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Ausbildungsreife - auch unter den Fachleuten ein heißes Eisen

- Ergebnisse des BIBB-Expertenmonitors -

"Mangelnde Ausbildungsreife" - dies ist ein Vorwurf, den Jugendliche heute öfter zu hören bekommen. Die Ansichten sind aber gespalten: Während die einen in der fehlenden Reife die Hauptursache für die Lehrstellenmisere sehen, halten andere dieses Argument für einen Taschenspielertrick, um vom gegenwärtigen Lehrstellendefizit abzulenken.

Daneben sind Stimmen zu vernehmen, die sich an den bereits in der Antike bekannten Generationenkonflikt erinnern: Haben die "Alten" nicht immer schon über den Sitten- und Tugendverfall der Jugend gejammert, nur weil sie ihre eigene Kindheit inzwischen verklären? Tatsächlich hat die Wirtschaft in Deutschland bereits in den sechziger Jahren darüber geklagt, dass mindestens ein Viertel der Lehrlinge nicht richtig rechnen und schreiben könne und ihnen eine unzureichende Ausbildungsreife attestiert. Andere geben wiederum zu bedenken, dass die Anforderungen in der Arbeitswelt in den letzten Jahren rapide gestiegen seien. Deshalb könne es durchaus sein, dass heute jemand nicht mehr als "ausbildungsreif" gelten kann, der früher noch ohne Probleme eine Lehre durchlaufen konnte. Losgelöst von den verschiedenen Bewertungen ist das Thema von großer Bedeutung: Denn wie eine Unternehmensbefragung des BIBB zeigte, halten die Betriebe eine Verbesserung der Ausbildungsreife für eine zentrale Maßnahme, um mehr Ausbildungsplätze zu schaffen.

Durchführung einer Expertenbefragung

Um Licht in die Diskussion zu bringen, hat das Bundesinstitut für Berufsbildung im Rahmen seines Expertenmonitors 482 Fachleute aus verschiedenen Bereichen der beruflichen Bildung befragt (vgl. Abbildung 1).

Die Experten und Expertinnen stammen aus Betrieben, Berufsschulen und überbetrieblichen Bildungsstätten, aber auch aus Kammern, Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften, staatlicher Bildungsverwaltung, Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
Es wurde also darauf geachtet, Forschung und Praxis gleichermaßen zu berücksichtigen.

Die Befragung fand von September bis Anfang Oktober 2005 statt und führte zu recht überraschenden Ergebnissen.

Ausbildungsreife - was zählt eigentlich dazu?

Ein Grund für den Streit um das Thema "Ausbildungsreife" besteht darin, dass in der Öffentlichkeit nahezu jeder etwas anderes darunter versteht.

Pressezitate zur "Ausbildungsreife"

  • "Rund ein Viertel aller Schüler verlassen heute die allgemein bildenden Schulen ohne ausreichende Ausbildungsreife" (Deutsche Handwerkszeitung vom 25.02.2005)
  • "50 Prozent der Schüler sind nicht ausbildungsfähig" (Tagesspiegel vom 24.03.2005)
  • "Unternehmen klagen über schlechte Schüler" (Bild Zeitung vom 10.05.2005)
  • "Zu wenig geeignete Bewerber" (General Anzeiger vom 16.06.2005)
  • "Lehrstellen auch für Analphabeten?" (Die Welt Online vom 21. April 2004)
  • "Generation kann nix" (Die Welt Online vom 21. April 2004)
  • "Arbeitgeber halten Jugend für zu dumm" (TAZ-Online vom 16.02.2005)
  • "Jeder zweite Schüler taugt nicht für die Lehre" (Berliner Zeitung vom 09.08.2005)
  • "Hauptschüler können oft kaum lesen und schreiben" (Die Welt vom 20.01.2005)

Unter Fachleuten ist man sich jedoch zunehmend einig, dass unter "Ausbildungsreife" allein diejenigen Fähigkeiten und Arbeitstugenden zu zählen sind, die für alle Ausbildungsberufe wichtig sind - gleich, ob es sich um eine besonders anspruchsvolle oder um eine weniger anspruchsvolle Ausbildung handelt. Sind bestimmte Fähigkeiten nur für bestimmte Berufe wichtig, während sie bei anderen keine besondere Rolle spielen, gehören diese zur berufsspezifischen Eignung. Jemand kann also durchaus ausbildungsreif sein, auch wenn er für einen bestimmten Beruf nicht geeignet ist. Einigkeit besteht auch dahingehend, dass unter "Ausbildungsreife" nur solche Aspekte subsumiert werden können, die schon bei Antritt der Lehre vorhanden sein müssen. Fähigkeiten und Fertigkeiten, die erst während der Lehre erworben werden sollen und im Ausbildungsplan als Lernziele aufgeführt werden, gehören nicht dazu.

