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BIBB Report 17/2012

Erwerbstätigkeit ohne Berufsabschluss - Welche Wege stehen offen?

Uta Braun, Felix Bremser, Klaus Schöngen, Sabrina Weller 

Im Jahr 2007 hatten insgesamt etwa 5,3 Mio. Erwerbspersonen(01) keine berufliche Ausbildung vorzuweisen. Seit Beginn der 1980er-Jahre stiegen ihre Arbeitslosenquoten überdurchschnittlich an. Im Jahr 2009 lag die Arbeitslosenquote aller ungelernten Erwerbspersonen bei 21,9% und damit mehr als dreimal so hoch wie bei Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung (6,6%).(02) Arbeitsplätze für Ungelernte werden abgebaut oder in Billiglohnländer verlagert (REINBERG/HUMMEL 2007).(03) Ungelernte unterliegen somit einem hohen Risiko, keine dauerhafte, mit Entwicklungsperspektiven verbundene Erwerbstätigkeit ausüben zu können.

Der vorliegende BIBB REPORT gibt Auskunft darüber, welche Chancen Ungelernte auf dem Arbeitsmarkt haben und welcher Beschäftigung sie nachgehen, wenn sie erwerbstätig sind. Darüber hinaus wird dargestellt, welche Möglichkeiten sich für sie ergeben, wenn sie sich höher qualifizieren bzw. ihre vorliegende Qualifizierung an organisatorische und/oder technische Veränderungen anpassen möchten. Abschließend wird dargestellt, welche Qualifizierungsangebote der Zielgruppe "Ungelernte" angeboten werden.

Als "Nicht formal Qualifizierte" - im folgenden Text oft Ungelernte genannt - werden (erwerbsfähige) Personen bezeichnet, die keine (duale oder schulische) Berufsausbildung bzw. kein Fachhochschul- oder Hochschulstudium (oder gleichwertigen Abschluss) abgeschlossen haben, also keine "erfolgreiche, zertifizierte Teilnahme an formalen (standardisierten, staatlich geregelten oder anerkannten) Bildungsgängen" (GOTTSLEBEN 1987) vorweisen können. Auch Personen mit Anlernausbildung, beruflicher Grundbildung oder mit einem Praktikum gelten als nicht formal qualifiziert.
Da sich unter den nicht formal Qualifizierten vor allem in den untersuchten Altersjahrgängen noch eine erhebliche Zahl von Personen befindet, die ihre berufliche Ausbildung noch nicht beendet haben oder ihre Wehrpflicht* leisten, wurde bei der Auswertung der Mikrozensus-Daten für nicht formal Qualifizierte (NFQ) die folgende (Negativ-)Definition gewählt:

Zu den Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung zählen nicht:
• Schüler
• Studierende
• Auszubildende
• Wehr- oder Zivildienstleistende und
• Personen in Maßnahmen der beruflichen Fort- und Weiterbildung und Umschulung

* Ab 1.7.2011 sind der Grundwehrdienst und der Zivildienst ausgesetzt.

 

Nicht formal Qualifizierte und ihre Teilhabe am Arbeitsmarkt

Der Mikrozensus ermittelte 2007 rund 5,3 Mio. Erwerbspersonen, jeweils zur Hälfte Männer und Frauen (Frauenanteil 49,2%), die angaben, keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen zu können. Die weitaus meisten ungelernten Erwerbspersonen verfügten über einen allgemeinen Schulabschluss, insgesamt 83,0%. Drei von vier Ungelernten (71,8%) hatten einen Haupt- oder Realschulabschluss erworben, 11,5% besaßen eine Studienberechtigung. Jeder Sechste konnte keinen Schulabschluss nachweisen.

Methodenhinweis: Die ab 2005 veränderte Erhebungsmethode des Mikrozensus, von der insgesamt verbesserte statistische Informationen zu Bevölkerung und Erwerbstätigkeit zu erwarten sind, hatte auch Auswirkungen auf Daten zu nicht formal Qualifizierten. Grund dafür ist die Auskunftspflicht bei der Frage zum Berufsabschluss. In den vorangegangenen Mikrozensen war die Beantwortung bei Personen ab 50 Jahren freiwillig. Diese Frage wurde 2005 nur noch von 1% der Befragten nicht beantwortet, 2004 waren es noch 9%. Die dabei zusätzlich gewonnenen Informationen über den Berufsabschluss betrafen vor allem Befragte ohne Berufsabschluss, sodass sich der Anteil der nicht formal Qualifizierten an der Bevölkerung über 15 Jahren, verglichen mit 2004, um rund 5% erhöhte (REINBERG/HUMMEL 2007, S. 10). Es ist davon auszugehen, dass sich 2005 aufgrund der genaueren Erfassung auch der Anteil der nicht formal Qualifizierten an der Wohnbevölkerung deutlich erhöht hat. Das hat auch Konsequenzen für Zeitvergleiche. Ergebnisse ab 2005 sind nur unter Vorbehalt mit denen der Vorjahre vergleichbar.
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Erhebliche strukturelle Unterschiede zeigten sich bei den Schulabschlüssen gegenüber formal Qualifizierten, vor allem bei den Anteilen der Personen ohne Schulabschluss (0,4% bei beruflich Qualifizierten gegenüber 16,0% bei den Ungelernten) und den Studienberechtigten (32,3% gegenüber 11,5% bei Ungelernten). Der Anteil der Personen mit einem Abschluss unterhalb einer Studienberechtigung liegt bei Ungelernten (72%) und Erwerbspersonen mit Berufsabschluss (68%) auf ähnlichem Niveau.

54% der Ungelernten waren erwerbstätig (siehe Tabelle 1), fast zwei Drittel der Männer und knapp die Hälfte der Frauen. Höhere Anteile verzeichnen Studienberechtigte ohne Berufsabschluss (77%). Weitaus geringer ist die Erwerbsbeteiligung bei den Ungelernten, die zusätzlich auch keinen Schulabschluss erworben hatten. Bei ihnen gingen nur 44% einer Erwerbstätigkeit nach.

