrund
rücken, werden diese i.d.R. von den Auszubildenden
mit der Begründung abgelehnt, dass diese in einem
beruflichen Verhältnis fehl am Platz seien.
Doch auch hier zeigt
sich, dass es schwer fällt, die verbal geforderte
Trennung zwischen dem beruflichen und dem privaten
Bereich durchzuhalten. So finden sich insbesondere
im Bereich der Langzeitbetreuung nicht nur Beispiele
für die Aufnahme intimer Kontakte zwischen
Pflegenden und Gepflegten, sondern angesichts
einer solchen Beobachtung auch verschiedene Versuche,
diese Art der Kontaktaufnahme zu rechtfertigen.
Es zeigt sich, dass die Befragten eine klare Abgrenzung
zwischen dem beruflichen und dem privaten Bereich
für erstrebenswert halten, es ihnen aber nicht
leicht fällt, diese Grenzlinie aufrechtzuerhalten.
Schwierigkeiten bereiten sowohl die Durchsetzung
der Grenzziehung gegenüber den zu Pflegenden als
auch die Rechtfertigung des eigenen Standpunktes.
Angesichts der
engen Verknüpfung von Sexualität und Pflege kann
es nicht das Ziel sein, sexuelle Elemente aus der
pflegerischen Begegnung herauszuhalten, sondern es
muss darum gehen, die Auszubildenden zu
befähigen, berufliche und private Grenzverläufe
zu definieren und deren Beachtung durchzusetzen.
Hier kann eine Enttabuisierung im Sinne einer größeren Selbstverständlichkeit in der
sprachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema
Sexualität in der Pflege durchaus hilfreich sein.
Weiterführende
Literatur:
STEMMER, R.: Grenzkonflikte
in der Pflege. Patientenorientierung zwischen
Umsetzungs- und Legitimationsschwierigkeiten.
Mabuse Verlag 2001, Frankfurt/Main, 350 S., 32,-
€, ISBN 393 30 50 790
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