Soweit die "formelle" Definition. Doch welche konkreten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Tugenden müssen Jugendliche von vorneherein mitbringen, um eine wie auch immer geartete Ausbildung absolvieren zu können? Fast alle Experten und Expertinnen (mehr als vier Fünftel) zählen hierzu: Zuverlässigkeit, die Bereitschaft zu lernen, die Bereitschaft, Leistung zu zeigen, Verantwortungsbewusstsein, Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Beherrschung der Grundrechenarten, einfaches Kopfrechnen, Sorgfalt, Rücksichtnahme, Höflichkeit, Toleranz, die Fähigkeit zur Selbstkritik, Konfliktfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und zu guter Letzt die Bereitschaft, sich in die betriebliche Hierarchie einzuordnen (vgl. Abbildung 2).

Die Fachleute denken damit vor allem an allgemeine Arbeits-, Leistungs- und Sozialtugenden. Was das Schulwissen angeht, das ja seit der PISA-Studie in der öffentlichen Diskussion um die Ausbildungsreife eine besondere Rolle spielt, können sich die Experten und Expertinnen lediglich auf die Beherrschung der Grundrechenarten und das einfache Kopfrechnen einigen. Bei der Prozent- und Dreisatzrechnung, der Beherrschung der deutschen Rechtschreibung und der mündlichen Ausdrucksfähigkeit ist sich bereits ein größerer Teil der Fachleute (je nach Aspekt zwischen 25 % und 44 %) nicht mehr sicher, ob diese Dinge wirklich für alle Ausbildungsberufe wichtig sind.

Relativ einig ist sich die Mehrheit der Experten und Expertinnen dagegen, dass schriftliche Ausdrucksfähigkeit, Grundkenntnisse der Flächen-, Längen- und Volumenberechnung, betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse und Grundkenntnisse der englischen Sprache höchstens für einen Teil der Ausbildungsberufe wichtige Eingangsvoraussetzungen bilden und damit nicht zur allgemeinen Ausbildungsreife gehören.

Wie hat sich die Bewerberqualifikation in den letzten 15 Jahren entwickelt?

Alles in allem sehen die Fachleute die Entwicklung der letzten 15 Jahre eher skeptisch. Sie glauben, dass die Leistungsfähigkeit der Lehrstellenbewerber gesunken sei. Dies gilt insbesondere für das durch die Schule vermittelte Wissen. Fast alle (mehr als vier Fünftel) sind davon überzeugt, dass die schriftliche Ausdrucksfähigkeit, die Beherrschung der deutschen Rechtschreibung und die Fähigkeit zum einfachen Kopfrechnen in den letzten 15 Jahren nachgelassen hätten. Immerhin zwischen zwei Drittel und vier Fünftel der Experten und Expertinnen meinen, dass dies auch für die Konzentrationsfähigkeit, für die Beherrschung der Grundrechenarten bzw. der Prozent- und Dreisatzrechnung, für geometrische Grundkenntnisse, für das Durchhaltevermögen, für die Sorgfalt und für die Höflichkeit gelte (vgl. Abbildung 3).

Bei vielen anderen Aspekten sind die Meinungen sehr gemischt. Ein Teil der Fachleute geht von negativen Veränderungen bei den Jugendlichen, ein anderer von einer vergleichbaren Leistungsfähigkeit wie vor 15 Jahren aus. Zu diesen Aspekten zählen zum Beispiel die mündliche Ausdrucksfähigkeit, die Problemlösefähigkeit, die Fähigkeit zur Selbstkritik, die Selbständigkeit, die Konfliktfähigkeit, die Bereitschaft zu lernen und Leistung zu zeigen.

