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BIBB REPORT Ausgabe 12/09

Im Osten nichts Neues?

Klaus Troltsch, Günter Walden, Susanne Zopf

Die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt in Ostdeutschland stellt sich nunmehr besser dar als in Westdeutschland, wobei zukünftige Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise gegenwärtig nicht abschätzbar sind. Zurückzuführen ist dies vor allem auf den massiven Rückgang der Schulabgängerzahlen und die starke öffentliche Förderung. Die demografische Entwicklung verbessert zwar die Chancen der Jugendlichen auf einen Ausbildungsplatz, doch stellt sie die Betriebe vor neue, gravierende Probleme, ihren Fachkräftenachwuchs zu sichern. Die betriebliche Ausbildung in den neuen Bundesländern befindet sich in einer Situation, wie sie in einigen Jahren auch in den alten Bundesländer eintreten wird. Bei den folgenden Ausführungen handelt es sich um einen Versuch, die Entwicklungsgeschichte des ostdeutschen Ausbildungssystems in den letzten 20 Jahren vor dem Hintergrund ökonomischer, soziodemografischer und bildungsbezogener Trends in ihren Grundzügen nachzuzeichnen und auf Basis amtlicher Statistiken darzustellen. Die Analyse zeigt, dass die Berufsausbildung in den ostdeutschen Betrieben nach wie vor schwächer als in den westdeutschen verankert ist.

Ausbildungssituation in den neuen Bundesländern nach dem Mauerfall

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Begünstigt durch den massiven Rückgang der Schulabgängerzahlen hat sich der Ausbildungsmarkt im Osten Deutschlands im Jahr 2009 entspannt (Bundesagentur für Arbeit 2009; dazu kritisch DGB 2009). Erstmals stehen Jugendlichen in den neuen Bundesländern relativ mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung als Jugendlichen in den alten Bundesländern. Zuvor waren die Chancen eines Jugendlichen, nach der Schule einen Ausbildungsplatz im dualen System zu erhalten, in den alten und neuen Bundesländern ähnlich: in beiden Landesteilen überstieg die Nachfrage nach Ausbildungsstellen das Angebot. Die sogenannte Angebots-Nachfrage-Relation (Ausbildungsstellen pro 100 Nachfrager) betrug im Westen 88,8 und im Osten 91,3 (vgl. Abbildung 1).(01) Die Relation zwischen Auszubildenden und sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (Ausbildungsquote) war 2008 in Ostdeutschland sogar geringfügig höher als in Westdeutschland (6,0 zu 5,7).

Die Schaffung ähnlicher Ausbildungsverhältnisse im gesamten Bundesgebiet konnte allerdings nur dadurch erreicht werden, dass in Ostdeutschland in einem erheblichen Maß öffentliche Mittel für neue Ausbildungsplätze bereitgestellt wurden. Allein im Bund-Länderprogramm wurden 2008 vom Bund rund 72 Mio. € zur Verfügung gestellt (MÜLLER 2009, S. 229). Von den Ländern wurde darüber hinaus entsprechend den Programmvereinbarungen mindestens derselbe Betrag aufgebracht.

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Betrachtet man allein den Teil der betrieblichen Ausbildung, der von den Betrieben selbst finanziert und nicht in außerbetrieblicher(02), staatlich bezuschusster Trägerschaft durchgeführt wird, so ergibt sich für die neuen Bundesländer eine Ausbildungssituation, die bislang wesentlich kritischer ist als in Westdeutschland. Die um außerbetriebliche Ausbildungsverhältnisse bereinigte Ausbildungsquote (betriebliche Auszubildende pro 100 Beschäftigte) liegt mit 4,6 deutlich unter der im Westen (5,2). Auch andere Indikatoren zeigen deutliche Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Der Anteil der Ausbildungsbetriebe an allen Betrieben beträgt im Osten nur 19,2% und liegt damit rund sieben Prozentpunkte unterhalb der entsprechenden Quote für den Westen (26,4%). Besonders ins Auge fällt die im Osten bislang deutlich niedrigere betriebliche Angebots-Nachfrage-Relation (betriebliche Ausbildungsstellen pro 100 Nachfrager). Sie liegt mit 61,2 um rund 20 Punkte unterhalb der entsprechenden Relation in den alten Bundesländern.

Abbildung 2 zeigt die betriebliche Angebots-Nachfrage-Relation regional untergliedert nach Arbeitsagenturen in Deutschland. Ausnahmslos alle Regionen Ostdeutschlands weisen aus der Sicht der Nachfragenden schlechte Werte auf. Zudem liegen die Regionen mit den ungünstigsten Werten vor allem im Osten Deutschlands. Wird also nur der Teil des dualen Systems betrachtet, der von den Betrieben selbst verantwortet wird, so zeigt sich - 20 Jahre nach dem Fall der Mauer - eine für Ostdeutschland deutlich schwierigere Lage als für die alten Bundesländer. Für die duale Berufsausbildung in Ostdeutschland gelten nach wie vor besondere Bedingungen, und die Strukturen unterscheiden sich von denen in Westdeutschland beträchtlich.

