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Literatur und Informationen zur Ausbildung

STEMMER, R.

Sexualität in der Pflege: Tabu?
In: Heilberufe 1/2002, 

S. 18 - 19


Das Verhältnis von Sexualität und Pflege wird häufig als Tabu-Thema bezeichnet. In dem Begriff "Tabu" schwingt die Bedeutung mit, dass etwas verboten ist, in diesem Fall also das Verbot von sexuellen Elementen in der Pflege. Eine Untersuchung zeigt aber, dass von Auszubildenden in der Pflege Sexualität als selbstverständliches Element der pflegerischen Begegnung wahrgenommen wird.

Der Duden erklärt, ein Tabu sei etwas, das sich dem (sprachlichen) Zugriff aus Gründen moralischer, religiöser oder konventioneller Scheu entzieht. In diesem Verständnis kann also dann von einem Tabu gesprochen werden, wenn ein bestimmter Tatbestand zwar existiert, aus unterschiedlichen Erwägungen heraus aber nicht zum Gegenstand erlaubter Kommunikation wird. Diese Begriffserklärung ist im Zusammenhang von Sexualität und Pflege außerordentlich wichtig. Sie besagt, dass davon auszugehen ist, dass nicht die Existenz von sexuellen Momenten in der Pflege in Frage steht, offen ist nur, ob und in welcher Form darüber gesprochen wird. Diese logische Ableitung wird von einer eigenen Studie bestätigt. In dieser qualitativen Untersuchung, in deren Verlauf Auszubildende in der Pflege nach ihren Erfahrungen mit Sexualität im Rahmen ihrer Praxiseinsätze gefragt wurden, wird von den Interviewteilnehmern das regelmäßige Auftreten sexueller Elemente im pflegerischen Alltag hervorgehoben. Dabei wird der Begriff »Sexualität« von den Befragten in einem umfassenden Verständnis interpretiert, so dass ein breites Spektrum von Beobachtungen, Begebenheiten und Emotionen hier eingeordnet wird. Genitalität, Körperkontakte, Beziehungsaufnahme gehören ebenso dazu wie unterschiedliche Empfindungen und Fantasien, die auftreten können, wenn Menschen sich als geschlechtliche Wesen wahrnehmen und begegnen.

Wenn man von einem so weit gefassten Verständnis ausgeht, dann ist festzuhalten, dass Sexualität ein selbstverständlicher Teil der pflegerischen Begegnung ist. Dabei lässt sich das Auftreten sexualisierter Momente im Kontext explizit pflegerischer Handlungen trennen von Begebenheiten mit sexueller Tönung, die nicht durch pflegerische Notwendigkeiten initiiert worden sind. Zu Schwierigkeiten kommt es, wenn in der Verzahnung sexueller und pflegerischer Aspekte Grenzen zwischen dem beruflichen und dem privaten Feld verschwimmen.

Die Verzahnung von Sexualität und Pflege im Kontext pflegerischer Aufgaben

Zahlreiche Pflegehandlungen erfordern die Aufnahme eines engen Kontaktes zum Körper der zu pflegenden Person. Nicht selten ist, wie bei der Ganzkörperpflege, die Entblößung des Körpers erforderlich. Diese Art der Begegnung zwischen Pflegenden und Gepflegten kann auf beiden Seiten zu sexualisierten Fantasien führen. Ihre besondere Brisanz erhalten diese Situationen durch die Tatsache, dass häufig Pflegende Frauen und Männer Pflegebedürftige des jeweils anderen Geschlechts versorgen. Insbesondere wenn die zu pflegende Person etwa gleichaltrig ist, kann die eigene Geschlechtlichkeit angesprochen werden. Allerdings ist hier ein Unterschied in dem Erleben der befragten Männer und Frauen zu beobachten. Während männliche Interviewteilnehmer von sexuellen Spannungen berichten, die sie bei sich selbst wahrnehmen, berichten weibliche Auszubildende davon, dass sie sich bedrängt fühlen und diese Momente für sie eine Belastung darstellen.

Sowohl die befragten Männer wie auch die Frauen bewerten die hier aufblitzende Vermengung von professionell erforderlicher Kontaktaufnahme und persönlicher Betroffenheit als problematisch. Gleichwohl wird die Notwendigkeit dieser Art der Begegnung nicht in Frage gestellt, auch nicht das Prinzip der gegengeschlechtlichen Pflege. Bemerkenswert ist, dass die Wiederherstellung der Grenze zwischen dem beruflichen und dem privaten Feld, die von allen Befragten als erstrebenswertes Ziel genannt wird, den Männern besser zu gelingen scheint.

Verquickung von Sexualität und Pflege jenseits pflegerischer Erfordernisse

Die pflegerische Begegnung ist nicht ausschließlich durch berufliche Erfordernisse definiert. Es existiert ein Spielraum, in dem es an den Beteiligten liegt, eine gewisse Nähe zuzulassen oder zurückzuweisen. Ein spielerischer Flirt mit Patientinnen und Patienten wird von den Befragten durchaus begrüßt. Auch körperliche Annäherungen wie Streicheln, Umarmungen, Küsschen auf die Wange finden so lange wohlwollende Akzeptanz, wie sie als harmlos bewertet und damit dein Bereich des Sexuellen entzogen werden. Allerdings berichten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie von der Schwierigkeit, die Frage zu beantworten, welche Verhaltensweisen von zu Pflegenden tatsächlich als Ausdruck sexuell getönter Wünsche einzustufen sind. Falls sexuelle Ambitionen in den Vordergrund rücken, werden diese i.d.R. von den Auszubildenden mit der Begründung abgelehnt, dass diese in einem beruflichen Verhältnis fehl am Platz seien.

Doch auch hier zeigt sich, dass es schwer fällt, die verbal geforderte Trennung zwischen dem beruflichen und dem privaten Bereich durchzuhalten. So finden sich insbesondere im Bereich der Langzeitbetreuung nicht nur Beispiele für die Aufnahme intimer Kontakte zwischen Pflegenden und Gepflegten, sondern angesichts einer solchen Beobachtung auch verschiedene Versuche, diese Art der Kontaktaufnahme zu rechtfertigen. Es zeigt sich, dass die Befragten eine klare Abgrenzung zwischen dem beruflichen und dem privaten Bereich für erstrebenswert halten, es ihnen aber nicht leicht fällt, diese Grenzlinie aufrechtzuerhalten. Schwierigkeiten bereiten sowohl die Durchsetzung der Grenzziehung gegenüber den zu Pflegenden als auch die Rechtfertigung des eigenen Standpunktes.

Angesichts der engen Verknüpfung von Sexualität und Pflege kann es nicht das Ziel sein, sexuelle Elemente aus der pflegerischen Begegnung herauszuhalten, sondern es muss darum gehen, die Auszubildenden zu befähigen, berufliche und private Grenzverläufe zu definieren und deren Beachtung durchzusetzen. Hier kann eine Enttabuisierung im Sinne einer größeren Selbstverständlichkeit in der sprachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität in der Pflege durchaus hilfreich sein.

Weiterführende Literatur:

STEMMER, R.: Grenzkonflikte in der Pflege. Patientenorientierung zwischen Umsetzungs- und Legitimationsschwierigkeiten. Mabuse Verlag 2001, Frankfurt/Main, 350 S., 32,- €, ISBN 393 30 50 790