Deutlich höhere Erwerbstätigenquoten zeigten sich hingegen bei Erwerbspersonen mit einem beruflichen Abschluss. Gut drei Viertel waren erwerbstätig. In noch stärkerem Maße galt das für Personen mit Hochschulzugangsberechtigung. Wer ohne schulischen Abschluss einen Berufsabschluss vorweisen konnte - eine Minderheit der beruflich Qualifizierten - befand sich zwar in einem geringeren Umfang in Erwerbstätigkeit, aber noch mit zum Teil deutlichem Abstand zu den Erwerbstätigenanteilen, die für Ungelernte ohne einen Schulabschluss ermittelt wurden.

Eine nachteilige Erwerbsentwicklung für Ungelernte zeigt sich auch, wenn man die Erwerbstätigenquoten der Ungelernten nach ihrem Alter mit gleichaltrigen Gelernten vergleicht. Der Mikrozensus lässt keinen Schluss auf den Verlauf des individuellen Erwerbslebens zu, er ermöglicht aber einen Einblick in die alters- und qualifikationsbezogenen Erwerbstätigenquoten (Erwerbstätige bezogen auf Erwerbspersonen).

Sowohl bei ungelernten Männern als auch bei ungelernten Frauen zeigen sich deutlich niedrigere Erwerbstätigenquoten. Die unterschiedliche Erwerbsbeteiligung tritt bei Frauen noch wesentlich deutlicher hervor als bei Männern. So waren im Alter von 30 Jahren drei von vier beruflich qualifizierten Frauen erwerbstätig, von den ungelernten Frauen noch nicht einmal jede zweite. Erst nach der Erziehungszeit erreichen sie für eine kurze Zeit eine Erwerbstätigenquote von rund 60%, bei Frauen mit Berufsabschluss liegt sie um rund 20 Prozentpunkte höher.

Für Männer mit beruflichem Abschluss ist Erwerbstätigkeit früher und länger die vorherrschende Form des Lebensunterhaltes, im Alter von Anfang 30 bis Ende 40 sind über 90% erwerbstätig. Von den ungelernten Männern gehen hingegen lediglich 75% einer Erwerbstätigkeit nach. Außerdem deutet das Auf und Ab in den Verlaufsdaten nicht formal Qualifizierter auf diskontinuierliche Erwerbsphasen und damit prekäre Berufsverläufe(04) hin.

Von allen Erwerbstätigen besaßen 2007 rund 17%, absolut: knapp 4,6 Millionen, keinen beruflichen Abschluss. Jeder siebte der ungelernten Erwerbstätigen (14,5%) hatte auch die Schule ohne einen Abschluss verlassen. Im Unterschied dazu konnten Erwerbstätige mit abgeschlossener Berufsausbildung fast ohne Ausnahme auch einen schulischen Abschluss vorweisen, den man aber auch durch eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung erreichen kann.(05) Daraus lässt sich vermuten, dass diejenigen Erwerbstätigen, die keinen schulischen Abschluss erlangt hatten, in der Regel nach Verlassen der Schule auch nicht mehr zu einem Berufsabschluss gelangt sind.

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Junge Ungelernte

Gerade die Gruppe der Jüngeren ist von besonderer bildungs- und beschäftigungspolitischer Bedeutung, weil ihnen ein längeres Erwerbsleben von 30 bis 40 Jahren bevorsteht. Angesichts der demografischen Entwicklung und dem bereits in vielen Wirtschaftszweigen aufkommenden Fachkräftemangel zeigt sich gesellschaftlich eine große Chance, diese "noch" Ungelernten durch geeignete Aus- und Weiterbildung nachzuqualifizieren, um ihren Berufs- und Erwerbsverlauf zu stabilisieren.

Diese Chance wurde in der Vergangenheit nicht oder nur unzureichend genutzt. Bei den Befragungen des Mikrozensus in der Altersgruppe der 20- bis 34-Jährigen wurden weit mehr als 2 Mio. junge Menschen(06) ohne Ausbildungsabschluss ermittelt. Die Ungelerntenquote blieb über viele Jahre hinweg stabil bei rund 15%. Die politische Zielvorgabe des Europäischen Rats (Schlussfolgerungen des Vorsitzes, Europäischer Rat Lissabon, 23.3./24.3.2000, Nr. 26), die Ungelerntenquote - an dieser Stelle bezogen auf die 18- bis 24-Jährigen - bis 2010 zu halbieren, wurde damit deutlich verfehlt.


In der Altersgruppe der 20- bis 34-Jährigen (knapp 15 Mio.), denen eine noch lange Erwerbsphase bevorsteht, befanden sich 2,24 Mio. Ungelernte, von denen 1,2 Mio. erwerbstätig waren. Ihre Erwerbstätigenquote (siehe Tabelle 1) lag mit 52,3% um weit mehr als 20 Prozentpunkte unter derjenigen der Gleichaltrigen mit beruflichem Abschluss (76,1%). In der Altersgruppe der 20- bis 34-Jährigen zeigten sich auch deutliche Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung von ungelernten Frauen (41,8%) und Männern (63,1%). Ungelernte junge Männer haben damit eine um mehr als 20 Prozentpunkte höhere Erwerbsbeteiligung.

Von den 20- bis 34-jährigen Erwerbstätigen besaßen nur 11,5% keinen beruflichen Abschluss. Der Anteil der Ungelernten an allen Erwerbstätigen liegt kaum höher.

Bei jüngeren Männern zeigt sich mit 12,8% ein merklich höherer Anteil an ungelernten Erwerbstätigen als bei Frauen (10,0%). Bei Erwerbstätigen aller Altersstufen dagegen ergab sich ein insgesamt etwas höherer Ungelerntenanteil als bei den Jüngeren sowie ein deutlich höherer Anteil von Frauen (Frauen: 13,2%, Männer: 11,2%). Der geringere Ungelerntenanteil bei den jüngeren Erwerbstätigen macht deutlich, dass die Erwerbstätigkeit Jüngerer stärker von einem erfolgreichen Berufsabschluss abhängt.

Art der Erwerbstätigkeit junger Ungelernter

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Drei von vier jungen Ungelernten gehen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung(07)(08) nach (Grafik 2). Das gilt in noch höherem Maße für Gelernte. Ihr entsprechender Anteil liegt um rund 10 Prozentpunkte höher.