Entwicklungen und Trends werden anhand von Daten aus unterschiedlichen Quellen der amtlichen Statistik dargestellt:
Die Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung erfasst neu abgeschlossene Ausbildungsverträge, die in der Zeit vom 1. Oktober des Vorjahres bis zum 30. September des Erhebungsjahres abgeschlossen wurden und die am 30.9. noch bestanden haben.
Die Berufsbildungsstatistik des Statistischen Bundesamtes erfasst neben Vertragsabschlüssen und Prüfungen zum 31. Dezember eines jeden Jahres auch die Zahl der Auszubildenden in staatlich anerkannten Ausbildungs- und Fortbildungsberufen.
Die Ausbildungsmarktstatistiken der Bundesagentur für Arbeit werden aus Daten der Ausbildungsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (BA) sowie den Arbeitsgemeinschaften (ARGEn) gewonnen. Sie sind die einzigen monatlich verfügbaren Informationen über Angebot und Nachfrage am Ausbildungsmarkt in berufsfachlicher und regionaler Gliederung.
Die BA stellt darüber hinaus die Beschäftigungs- und die Arbeitsmarktstatistik zur Verfügung. Den Schwerpunkt der Beschäftigungsstatistik bildet die Berichterstattung über die sozialversicherungspflichtig und geringfügig entlohnten Beschäftigten. In der Arbeitsmarktstatistik werden monatlich Daten zur Arbeitslosigkeit in Deutschland und deren Struktur sowie Daten zum gemeldeten Stellenangebot veröffentlicht.
Das IAB-Betriebspanel ist eine Stichprobenuntersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die bei etwa 16.000 Betrieben jährlich Angaben zur Ausbildung erhebt.
Die Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder erfasst die durchschnittliche Zahl der Erwerbstätigen sowie deren geleistete Arbeitsstunden in einem bestimmten Berichtszeitraum für die Länder sowie für die kreisfreien Städte und Landkreise nach wirtschaftlicher Gliederung. Hingegen finden sich in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung der Länder die zentralen Indikatoren der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auf Landes- und (sofern möglich) Kreisebene.
Die Bevölkerungsstatistik des Statistischen Bundesamtes schreibt den Bevölkerungsstand zwischen Bevölkerungszählungen fort. Erfasst werden sowohl natürliche Bevölkerungsveränderungen als auch Wanderungsbewegungen.

Auflösung des Berufsausbildungssystems nach dem Mauerfall

Mit dem Zusammenbruch des politischen und ökonomischen Systems der DDR lösten sich die bisherigen institutionellen Bedingungen für die Berufsausbildung auf, und die in der alten Bundesrepublik geltenden rechtlichen Regelungen für die Berufsausbildung wurden auch in den neuen Bundesländern eingeführt. Wie im Westen hatte die betriebliche Ausbildung in der DDR einen hohen Stellenwert. 70% der Absolventinnen und Absolventen der allgemeinbildenden Schulen der Klasse 10 mündeten in eine Berufsausbildung ein (vgl. AUTSCH, BRANDES, WALDEN 1991, S. 10). In beiden Teilen Deutschlands war die Berufsausbildung dual angelegt: Die Ausbildung erfolgte in Betrieben und Berufsschulen. Aufgrund der dominierenden Organisation der DDR-Wirtschaft in Kombinaten und Großbetrieben war dabei die Berufsausbildung - im Unterschied zum Westen Deutschlands - ganz überwiegend großbetrieblich geprägt (vgl. AUTSCH, BRANDES, WALDEN 1991, S. 22).

Einen hohen Stellenwert hatten betriebliche Berufsschulen und zentrale Ausbildungsstätten, die von Betrieben getragen wurden. Diese Ausbildungsstätten führten zu erheblichen Teilen auch Ausbildung im Auftrag von Betrieben durch. Insgesamt gab es zum Zeitpunkt des Mauerfalls in der DDR 3.415 zentrale Ausbildungsstätten, 936 betriebliche und 239 kommunale Berufsschulen (vgl. AUTSCH, BRANDES, WALDEN 1991, S.11). 1989 wurden rund 344.000 Auszubildende, von diesen ca. 90% in zentralen Einrichtungen der Berufsbildung, ausgebildet. 75% der Auszubildenden waren dabei Großbetrieben mit mehr als 500 Beschäftigten zugeordnet, während dieser Anteil in den alten Bundesländern zum damaligen Zeitpunkt nur bei 20% lag (vgl. AUTSCH, BRANDES, WALDEN 1991, S. 23).

Mit der Einführung marktwirtschaftlicher Strukturen und der daraus folgenden Auflösung von Kombinaten und Großbetrieben entfielen die wirtschaftlichen Grundlagen für die bisherige Form der Berufsausbildung. Von staatlicher Seite wurde eine Neuordnung des Berufsschulwesens auf der Ebene der Bundesländer vorgenommen. Die betriebliche Ausbildung musste sich aufgrund des wirtschaftlichen Transformationsprozesses vollkommen neu strukturieren. Aus bisherigen großbetrieblichen Strukturen herausgelöste Betriebe und neugegründete Betriebe mussten sich zunächst am Markt behaupten und sahen die eigene Ausbildung häufig nicht als primäre Aufgabe an.

Hinzu kam die wirtschaftlich schwierige Situation in den neuen Bundesländern, die zu massiven Beschäftigungsverlusten und zur Abwanderung in die alten Bundesländer führte (BRENKE 2009). Seit dem Zusammenbruch der DDR ging die Zahl der Erwerbstätigen in den neuen Ländern von 9,2 Millionen im Jahr 1989 auf 6 Millionen Erwerbstätige im Jahr 1993 zurück (vgl. PRIEWE 1994). Die Auflösung vieler Großbetriebe trug außerdem 1990/91 dazu bei, dass jeder fünfte der Bewerber/-innen um eine Ausbildungsstelle aus einem Konkursbetrieb stammte (vgl. BERGER, WALDEN 2002, S. 23). Relativ bald nach Mauerfall und Wiedervereinigung wurde deutlich, dass ein ausreichendes Angebot an Ausbildungsplätzen ohne massive öffentliche Hilfen nicht zustande kommen würde.