Daneben gibt es aber auch einige Fähigkeiten und Tugenden, deren Entwicklung von einer Mehrheit der Experten und Expertinnen in einem positiven Licht gesehen wird. Dazu gehören zuvorderst Kenntnisse im IT-Bereich, aber auch in der englischen Sprache sowie die Selbstsicherheit. Immerhin rund zwei Fünftel der Fachleute glauben, dass sich in den letzten 15 Jahren auch die Kommunikations- und Teamfähigkeit der Jugendlichen verbessert habe.

Gründe für die Entwicklung in den letzten 15 Jahren

Die Experten und Expertinnen wurden auch nach den Gründen für die Entwicklung in den letzten 15 Jahren gefragt. Eine Hauptkomponentenanalyse01 ihrer Antworten zeigt, dass sie dabei grundsätzlich sieben Themenfelder unterscheiden: a) Veränderungen in den Familien der Jugendlichen, b) die Ausbildungs- und Arbeitsmotivation der Jugendlichen, c) deren Kenntnisse der Ausbildungs- und Arbeitswelt, d) die Vermittlung von Werten und Wissen durch die Schule, e) die Vorbereitung auf Berufswahl und Lehrstellensuche durch die Schule, f) veränderte Anforderungen während der Ausbildung und g) der Wandel in der Arbeitswelt.

In Hinblick auf zwei Themengebiete waren sich die Experten und Expertinnen fast alle einig: Die Komplexität der Arbeitswelt ist in den letzten 15 Jahren massiv gestiegen und der Wandel beschleunigt sich immer mehr. Damit einhergehend wuchsen auch die Anforderungen in den Lehrberufen und die Ansprüche der Betriebe an das Leistungsniveau der Bewerber.

Die meisten Fachleute (rund drei Viertel bis vier Fünftel) stimmen auch darin überein, dass es in den Familien der Jugendlichen zu stark negativen Veränderungen gekommen ist. Der Zusammenhalt innerhalb der Familie sei gesunken, und die Vermittlung von Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Arbeitstugenden habe deutlich nachgelassen. Mit anderen Worten: Viele Jugendliche sind in ihren Familien weitgehend sich selbst überlassen.

Was die Wissens- und Wertevermittlung in den Schulen sowie deren Vorbereitung auf die Berufswahl und Lehrstellensuche angeht, so waren sich die Fachleute in den meisten Fällen nicht so recht einig. Zwar glaubt etwas mehr als die Hälfte, das Ausmaß, in dem die Schule Werte und Kulturtechniken vermittle, sei in den letzten Jahren gesunken. Doch gehen auch 61 % davon aus, dass die Kooperationsbereitschaft der Schulen mit den Betrieben gestiegen sei, und 48 % sind der Ansicht, in den Schulen würden verstärkt Fragen der Berufswahl aufgegriffen.

Rund drei Fünftel der Fachleute bescheinigen den Jugendlichen, sich bei ihrer Lehrstellensuche mehr anzustrengen als die Schulabgängergeneration vor 15 Jahren. Dabei mag die schwierige Lage auf dem Lehrstellenmarkt ihr Übriges dazu tun. Eine gleich große Mehrheit glaubt aber auch, das Wissen der Jugendlichen um die Bedeutung von Arbeitstugenden sei geringer als früher, und etwa die Hälfte meint, die Kenntnisse der Jugendlichen in Hinblick auf die beruflichen und betrieblichen Anforderungen hätten ebenso nachgelassen.

Was sind die letztlich entscheidenden Ursachen?

Wie vertiefende korrelationsstatistische Analysen zeigen, bringen die Experten und Expertinnen die Veränderungen in der Ausbildungsreife der Jugendlichen vor allem mit Veränderungen in der familiären Situation der Kinder und - in Folge dessen - mit einer veränderten Ausbildungs- und Arbeitsmotivation der Jugendlichen in Verbindung. Vor allem auf diesen zwei Feldern sehen sie die entscheidenden Ursachen, weniger in den Entwicklungen in den Schulen.

Dies ist angesichts der vorherrschenden öffentlichen Diskussion doch recht überraschend, erklärt sich aber, wenn man bedenkt, dass zur Ausbildungsreife vor allem überfachliche Tugenden und Qualifikationen zählen wie Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Rücksichtnahme.