Fast vier von fünf erwerbstätigen jüngeren Männern befinden sich in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Bei Frauen liegt der Anteil mit knapp zwei ­Dritteln deutlich niedriger.

Jeder elfte Ungelernte (9%) der untersuchten Altersgruppe bezeichnete sich als selbstständig. Damit zeigte sich bei Ungelernten ein höherer Selbstständigenanteil als bei beruflich Qualifizierten.

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17,7% der jungen Ungelernten waren geringfügig beschäftigt. Bei Gelernten lag der Anteil mit 5,4% erheblich niedriger. Dabei traten deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede zutage. Das Niveau geringfügiger Beschäftigung ist bei den jungen Frauen (siehe Tabelle 2) bemerkenswert hoch.

Ein überproportionaler Anteil geringfügiger Beschäftigung zeigt sich vor allem bei den Jahrgängen der 30- bis 34-Jährigen.(09) Tendenziell steigt der Anteil geringfügiger Beschäftigung bei den Frauen mit zunehmendem Alter an.

Bei Studienberechtigten zeigt sich hingegen eine umgekehrte Entwicklung: diese sind nach der Schulzeit überproportional geringfügig beschäftigt. Bereits bei den 25-Jährigen hat sich der Anteil aber mehr als halbiert und bleibt auch weiter unter dem Ausgangswert sowie unter den jeweiligen Werten derer mit niedrigerer Schulbildung. Offenbar gelingt vielen Studienberechtigten auch ohne Berufsabschluss ein Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt. Geringfügige Beschäftigung ist auch bei den meisten der ungelernten erwerbstätigen Männer kein Thema. In allen Altersgruppen zeigen sich deutlich niedrigere Anteilswerte als bei den Frauen. Selbst die jüngsten untersuchten Jahrgänge der 20- bis 24-Jährigen weisen nur einen einstelligen Anteil auf, dieser reduziert sich bereits in der nächsten Altersgruppe (25-29) erheblich.

In welchen Wirtschaftszweigen und Berufen arbeiten nicht formal Qualifizierte?

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Es zeigt sich eine hohe Konzentration der nicht formal Qualifizierten auf wenige Wirtschaftszweige. Drei von vier Ungelernten sind in 16 von rund 60 Wirtschaftszweigen - ‚Zweisteller' WZ 2003(10) - beschäftigt. Die Hälfte aller nicht formal Qualifizierten arbeitet in nur sieben Wirtschaftszweigen. Die fünf am stärksten mit erwerbstätigen jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss besetzten Wirtschaftszweige sind Gastgewerbe (11,5%), Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen (11,2%), Einzelhandel (10,8%), Erbringung von wirtschaftlichen Dienstleistungen (9,8%) und das Baugewerbe (5,5%).

Wenn die Ungelernten über keinen schulischen Abschluss verfügen, tritt die Konzentration noch deutlicher zutage. Dabei fällt insbesondere der hohe Anteil des Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesens auf. Allein 29% der ungelernten Erwerbstätigen ohne Schulabschluss konzentrieren sich auf diesen Wirtschaftszweig.

Ein breiteres Spektrum an Wirtschaftszweigen bietet sich Hochschulzugangsberechtigten. Bei ihnen treten Wirtschaftszweige stärker in den Vordergrund, die überwiegend von qualifiziertem Personal und anspruchsvolleren Aufgaben geprägt sind (Erziehung und Unterricht, Datenverarbeitung und Datenbanken, Kultur, Sport, Unterhaltung sowie das Verlagsgewerbe und die Handelsvermittlung). Auch als Ungelernte finden Hochschulzugangsberechtigte hier noch Erwerbsmöglichkeiten (siehe Tabelle 3).

Ungelernte Erwerbstätige der untersuchten Altersgruppe werden in fast allen der rund 360 Berufsordnungen(11) angetroffen. Das Berufespektrum war dabei aber relativ stark konzentriert, die Hälfte aller Ungelernten arbeitet in 16 Berufsordnungen; die zehn am stärksten besetzten Berufsordnungen kommen auf einen Anteil von rund 40% (siehe Tabelle 4).

Bei Ungelernten ohne Schulabschluss findet sich die Hälfte aller Erwerbstätigen in nur acht Berufen (Berufsordnungen). Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Reinigungsberufe, Lager- und Transportberufe und Berufe aus der Gastronomie und im Gartenbau.

Eine wesentlich größere und breiter gestreute Auswahl an Berufen (Median: 23 Berufsordnungen) zeigt sich bei den jungen Erwachsenen, die über eine Studienberechtigung verfügten. Neben dem bei dieser Gruppe von Ungelernten deutlich stärkeren Trend zur Selbstständigkeit rücken bei ihnen auch Berufe mit höheren und komplexeren Anforderungen in den Vordergrund. Zu nennen wären hier die Berufsordnungen Unternehmer, Geschäftsführer, Softwareentwickler und Publizisten, die bei ihnen zu den zehn am stärksten besetzten Berufsordnungen gehören und bei den übrigen ungelernten Erwerbstätigen so gut wie über­haupt nicht auftauchen.

Hinsichtlich der Erwerbsberufe zeigen auch die Ergebnisse der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2006 ähnliche Berufsstrukturen bei Ungelernten. Als häufig ausgeübte Tätigkeiten nannten die ungelernten Erwerbstätigen vor allem "arbeiten mit Computern", "reinigen, Abfall beseitigen, recyclen", "beraten, informieren", "messen, prüfen, Qualitätskontrolle" und "transportieren, lagern, versenden". Die Tätigkeiten "arbeiten mit Computern", "beraten, informieren" und "sammeln, recherchieren, dokumentieren" sind dabei überwiegend von Studienberechtigten ausgeübte Tätigkeiten.

