Klingt
die Überschrift nicht paradox? Wie
soll es denn möglich sein, Verwirrte
noch mehr zu verwirren? Das Motto stammt
vom Wiener Professor Erwin Böhm, dessen
psycho-biographisches Pflegemodell heute
vielerorts bekannt ist. Aber kann es in
der Altenpflege breitenwirksam werden?
In
einem Pflegeheim wird die junge Pflegerin
von einer verwirrten Heimbewohnerin freudig
umarmt und mit den Worten begrüßt:
„Endlich kommst du mich besuchen, liebe
Mutti! Werden wir heute zusammen Kuchen
backen?“ Die junge Pflegerin löst
sich aus der Umarmung und sagt: „Mensch,
Frau M., ich bin doch nicht ihre Mutti!
Wenn Sie Appetit auf Kuchen haben, kann
ich ihnen welchen aus der Küche holen.“
Wird durch eine solche Reaktion die verwirrte
Frau M. nicht noch mehr verwirrt?
Frau
M. befindet sich in ihrer Verwirrtheit auf
der Zeitebene ihrer Kindheit, wo es für
sie ein besonders schönes Erlebnis
war, wenn sie gemeinsam mit ihrer Mutter
Kuchen backen durfte. Bei detaillierter
Kenntnis der Biographie von Frau M., einem
ganzheitlichen Menschenbild, psychologischem
Einfühlungsvermögen und Grundkenntnissen
in der reaktivierenden Pflege hätte
die junge Pflegerin sicher anders reagiert.
Ein
vertieftes Pflegeverständnis und die
Möglichkeit des zielgerichteten und
differenzierten Umgangs mit alten Menschen
durch die Auseinandersetzung mit der Biographie
von verwirrten alten Menschen beinhaltet
das psychobiographische Pflegemodell nach
Prof. Erwin Böhm.
Grundsätzliche
Erkenntnisse des Pflegemodells nach Pro
f. E. Böhm sind folgende:
-
Alles, was einen Menschen in den ersten
25-30 Jahren seines Lebens geprägt
hat, gewinnt mit zunehmendem Alter an
Bedeutung, das Altgedächtnis wird
reaktiviert. Die Erlebnisse aus dieser
Zeit haben den Menschen geformt, sie beeinflussen
sein Verhalten, seine Gefühlswelt.
Alte Menschen denken und handeln entsprechend
der „geformten Welt“ dieser Jahre.
- Bei
der Erstellung der Biographie ist es nicht
vordergründig von Bedeutung, Lebensdaten
in chronologischer Reihenfolge zu erfassen,
sondern eine Psychobiographie zu erstellen.
Es sollte herausgefunden werden, was dem
Menschen wichtig ist, was ihn in seinem
Leben bewegt hat, weshalb er bestimmte
Dinge getan hat.
- Über
die Biographiearbeit werden sog. „Copings“
erhoben, d.h., wie hat der Mensch gelernt,
mit Problemen umzugehen? Diese Reaktionsmuster
werden von Bezugspersonen abgeschaut.
Daraus lassen sich die Bewältigungsstrategien
ableiten, die eingesetzt werden, um Pflegeziele
zu erreichen.
- In
Belastungssituationen, z.B. bei der Übersiedlung
in ein Pflegeheim, wird bei alten Menschen
das Altgedächtnis aktiviert. Sie
bauen weiter ab, weil nichts mehr da ist,
was sie von früher kennen. So kann
es zum Umkehrphänomen der Entwicklung
kommen. Sie fallen in ihre Gemütspsyche
zurück, es werden Verhaltensrituale
oder Copings der nächstniederen Stufe
wirksam, um in dieser neuen, unbekannten
Welt überleben zu können.
- Wenn
wir das Verhalten, das Handeln und die
Erzählungen alter Menschen verstehen
wollen, müssen wir herausfinden,
was sie geprägt hat. Auf der Grundlage
einstiger Lebensantriebe ist eine seelische
„Wiederbelebung“ alter Menschen möglich.
- Die
Selbstständigkeit, die soziale Kompetenz
der Senioren soll so lange wie möglich
erhalten bleiben. Dabei ist nicht vorrangig
körperliche Selbstständigkeit
gemeint, sondern der Geist und die Psyche,
also selbstständig denken, fühlen
und entscheiden zu dürfen.