Die Schule kommt im Wesentlichen dann ins Spiel, wenn es um die wachsenden Defizite der Jugendlichen bei der Beherrschung der Grundrechenarten, von Dreisatz, Prozentrechnung und des Kopfrechnens geht. Allerdings verbinden die Fachleute auch in diesen Punkten unzureichende Leistungen der Jugendlichen vor allem mit den veränderten familiären Rahmenbedingungen. Mit anderen Worten: Wenn die Jugendlichen die klassischen Kulturtechniken nicht beherrschen, so ist dies aus Sicht der Experten und Expertinnen nicht allein den Schulen anzulasten, sondern auch hier zuvorderst einer unzureichenden Erziehung und Betreuung in den Familien.

Was sollte getan werden?

Da die Experten und Expertinnen Probleme der Ausbildungsreife vor allem mit der familiären Situation in Verbindung bringen, sehen sie hier auch jeweils die wichtigsten Ansatzpunkte für eine Verbesserung. Jeweils mehr als 90 % fordern von den Eltern, sie müssten stärker als bisher
ihren Kindern grundlegende Werte vermitteln,
Verantwortung für die Vermittlung von Arbeitstugenden (z.B. Pünktlichkeit) übernehmen,
die Auseinandersetzung ihrer Kinder mit der Berufswahl fördern,
generell positive Rollenvorbilder für ihre Kinder sein und
ganz allgemein mehr dafür tun, um die Ausbildungsreife ihrer Kinder zu sichern.

Ebenso viele Experten und Expertinnen (jeweils mindestens neun von zehn) setzen aber auch darauf, verstärkt die Schule in die Förderung der Kinder einzubinden. Sie habe nun mal die grundsätzliche Aufgabe, die Jugendlichen zur Ausbildungsreife zu führen. Deshalb müsse in der Schule die Grundlage für die Lern- und Leistungsbereitschaft gelegt werden, und die schulischen Lernaufgaben sollten einen stärkeren Praxisbezug haben. Aus diesem Grund sei es auch wichtig, mehr Lehrerfortbildungen in Hinblick auf die Berufswelt durchzuführen.

Aber auch die Betriebe werden in die Pflicht genommen: 86 % der Experten und Expertinnen sind der Ansicht, die Unternehmen müssten bei der Bewerberauswahl stärker als bisher das Entwicklungspotenzial der Jugendlichen berücksichtigen. Und etwa ebenso viele (85 %) meinen, die Unternehmen sollten sich stärker als bisher der Verantwortung stellen, auch schwächere Jugendliche auszubilden. Dies bedeutet aber aus Sicht der meisten Fachleute nicht, einfach die Anforderungen zu senken - dies fordern nur 25 %. Außerdem meinen 88 %, die Unternehmen sollten die Schulen bei ihrer Aufgabe, die Jugendlichen zur Reife zu führen, unterstützen und sollten deshalb vermehrt den Kontakt zu den Schulen suchen.

Von den Jugendlichen erwarten rd. 94 % der Experten und Expertinnen, deutlicher als bisher Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Dazu gehöre vor allem zu lernen, die eigenen Kompetenzen realistisch einzuschätzen. 91 % finden, die Jugendlichen sollten sich noch stärker als bisher bemühen, Kontakt zur Berufswelt aufzunehmen.

Meinungsverschiedenheiten zwischen den Experten

In vielen Punkten stimmen die Fachleute überein. Dass man sich angesichts gestiegener Anforderungen in der Arbeitswelt und wachsender Probleme in den Familien Gedanken um die Ausbildungsreife machen müsse, ist für fast alle unstrittig. Ebenfalls besteht weitgehend Konsens darüber, dass selbst vorhandene Ausbildungsreife heute keine Garantie mehr für einen Ausbildungsplatz sei und dass auch jemand mit schlechten Schulnoten ausbildungsreif sein könne. Mindestens 85 % der Experten und Expertinnen sehen dies so, und auch die Vertreter der Wirtschaft (Kammern, Arbeitgeberverbände) stimmen dem mehrheitlich zu.

Dissens herrscht dagegen bei der Frage, ob das Problem der mangelnden Ausbildungsreife übertrieben dargestellt wird und mit den Klagen über die fehlende Ausbildungsreife von der schwierigen Lehrstellensituation abgelenkt werden soll. Die beiden Antipoden bilden hier die Vertreter der Wirtschaft und der Gewerkschaften. Die übrigen Experten und Expertinnen nehmen in je unterschiedlicher Nähe zu diesen beiden Gruppen mittlere Positionen ein.