Öffentliche Förderung der Umstrukturierung

Seit dem Beginn des Umstrukturierungsprozesses in den neuen Bundesländern wurde die Berufsausbildung mit erheblichen Mitteln von Bund und Ländern und der Bundesagentur für Arbeit unterstützt. Finanziert wurden die Modernisierung der Infrastruktur der Berufsbildung sowie die Modernisierung der Berufsschulen und der Aufbau eines Netzes von überbetrieblichen Berufsbildungsstätten mit ergänzenden Lehrgängen für die Ausbildung in kleineren und mittleren Betrieben. Mit einer Reihe von Programmen erhielten Klein- und Mittelbetriebe auch direkt Prämienzahlungen zur Schaffung zusätzlicher oder erstmaliger Ausbildungsplätze. Allerdings konnte das betriebliche Ausbildungsplatzangebot die aufgrund der demografischen Entwicklung zunächst steigende Nachfrage von Jugendlichen nicht decken. Zusätzlich bereit gestellt wurden deshalb auch außerbetriebliche Ausbildungsplätze. Diese Förderung erfolgte zunächst im Rahmen der Benachteiligtenförderung durch die Bundesagentur für Arbeit und ab 1993 durch Gemeinschaftsinitiativen von Bund und Ländern. Die Gemeinschaftsinitiativen Ost werden seit 1996 in Bund-Länder-Programmen zur Ausbildungsförderung in den neuen Bundesländern fortgeführt. Während in den Gemeinschaftsinitiativen Ost die fehlenden Ausbildungsstellen überwiegend durch voll finanzierte außerbetriebliche Ausbildungsstellen kompensiert wurden, entstand für die Bund-Länder-Programme eine neue Förderkonzeption, die im Wesentlichen bis heute Bestand hat. Wichtigstes Element ist eine stärkere Betriebsnähe der Ausbildung, die dadurch erreicht wird, dass die Präsenzzeiten in außerbetrieblichen Einrichtungen begrenzt und betriebliche Praxisphasen in die Ausbildung integriert werden.

Die Bund-Länder-Programme stellen einen wichtigen Schwerpunkt der öffentlichen Förderung der Berufsausbildung in den neuen Ländern dar. Insgesamt waren von den rund 125.000 neuen Ausbildungsverträgen 2007 in Ostdeutschland rund 31.000 außerbetriebliche, staatlich bezuschusste Verträge. Dies entspricht einem Viertel der Verträge. Zusätzlich ist auf weitere Landesprogramme mit direkter öffentlicher Unterstützung von Betrieben und auf den Ausbildungsbonus für Betriebe hinzuweisen. Letzterer beinhaltet die Zahlung von Prämien aus Bundesmitteln an Betriebe für die Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze in Ost wie West. Leider liegt für den gesamten Zeitraum seit dem Mauerfall bis heute keine zuverlässige Schätzung darüber vor, wie viele öffentliche Mittel für die Stützung der betrieblichen Ausbildung in Ostdeutschland insgesamt zur Verfügung gestellt wurden. Beispielsweise betrug allein die Fördersumme des Bundes innerhalb der Bund-Länder-Programme in den Jahren 1995 bis 1999 insgesamt rund 600 Mio. € (vgl. BERGER, WALDEN 2002, S. 144). Obgleich davon auszugehen ist, dass sich aufgrund sinkender Schulabgängerzahlen die Fördersummen seit dem neuen Jahrhundert verringert haben, lag die Fördersumme des Bundes in 2008 noch bei 72 Mio. €. Die Gesamtfördersumme aus allen Programmen von Bund und Ländern und aus Mitteln der Bundesagentur für Arbeit dürfte dabei um ein Vielfaches höher liegen. So wird für den Zeitraum 1997 bis 2000 von BERGER (2003, S. 7) der jährliche Durchschnitt der Förderung der betrieblichen Ausbildung durch die ostdeutschen Bundesländer mit 474 Mio. € angegeben.

Entwicklung des ostdeutschen Ausbildungsstellenmarkts

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Drei unterschiedliche Entwicklungsstränge sind im Ost-West-Vergleich anhand ausgewählter Indikatoren besonders hervorzuheben. Wie in Abbildung 3 zu erkennen ist, liegt die Beteiligung ostdeutscher Betriebe an der Ausbildung Jugendlicher (Ausbildungsbetriebsquote) deutlich unter dem Westniveau (linke Skala, Abbildung 3). Hinzu kommt, dass nach einer Phase der tendenziellen Annäherung der Quoten zwischen Ost(03) und West die betriebliche Beteiligung an der Ausbildung seit den Jahren 1999 und 2000 einen deutlichen Trendbruch aufweist und bis heute wieder auf das Niveau von 1995 zurückfällt. Seit diesem Zeitpunkt öffnet sich die Schere zwischen beiden Regionen wieder.

In entgegengesetzter Weise öffnet sich die Kluft zwischen Ost und West beim Anteil an Auszubildenden an allen Beschäftigten (Ausbildungsquote jeweils rechte Skala, Abbildung 3). Die Quote in Ostdeutschland begann zwar nach einer positiven Entwicklung seit 1999 wieder zu sinken, erreicht aber dennoch seit 1996 grundsätzlich ein höheres Niveau als in den alten Ländern. Dies führt auch dazu, dass in den neuen Bundesländern - relativ gesehen - weniger Betriebe mehr in die betriebliche Ausbildung von Jugendlichen investieren als im Westen. Der Wert für die Ausbildungsdichte, d. h. die Zahl an Auszubildenden pro Ausbildungsbetrieb, betrug 2007 im Osten 3,9, im Westen lediglich 2,9.

Dies täuscht allerdings über die tatsächlichen Verhältnisse auf dem ostdeutschen Ausbildungsstellenmarkt hinweg, da in den neuen Ländern in überproportionaler Weise bildungspolitische Maßnahmen zur Stützung ausbildender Betriebe ergriffen wurden. Die Folge ist, dass beispielsweise bei Abzug der steigenden Bestände an Auszubildenden auf einem außerbetrieblichen Ausbildungsplatz die rein betriebliche Ausbildungsquote in den neuen Bundesländern nicht nur unter der im Westen lag, sondern sich seit 1999 zudem weiter reduziert hat. Folgende Zahlen verdeutlichen dies: Der außerbetriebliche Anteil am Bildungsangebot ist in den neuen Ländern von 23,3% 1999 bis auf 31% im Jahr 2004 gestiegen, lag im Westen dagegen bei etwas über 4% im Durchschnitt.(04) In dieser Hinsicht hat sich die bis 1999 relativ positive Entwicklung auf dem ostdeutschen Ausbildungsstellenmarkt (TROLTSCH/ULRICH 1999) grundlegend verschlechtert. Die neuesten Werte zeigen für den Osten einen Anteil der außerbetrieblichen Ausbildungsverhältnisse von noch immer 24,6 %.