- Auffällige
Alterserscheinungen, wie Vergesslichkeit,
Verwirrtheit, Wahnvorstellungen, Aggressionen,
Depressionen sind auch bei zunehmendem
Gehirnabbau durchaus positiv beeinflussbar.
Die Irreversibilitätstheorie ist
überholt!
- Die
primären Altersstörungen sieht
Prof. Böhm in der Seele, deshalb
wird sein Modell auch als „Seelenpflegemodell“
bezeichnet.
- Mit
seinem Modell wird die Zeitebene der Pflegekräfte
mit der Zeitebene der zu Pflegenden zusammengeführt.
Die Sicht der Pflegeperson bestimmt die
Pflege, z.B. des Heimbewohners, sie entwickelt
sozusagen ein „pflegerisches Auge“.
Böhm
unterscheidet sieben emotionale Erreichbarkeitsstufen,
in dem sich der Pflegebedürftige befinden
kann:
Stufe
1: „Sozialstation“
Sie entspricht der Erwachsenenstufe, lebenslanges
Lernen ermöglicht, sich den Normen
in der Gesellschaft anpassen zu können.
Sind Patienten auf der Stufe 1 nicht mehr
erreichbar, kann man auf der nächsten
Stufe eine Kontaktaufnahme versuchen.
Stufe
2: „Mutterwitz“
Sie entspricht der Entwicklungsstufe der
Jugendlichen. Hier wird gesprochen, „wie
einem der Schnabel gewachsen ist“.
Stufe
3: „Seelische und soziale Grundbedürfnisse“
Lebensalter etwa 6-12 Jahre; Personen auf
dieser Stufe haben viele frühere Fähigkeiten
und Gewohnheiten abgelegt.
Stufe
4: „Prägungen“
Lebensalter etwa 3-6 Jahre; erlernte, sich
wiederholende, eingespielte Verhaltensweisen
herrschen vor, Rituale, die Sicherheit vermitteln.
Stufe
5: „Triebe“
Auch etwa 3-6 Jahre; es steht die Frage,
was auf dieser Stufe zugemutet und durch
Förderung gefördert werden kann.
Stufe
6: „Intuition“
Sie entspricht dem Säuglings- und Kleinkindalter;
Gefühle, Märchen, Aberglaube und
Bilder spielen eine Rolle.
Stufe
7: „Urkommunikation“
Säuglingsalter; die emotionale Erreichbarkeit
ist gegeben, körperliche Möglichkeiten
sind beschränkt.
Fazit für die Praxis
Erwin
Böhm sieht die Probleme psychisch auffälliger
alter Menschen nicht vordergründig
organisch, sondern seelisch bedingt, was
aus der individuellen Biographie hergeleitet
werden kann. Daraus resultiert u.a. die
Forderung nach Gesundheitspflege statt Krankenpflege!
Die Vorgehensweise in der Pflege erfordert
eine eigenständige Denk- und Arbeitsweise
des Pflegepersonals. Die Pflegetheorie zeichnet
sich durch die Betonung und Förderung
des Selbsthilfepotenzials alter Menschen
aus. Sie sollen reaktiviert werden, die
alten Menschen sollen aufleben und nicht
aufgehoben werden. Pro f. Böhm sagt:
„Wir betreuen Menschen und nicht Betten.“
Und: „Vor den Beinen muss die Seele bewegt
werden.“
Neue
Wege in der Pflege
Alte kranke Menschen so zu reaktivieren,
dass sie nicht in einem Heim „verwahrt“
werden müssen, sondern wieder eigenständig
in ihrem Wohnumfeld leben können, ist
ein hervorragendes Pflegeziel. Prof. Erwin
Böhm aus Wien ist es mit seinem psychobiographischen
Pflegemodell gelungen, diese Zielstellung
auch praktisch zu verwirklichen. Zum ersten
Altenpflegetag an der Heimererschule Torgau
Anfang Mai in Sachsen hatten Altenpfleger/innen,
Pflegedienstleiter/innen, Heimleiter/innen,
Lehrkräfte und Fachschüler/innen
die Gelegenheit, Prof. Böhm in einem
Vortrag zu erleben. Durch seine temperamentvolle
Vortragsweise hat er die Zuhörer bestens
unterhalten. Leider konnte in vier Stunden
sein Pflegemodell nicht erschöpfend
vorgestellt werden.
