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BIBB REPORT Ausgabe 1|07

Zur Situation der Altbewerber in Deutschland

Ergebnisse der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006

Joachim Gerd Ulrich, Elisabeth M. Krekel

Der Anteil der Altbewerber unter den Lehrstellenbewerbern ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Aber gerade diese Gruppe hat es besonders schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden. Im Vergleich zu den Bewerbern, die erstmalig auf Lehrstellensuche sind, verfügen Altbewerber zwar nicht über schlechtere Schulabschlüsse, dennoch sind ihre Chancen, tatsächlich in eine Berufsausbildung einzumünden, geringer. Ihre Einmündungschancen verschlechtern sich noch weiter, je länger ihre erstmalige Bewerbung zurückliegt. Gleichwohl gibt es Faktoren, die ihnen den Einstieg in eine Berufsausbildung erleichtern können. Vor allem hohe Schulabschlüsse, gute Noten und das Absolvieren einer Einstiegsqualifizierung (EQJ) erhöhen ihre Chance auf eine betriebliche Ausbildung.

Wer ist Altbewerber?

 

Im Jahr 2006 stieg erstmalig der Anteil, der bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldeten Bewerber, die die Schule früher als im aktuellen Berichtsjahr verlassen hatten, auf über 50 %. 1 Es wird vermutet, dass es sich in vielen Fällen um Altbewerber handelt.

Genau weiß man dies allerdings nicht, da nicht alle Bewerber früherer Schulentlassjahrgänge zwangsläufig Altbewerber sein müssen. Ein Beispiel ist der Wehrdienstleistende, der sich 2006 erstmalig um einen Ausbildungsplatz beworben hat, obwohl er bereits 2004 die Schule verlassen hat.

Umgekehrt kann ein Bewerber des aktuellen Schulentlassjahrgangs ein Altbewerber sein, wenn er als Folge früherer erfolgloser Bewerbungen, z.B. im Jahr 2004, erneut die allgemeinbildende Schule besucht und verlassen hat.

Daher zählt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2 all diejenigen Personen als "Altbewerber", die angeben, sich bereits einmal für einen früheren Ausbildungsbeginn als den des jeweils aktuellen Ausbildungsjahres beworben zu haben.

Hintergrundinformationen

Seit Anfang der 90er-Jahre hat sich die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt zunehmend verschärft. Die Ursachen hierfür liegen zum einen in der kontinuierlich ansteigenden Zahl der Schulabgänger aus allgemeinbildenden Schulen, zum anderen aber auch im rückläufigen Ausbildungsangebot. Standen zu Beginn der 90er-Jahre noch weit mehr als 70 neue Ausbildungsverträge 100 Schulabsolventen gegenüber, waren es im Jahre 2006 nur noch rund 61. Folglich mangelt es an Berufsausbildungsstellen, so dass viele erfolglose Bewerber zunächst eine Alternative zur Berufsausbildung beginnen (Besuch einer allgemeinbildenden Schule, Jobben, Praktikum etc.), bevor sie sich im darauf folgenden Jahr erneut bewerben. Diese Altbewerber konkurrieren dann mit den aktuellen Schulabgängern um die vorhandenen Ausbildungsstellen.

Bei der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006 handelt es sich um eine schriftlich-postalische Repräsentativerhebung von rund 4.500 Personen. Grundgesamtheit waren diejenigen 762.766 gemeldeten Bewerber des Berichtsjahres 2005/06, die ihren Wohnsitz im Inland hatten. Die Stichprobe wurde von der Bundesagentur für Arbeit (BA) gezogen. Die anonym durchgeführte Befragung fand von Ende November 2006 bis Ende Februar 2007 statt. Insgesamt wurden 9.457 Personen angeschrieben. Die Auswahl erfolgte per Zufall unter Beteiligung aller Arbeitsagenturbezirke. Der Rücklauf betrug 4.637 (49 %). In die Auswertung gelangten 4.513 Bogen; ausgeschlossen wurden verspätet eingegangene, sehr unvollständig ausgefüllte Fragebogen und Bogen, die regional nicht eindeutig zugeordnet werden konnten. Die Ergebnisse wurden über eine Soll-Ist-Anpassung gewichtet und hochgerechnet. Hochrechnungsmerkmale waren die Herkunftsregion, das Geschlecht und die offizielle Verbleibseinstufung der Bewerber. Damit ließen sich auch weitere Merkmalsverteilungen der Grundgesamtheit, die nicht in das Gewichtungs- und Hochrechnungsmodell einbezogen waren (z. B. Schulabschluss und Nationalität), sehr gut reproduzieren.
 