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Ergebnisse berufsfeldbezogener Projektionen(12)Aktuelle BIBB/IAB-Projektionen bis zum Jahr 2025 zeigen einen im Vergleich zu den anderen Qualifikationsniveaus leicht sinkenden Bedarf an nicht formal Qualifizierten bei nahezu gleichbleibender Zahl an Erwerbspersonen. Das gilt jedoch nicht für Berufsfelder, in denen Erwerbstätige ohne berufliche Qualifikation dominant vertreten sind. Dort ist von einem gleichbleibenden Bedarf auszugehen, dem, weil Ungelernte auch in andere Berufsfelder wechseln und dort Beschäftigung finden, ein tendenziell sinkendes Angebot an ungelernten Erwerbs­personen gegenüberstehen dürfte.
Ein rückläufiges Fachkräfteangebot zeigt sich schon heute bei Erwerbstätigen, die einen Beruf in diesen Berufsfeldern erlernt haben. Ihre Anzahl dürfte bis 2025 zudem noch weiter zurückgehen, weitgehend infolge der demografischen Entwicklung.(13) Derzeit noch Ungelernte könnten diese Fachkräftelücke schließen. Eine nachhaltige Verbesserung der Erwerbssituation Ungelernter dürfte sich nur bei einer zielgerichteten beruflichen Qualifizierung ergeben. Mit guten Aussichten, denn Berufsfelder(14), in denen nicht-formal Qualifizierte dominant vertreten sind, weisen zugleich auch Ausbildungspotenziale auf. So liegt der Ersatzbedarf beispielsweise bei Dienstleistungen im Bereich der Haus- und Gebäudetechnik, in den Verkehrsberufen, im Personen- und Wachschutz und in den Verkaufsberufen über dem Durchschnitt. Entsprechend wäre es naheliegend, gerade in diesen Bereichen stärker in Ausbildung zu investieren. Mit einer beruflichen Qualifizierung von Ungelernten bis hin zum Fachkräfteniveau dürfte es auch gelingen, den für die mittlere Qualifikationsebene projizierten Mangel zumindest teilweise aufzufangen.(15)

Weiterbildungschancen von (erwerbstätigen) Ungelernten

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Damit stellt sich die Frage, wie es um die Chancen Ungelernter hinsichtlich weiterer Qualifizierung bestellt ist. In der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2006(16) wurden Erwerbstätige nach ihrem Bildungsniveau und ihrer Teilnahme an Weiterbildung gefragt. In die Berechnungen wurden lediglich Erwerbstätige im besonders weiterbildungsaktiven Alter zwischen 25 und 44 Jahren einbezogen. Um einen Bildungseffekt so weit wie möglich zu eliminieren(17), wurden nur Bildungsniveaus unterhalb der allgemeinen Hochschulreife berücksichtigt. Um darüber hinaus auszuschließen, dass die Teilnahme an Weiterbildung auf soziodemografische Verschiebungen oder die berufliche Stellung zurückzuführen wäre, werden an dieser Stelle die Ergebnisse einer Reihe logistischer Regressionsschätzungen vorgestellt. Dabei werden die aufgeführten Modelle stufenweise spezifiziert. Es wird dabei von den folgenden Thesen ausgegangen:

  • Weiterbildung, insbesondere wenn sie mit anerkannten Abschlüssen oder überbetrieblichen Zertifizierungen abschließt, dient auch bei Ungelernten dem Erhalt ihrer Erwerbsfähigkeit und kann - darüber hinausgehend - Aufstiegsoptionen eröffnen.
  • Eine Weiterbildungsteilnahme könnte sich auch positiv auf die Arbeitszufriedenheit auswirken. Arbeitnehmer mit einer hohen Arbeitszufriedenheit dürften bessere Leistungen als weniger Zufriedene vorweisen (WIENDIECK 1977; SIX & ECKES 1991; KATZELL, THOMPSON & GUZZO 1992). Hieraus könnte man schließen, dass arbeitszufriedene und aufstiegsorientierte Ungelernte eine überdurchschnittliche Weiterbildungsneigung und -beteiligung auflösen.

Modell 1 in Tabelle 5 zeigt die Weiterbildungsteilnahme in Abhängigkeit von der formalen Qualifikation. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein formal qualifizierter Erwerbstätiger an einer Weiterbildung teilnimmt, ist viermal größer als bei einem nicht formal qualifizierten Erwerbstätigen.
Modell 2 schätzt zusätzlich die Weiterbildungsteilnahme in Abhängigkeit von der Karriereerwartung sowie der Zufriedenheit mit der Beschäftigung. Hinsichtlich formal qualifizierter Arbeitnehmer (verglichen mit der Referenzgröße) zeigten sich im Vergleich zum ersten Modell nur geringe Veränderungen. Bei geringer Karriereerwartung oder geringer Arbeitszufriedenheit wird Weiterbildung in wesentlich geringerem Umfang genutzt.

Bei befristet Beschäftigten (Modell 3) zeigte sich gegenüber unbefristeten eine erheblich geringere Nutzung von Weiterbildungsmaßnahmen. Berücksichtigt man die berufliche Stellung als weitere unabhängige Variable, zeigt sich bei Ungelernten gegenüber der Referenzgruppe der Facharbeiter, dass weniger als jeder Zweite (knapp 0,4) eine Weiterbildung realisieren konnte (Modell 4).

In Modell 5 werden zusätzlich soziodemografische Merkmale untersucht. In Bezug auf das Alter zeigten sich keine Unterschiede zwischen Älteren und Jüngeren. Die Weiterbildungsteilnahme von Männern erwies sich höher als die von Frauen. Bei höheren Bruttoeinkommen zeigte sich hinsichtlich der Weiterbildungsteilnahme ein deutlich positiver Effekt.

Als wichtigstes Ergebnis bleibt festzuhalten, dass Ungelernte gegenüber anderen Beschäftigtengruppen in nur geringem Ausmaß an Weiterbildung teilnehmen konnten.

Qualifizierung für Ungelernte – eine Auswertung der Datenbank des Weiterbildungs-Innovations-Preises

Die geringe Weiterbildungsteilnahme Ungelernter dürfte nicht allein in unzureichender Motivation begründet sein. Sie kann ihre Ursache auch in Qualifizierungsangeboten von Betrieben und Weiterbildungsanbietern haben, die die besonderen Qualifizierungsbelange der Zielgruppe unzureichend berücksichtigen und/oder geeignete Kurse nur selten anbieten.

