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Auf den zweiten Blick - Systemrelevante Berufe in der Textil-, Schuh- und Lederwarenindustrie

Eine Reihe von Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie stellen zurzeit ihre Produktion um, um verschiedene Produkte und Bekleidung zum Schutz der Bevölkerung herzustellen. Somit gehören Ausbildungsberufe wie Textil- und Modenäher/-in oder die Fachkraft für Lederverarbeitung zu den systemrelevanten Berufen.

Auf den zweiten Blick - Systemrelevante Berufe in der Textil-, Schuh- und Lederwarenindustrie

Die Frage, welche Berufe bzw. Berufsgruppen als systemrelevant eingestuft werden, ist nicht eindeutig zu beantworten. Mit Dauer der Corona-Pandemie wird diese Liste ständig erweitert. Systemrelevante Berufe oder auch Unternehmen sind so definiert, dass sie für die Daseinsvorsorge oder zur Bekämpfung der Pandemie durch das Coronavirus SARS-CoV-2 wichtig sind. Ohne sie würde die Gesellschaft nicht funktionieren.

In erster Linie wird das Wort „systemrelevant" immer wieder in Verbindung mit den Ärzten und Pflegekräften genannt, die tagtäglich in der Krise arbeiten, um das Gesundheitssystem und das Land am Laufen zu halten. Aktuell ist eine solche Zuordnung für viele Menschen wichtig, die beispielsweise eine Kindernotbetreuung benötigen. Nur wenn sie selbst in einem systemrelevanten Beruf arbeiten, können sie einen Betreuungsplatz bekommen. Die Liste der Berufe und Berufsgruppen, die in der sog. kritischen Infrastruktur arbeiten, wird von den Bundesländern geführt und kann variieren.

Auf den zweiten Blick gibt es viel mehr Berufe bzw. Berufsgruppen, die den „Laden am Laufen“ halten und von daher auch als systemrelevant einzustufen sind. Es ist dabei nicht nur allein der Beruf zu betrachten, sondern vor allem der Tätigkeitsbereich zu berücksichtigen, in dem die Fachkräfte eingesetzt werden. Gebäudereiniger und Hausmeister sind vor allem deshalb systemrelevant, da sie in „systemrelevanten“ Gebäuden, z.B. Krankenhäusern und Pflegeinrichtungen, arbeiten und dort für die entsprechenden Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen sorgen. Das Supermarktpersonal ist deshalb systemrelevant, weil es dort arbeitet, wo wir unseren Bedarf an Lebensmitteln decken können. Das gilt auch für die Beschäftigten in der Textil-, Schuh- und Lederwarenindustrie, da sie in versorgungsrelevanten Bereichen arbeiten.

Textil kann viel - Beitrag zur aktuellen Corona-Krise

Eine Reihe von Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie stellen zurzeit ihre Produktion um, um verschiedene Produkte und Bekleidung zum Schutz der Bevölkerung herzustellen. In der Presse sind immer neue Artikel mit der Schlagzeile „Corona: Textilproduzenten stellen auf Mund-Nasen-Masken“ zu lesen; inzwischen gibt es ganze Listen, welche Betriebe bereits umgestellt haben. Aber auch Schuh- und Taschenhersteller haben sich aufgrund der Corona-Krise dazu entschieden, einen Teil ihrer Produktion auf die Anfertigung von Mund- und Nasenbedeckungen umzustellen.

Dabei handelt es sich um Masken, die weder als Medizinprodukt noch als persönliche Schutzausrüstung (PSA) auf dem Markt bereitgestellt werden sollen. Solche „Mund-Nasen-Masken“ können einen gewissen Fremd- und Eigenschutz bieten, indem sie bei richtiger Verwendung und Materialauswahl die Ausbreitung von größeren Tröpfchen (z.B. Husten) sowie die Kontaktinfektion (z.B. Anfassen des Mund-Nasen-Bereichs mit kontaminierten Fingern) reduzieren können. Sie bestehen meistens aus reiner Baumwolle.

Unterstützt werden die Textilproduzenten von bundesweiten Netzwerk-Initiativen, z.B. vom Textilnetzwerk AFBW - Allianz Faserbasierte Werkstoffe Baden-Württemberg e.V.: es werden z.B. Produktionskapazitäten für Atemschutzmasken ermittelt, Zertifizierungsstellen aufgelistet oder Tutorials und Webinare zu den Anforderungen bei der Herstellung von Atemschutzmasken und Schutzkleidung für den Infektionsschutz angeboten.

Dabei rücken insbesondere folgende Ausbildungsberufe in den Mittelpunkt:

Produktionsmechaniker/-in - Textil

Produktionsmechaniker/-innen stellen hochwertige Vliesstoffe, Gewebe und Maschenwaren her. Diese werden dann für Atemschutzmasken, Verbandstoffe und Bandagen für die Wundversorgung und zur Desinfektion sowie Berufs- und Schutzkleidung verwendet. Die Materialien müssen bestimmte textilphysikalische Anforderungen und Eigenschaften erfüllen: je nach Einsatzgebiet (als einfacher Schutz oder als zertifiziertes Medizinprodukt) müssen sie z.B. flüssigkeits- und bakterienschützend, keimabweisend oder keimdicht, atmungsaktiv, dampfdurchlässig, nicht klebend und saugfähig zu sein.