Zahl der Altbewerber

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Im Rahmen der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006 konnten für das Jahr 2006 3 hochgerechnet 302.100 Altbewerber identifiziert werden. Das sind 40 % aller gemeldeten Bewerber. Bei der letzten BA/BIBB-Bewerberbefragung 2004 waren es noch vier Prozentpunkte weniger (266.700 bzw. 36 %).4 Von den 302.100 Altbewerbern hatte sich knapp die Hälfte erstmalig im Jahr 2005 beworben, ein gutes Viertel 2004 und ein knappes Viertel in noch früheren Jahren. Bei einem Prozent der Altbewerber konnte das Jahr der ersten Bewerbung nicht identifiziert werden (vgl. Übersicht 1).

Signifikante Merkmale bei Altbewerbern

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Alter
Naturgemäß sind Altbewerber im Schnitt deutlich älter als die sonstigen Bewerber. Fast alle (85 %) sind volljährig, wohingegen weniger als die Hälfte (47 %) der sonstigen Bewerber bereits die Volljährigkeit erreicht hat (vgl. Übersicht 2).

Migrationshintergrund
Unter den Altbewerbern sind Jugendliche mit Migrationshintergrund 5 etwas häufiger vertreten. 29 % der Altbewerber haben einen Migrationshintergrund, aber nur 21 % der sonstigen Bewerber.

Geschlecht
Auch der Anteil junger Frauen ist mit 48 % unter den Altbewerbern leicht höher als unter den sonstigen Bewerbern (45 %).

Schulabschluss
Die Schulabschlüsse der Altbewerber fallen alles in allem nicht schlechter aus als die der sonstigen Bewerber. Zwar sind Personen mit Hauptschulabschluss etwas häufiger unter den Altbewerbern zu finden, dafür gibt es aber unter den Altbewerbern deutlich mehr Personen mit Fachhochschulreife. Außerdem kommt es bei Altbewerbern seltener vor, dass sie über keinen Schulabschluss verfügen. Der besonders hohe Anteil der Altbewerber speziell unter den Bewerbern mit Fachhochschulreife (59 %) und die geringe Zahl der Altbewerber ohne Schulabschluss müssen u.a. im Zusammenhang mit den Qualifizierungsleistungen des so genannten Übergangssystems gesehen werden.
Dass 2006 die Zahl der gemeldeten Bewerber bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit Fachhochschulreife besonders stark anstieg (+6.302 bzw. +19,9 %), dürfte somit wahrscheinlich weniger mit der Einführung von Studiengebühren zusammenhängen als mit den Strategien von früher erfolglosen Ausbildungsstellenbewerbern, durch den Erwerb der Studienberechtigung ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu erhöhen. Von den Altbewerbern mit Fachhochschulreife befanden sich zum Befragungszeitpunkt 50 % in einer betrieblichen Berufsausbildung, während lediglich 9 % ein Studium begonnen hatten. Dass sie zu hohe Kosten davon abgehalten hätten, ein Studium zu beginnen, sagten 21 % der Altbewerber mit Fachhochschulreife.

Verbleib der Altbewerber Ende 2006

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Ende 2006 absolvierten 34 % der Altbewerber eine betriebliche Lehre. Besonders niedrig (25 %) war der Anteil bei denjenigen, die sich schon einmal vor mehr als zwei Jahren um einen Ausbildungsplatz bemüht hatten. Dagegen lag die Quote bei den Altbewerbern, die sich erstmalig 2005 um eine Ausbildungsstelle beworben hatten, mit 38 % kaum niedriger als bei den sonstigen Bewerbern (39 %; vgl. Übersicht 3).