In den vergangenen Jahren hat sich unter dem Eindruck eines drohenden Fachkräftemangels die öffentliche Förderung von Weiterbildung verstärkt auch an Ungelernte gerichtet. Beispielhaft seien hier das WeGebAU-Programm (Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen) der Bundesagentur für Arbeit und zahlreiche Länderprogramme erwähnt. Damit sollte es (auch ungelernten) Arbeitnehmern ermöglicht werden, Teilqualifikationen zu erwerben oder Berufsabschlüsse nachzuholen, ohne ihre Arbeit kündigen zu müssen. Eine detaillierte Übersicht über die Förderprogramme findet sich im Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2011(18), eine Einschätzung und Wertung des WeGebAU-Programms  in einem Kurzbericht des IAB.(19)

Der Weiterbildungs-Innovations-Preis (WIP) wird vom BIBB seit dem Jahr 2000 an besonders innovative Weiterbildungsangebote vergeben. Der WIP wurde initiiert, um Veränderungen der beruflichen Qualifikationsanforderungen erfassen zu können, da diese häufig zuerst bei der Gestaltung beruflicher und betrieblicher Weiterbildung formuliert werden (vgl. BRÜGGEMANN 2005). Im Rahmen ihrer Bewerbung reichen die Teilnehmer einen standardisierten Fragebogen und eine 8-10 Seiten umfassende Beschreibung ihres Weiterbildungsangebots ein. Die aus diesen Materialien gewonnenen Informationen werden in einer Datenbank erfasst. Diese umfasst 1.581 Fälle/Maßnahmenkonzepte, darunter 184 hier betrachtete Weiterbildungsangebote.
Anhand der Angaben zur Zielgruppe in der Datenbank lässt sich ermitteln, welches berufliche Qualifikationsniveau von den Teilnehmern erwartet wird. Dabei wird unterschieden zwischen Angeboten für Personen ohne Berufsabschluss (Ungelernte), für Fachkräfte, für Führungskräfte oder für alle Qualifikationsniveaus. Es wurden alle Weiterbildungsangebote ausgewertet, die sich explizit an Personen ohne Berufsausbildung richten bzw. allen Qualifikationsniveaus offenstehen. 184 Weiterbildungsmaßnahmen bezogen sich auf die Zielgruppe der Ungelernten, die hier näher betrachtet wird. Die Auswertung beschränkt sich auf die Einsendungen der Jahre 2006 bis 2010.(20)

Die eingereichten Bewerbungen aus der Datenbank des Weiterbildungs-Innovations-Preises (WIP)(21) des BIBB ermöglichen einen direkten Einblick in das Weiterbildungsangebot der Bildungsträger für Personen ohne Berufsausbildung und geben damit wichtige Hinweise, welche Qualifizierungsmaßnahmen (u. a. auch mithilfe öffentlicher ­Förderung) von Betrieben und Bildungsträgern realisiert wurden. Hierzu wurden die eingereichten Expertisen bezüglich der Zielgruppe der Ungelernten hinsichtlich ihres jeweiligen Qualifizierungsziels, ihrer Zuordnung zu zentralen Tätigkeitsfeldern, ihres Berufsbezuges und des zu erreichenden Abschlusses ausgewertet. Anhand von Beispielen lässt sich zeigen, welche Wege zur Qualifizierung von ungelernten Erwerbstätigen bzw. zur Arbeitsmarktintegration von erwerbslosen Ungelernten genutzt werden.(22)

Qualifizierungsziele
Die meisten der Weiterbildungsangebote für Ungelernte zielen auf die berufliche Integration der Teilnehmenden. Dazu zählen zum einen Angebote für Arbeitslose, die auf deren (Wieder-)Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt ausgerichtet sind, zum anderen Angebote für berufstätige Ungelernte, die darauf gerichtet sind, ihre Beschäftigungsfähigkeit zu stärken und so ihr Arbeitslosigkeitsrisiko zu verringern. Beispielhaft hierfür ist die "Kompetenzentwicklung für angelernte, ältere Mitarbeiter" des Bochumer Vereins für Verkehrstechnik GmbH. Bei dieser betriebsinternen Weiterbildung werden Lerntandems von jüngeren und älteren Beschäftigten gebildet, die in unterschiedlichen Produktionsbereichen tätig sind und sich im Rahmen des Programms gegenseitig an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz einarbeiten. Neben der Förderung der Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter zielt das Angebot auch auf einen Wissenserhalt im Unternehmen, der durch das gemeinsame Lernen und gegenseitige Lehren von Jung und Alt erreicht werden soll. Insgesamt zeigt sich eine stark heterogene Struktur der Ziele. Vor allem an erwerbstätige Ungelernte gerichtet sind Ange­bote zur Professionalisierung im Berufsfeld, zum Umgang mit gesetzlichen Vorschriften oder zur Etablierung neuer Lern- bzw. Lehrmethoden, die einen niederschwelligen Einstieg in Lernsituationen eröffnen sollen, sowie die Erschließung neuer Märkte. Die übrigen Angebote sind auf einen Berufswechsel oder eine Umschulung, nur wenige auf einen Berufsabschluss gerichtet, letztere ausschließlich für Berufstätige ohne Ausbildungsabschluss.

Lerninhalte der Angebote
Die vermittelten Qualifikationen beziehen sich vorwiegend auf Tätigkeitsfelder, in denen Ungelernte häufig beschäftigt sind. Fachübergreifende Angebote,die Schlüsselqualifikationen oder andere berufsübergreifende Qualifikationen (z. B. IT-Anwenderqualifikationen oder Sprachtraining) vermitteln und keinen konkreten Tätigkeits- bzw. berufsfachlichen Bezug besitzen, haben jedoch den höchsten Anteil an allen für den WIP eingereichten Angeboten. Danach erst folgen berufsfachliche Angebote für personenbezogene Dienstleistungen und gewerblich-technische Berufe.