Mich
hat Prof. Böhm zum Überdenken
meiner Standpunkte zu folgenden Problemen
angeregt:
-
Die
enge Verbindung zwischen den uns irrational
erscheinenden Verhaltensweisen und der
Biographie des alten Menschen war mir
bewusst, wobei ich niemals die Biographie
nur auf Lebensdaten beschränkte.
Als vorwiegend seelisches Phänomen
habe ich Verwirrtheitszustände
oder irrational erscheinende Verhaltensweisen
allerdings bisher nicht gesehen. Den
Zusammenhang zu erkennen zwischen solchen
Verhaltensweisen und den emotionalen
Prägungen, der jeweiligen Zeitgeistsituation,
dem jeweiligen Normalitätsprinzip
einer Generation, den Verhaltensmustern
(Copings), persönlichen Ersatzhandlungen
und Lebenslügen, dem persönlichen
Daheimgefühl, dem Herkunftsort
und prägenden Erinnerungen halte
ich für außerordentlich wichtig
für die reaktivierende Seelenpflege.
Gleichzeitig denke ich aber auch: Wie
soll das praktisch möglich sein
mit dem jetzigen Personal und den vorherrschenden
Heimstrukturen? Und wie erfasse ich
den Seelenzustand eines alten Menschen,
der mir verbal seine prägenden
Erinnerungen, seine Daseinssicht, seine
Stories nicht mehr mitteilen kann und
auch keine Verwandten, Bekannten etc.
hat, die mir Auskunft geben können?
-
Die
Unterteilung der seelischen Erreichbarkeit
in sieben Interaktionsstufen, aus denen
Prof. Böhm den „elan vital“, die
Lebensenergie, herleitet, finde ich
sehr plausibel und praxisrelevant. Das
Umkehrphänomen in der Verhaltensentwicklung
alter Menschen bis hin zu den Verhaltensweisen
eines Säuglings haben wir alle
schon beobachten können, die richtige
Zuordnung der entsprechenden Interaktionsstufe
kann die reaktivierende Pflege fördern.
Woher sollen aber die Pflegekräfte
in der Praxis das dazu erforderliche
Wissen nehmen? Wie soll es gar möglich
sein, alle Mitarbeiter einer Einrichtung
mit diesem Wissen auszustatten?
-
Das
Beschreiten neuer Wege in der Pflege
erfordert eine Neuordnung der Altenpflegeausbildung.
Jedoch ergibt sich zugleich die Frage,
ob die Altenpflegeausbildung in Deutschland
überhaupt noch eine Daseinsberechtigung
hat, denn es stimmt nachdenklich, wenn
Prof. Böhm feststellt, dass wir
das einzige europäische Land mit
einer Altenpflegeausbildung sind und
der Abschluss (aller deutschen Bundesländer)
in keinem anderen europäischen
Land anerkannt wird.
Ein weiterer Referent, Stefan Gutensohn
aus Luxemburg, zeigte Möglichkeiten
der Weiterführung eines ganz normalen
Lebens auch für Demenzkranke nach
diesem überzeugenden Konzept der
Betreuung. Dazu gehören:
- kleine
Wohngemeinschaften mit festen Bezugspersonen,
- die
individuelle Gestaltung der Wohnräume
nach den Bedürfnissen der Bewohner,
auch Rückzugsmöglichkeiten,
- genügend
Freiraum zum Ausleben des Bewegungsdranges,
- gemeinsame
Gestaltung des Tagesablaufs wie es
dem alten Menschen auf seiner emotionalen
Erreichbarkeitsstufe möglich
ist,
- Fröhlichkeit
und Lebendigkeit,
- das
Zusammenleben mit liebgewordenen Haustieren.
Es
ist zu hoffen, dass durch die Veränderung
des Klientels der zu betreuenden alten Menschen
das Problem der Demenz gesellschaftlich
mehr Beachtung findet und die entsprechenden
Rahmenbedingungen für eine bedürfnisgerechte
Pflege auch bei uns geschaffen werden.
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