Abbildung 3 zeigt außerdem die Laufzeiten ausgewählter bildungspolitischer Maßnahmen zur Stützung des Ausbildungsstellenmarktes in Deutschland, die zur ausreichenden Versorgung Jugendlicher mit Ausbildungsstellen beitragen sollten.(05) Dabei lassen sich im Westen - nicht zuletzt aufgrund der starken Verkopplung mit den Entwicklungen im Fachkräftebedarf und Beschäftigungssystem (TROLTSCH/WALDEN 2007) - keine Auswirkungen auf die Ausbildungsquoten erkennen. Im Osten kann, abgesehen von den Anfangserfolgen in den 90er-Jahren, lediglich eine Stabilisierung der betrieblichen Ausbildungsquoten auf niedrigerem Niveau als im Westen vermutet werden.

Strukturwandel im Eiltempo

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Eine Ursache für die negative Entwicklung auf dem ostdeutschen Ausbildungsstellenmarkt seit 1999 könnte das geringe Wirtschaftswachstum sein. Mit dem preisbereinigten Bruttoinlandsprodukt je Einwohner kann diese Entwicklung allerdings nicht erklärt werden. Dieser Indikator liegt zwar im Osten unverändert auf einem niedrigeren Niveau als im Westen (STATISTISCHES BUNDESAMT 2009). Seit 1996 hat der Osten in Bezug auf die Wachstumsraten allerdings Anschluss gefunden und die alten Bundesländer 2001 sogar leicht überholt. Auch die naheliegende Vermutung, dass sich in Folge der gestiegenen Kosten der Ausbildung das Verhältnis zwischen Nutzen und Kosten der dualen Ausbildung in den letzten Jahren verschlechtert habe, so dass immer mehr Betriebe aus der Ausbildung aussteigen würden, lässt sich anhand der Resultate früherer und aktueller Betriebsbefragungen für den Osten Deutschlands nicht bestätigen (WALDEN 2007a, DIONISIUS et al. 2009).

In konjunktureller und monetärer Hinsicht lassen sich keine eindeutigen Ursachen ausmachen. Möglicherweise sind aber strukturelle Ursachen für die Entwicklungen auf dem Ausbildungsstellenmarkt verantwortlich. In dieser Hinsicht zeigt sich, dass die betriebliche Ausbildung im Osten weniger stark verankert ist als im Westen: Sowohl bei den Kleinst- als auch bei den Großbetrieben liegen 1999 die Anteile der Ausbildungsbetriebe deutlich unter den westdeutschen Quoten. Lediglich bei kleineren mittelständischen Betrieben, deren Beschäftigtenzahl zwischen 10 und 49 liegt, zeigen sich etwas höhere Werte (TROLTSCH 2009a).

In Abbildung 4 wird erkennbar, wie dramatisch die Entwicklung der dualen Ausbildung im Osten Deutschlands ist.(06) In einem relativ kurzen Zeitraum von nur acht Jahren und trotz konjunktureller Erholungsphasen hat sich die Zahl der Betriebe um über 13% und die der Ausbildungsbetriebe um 21% verringert. Zwar hat sich die Beteiligung an der Berufsbildung bei den größeren mittelständischen Betrieben (100 bis unter 500 Beschäftigte) verbessert, dies konnte aber Einbrüche in den anderen Betriebsgrößenklassen nicht ausgleichen. Diese Entwicklung ist umso misslicher, als 83% aller Verluste bei Kleinstbetrieben mit weniger als 10 Beschäftigten und kleinen Mittelständlern (10 bis 49 Beschäftigte) entstanden, Betriebsgruppen, die von den Maßnahmen zur Stützung des ostdeutschen Ausbildungsstellenmarktes in besonderer Weise profitieren sollten.(07) Damit vollzieht sich durch den Rückgang ausbildender Kleinstbetriebe ein Wandel in der betrieblichen Ausbildungsbeteiligung, der im Westen schon zu Beginn der 80er-Jahre seinen Anfang nahm (BARDELEBEN/TROLTSCH 1997).

Dass die Berufsbildung in Ost und West offensichtlich unterschiedlich funktioniert, lässt sich daran ablesen, dass bis auf wenige Ausnahmen die Ausbildungsbeteiligung der Betriebe im Westen positivere bzw. weniger negative Entwicklungen aufweist als nach dem allgemeinen Trend der Betriebsentwicklung zu erwarten gewesen wäre. Im Osten ist dagegen - und dies insbesondere in den kleineren bzw. höheren Betriebsgrößenklassen - die betriebliche Ausbildung das erste "Opfer" negativer Entwicklungen in den Betriebsbeständen. Möglicherweise konnte sich dort die Ausbildungskultur in den letzten 20 Jahren noch nicht so etablieren, wie dies seit 40 Jahren mit der Verabschiedung des Berufsbildungsgesetzes im Jahr 1969 im Westen möglich war.(08)

Spätestens seit Mitte der 70er-Jahre konnte sich der Westen Deutschlands auf den ökonomischen Strukturwandel der Weltwirtschaft sowie auf die Trends zur Wissensökonomie und Dienstleistungsgesellschaft einstellen (WALDEN 2007b; UHLY/TROLTSCH 2009; TROLTSCH 2009b). Dieser Veränderungsprozess musste im Osten mit seiner stärker großbetrieblich und industriell geprägten Wirtschaftsstruktur und mit seiner spezifischen Exportausrichtung auf den Ostblock seit 1990 im Zeitraffer nachvollzogen werden.