Während also die Gewerkschaften den beiden oben genannten Fragen nahezu uneingeschränkt zustimmen, weisen die Vertreter der Wirtschaft diese Thesen mit derselben Intensität zurück. Allerdings konzedieren immerhin 31 % der Wirtschaftsvertreter, dass Klagen über eine zu geringe Reife vermehrt dann auftreten, wenn es zu wenig Lehrstellen gibt (vgl. Abbildung 4). Umgekehrt geht eine Mehrheit der Gewerkschafter davon aus, dass Fragen der Bewerberqualifikation durchaus ernst zu nehmen sind - auch wenn sie aus ihrer Sicht bisweilen interessenpolitisch funktionalisiert werden.

Besonders interessant sind die Positionen der Experten und Expertinnen, die unmittelbar vor Ort in den Betrieben, Schulen und überbetrieblichen Bildungseinrichtungen arbeiten. Von ihnen denkt zwar ein größerer Teil (zwischen 43 % und 67 %), dass das Thema Ausbildungsreife immer dann an Brisanz gewinnt, wenn es auf dem Lehrstellenmarkt eng wird. Und zwischen 36 % (Betriebsvertreter) und 63 % (Schulvertreter) sind der Ansicht, dass viele Jugendliche zu Unrecht als "nicht ausbildungsreif" stigmatisiert würden. Gleichwohl bestreiten sie mehrheitlich, dass das Problem der Reife übertrieben dargestellt werde. Offenbar orientieren sie sich in ihren Antworten stark daran, dass den Jugendlichen angesichts eines schwierigen Ausbildungsmarktes und wachsender Anforderungen in der Arbeitswelt ein deutlich schärferer Wind entgegenschlägt. Deshalb widersprechen sie auch mehrheitlich der These, dass die Ansprüche der Unternehmen nur deshalb so hoch sind, weil es mehr Lehrstellenbewerber als freie Lehrstellen gibt.

Offene Fragen

Auch wenn die Ergebnisse der Expertenbefragung in mancherlei Hinsicht erhellend sind, bleiben zwangsläufig viele Fragen offen. So ist bis heute völlig ungeklärt, welchen Beitrag zur Steigerung der Ausbildungsreife eigentlich die vielen berufsvorbereitenden Maßnahmen und beruflichen Grundbildungsgänge liefern, in denen ein großer Teil der Jugendlichen nach Verlassen der allgemein bildenden Schule einmündet. Hierzu gibt es keine ausreichenden Forschungsergebnisse. Man darf nicht übersehen, dass der früher übliche Gang der Dinge "Beendigung der allgemein bildenden Schule - Aufnahme einer Lehre" auf viele nicht mehr zutrifft. Das Durchschnittsalter der Ausbildungsanfänger im dualen System liegt inzwischen bei über 19 Jahren. Damit sind die Lehrbeginner im Mittel etwa so alt wie Abiturienten, die die gesamte Sekundarstufe II durchlaufen haben. Deshalb verbietet es sich, Forschungsergebnisse zum Leistungsstand von Schülern aus allgemein bildenden Schulen unmittelbar auf die Qualifikation der Bewerber zu übertragen.

Zwar gibt es von Seiten größerer Unternehmen, die Jahr für Jahr Bewerber mit denselben Tests prüfen, recht aufschlussreiche Zeitreihen. Doch sind diese aus wissenschaftlicher Perspektive nur sehr eingeschränkt verwertbar. Denn die Zusammensetzung der Bewerber verändert sich von Jahr zu Jahr, und es ist unklar, welche Grundgesamtheit die getesteten Personen eigentlich repräsentieren. Besonders schwerwiegend ist, dass sich bei verknappendem Lehrstellenangebot schwächere Jugendliche mit geringeren Erfolgschancen immer häufiger bewerben, und dies nicht nur in einem Jahr, sondern je nach Erfolglosigkeit gleich über mehrere Jahre. Die zwangsläufige Folge ist, dass der proportionale Anteil von Bewerbungen schwächerer Bewerber massiv zunimmt. Die Betriebe bekommen damit den Eindruck, dass sich zwar immer mehr Jugendliche bewerben, dass die Qualität der Bewerber aber im Schnitt sinkt. Dieser Eindruck würde auch dann entstehen, wenn de facto die Leistungsfähigkeit der Schulabgänger von Generation zu Generation gleich bliebe.

