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Jugendliche mögen kein Denglisch in den Berufsbezeichnungen

Die meisten Berufswähler in Deutschland mögen keine "verenglischten" Berufsbezeichnungen wie z.B. "Sales Manager" anstelle von "Verkaufsleiter". Dies ist das erste Ergebnis einer aktuellen Befragung von rund 2.400 Jugendlichen. Alle Befragten waren im Jahr 2004 bei der Bundesagentur für Arbeit als Ausbildungsplatzbewerber gemeldet.


Erscheinungsdatum, Hinweis Deutsche Nationalbibliothek

Veröffentlichung im Internet: 14.12.2004

URN: urn:nbn:de:0035-0101-5

Die Jugendlichen führen gegen den Gebrauch englischer Namen in Deutschland folgende Argumente an:

  • die deutsche Sprache verkümmert;
  • die englischsprachigen Bezeichnungen wirken fremd, verwirren und tragen eher zur Verunsicherung bei;
  • insbesondere ältere Leuten können die fremdsprachlichen Bezeichnungen nicht einordnen;
  • die in Englisch formulierten Bezeichnungen klingen wichtigtuerisch, anbiedernd und wirken deshalb eher platt und albern.


Nur 18 % der weiblichen und 9 % der männlichen Jugendlichen finden englischsprachige Berufsbezeichnungen oft attraktiver als die deutschen Namen. Die jungen Männer zeigen sich in ihrer ablehnenden Haltung also noch kritischer als die Frauen. Den Jugendlichen ist es aber wichtig zu betonen, dass ihre Ablehnung englischsprachiger Namen nichts mit Deutschtümelei oder gar überzogenem Nationalismus zu tun hat.

Stimmen zum Thema "verenglischte" Berufsbezeichnungen:

"Ich finde englische Bezeichnungen für Berufe nicht passend, da wir in Deutschland leben und meiner Meinung nach die deutsche Sprache dabei nicht unterstützt wird"
(16-jährige Berufsfachschülerin).
"Ich bin mit den Berufbezeichnungen eigentlich zufrieden. Aber ich finde, englische Berufsbezeichnungen müssen nicht sein. Nicht weil ich Englisch nicht kann, sondern weil die ein falsches Bild vermitteln"
(Auszubildender zum Elektroniker für Betriebstechnik, 17 Jahre).
"Ich finde die heutige Berufsnennung durch englische Worte schwachsinnig. Denn gerade meist dadurch verunsichert es einen Bewerber und man hat Scheu davor"
(19-jähriger Wehrdienstleistender).
"Die Berufsbezeichnungen sollten deutsch bleiben und nicht amerikanisiert werden. Die älteren Leute sollten sich in ihrem Land mit den Bezeichnungen noch auskennen"
(Angehender Diplomverwaltungswirt, 19 Jahre).
"Ich bin für klare deutsche Berufsbezeichnungen. Man weiß besser, womit man es zu tun hat! Außerdem wohnen wir in Deutschland und nicht in England und nicht in Frankreich usw. (Bin nicht für die NPD)"
(Auszubildender zum Beikoch, 17 Jahre).
"Berufe, die eine beschönigende Bezeichnung erhalten, um attraktiver zu klingen als sie sind, und englische Berufsbezeichnungen finde ich nicht o.k. Sie sagen zu wenig aus und lenken ab. Außerdem sollte man meiner Meinung nach deutsche Begriffe und Wörter erhalten und nicht so vieles durch englische ersetzen"
(18-jährige Studentin).
"Ich bin flexibel, Hauptsache, die Namen sind deutsch"
(Auszubildender zum Schreiner, 15 Jahre alt).

Berufsbezeichnungen werden oft als nichtssagend empfunden


Berufsbezeichnungen aus Sicht von Ausbildungsplatzbewerbern

Die Heranwachsenden wünschen sich Berufsbezeichnungen, die möglichst prägnant sind. Dies erleichtert erheblich ihre Orientierung. Allerdings berichten 52 % der jungen Frauen und 43 % der jungen Männer, oft auf Namen gestoßen zu sein, unter denen sie sich überhaupt nichts vorstellen konnten. Dies ist insofern schade, als immerhin ein Fünftel der jugendlichen Berufswähler dies zum Anlass nimmt, sich mit dem entsprechenden Beruf nicht näher zu beschäftigen. Berufe leiden also möglicherweise auch deshalb unter einem Bewerbermangel, weil ihre Bezeichnungen als nichtssagend empfunden werden und die Jugendlichen sich nicht mehr die Mühe machen, sich über den unbekannten Namen näher zu informieren.