Im Vergleich zu den sonstigen Bewerbern befanden sich Altbewerber häufiger in außerbetrieblicher Ausbildung (9 % vs. 6 %). Darüber hinaus jobbten oder arbeiteten sie öfter (12 % vs. 5 %), waren aber auch vermehrt von Beschäftigungslosigkeit betroffen (13 % vs. 7 %). Zu einem erneuten Schulbesuch in einer allgemeinbildenden oder beruflichen Schule entschlossen sich nur 9 % der Altbewerber, aber 20 % der sonstigen Bewerber.

Überdurchschnittlich prekär war die Situation für Altbewerber, die eine Berufsausbildung bereits vor mehr als zwei Jahren angestrebt hatten. Zwar befanden sich neben den 25 % in einer betrieblichen Lehre weitere 17 % in einer voll qualifizierenden Ausbildung (außerbetrieblich, schulisch, hochschulisch), doch waren 20 % arbeitslos, 18 % jobbten oder arbeiteten. Eine weitere schulische Grundbildung erwarben nur 4 %.

Determinanten des Übergangs in eine Berufsausbildung

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Welche Merkmale fördern den Übergang von Altbewerbern in eine Berufsausbildung? Die Antworten fallen zum Teil unterschiedlich aus - je nachdem, um welche Form der Berufsausbildung es sich handelt.

Was die betriebliche Ausbildung in BBiG/ HwO-Berufen betrifft, so werden die entscheidenden Determinanten vom Marktcharakter der Auswahlsituation bestimmt. Besonderes Gewicht haben hier deshalb die Höhe des Schulabschlusses und die Schulnoten. Beide Aspekte wirken nahezu additiv zusammen (vgl. Übersicht 4). Der Bogen der Verbleibsquoten spannt sich von 20 % für Bewerber mit maximal Hauptschulabschluss und höchstens ausreichender Mathematiknote bis hin zu 63 % für Abiturienten mit gutem oder sehr gutem Mathematikprädikat. Dabei haben Hauptschulabsolventen mit guten Mathematiknoten bessere Chancen, nicht nur auf eine betriebliche, sondern insgesamt auf eine qualifizierende Berufsausbildung, als diejenigen mit mittlerem Abschluss, aber schlechter Mathematiknote.

Neben dem Schulabschluss und der Mathematiknote tragen auch die schulischen Leistungen in Deutsch zum Verbleib in betrieblicher Berufsausbildung bei. Daneben gibt es eine Reihe von weiteren Faktoren, die für den Übergang in eine betriebliche Berufsausbildung bedeutsam sind (vgl. Übersicht 5).

Als besonders förderlich erweisen sich die Beendigung einer Einstiegsqualifizierung (EQJ) bzw. der Abschluss einer (höheren) Handelsschule. Negativ wirkt sich der Abbruch einer Berufsausbildung aus, wobei der Effekt im Rahmen dieser Studie teilweise dadurch zustande kommt, dass der Abbruch erst kurze Zeit zurückliegt und für erneute Bewerbungsversuche noch nicht genügend Zeit blieb. Überregionale Bewerbungen fördern den Verbleib in betrieblicher Ausbildung, mangelnde Anstrengungsbereitschaft der Jugendlichen hemmt ihn.

Ein möglicher Migrationshintergrund spielt - anders als für die Gruppe der Bewerber insgesamt - keine entscheidende Rolle, wohl aber die Wohnregion, genauer: die Beschäftigungssituation vor Ort. Geringer sind die Verbleibsquoten von Altbewerbern in betrieblicher Lehre, die in Regionen mit höherer Arbeitslosigkeit wohnen. Deshalb fallen auch die Übergangschancen der Jugendlichen aus Ostdeutschland merklich schlechter aus.

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Um die Chancen der Jugendlichen zu verbessern, werden in Ostdeutschland besonders viele außerbetriebliche Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt. Dies führt dazu, dass - rechnet man diese zu den betrieblichen Stellen hinzu - die Einmündungsquoten in eine duale Berufsausbildung in den neuen Ländern und Berlin alles in allem sogar höher als in Westdeutschland ausfallen.

Die untersuchten Determinanten korrelieren zum Teil untereinander. Um entscheiden zu können, welche Aspekte sich bei einer gleichzeitigen Berücksichtigung aller potenziellen Einflussgrößen weiterhin als bedeutsam erweisen, wurden zusätzlich logistische Regressionen berechnet. Deren Ergebnisse finden sich im rechten Teil der Übersicht 5.