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Einem Vergleich mit Abbildung 3 zufolge scheinen die Folgen des Transformationsprozesses in den 90er-Jahren durchaus noch positive Effekte auf die Ausbildungsbeteiligung der Betriebe in Ostdeutschland gehabt zu haben. Erst seit 1999 lassen sich negative Entwicklungen feststellen, die, wie Abbildung 5 zeigt, vor allem das verarbeitende Gewerbe und hier mit 57% weniger Ausbildungsbetrieben insbesondere das Baugewerbe betreffen. Diese Verschiebungen in der Wirtschaftsstruktur weisen zwar eine hohe Parallelität mit dem Westen auf, unterscheiden sich aber vor allem darin, dass es in den alten Ländern bis auf wenige Ausnahmen und ungeachtet der Entwicklung in den Betriebsbeständen zum Teil sehr hohe Zuwächse in den Ausbildungsbeteiligungsquoten von Dienstleistungsbetrieben gibt. Die ausbildungsbezogenen Entwicklungen in den Dienstleistungsbranchen verlaufen zur allgemeinen Entwicklung in den Betriebsbeständen teilweise sogar gegenläufig positiv. Im Dienstleistungsgewerbe im Osten hingegen herrscht sowohl hinsichtlich der Betriebe insgesamt als auch hinsichtlich der Ausbildungsbetriebe überwiegend Stagnation oder Rückgang. Auch auf Branchenebene scheint die Ausbildung also stark von strukturellen Veränderungen betroffen zu sein.

Höhere Dynamik der Wirtschaft

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Ein grundlegender Faktor für die Ausbildungsbeteiligung von Betrieben ist die Wirtschaftsdynamik in den neuen Ländern. In Abbildung 6 wird, differenziert nach Bestehen der Betriebe am Markt, die Ausbildungsbeteiligung von Betrieben zwischen 1999 und 2007 dargestellt.

Dabei weist der Osten Deutschlands offensichtlich eine stärkere ökonomische Dynamik auf als der Westen, die sich spürbar auf das duale Ausbildungssystem und das Ausbildungsangebot der Betriebe in den neuen Bundesländern auswirkt. Beispielsweise beträgt der Anteil kontinuierlich ausbildender Betriebe nur 4,9% und liegt damit um knapp 40% niedriger als im Westen, der auf einen Wert von 8% kommt. Auch der Einstieg ostdeutscher Betriebe in die Ausbildung Jugendlicher bewegt sich im Untersuchungszeitraum mit 2,6% bei Betrieben, die schon 1999 Beschäftigte gemeldet hatten, bzw. mit 4,1% bei neu gegründeten Betrieben deutlich unter den Quoten in den alten Ländern.

Umgekehrt liegen die Anteile der Betriebe, die entweder ihre Geschäftstätigkeit vollständig aufgeben oder keine sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse mehr melden, mit 5,7% im Osten deutlich höher. Damit reduziert sich das zur Verfügung stehende Potenzial an ostdeutschen Betrieben, die Jugendliche ausbilden können, erheblich. Dies hat umso ungünstigere Folgen für das Bildungsangebot im Osten, als nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Anteil ausbildungsberechtigter Betriebe mit 46 % um über 11 Prozentpunkte niedriger liegt als im Westen (STEGMAIER 2009).

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Ein interessanter, für das duale Ausbildungssystem im Osten höchst relevanter Arbeitsmarkttrend ist zwischen 1991 und 2008 zu konstatieren (Abbildung 7). Es kommt in Deutschland zu einer Entkopplung zwischen den Beständen an sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten und den Beständen an Erwerbstätigen insgesamt.

Die Definition von Erwerbstätigen umfasst hierbei zusätzlich zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Beamte, Selbstständige, Freiberufler/-innen, aber auch geringfügig Beschäftigte, Leih- und Zeitarbeiter/-innen und andere flexibilisierte Erwerbsformen aus den letzten Jahren der Arbeitsmarktreformen. Die Schere zwischen Erwerbstätigkeit und sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen öffnet sich im Osten wesentlich weiter als im Westen Deutschlands. Ein Trend, der durch das gleichbleibende Niveau in den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen in den alten Ländern nicht im selben Ausmaß zu beobachten ist. Die Rückgänge in der ostdeutschen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung betreffen insbesondere Frauen, deren Zahl bis 2008 um 18,6 Prozentpunkte zurückgegangen, während sie im Westen seit 1991 um 2,5 Prozentpunkte gestiegen ist. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Erwerbsquote bei den Frauen in der DDR deutlich höher lag als in der alten Bundesrepublik. Als dritter Indikator zur Einschätzung der Arbeitsmarktsituation in Ostdeutschland tritt neben die Erwerbstätigen- und Beschäftigtenquote die Arbeitslosenquote. Hier zeigt sich bei konstant steigenden Erwerbstätigenquoten ein kontinuierlicher Anstieg und seit 1997 eine "Stabilisierung" der Arbeitslosenzahlen auf hohem Niveau bis 2005. Erst danach gehen die Arbeitslosenzahlen zurück, und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung findet wieder Anschluss an die Entwicklung in der Erwerbstätigkeit.

Damit wird offensichtlich vor allem auf Kosten der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung Arbeit abgebaut, Vollzeitstellen werden umgewandelt und eventuell durch arbeitsrechtlich und kostenmäßig "günstigere" Alternativen substituiert (VOSS-DAHM 2006, S. 8; BOOST/BUSCHER 2009, S. 77). Dabei lässt sich erahnen, welche Substitutionseffekte auf dem Arbeitsmarkt insgesamt, auf das betriebliche Ausbildungsangebot und das Ausbildungsverhalten entstanden sein könnten. Zu vermuten wäre, dass ostdeutsche Betriebe anstelle einer eigenen Ausbildung Arbeitskräfte vom externen Arbeitsmarkt rekrutiert oder Formen der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes seit 1999 erstmalig oder verstärkt genutzt haben oder aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation nutzen mussten.