Berufsbezug
Die meisten Qualifizierungsangebote(23) für Ungelernte beziehen sich auf Dienstleis­tungsberufe. Angebote mit Bezug zu gewerblich-technischen Berufen sind seltener anzutreffen. Es zeigt sich, dass die Angebote meist Qualifikationen in von Ungelernten häufig besetzten Berufsfeldern vermitteln. So finden sich etwa "Gebäudereiniger/-innen, Raumpfleger/-innen" und "Restaurantfachleute, Flugbegleiter/-innen" im Berufsfeld "sonstige Dienstleistungen" und "Verkäufer/-innen o. n. A." und "Nahrungs- und Genussmittelverkäufer/-innen" im Berufsfeld "Warenkaufleute".(24)  

Der "Frankfurter Weg zur Berufsbildung" (Werkstatt Frankfurt e. V.) ermöglicht in mehreren zur Auswahl stehenden Berufen (z. B. Berufskraftfahrer/-in, Energie- und Gebäudetechniker/-in, Fachkraft für Lager/ Logistik, Koch/Köchin) eine berufliche Vollqualifizierung für ungelernte Arbeitslose. Das Angebot ist auf die Teilnahme an einer regulären Abschlussprüfung im Rahmen der Externenprüfung nach dem Berufsbildungs­gesetz (BBiG) ausgerichtet. In drei modularen Qualifizierungsstufen mit hohem ­Praxisanteil werden die Teilnehmer/-innen darauf vorbereitet. Die Praxisphasen werden in trägereigenen Betriebsstätten absolviert und ermöglichen ein Lernen im Prozess der Arbeit.

Zertifizierung
Vier von fünf der untersuchten Qualifizierungsangebote für Ungelernte wurden mit einer Teilnahmebescheinigung abgeschlossen. Qualifizierungen, die zu einem anerkannten Abschluss nach Bundes- oder Landesregelung führen, hatten einen Anteil von rund 5%. Regionale Kammerabschlüsse oder bundesweit eingeführte Trägerzertifikate(25) waren in ähnlichem Ausmaß vertreten. Auch von diesen sollte eine Verbesserung der Erwerbschancen von nicht formal Qualifizierten zu erwarten sein. Insbesondere bei Kammerabschlüssen dürfte das der Fall sein, da diese häufig auf dem Arbeitskräftebedarf in einer Region reagieren und zudem häufig den Zugang zu weiterführenden Qualifikationen eröffnen.  

Beispielhaft zeigt sich das bei einem regionalen Angebot, der "Qualifizierung zum Logistiker/-in (IHK)" der Sick AG, Freiburg/Waldkirch. Diese betriebliche Qualifizierung soll die Kompetenzen der in der Logistik des Unternehmens tätigen ungelernten Mitarbeiter/-innen an sich verändernde Anforderungen anpassen. Mit dem Angebot reagierte das Unternehmen zum einen auf den durch den vermehrten Einsatz von EDV-Systemen gestiegenen Bedarf an Qualifizierung, zum anderen auf die im Kontext abteilungsübergreifender Arbeitsprozesse zunehmende Bedeutung der Logistik im Konzern. Bei erfolgreichem Abschluss erhalten die Teilnehmenden ein IHK-Zertifikat als Logistiker/-in und damit die Möglichkeit, an weiterführenden Fortbildungen aus dem Logistikangeboten der IHK teilzunehmen.

Insgesamt zeigt sich aber, dass unter den hier betrachteten Angeboten nur wenige eine vollberufliche Nachqualifizierung oder vergleichbare Qualifizierungen ermöglichen. Stattdessen überwiegen teilqualifizierende Angebote, bei denen lediglich die Teilnahme bescheinigt wird, und das so­wohl bei den Angeboten für Erwerbstätige als auch für Arbeitslose.

Fazit

Die Auswertungen des Mikrozensus zeigen, dass es einen im Vergleich zu ausgebildeten Fachkräften hohen Anteil ungelernter Erwerbstätiger in geringfügigen und damit zumeist auch prekären Beschäftigungsverhältnissen und eine hohe Konzentration ihrer Erwerbstätigkeit auf nur wenige Berufsfelder gibt. Der Abbau von Arbeitsplätzen, auf denen sie als Ungelernte und gering Qualifizierte noch Beschäftigung finden, verschärft ihre Situation zusätzlich.

Andererseits weisen Projektionen auf Erwerbs- und Qualifizierungschancen Ungelernter in Berufen und Berufsfeldern hin, in denen sie dominant vertreten sind und in denen schon heute der Fachkräftebedarf das Angebot übersteigt. Diese weisen zu­gleich unterdurchschnittliche Ausbildungsquoten auf. Das Weiterbildungsangebot für Personen ohne Berufsausbildung in den Bewerbungsunterlagen des Weiterbildungs-Innovations-Preises zeigt jedoch, dass nur wenige Weiterbildungen eine Nachqualifizierung ermöglichen, die zu einem Berufsabschluss oder überregional anerkannten Kammerzertifikat führt. Daher bleibt eine dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt zweifelhaft, wie sie als Ziel einer überwiegenden Anzahl der Angebote genannt wurde. Insbesondere wenn Weiterbildung keine neuen Perspektiven wie Aufstieg und/oder Berufswechsel bietet, stellt sich die Frage nach ihrem Sinn. So dürfte die beklagte mangelnde Weiterbildungsmotivation bei Ungelernten in vielen Fällen auch Folge eines unpassenden Angebots sein.

Erläuterungen und Definitionen (Glossar)
Der Mikrozensus ist die amtliche Repräsentativstatistik des Statistischen Bundesamtes über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt, an der jährlich 1% aller Haushalte in Deutschland beteiligt ist (laufende Haushaltsstichprobe). Der Mikrozensus dient der Bereitstellung statistischer Informationen über die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung sowie über die Erwerbstätigkeit, den Arbeitsmarkt und die Ausbildung. Er schreibt die Ergebnisse der Volkszählung fort.

Insgesamt nehmen rund 390.000 Haushalte mit 830.000 Personen am Mikrozensus teil. Alle Haushalte haben beim Mikrozensus die gleiche Auswahlwahrscheinlichkeit (Zufallsstichprobe).