Produktionsmechaniker/-in - Textil

Textil- und Modenäher/-in

Textil- und Modenäher/-innen konfektionieren Mehrweg- oder Einmaltextilien für private, berufliche und medizinische Bereiche. Dazu gehören unter anderem Atemschutzmasken, Berufs- und Schutzkleidung, OP-Kittel und -Abdeckungen.

Textil- und Modenäher/-in

Textilreiniger/-in

Textilpflegebetriebe (Wäschereien und Reinigungsbetriebe) reinigen, waschen, reparieren und desinfizieren Berufs- bzw. Schutzkleidung, infektiöse Wäsche, Bettwäsche, Handtücher etc. für Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser. Wegen der hohen Hygienestandards dürfen nur zertifizierte Betriebe infektiöse Wäsche waschen. Zu einem funktionierenden Gesundheitswesen gehören nicht nur Ärzte und Pfleger; auch Rettungsdienste, Labore, Feuerwehren oder die Lebensmittelindustrie sind auf hygienische Schutzbekleidung angewiesen. Die Textilpflegebetriebe leisten dabei auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit, da die Berufs- und Schutzkleidung wiederverwertbar ist und nicht nach einmaligen Gebrauch entsorgt wird. „Private Wäschereien und textile Dienstleistungsunternehmen versorgen täglich 500.000 Krankenhausbetten, 1,3 Millionen Pflegende und eine Millionen Alten- und Pflegeheimbewohner in Deutschland mit sauberer Wäsche und Bekleidung. Nach Angaben des Verbands stemmen zertifizierte Betriebe die Versorgung von rund 95 Prozent aller Krankenhäuser und 60 Prozent aller Pflegeeinrichtungen.“ (DTV-Geschäftsführer Andreas Schumacher)

Textilreiniger/-in

Fachkraft für Lederverarbeitung, Schuhfertiger/-in sowie Sattler/-in Fachrichtung Feintäschnerei

Ca. ein Viertel der deutschen Schuh- und Lederwarenhersteller fertigen inzwischen neue Produkte wie Mund-Nase-Masken an. Aber auch Arbeitsschuhe mit rutschhemmenden Sohlen für den „sicheren Stand“ des Krankenhauspersonals und Pfleger stehen hoch im Kurs. Auch die Auszubildenden der Branche sind maßgeblich an der Fertigung beteiligt und leisten somit einen besonderen Beitrag. „Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig das verarbeitende Gewerbe mit seinen technischen Ausbildungsberufen für Deutschland ist“, erläutert HDS/L Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert.

Fachkraft für Lederverarbeitung
Schuhfertiger/-in
Sattler/-in in der Fachrichtung Feintäschnerei

Welchen Wert haben die sogenannten „Helden“ der Gesellschaft?

Tatsache ist, viele dieser nun hochgelobten systemrelevanten Berufe ist gemein, dass sie schlecht bezahlt sind, (normalerweise) in der Bevölkerung ein geringes Ansehen genießen und daher wenig attraktiv erscheinen. Dies schlägt sich auch bei der Wahl der Berufsausbildung wieder.

Diese Tatsache bestätigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) „Systemrelevant und dennoch kaum anerkannt: Das Lohn- und Prestigeniveau unverzichtbarer Berufe in Zeiten von Corona“. „Das gesellschaftliche Ansehen vieler systemrelevanter Berufe, also Krankenpfleger, Altenpfleger, Reinigungskräfte, Sicherheit, aber auch Verkäufer im Supermarkt ist relativ gering" (DIW-Studie, Marcel Fratzscher, DIW-Direktor). Die DIW-Studie zeigt, dass 90 Prozent der Beschäftigten in systemrelevanten Berufen unterdurchschnittlich verdienen. In der Altenpflege liegt der Stundendurchschnitt sogar deutlich unter 15 Euro. Supermarktverkaufskräfte haben häufig nur knapp über 9,35 Euro Mindestlohn.

Die Bundeskanzlerin hat angekündigt, Europa werde künftig selbst Schutzkleidung produzieren. Es sei wichtig, aus der Corona-Pandemie zu lernen, dass es auch in diesem Bereich eine gewisse Souveränität brauche. Merkel sagte, im Bundeswirtschaftsministerium solle sich ein eigener Stab darum kümmern, entsprechende Produktionskapazitäten zu schaffen. Die könnten in Deutschland angesiedelt werden. Der zweijährige Ausbildungsberuf „Textil- und Modenäher/-in“ wird zurzeit evaluiert; es geht darum, ob er weiterhin Bestand haben oder abgeschafft werden soll. Vor dem aktuellen Hintergrund spricht vieles für ein Fortbestehen des Berufs. 

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