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Von besonderem Interesse ist die gegenläufige Entwicklung der Erwerbstätigen- und Beschäftigtenquote vor dem Hintergrund des Trendbruchs in der Ausbildungsbeteiligung der Betriebe seit 1999. Aus Abbildung 8 geht anhand von ausgewählten Arbeitsmarktmaßnahmen hervor, dass sowohl auf dem ost- als auch auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt die Entwicklung der Instrumente zur Stützung und Flexibilisierung des Arbeitsmarkts ähnlich verläuft.

Auffällig ist, dass unter quantitativen Aspekten dem Einsatz geringfügig entlohnter Beschäftigter in Ostdeutschland eine höhere Bedeutung zukommt, während im Westen die Arbeitnehmerüberlassung im Rahmen von Zeitarbeit eine größere Rolle spielt. Erst nach 2003 schließt sich der Osten an die Entwicklung im Westen an (BRENKE/EICHHORST 2008, S. 246). Damit ergaben sich seit der Novellierung zentraler Bestandteile der Arbeitsmarktpolitik Strukturveränderungen im Arbeitsangebot, die für die duale Ausbildung Konsequenzen nach sich gezogen haben könnten, zumal seit 1997/1998 generell steigende Teilnehmerzahlen an allen Maßnahmen zu verzeichnen sind (VANSELOW 2008, S. 9).

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Neben der Inanspruchnahme neuer Formen der Erwerbstätigkeit stellt die Nachfrage der Betriebe nach Arbeits- und Fachkräften aufgrund der vorhandenen Beschäftigungsstrukturen eine weitere wichtige Rahmenbedingung des Ausbildungsstellenmarkts dar. Was die Altersstruktur der Beschäftigten und deren Entwicklung im Osten Deutschlands anbelangt, so haben im Vergleich mit den alten Ländern die Anteile der älteren Altersjahrgänge ab 50 Jahren deutlich zu- und die Anteile jüngerer Alterskohorten überproportional abgenommen (Abbildung 9).

Daraus hätte schon in den letzten Jahren ein deutlicher Ersatzbedarf entstehen müssen, der durch die Anstellung jüngerer Fachkräfte oder durch eine eigene Ausbildung hätte gedeckt werden müssen. Aktuelle Untersuchungen zur Bereitschaft ostdeutscher Betriebe, auf diese Entwicklungen möglichst frühzeitig zu reagieren, lassen jedoch eine gegenteilige Tendenz erkennen (GRÜNERT et al. 2007, S. 27 ff.). Angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise und des derzeit fehlenden Fachkräftebedarfs ist sogar mit einer sinkenden Bereitschaft zur Ausbildung Jugendlicher und deren Übernahme zu rechnen (FRIEDRICH et al. 2009).

Rückgang nachfragerelevanter Alterskohorten

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Zu den bisher beschriebenen Entwicklungen mit ihren spezifischen Wechselwirkungen auf das duale System in Ostdeutschland kommt ein weiterer Faktor hinzu, der die Deckung des Fachkräftebedarfs und die Verjüngung der Beschäftigtenbestände in Zukunft deutlich begrenzen wird - die demografische Entwicklung (Abbildung 10). Sie verläuft in Ost und West in den unterschiedlichen Alterskohorten zwar prinzipiell ähnlich, zeigt aber in den neuen Bundesländern früher merkliche Effekte (vgl. auch RAGNITZ 2009). Dort sind seit 1991 mit 25 % extreme Rückgänge gerade unter den jüngeren Altersjahrgängen festzustellen. Im Westen liegt der Rückgang bis 2008 bei 20 %. Zusätzlich sind seit 2001 in den neuen Bundesländern auch unter den 35- bis 50-Jährigen Entwicklungen zu verzeichnen, die zu einer allmählichen Überalterung des Arbeitskräftepotenzials führen. Hier erreicht der Bestand an zur Verfügung stehenden Arbeitskräften 2008 fast wieder das Ausgangsniveau von 1991, ein Trend, der im Westen erst 2006/2007 einsetzt. Einzig und allein die Gruppe der über 49-Jährigen ist im Osten konstant etwa gleich groß.

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Die Rückgänge in den Bevölkerungszahlen sind nicht ausschließlich in natürlichen Bevölkerungsveränderungen begründet. Sie sind auch eine Folge der schwierigen Arbeits- und Ausbildungsstellenmarktverhältnisse im Osten, die zu einer Abwanderung von Arbeits- und Fachkräften in die alten Bundesländer führten. Über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg lassen sich unterschiedliche Phasen erkennen (Abbildung 11).
Während in den ersten Jahren nach dem Mauerfall mehrere Hunderttausend Menschen in die alten Bundesländer übergesiedelt sind, fiel in der Zeitspanne zwischen 1994 und 1997 der Wanderungssaldo zwischen Ost und West günstiger für die neuen Länder aus. In allen weiteren Phasen ergeben sich mit zunehmender Tendenz hohe Bevölkerungsverluste für die neuen Länder. Es ist anzunehmen, dass die Wanderungsbewegungen vor allem jüngere Altersjahrgänge betreffen, die auf der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz die neuen Bundesländer verlassen haben, ohne dass durch entsprechende Zuzüge in den Osten ein Ausgleich erreicht werden konnte.