Die Fragen des Mikrozensus bestehen aus einem festen Grundprogramm mit jährlich wiederkehrenden Tatbeständen, die überwiegend mit Auskunftspflicht belegt sind. Darüber hinaus gibt es in vierjährigem Rhythmus Zusatzprogramme, die teilweise von der Auskunftspflicht befreit sind. Das jährliche Grundprogramm des Mikrozensus umfasst unter anderem Merkmale zur Person (Alter, Geschlecht, Staatsangehörigkeit usw.), den Familien- und Haushaltszusammenhang sowie darüber hinaus die Merkmale Haupt- und Nebenwohnung, Erwerbstätigkeit, Arbeitssuche, Arbeitslosigkeit, Nichterwerbstätigkeit, Schüler, Student, allgemeiner und beruflicher Ausbildungsabschluss.

Die BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung, gemeinsam vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) durchgeführt, ist eine Repräsentativbefragung von 20.000 Erwerbstätigen in Deutschland. Sie stellt der Berufs- und Qualifikationsforschung und der Arbeitsschutzberichterstattung differenzierte repräsentative Informationen über Erwerbstätige und Arbeitsplätze zur Verfügung.

Als "Erwerbspersonen" werden Erwerbstätige und (sofort verfügbare) Arbeitsuchende und Erwerbslose bezeichnet. Als "erwerbslos" im Sinne der ILO-Statistik gilt, wer weniger als eine Stunde pro Woche arbeitet, aber mehr arbeiten will.

Als "Geringqualifizierte" gelten Personen, die weder über einen Schulabschluss noch einen Berufsabschluss verfügen.

Als "Ungelernte" werden Personen be­zeichnet, die keinen anerkannten Berufs- bzw. Studienabschluss erworben haben.

Wenn man den Ungelerntenanteil nachhaltig senken will, sind Aus- und Weiterbildungsoptionen gezielt zu nutzen. Vor allem sollten sich Betriebe und Bildungsanbieter um Ungelernte und gering Qualifizierte mit ihren nicht immer direkt ersichtlichen Qualifizierungsanliegen als Zielgruppe mindestens genauso bemühen wie um gelernte Fachkräfte. Als Grundlage einer gezielten Personalentwicklung sind ihre vorhandenen bzw. informell erworbenen Kompetenzen zu erfassen und in ein Qualifizierungskonzept einzubetten. Angesichts der Heterogenität der Zielgruppe wären Qualifizierungsangebote zweckmäßig, die vom niederschwelligen Einstieg in Lernsituationen über Vorbereitung auf regionale Kammerprüfungen bis hin zu modularisierten Schritten mit dem Ziel eines anerkannten Berufsabschlusses reichen.
Denkbar wäre damit ein Personalqualifizierungskonzept "von unten nach oben". Wenn bislang ungelernte Erwerbstätige durch geeignete Ausbildungsmaßnahmen zu Fachkräften aufsteigen, schaffen sie Entlastung auf der Fachkräfteebene. Potenzielle Freiräume könnten dann zur weiteren beruflichen Qualifizierung gelernter Fachkräfte genutzt werden.

  • 1 Quelle: Mikrozensus 2007. Unter Erwerbspersonen werden Erwerbstätige, Erwerbslose und Arbeitssuchende verstanden. Nicht einbezogen sind sonstige Nichterwerbspersonen.
  • 2 IAB-Aktuell vom 10.02.2011.
  • 3 A. a. O., S. 1.
  • 4 Prekäre Berufsverläufe sind aber auch in der Berufseinstiegsphase gelernter Fachkräfte zu beobachten. Hierzu und zum Begriff der Prekarität vgl. Dorau, Ralf: Duale Berufsausbildungen und berufliche Integration in den ersten drei Jahren nach Ausbildungsabschluss. In: Berufs- und Wirtschaftspädagogik - online (bwp@) Nr. 18, 2010 http://www.bwpat.de/content/uploads/media/dorau_bwpat18.pdf.
  • 5 Vereinbarung über den Abschluss der Berufsschule (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 01.06.1979 in der Fassung vom 04.12.1997).
  • 6 Braun, Uta; Schöngen, Klaus: Junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung. In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2011, S. 245 ff.
  • 7 Bei den folgenden Ergebnissen zur Kategorisierung ihrer Erwerbsarbeit handelt es sich, wie generell im Mikrozensus, um Einschätzungen der Befragten.
  • 8 Abhängig Beschäftigte ohne geringfügig Beschäftigte.
  • 9 Altersgruppen 20 bis 24; 25–29; 30–34.
  • 10 Die ersten zwei Ziffern der Wirtschaftszweigsystematik 2003 (WZ 2003) des Statistischen Bundesamts.
  • 11 Klassifizierung der Berufe (KldB 92) in der Fassung für den Mikrozensus (Dreisteller des Statistischen Bundesamts).
  • 12 Hierbei handelt es sich insbesondere um die Berufsfelder Reinigungs-, Entsorgungsberufe, Verkaufsberufe (Einzelhandel), Hilfsarbeiter/-innen o. n. T., Packer/-innen, Lager-, Transportarbeiter/-innen, Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und -verarbeitung, Kaufmännische Büroberufe, Verkehrsberufe, Hotel-, Gaststättenberufe, Hauswirtschaft.
  • 13 Vgl. Helmrich/Zika, S. 21 ff.
  • 14 Im Folgenden erfolgt die Darstellung auf der Ebene der 54 BIBB-Berufsfelder (Tiemann et al. 2008). Die Berufsfelder stellen Cluster von Berufen mit gleichen Tätigkeitsmerkmalen dar. Sie sind eine tätigkeitsbezogene Zusammenfassung der insgesamt 356 Berufsordnungen (3 Steller) der KdB 92.
  • 15 Afenakis, Anja/Maier, Tobias: Projektionen des Personalbedarfs und -angebots in Pflegeberufen bis 2025. In: Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik 11/2010, S. 991.
  • 16 Siehe Erläuterungen und Definitionen
  • 17 Nach Leszczensky et al. (2010) korreliert das Bildungsniveau mit der Häufigkeit der Weiterbildung.
  • 18 Gutschow, Katrin: Öffentlich geförderte Weiterbildung. In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2011, S. 344 ff.
  • 19 Lott, Margit; Spitznagel, Eugen: Präventive Arbeitsmarktpolitik: Impulse für die berufliche Weiterbildung im Betrieb, IAB-Kurzbericht 11/2010.
  • 20 Brüggemann, Wilfried; Hall, Anja; Schade, Hans-Joachim: Weiterbildungs-Innovationspreis 2001. Innovative Qualifizierungsangebote in der beruflichen Weiterbildung. Bonn 2001, Reihe: Früherkennung von Qualifikationsentwicklung Heft 3. 21 Erläuterungen siehe Methodenkasten.
  • 21 Erläuterungen siehe Methodenkasten.
  • 22 Von den 184 hier betrachteten Weiterbildungsangeboten richten sich 73% an Erwerbstätige und 27% an Arbeitslose. Anmerkung: Diese Unterscheidung ist nicht ganz trennscharf, da unter den Angeboten, die sich an Arbeitslose richten, auch solche sind, bei denen die Teilnehmer/-innen die Kosten tragen (21%). Es wäre somit auch für erwerbslose NfQ möglich, an diesen teilzunehmen. Jedoch ist anzunehmen, dass eine Eigenfinanzierung eher für erwerbstätige Personen annehmbar ist.
  • 23 Die in der WIP-Datenbank enthaltenen Kategorien orientieren sich an der Klassifizierung der Berufe von 1992 (KldB 92).
  • 24 Hier mit Dienstleistungskaufleuten zu einer Kategorie zusammengefasst.
  • 25 Zum Beispiel Stapler- oder Schweißerschein, europäischer Computerpass.