Völlig ungeklärt ist auch, wie sich der Marktmechanismus auf die Ansprüche der Betriebe an die Qualität der Bewerber auswirkt. Trotz des im Bereich des Ausbildungsmarktes üblichen Begriffsgebrauchs sind es ja letztlich die Betriebe, die die Ausbildungs- und Arbeitskraft der Jugendlichen nachfragen - denn sie bezahlen schließlich auch dafür. Der Preismechanismus als marktregulierende Größe entfällt auf dem Lehrstellenmarkt jedoch weitgehend, denn die Ausbildungsvergütungen sind tarifvertraglich fixiert. Eine höhere Nachfrage lässt sich bei steigendem Angebot (mehr Lehrstellenbewerber) aber grundsätzlich nur dann mit denselben Preisen realisieren, wenn sich die Qualität des Angebots erhöht. Dies bedeutet: Bei wachsenden Schulabgängerzahlen muss die Qualifikation der Bewerber steigen, wenn der relative Anteil derjenigen, die in eine Lehre einmünden, konstant gehalten werden soll. Dies gilt zumindest so lange, wie nicht ein wieder steigender Fachkräftebedarf für einen zusätzlichen Nachfrageschub der Unternehmen sorgt.

Hinweise zum Weiterlesen

Brosi, Walter (2005)
Aktuelle Probleme der dualen Ausbildung in Deutschland.
In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.)
"Wir brauchen hier jeden, hoffnungslose Fälle können wir uns nicht erlauben!" Wege zur Sicherung der beruflichen Zukunft in Deutschland. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, 2005.

Eberhard, Verena; Krewerth, Andreas; Ulrich, Joachim Gerd (2005)
"Man muss geradezu perfekt sein, um eine Ausbildungsstelle zu bekommen." Die Situation aus Sicht der Lehrstellenbewerber.
In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 3/2005. S. 10-13.

Ehrenthal, Bettina; Ulrich, Joachim Gerd (2005)
Zukunft der Berufsbildung aus Sicht der Ausbilder und sonstiger Experten.
In: Ausbilder-Handbuch, 75. Erg.-Lfg., Kap. 3.1.8, März 2005. S. 1-22.

Müller-Kohlenberg, Lothar; Schober, Karen; Hilke, Reinhard (2005)
Ausbildungsreife -Numerus clausus für Azubis? Ein Diskussionsbeitrag zur Klärung von Begriffen und Sachverhalten.
In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 3/2005. S. 19-23.

Troltsch, Klaus; Krekel, Elisabeth M.; Ulrich, Joachim Gerd (2004)
Wege und Instrumente zur Steigerung und Stabilisierung der betrieblichen Ausbildungsbeteiligung - Ergebnisse von Expertengesprächen in Betrieben.
In: Krekel, Elisabeth M.; Walden, Günter (Hrsg.)
Zukunft der Berufsausbildung in Deutschland: Empirische Untersuchungen und Schlussfolgerungen (Berichte zur beruflichen Bildung, Heft 273). Bielefeld: Bertelsmann. S. 53-93.

Ulrich, Joachim Gerd (2004)
Wege zwischen dem Verlassen der allgemein bildenden Schule und dem Beginn einer beruflichen Ausbildung. Ein Rückblick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre.
In: Informationen für die Beratungs- und Vermittlungsdienste (ibv), Nr. 23/04 vom 24. November 2004. S. 49-60.

Ulrich, Joachim Gerd (2004)
Wer ist schuld an der Ausbildungsmisere? Diskussion der Lehrstellenprobleme aus attributionstheoretischer Sicht.
In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 3/2004. S. 15-19.

Ulrich, Joachim Gerd (2005)
Probleme bei der Bestimmung von Ausbildungsplatznachfrage und Ausbildungsplatzangebot. Definitionen, Operationalisierungen, Messprobleme.
In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.)
Der Ausbildungsmarkt und seine Einflussfaktoren. Dokumentation der Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungsnetz vom 01./02. Juli 2004. Bonn: BIBB. S. 5-36.

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    Die Hauptkomponentenanalyse ist ein statistisches Verfahren, das aus einer Vielzahl vorgegebener Aspekte grundlegende, klar von einander unterscheidbare Dimensionen (z. B. Themenschwerpunkte) identifiziert, die sich hinter den Aspekten verbergen.