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Der ostdeutsche Ausbildungsstellenmarkt gerät auf der Angebotsseite durch wirtschafts- und arbeitsmarktstrukturelle Entwicklungen in Bedrängnis. Auf der Nachfrageseite hingegen trägt der demografische Wandel zu zwei gegenläufigen Entwicklungen bei. Sinkende Bewerberzahlen entlasten zum einen den Ausbildungsstellenmarkt, was aktuelle Zahlen aus 2009 bestätigen, senken aber zum anderen das Arbeitskräftepotenzial und könnten auch - wegen des sich verendenden Bewerberspektrums - negative Auswirkungen auf die Höhe des betrieblichen Ausbildungsplatzangebots haben. In Abbildung 12 sind Entwicklungen auf der Nachfrageseite dargestellt.(09)

Grundsätzlich existiert über den gesamten Zeitraum hinweg eine Lücke zwischen dem Ausbildungsangebot der Betriebe (Ausbildungsstellen) und der Ausbildungsnachfrage der Jugendlichen (Bewerber); letzteres parallel zu den Schulabgängerzahlen. Während in den 90er-Jahren das Angebot an Ausbildungsstellen seitens der Betriebe offensichtlich mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung auf die gestiegene Nachfrage der Schulabsolventinnen und -absolventen reagiert hat, ist der Rückgang im betrieblichen Bildungsangebot seit 1999 vermutlich der nachlassenden Nachfrage unter den Jugendlichen geschuldet. Da die Lücke zwischen Bewerbern und offenen Stellen dadurch größer wird, entstehen in der Folge steigende Bestände der Bewerber, die schon vor dem jeweils aktuellen Berichtsjahr das allgemeinbildende Schulwesen verlassen haben, sogenannte Altbewerber/-innen (ULRICH/KREKEL 2007). Unterschiede zwischen dem west- oder ostdeutschen Ausbildungsstellenmarkt ergeben sich in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist die Entwicklung der Bewerberzahlen im Westen seit 1998/ 1999 von der Entwicklung der Schulabsolventenzahlen abgekoppelt, zum anderen verläuft das Ausbildungsplatzangebot antizyklisch zur Bewerberentwicklung.

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Für die Jugendlichen in Ost und West haben diese Unterschiede allerdings keine besondere Relevanz. In beiden Teilen des dualen Systems weisen die rechnerischen Einmündungsquoten(10) in eine betriebliche Ausbildung eine stark fallende Tendenz auf (Abbildung 13). Lag der rechnerische Anteil an Jugendlichen, die einen Ausbildungsvertrag mit einem Betrieb abschließen konnten, zu Anfang der 90er- Jahre noch über 80 %, so konnte ein vergleichbarer Anteil im Osten mit einer rechnerischen Einmündungsquote von etwas über 70% erst in den Jahren 1992 bis 1994 erreicht werden. Danach ergaben sich sowohl für die west- als auch die ostdeutschen Jugendlichen zunehmende Probleme auf dem Ausbildungsstellenmarkt. Erst ab 2005 gab es durch die steigende Nachfrage nach Fachkräften (TROLTSCH/WALDEN 2007) wieder bessere, wenn auch immer noch nicht ausreichende Möglichkeiten für Jugendliche bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle.

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Insbesondere im Osten Deutschlands ist mit sinkenden Schülerzahlen in nachfragerelevanten Absolventenjahrgängen zu rechnen (vgl. Abbildung 14). Hier zeigt sich gerade bei den zahlenmäßig am stärksten vertretenen Realschulabsolventen der im Jahr 2000 einsetzende Rückgang um insgesamt 40.000 Schulabgänger/-innen. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die parallel verlaufenden Rückgänge bei den Hauptschulabsolventinnen und -absolventen mit und ohne Schulabschluss. Damit standen 2007 über 30% weniger Jugendliche aus den drei Kerngruppen als potenzielle Nachfrager nach Ausbildungsstellen zur Verfügung. Dies kann für die ostdeutschen Betriebe zu problematischen Konsequenzen führen, entlastet den Ausbildungsstellenmarkt aber auf der Nachfrageseite. Für den westdeutschen Ausbildungsstellenmarkt mit seinen steigenden Realschul- und seinen konstanten Hauptschulabgängerzahlen ergibt sich noch eine deutlich bessere Ausgangssituation.

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Insgesamt kam es im Osten Deutschlands zu Verdrängungsprozessen und Veränderungen im Bildungsverhalten unter den ausbildungswilligen Jugendlichen (Abbildung 15). Die außerbetrieblichen Ausbildungsverhältnisse haben einen deutlich höheren Stellenwert. Während im Osten auf der Grundlage der Ausbildungsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit 8,5% aller Übergänge(11) auf diese Alternative entfallen, liegt der Anteil in den alten Ländern bei nur 2,1%. Die Übergänge in Ausbildungsalternativen wie BGJ, BFS-GB, BVJ, FOS(12) betrugen im Osten 14,2%, in von der Bundesagentur für Arbeit finanzierte Maßnahmen beliefen sie sich auf 7,9%.

Unter diesem Aspekt zeigt der Ost-West-Vergleich die offensichtlich unterschiedlichen Vermittlungsstrategien der beteiligten Institutionen in den neuen und den alten Bundesländern. Im Westen liegen die Übergänge ins sogenannte Übergangssystem(13) mit zusammen 30,5% um fast ein Drittel höher als im Osten. Ob freiwillig oder unfreiwillig vollzeitschulische Bildungsgänge aufgrund fehlender Ausbildungsplatzangebote von den Jugendlichen gewählt werden, lässt sich aufgrund der Daten aus der amtlichen Statistik nicht ermitteln. Der Anteil liegt im Osten bei 13,5%, im Westen bei 9,4 %. Das Gleiche gilt für die Übergänge ins Hochschulsystem, die in den neuen Ländern bei 21,5% und damit leicht höher als im Westen liegen. Mit 1,1% bleiben ostdeutsche Bewerber/-innen  um einen Ausbildungsplatz nach der offiziellen Definition zum 30. September unversorgt oder sind mit 7,1% arbeitslos gemeldet.