Weiterführende Literatur

  • Afenakis, Anja; Maier, Tobias:
    Projektionen des Personalbedarfs und -angebots in Pflegeberufen bis 2025.
    In: Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik 11/2010
  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung:
    Bildung in Deutschland 2010
    (Nationaler Bildungsbericht 2010)
  • Ambos, Ingrid:
    Geringqualifizierte und berufliche Weiterbildung - empirische Befunde zur Weiterbildungssituation in Deutschland - Nationaler Report.
    Bonn (DIE) 2005
  • Beicht, Ursula; Ulrich, Joachim Gerd: ­
    Welche Jugendlichen bleiben ohne Berufsausbildung?
    Analyse wichtiger Einflussfaktoren unter besonderer Berücksichtigung der Bildungsbiografie. BIBB REPORT 6/08 vom 14.10.2008, ISSN 1866-7279
  • Beicht, Ursula; Schiel, Stefan; Timmermann, Dieter:
    Berufliche Weiterbildung - wie unterscheiden sich Teilnehmer und Nicht-Teilnehmer?
    In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 33 (2004) 1., S. 5-10
  • Bellmann, Lutz; Leber, Ute:
    Individuelles und betriebliches Engagement in der beruflichen Weiterbildung,
    in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 32 (2003) 3., S. 14-18
  • Braun, Uta; Schöngen, Klaus:
    Die Ungelerntenquote der 20- bis 29-Jährigen nach Daten des Mikrozensus.
    In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2009, S. 214 ff.
  • Braun, Uta; Schöngen, Klaus:
    Junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung.
    In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.), Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2011, S. 245 ff.
  • Brüggemann, Wilfried; Hall, Anja; Schade, Hans-Joachim:
    Weiterbildungs-Innovationspreis 2001.
    Innovative Qualifizierungsangebote in der beruflichen Weiterbildung Bonn 2001. Reihe: Früherkennung von Qualifikationsentwicklung, Heft 3
  • Brüggemann, Wilfried:
    Innovative Bildungskonzepte - Ergebnisse des Weiterbildungs-Innovations-Preises (WIP) 2005.
    In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 34 (2005) 2, S. 47-?48
  • Dorau, Ralf:
    Duale Berufsausbildungen und berufliche Integration in den ersten drei Jahren nach Ausbildungsabschluss.
    In: Berufs- und Wirtschaftspädagogik bwp@) Nr. 18, 2010, online
  • EFI - Expertenkommission Forschung und Innovation (2010):
    EFI Gutachten 2010
  • Europäischer Rat:
    Schlussfolgerungen des Vorsitzes,
    Lissabon, März 2000
  • Gottsleben, Volkmar:
    Randgruppen in der zertifizierten Arbeitsgesellschaft?
    In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (MittAB) 1/87
  • Grünewald, Uwe; Moraal, Dick; Schönfeld, Gudrun (Hrsg.):
    Betriebliche Weiterbildung in Deutschland und Europa.
    Bonn 2003
  • Gutschow, Katrin:
    Öffentlich geförderte Weiterbildung.
    In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2011, S. 344 ff.
  • Helmrich, Robert; Zika, Gerd (Hrsg.):
    Beruf und Qualifikation in der Zukunft - BIBB-IAB-Modellrechnungen zu den Entwicklungen in den Berufsfeldern und Qualifikationen bis 2025.
    Bonn 2010
  • Helmrich, Robert; Krekel, Elisabeth M.:
    Junge Erwachsene ohne Berufsabschluss.
    In: Henry-Huthmacher, Christine; Hoffmann, Elisabeth (Hrsg.): Aufstieg durch (Aus-)Bildung - Der schwierige Weg, Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt-Augustin 2011
  • Leszczensky, Michael u.a. (2010):
    Bildung und Qualifikation als Grundlage der technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands.
    Bericht des Konsortiums "Bildungsindikatoren und technologische Leistungsfähigkeit"; HIS: Forum Hochschule Nr. F6/2010
  • Lott, Margit; Spitznagel, Eugen:
    Präventive Arbeitsmarktpolitik: Impulse für die berufliche Weiterbildung im Betrieb,
    IAB-Kurzbericht Nr. 11, Juni 2010
  • Reinberg, Alexander; Hummel, Markus:
    Der Trend bleibt - Geringqualifizierte sind häufiger arbeitslos,
    IAB-Kurzbericht Nr. 18/2007 vom 26.09.2007
  • Tiemann, Michael u. a.:
    Berufsfeld-Definitionen des BIBB auf Basis der Klassifikation der Berufe 1992.
    Wissenschaftliche Diskussionspapiere Heft 105. Bonn 2008

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