Demnach tragen im Zusammenspiel aller Faktoren primär ein guter Schulabschluss und gute Noten zum Bewerbungserfolg bei. Von den Bildungsgängen des Übergangssystems erweisen sich der Besuch einer (höheren) Handelsschule und das Einstiegsqualifizierungsjahr als besonders hilfreich. Der durchaus positive Effekt des Besuchs einer Fachoberschule auf den Verbleib in betrieblicher Ausbildung wird allein deshalb nicht signifikant, weil er mit dem Erwerb einer Studienberechtigung korreliert. Auffällig ist der stark negative Effekt, den der Status eines Altbewerbers ausübt, der sich bereits vor mehr als zwei Jahren erstmalig um einen betrieblichen Ausbildungsplatz beworben hat. Es ist nicht auszuschließen, dass ein fortgeschrittenes Lebensalter, verbunden mit andauernder Erfolglosigkeit, zum Stigma wird und allein deshalb den Bewerbungserfolg hemmt.

Die untersuchten Determinanten korrelieren zum Teil untereinander. Um entscheiden zu können, welche Aspekte sich bei einer gleichzeitigen Berücksichtigung aller potenziellen Einflussgrößen weiterhin als bedeutsam erweisen, wurden zusätzlich logistische Regressionen berechnet. Deren Ergebnisse finden sich im rechten Teil der Übersicht 5.

Demnach tragen im Zusammenspiel aller Faktoren primär ein guter Schulabschluss und gute Noten zum Bewerbungserfolg bei. Von den Bildungsgängen des Übergangssystems erweisen sich der Besuch einer (höheren) Handelsschule und das Einstiegsqualifizierungsjahr als besonders hilfreich. Der durchaus positive Effekt des Besuchs einer Fachoberschule auf den Verbleib in betrieblicher Ausbildung wird allein deshalb nicht signifikant, weil er mit dem Erwerb einer Studienberechtigung korreliert. Auffällig ist der stark negative Effekt, den der Status eines Altbewerbers ausübt, der sich bereits vor mehr als zwei Jahren erstmalig um einen betrieblichen Ausbildungsplatz beworben hat. Es ist nicht auszuschließen, dass ein fortgeschrittenes Lebensalter, verbunden mit andauernder Erfolglosigkeit, zum Stigma wird und allein deshalb den Bewerbungserfolg hemmt.

Wie bewerten Altbewerber ihren Verbleib?

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Ihren Verbleib nach Ende des Vermittlungsjahres bewerten die Altbewerber sehr unterschiedlich. Rund 70 % der Altbewerber, die eine betriebliche Berufsausbildung aufnehmen konnten, geben an, dass dies auch ihren Wünschen entspreche (vgl. Übersicht 6). Etwas ungünstiger fällt die Bewertung derjenigen aus, die andere voll qualifizierende Maßnahmen absolvieren. Noch unzufriedener ist die Personengruppe, die sich im Übergangssystem (z. B. Praktikum, berufliche Schule, allgemeinbildende Schule) befindet. Hier meinen nur noch wenige, dass dieser Bildungsgang ihren Wünschen entspreche. Für sie ist dies eher eine nicht eingeplante, aber durchaus sinnvolle Alternative ("Überbrückung"). Dagegen sind es insbesondere die Arbeitslosen, die ihre momentane Situation als Sackgasse empfinden.

Künftiges Altbewerberpotenzial

Von den 302.100 in das Vermittlungsjahr 2006 eingebrachten Altbewerbern befanden sich am Ende des Jahres 168.300 erneut nicht in einer dualen Ausbildung. Davon waren 142.800 weiterhin an einer Berufsausbildungsstelle interessiert, darunter 78.400 noch für das bereits begonnene Ausbildungsjahr, 54.500 für das Ausbildungsjahr 2007/08 und 9.900 für einen noch späteren Ausbildungsbeginn.