Fazit: Duale Ausbildung im Osten weiterhin ungenügend verankert

20 Jahre nach dem Mauerfall unterscheiden sich die Strukturen der beruflichen Ausbildung immer noch ganz wesentlich zwischen Ost- und Westdeutschland. Zwar sind die Chancen für die Jugendlichen auf Einmündung in eine Ausbildung im Osten neuerdings sogar besser als im Westen, doch kommt dieses Ergebnis bisher vor allem durch massive staatliche Unterstützungsmaßnahmen zustande. Dies zeigen der hohe Anteil außerbetrieblicher Ausbildung und der sehr viel geringere Anteil von Ausbildungsbetrieben in Ostdeutschland. Die durch die starken Umbrüche in der ökonomischen Struktur erforderliche Neuorientierung der Berufsausbildung nach dem Zusammenbruch der DDR ist trotz massiver staatlicher Interventionen nicht befriedigend gelungen. Ursächlich hierfür sind im Wesentlichen die weiter bestehenden besonderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den neuen Bundesländern. Hier ist auf die immer noch höhere Arbeitslosenquote als im Westen und die schrumpfende Zahl von Betrieben insgesamt hinzuweisen. Von besonderer Bedeutung dürfte auch die seit Jahren negative demografische Entwicklung sein, die für die ostdeutschen Betriebe zu einem eingeschränkten Bewerberspektrum geführt hat. Die Analysen lassen darüber hinaus erkennen, dass Maßnahmen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts (nicht beabsichtigte) negative Nebenfolgen für die Entwicklung einer auch quantitativ tragfähigen betrieblichen Ausbildungskultur gehabt haben.

Angesichts des sich beschleunigenden Rückgangs unter den nachfragerelevanten Altersjahrgängen ist damit zu rechnen, dass nach Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise Betriebe in Ostdeutschland vor dem Problem stehen werden, ihren wieder steigenden Fachkräftebedarf durch Einstellung und Ausbildung jüngerer Arbeitskräfte nicht ausreichend decken zu können. Es besteht die Hoffnung, dass Betriebe die Notwendigkeit einer eigenen Ausbildung dann besser erkennen und auch Jugendliche mit schlechteren schulischen Voraussetzungen als Zielgruppe (wieder-)entdecken. Am Beispiel West- und Ostdeutschlands zeigt sich, dass in der beruflichen Bildung erhebliche regionale Unterschiede bestehen und eine aggregierte, lediglich nach Ost und West unterschiedene Betrachtung nicht ausreicht. Die Berufsbildungsforschung sollte sich mit solchen Unterschieden zwischen den regionalen Ausbildungsmärkten stärker beschäftigen.

  • 1 Hierbei wurde die Nachfrage in der sogenannten erweiterten Definition zugrunde gelegt. Neben den unversorgten Bewerbern und Bewerberinnen zum 30. September eines Jahres wurden auch jene Jugendliche einbezogen, die zwar in eine alternative Maßnahme vermittelt wurden, die aber gleichwohl weiterhin eine betriebliche Ausbildungsstelle suchten (Ulrich et al. 2009).
  • 2 Als außerbetriebliche Ausbildung wird die Versorgung von Jugendlichen mit Marktbenachteiligungen, mit sozialen Benachteiligungen, mit Lernschwächen bzw. Behinderungen bezeichnet. Sie wird überwiegend öffentlich finanziert. Der Lernort ist dabei nicht relevant.
  • 3 Angaben Angaben der Bundesagentur für Arbeit zur Beteiligung ostdeutscher Betriebe an der beruflichen Ausbildung stehen erst seit 1995 zur Verfügung.
  • 4 Zahlen entnommen aus Grünert et al. (2006), S. 16.
  • 5 Erwähnenswert sind darüber hinaus der vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales initiierte Ausbildungsbonus (Gericke/Troltsch 2008) und die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Programme STARegio und JOBSTARTER.
  • 6 Zeitreihen ab 1999 zu den Merkmalen sind zu finden unter Troltsch (2009a).
  • 7 Kleinstbetriebe und kleine Mittelständler stellten zudem 1999 insgesamt 47% aller Beschäftigungsverhältnisse zur Verfügung (West: 40%). Zu besonderen Effekten staatlicher Fördermaßnahmen auf den ostdeutschen Ausbildungsstellenmarkt und zur sogenannten "Förderfalle" vgl. auch Grünert (2007, S. 24 ff.).
  • 8 Vgl. dazu Herkner 2009.
  • 9 Diese Angaben geben nur zum Teil die wahren Verhältnisse auf dem Ausbildungsstellenmarkt wieder, da die Meldungen der Betriebe und der Jugendlichen und somit der angebots- und nachfrageseitige Einschaltungsgrad der Arbeitsagenturen vor Ort von den Verhältnissen auf dem regionalen Ausbildungsstellenmarkt abhängen.
  • 10 Rechnerischer Anteil der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Verhältnis zur Gesamtzahl der Schulabgänger allgemeinbildender Schulen.
  • 11 Alle Übergänge bezeichnen hier die Gesamtzahl an Personen, die in eine der genannten Maßnahmen einmündet, unabhängig vom Zeitpunkt des Schulabschlusses.
  • 12 BGJ (vollzeitschulisches Berufsgrundbildungsjahr), BFS-GB (Berufsfachschule 1. Schuljahr), BVJ (Berufsvorbereitungsjahr), FOS (11. Klassenstufe Fachoberschule).
  • 13 Der Terminus Übergangssystem bezeichnet den Besuch einer Berufsfachschule, die nicht zu einem Berufsabschluss führt, die Teilnahme an einem Berufsgrundbildungs- oder einem Berufsvorbereitungsjahr.

Weiterführende Literatur

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3. Jahrgang, Heft 12, November 2009
ISSN Internet: 1866-7279
ISSN Print: 1865-0821

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