Das zukünftige Altbewerberpotenzial speist sich zusätzlich aus 182.300 Personen, die bislang noch nicht zu den Altbewerbern gerechnet wurden. Diese befanden sich Ende 2006 ebenfalls nicht in einer dualen Ausbildung, dachten aber weiter an die Aufnahme einer Berufsausbildung. 65.700 von ihnen wollten am liebsten noch in das bereits begonnene Ausbildungsjahr einsteigen, 89.200 im kommenden Jahr und 27.400 zu einem noch späteren Zeitpunkt.

Somit umfasst das zukünftige Altbewerberpotenzial insgesamt rund 325.100 Personen. Dabei handelt es sich um eine Potenzialschätzung. Denn ob diese Personen tatsächlich in Zukunft als Altbewerber sichtbar werden, hängt davon ab, ob sie in den nächsten Jahren wieder bei der Bundesagentur für Arbeit vorstellig werden. Dies dürfte jedoch überwiegend der Fall sein.

Altbewerber und „latente Nachfrage"

Die weiterhin erfolglosen Altbewerber zählen wie die erstmalig erfolglosen Bewerber offiziell nur zu einem geringen Teil zur offiziellen Ausbildungsplatznachfrage. Dies liegt daran, dass als erfolglose Nachfrager nur diejenigen Bewerber betrachtet werden, die sich zu keiner Überbrückungs- oder sonstigen Alternative für eine Berufsausbildung entschlossen haben.

Mit anderen Worten: Wer wegen erfolgloser Suche ersatzweise zu jobben beginnt, in eine berufsvorbereitende Maßnahme einmündet oder wieder die Schule besucht, wird als Ausbildungsplatznachfrager nicht mitgezählt, auch wenn er sich sehr intensiv beworben hat. Im Jahr 2006 betrug die Zahl der alternativ verbliebenen Jugendlichen, die ihren Verbleib auf erfolglose Bewerbungen zurückführten und die angaben, sich mindestens 20-mal schriftlich beworben zu haben (sog. "latente Nachfrage"), 112.700 (2004: 109.500). Darunter waren 61.000 Altbewerber.

Fazit

Altbewerber bilden keinen homogenen Personenkreis, sondern setzen sich aus unterschiedlichen Gruppen mit unterschiedlichen Ausbildungschancen zusammen. Der Bogen spannt sich von Personen, die schwache Schulabschlüsse haben, über Bewerber, die mit der Beendigung einer Einstiegsqualifizierung ihre Chancen deutlich verbessern konnten, bis hin zu Personen, die in Fachoberschulen einen höheren Schulabschluss erwarben und damit ebenfalls über gute Zukunftsperspektiven verfügen.

Besondere Probleme haben allerdings Altbewerber, die sich bereits vor mehr als zwei Jahren erstmalig um eine Berufsausbildung bemüht hatten. Gelingt ihnen erneut nicht der Einstieg in eine Berufsausbildung, verbleiben sie verstärkt außerhalb des Bildungssystems, beginnen bestenfalls zu arbeiten, in wenigen Fällen lediglich zu jobben, oder sie bleiben ohne Beschäftigung. Die drei zuletzt genannten Verbleibsformen außerhalb des Bildungs- und Qualifizierungssystems (Arbeiten, Jobben, ohne Beschäftigung) werden von den Altbewerbern mit Abstand am häufigsten negativ bewertet.

Mit der Altbewerberproblematik verbindet sich auch ein statistisches Problem. Denn angesichts der Tatsache, dass die Zahl der offiziell erfolglosen Ausbildungsplatznachfrager in den letzten vier Jahren im Schnitt gerade einmal gut 42.000 Personen umfasste, stellt sich die Frage, weshalb sich der Umfang der Altbewerber überhaupt auf mehrere Hunderttausend anstauen konnte. Beides passt rechnerisch nicht zusammen. Die Lösung liegt darin begründet, dass die meisten Altbewerber in der offiziellen Ausbildungsmarktstatistik nicht sichtbar werden. Denn mit ihrem Entschluss, sich aufgrund ihrer erfolglosen Bewerbungen um eine Alternative zu bemühen (erneuter Schulbesuch, berufsvorbereitende Maßnahme, Jobben, Praktikum), galten und gelten sie als "versorgt". Sie werden damit auch nicht als "Ausbildungsplatznachfrager" gezählt -selbst dann nicht, wenn sie sich intensiv weiter bewerben. Dabei spielt die Art des Verbleibs keine Rolle. Endgültig Abstand von ihrem Lehrstellenwunsch nehmen aber vor allem nur diejenigen Jugendlichen, die eine voll qualifizierende Schulberufsausbildung beginnen. Jugendliche, die jobben oder sich lediglich teilqualifizieren, halten ihren Ausbildungswunsch jedoch in den meisten Fällen aufrecht.

Die Gesamtzahl der Lehrstellenbewerber, die in Alternativen zu einer Ausbildungsstelle (erneuter Schulbesuch, berufsvorbereitende Maßnahme, Jobben, Praktikum) einmünden, ist hoch. 2006 betrug sie 348.000. Das war fast jeder zweite gemeldete Bewerber. Ihr offizieller Status als "versorgt" darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie oft weiterhin an einem Ausbildungsplatz interessiert sind. Die Bundesagentur für Arbeit hat mit der Modernisierung ihres Vermittlungssystems und dem Umstieg von COMPAS auf VerBIS dafür gesorgt, dass in Zukunft wichtige ergänzende Informationen zur offiziellen Ausbildungsmarktstatistik vorliegen. Denn fortan können die alternativ verbliebenen Bewerber danach unterschieden werden, ob sie mit dem alternativen Verbleib ihre Bitte um weitere Vermittlungsbemühungen fallen lassen oder nicht.

Um die Chancen von Altbewerbern auf eine qualifizierte Ausbildung zu erhöhen und einen Ausstieg aus dem Bildungs- und Qualifizierungssystem zu verhindern, wird von Seiten der Politik ein Förderprogramm für Jugendliche entwickelt, die sich mehrfach erfolglos um eine Ausbildung bemüht und währenddessen Alternativen besucht und erfolgreich beendet haben. Ziel ist es, dass die Bemühungen der Jugendlichen letztlich auch zu einem erfolgreichen qualifizierenden Berufsabschluss führen. Inwieweit dies erreicht werden kann, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn die positive Entwicklung im Beschäftigungssektor dürfte auch auf dem Ausbildungsmarkt für einen kräftigen Rückenwind sorgen.

Dennoch: Selbst bei günstigsten Marktvoraussetzungen wird sich die Zahl der Altbewerber niemals auf Null hin bewegen. Denn ein nicht ungewichtiger Anteil der Altbewerber rekrutiert sich aus Jugendlichen, die bereits einmal eine Berufsausbildung begonnen hatten, diese aber wieder abbrachen oder abbrechen mussten (weil ihnen gekündigt wurde). Auch wenn einem großen Teil von ihnen wieder der Einstieg in eine Berufsausbildung gelingt, haben es viele von ihnen oft besonders schwer, erneut einen Ausbildungsplatz zu finden. Gerade diese Jugendlichen sind auf die Vermittlungshilfe der Bundesagentur für Arbeit angewiesen.

  • 1 Informationen zur Ausbildungsmarktstatistik der BA finden sich u.a. unter: www.bibb.de/de/wlk29602.htm
  • 2 Zu den BA/BIBB-Bewerberbefragungen siehe: Eberhard, Verena; Krewerth, Andreas; Ulrich, Joachim Gerd (Hrsg.): Mangelware Lehrstelle. Zur aktuellen Lage der Ausbildungsplatzbewer¬ber in Deutschland. Bielefeld: W. Bertelsmann, 2006, insbesondere S. 23 ff.
  • 3 Das Vermittlungsjahr der Bundesagentur für Arbeit (z. B. Oktober 2005 bis September 2006) wird als Jahr 2006 bezeichnet.
  • 4 Zu den Ergebnissen 2004: Eberhard, Verena; Krewerth, Andreas; Ulrich, Joachim Gerd (Hrsg.): Mangelware Lehrstelle. A.a.O., insbesondere S. 69ff., sowie Ulrich, Joachim Gerd; Krekel, Elisabeth M.: Welche Ausbildungschancen haben "Altbewerber"? In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 36 (2007) 2, S. 11-13.
  • 5 Der Migrationshintergrund wurde über folgende Variablen operationalisiert: Staatsangehörigkeit, Geburtsland und Muttersprache. Es wurden nur die Bewerber als Deutsche ohne Migrationshintergrund ausgewiesen, die in Deutschland geboren wurden, Deutsch als alleinige Muttersprache gelernt haben sowie die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Vgl. dazu auch: Eberhard, Verena; Krewerth, Andreas; Ulrich, Joachim Gerd (Hrsg.): Mangelware Lehrstelle. A.a.O., S. 197 ff.

Weiterführende Literatur

  • BA/ BIBB-Bewerberbefragungen:
  • Beicht, Ursula; Friedrich, Michael; Ulrich, Joachim Gerd
    Steiniger Weg in die Berufsausbildung - Werdegang von Jugendlichen nach Beendigung der allgemeinbildenden Schule
    In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 36. Heft 2, 2007, S. 5-9; ISSN 0341 -4515
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung
    Berufsbildungsbericht 2007
  • Eberhard, Verena; Krewerth, Andreas
    Bewerbungsverhalten der Jugendlichen
    In: Eberhard, Verena; Krewerth, Andreas; Ulrich, Joachim Gerd [Hrsg.]: Mangelware Lehrstelle. Zur aktuellen Lage
    der Ausbildungsplatzbewerber in Deutschland. Bielefeld: W.
    Bertelsmann, 2006, S. 83-98 (Berichte zur beruflichen Bildung; 279); ISBN 3-7639-1087-5
  • Ehrenthal, Bettina; Eberhard, Verena; Ulrich, Joachim Gerd
    Ausbildungsreife aus Sicht der Ausbilder und sonstiger Experten
    In: Ausbilder-Handbuch, Kap. 3.1.11, S. 1-35 (83. Erg.-Lfg., März 2006); ISBN 3-87156-165-7
  • Friedrich, Michael
    Jugendliche in Ausbildung: Wunsch und Wirklichkeit
    In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 35, Heft 3, 2006, S. 7-11; ISSN 0341 -4515
  • Krewerth, Andreas; Eberhard, Verena
    Berufliche Mobilität der Ausbildungsstellenbewerber: Möglichkeiten ihrer empirischen Erfassung und Vergleich mit der regionalen Mobilität
    In: Eberhard, Verena; Krewerth, Andreas; Ulrich, Joachim Gerd [Hrsg.]: Mangelware Lehrstelle. Zur aktuellen Lage der Ausbildungsplatzbewerber in Deutschland. Bielefeld: W. Bertelsmann, 2006, S. 121-132 (Berichte zur beruflichen Bildung; 279); ISBN 3-7639-1087-5
  • Krewerth, Andreas; Eberhard, Verena
    Ursachen für den Verbleib aus Sicht der Jugendlichen
    In: Eberhard, Verena; Krewerth, Andreas; Ulrich, Joachim Gerd [Hrsg.]: Mangelware Lehrstelle. Zur aktuellen Lage der Ausbildungsplatzbewerber in Deutschland. Bielefeld: W. Bertelsmann, 2006, S. 151-160 (Berichte zur beruflichen Bildung; 279); ISBN 3-7639-1087-5
  • Troltsch, Klaus
    1,6 Millionen Jugendliche im Abseits? Strukturelle Ausbildungslosigkeit in Deutschland
    In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 35, Heft 3, 2006, S. 44-46, ISSN 0341 -4515
  • Ulrich, Joachim Gerd
    Wie groß ist die "Lehrstellenlücke" wirklich?
    In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 35, Heft 3, 2006, S. 12-16; ISSN 0341 -4515
  • Ulrich, Joachim Gerd; Krekel, Elisabeth M.
    Welche Ausbildungschancen haben "Altbewerber"?
    In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 36, Heft 2, 2007, S. 11-13; ISSN 0341 -4515
  • Ulrich, Joachim Gerd
    Trendwende auf dem Ausbildungsmarkt? Die aktuelle Lage im Spiegel der Statistik
    In: Ausbilder-Handbuch, Kap. 3.1.12, S. 1-26 (91. Erg.-Lfg., März 2007); ISBN 3-87156-165-7
BIBB REPORT
1. Jahrgang, Heft 1, Juli 2007
ISSN Internet: 1866-7279
ISSN Print: 1865-0821

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