Umgekehrt dürften Berufsbezeichnungen auch ein Grund dafür sein, dass sich immer noch so viele Jugendliche auf so wenige, aber bekannte Berufe konzentrieren. So suchten im Jahr 2004 allein 227.600 Jugendliche, welche die Berufsberatung um Hilfe baten, eine Lehrstelle als Kaufmann/-frau im Einzelhandel, als Verkäufer/in, als Bürokaufmann/-frau, als Kraftfahrzeugmechatroniker/in bzw. Kfz-Servicemechaniker/in, als Arzthelfer/in oder als Friseur/in.

Diesen 227.600 Lehrstellenbewerbern standen gerade einmal 101.400 Ausbildungsangebote in denselben Berufen gegenüber.

Berufsbezeichnungen werden wie ein Filter genutzt

Dass Jugendliche sich nicht immer im Detail über ihnen unbekannte und für sie nichtssagende Berufsbezeichnungen informieren, ist zum Teil verständlich. Denn viele Jugendliche fühlen sich angesichts der Informationsflut, die bei der Berufswahl und Ausbildungsplatzsuche über sie hereinbricht, überfordert. Um rasch Klarheit zu schaffen und wieder Übersicht zu gewinnen, neigen dann viele dazu, Unbekanntes und Nichtssagendes von vornherein auszuschließen.

Unbekannte, aber attraktiv klingende Berufsbezeichnungen machen neugierig

Berufsbezeichnungen aus Sicht von Ausbildungsplatzbewerbern

Gleichwohl gibt es durchaus Chancen, diesen Mechanismus außer Kraft zu setzen.

Denn wenn der Name eines den Jugendlichen unbekannten Berufs attraktiv klingt, verspüren viele die Lust, mehr über diesen Beruf zu erfahren. Dies gilt immerhin für 48 % der jungen Männer und 59 % der jungen Frauen.

Was macht eine Berufsbezeichnung attraktiv?

Aber wann ist eine Berufsbezeichnung attraktiv? Keinesfalls ist es so, dass die Bezeichnungen neuer Berufe, nur weil sie modern sind, gleich automatisch besser abschneiden als alte Namen wie Bäcker oder Tischler. Denn dies findet nur knapp ein Fünftel der Jugendlichen.

Allgemein gesprochen gilt: Eine Bezeichnung ist dann attraktiv, wenn das mit dem Namen verbundene Berufsbild mit dem eigenen Selbstkonzept übereinstimmt, also mit den eigenen beruflichen Interessen, Fähigkeiten und Zielen. Das Dilemma ist nur: Hierin unterscheiden sich die Jugendlichen beträchtlich. Ein weiteres Problem entsteht, wenn das mit der Berufsbezeichnung verbundene Berufsbild nichts mit der Berufswirklichkeit zu tun hat. Mit dieser Problematik haben insbesondere traditionelle Berufe zu kämpfen, deren Namen oft veraltete Vorstellungsbilder auslösen.

Gleichwohl lassen sich einige allgemeine Regeln aufstellen, wie weniger attraktive Namen vermieden werden können: So gilt für einen größeren Teil der jungen Frauen, dass Bezeichnungen für sie meist dann uninteressant sind, wenn sie ausschließlich nach technischer Arbeit klingen. Immerhin 33 % sagen dies. Bei den Männern sind es 12 %. Deutlich besser schneiden Bezeichnungen für gewerblich-technische Berufe bei weiblichen Jugendlichen ab, wenn sie neben dem Technischen auch auf gestalterische und sozial-kommunikative Anforderungen verweisen.

Lesebeispiele: Entspricht das Bild eines bestimmten Berufes dem Selbstkonzept der Jugendlichen nur in einem sehr geringen Maße, zeigen lediglich 12 % ein gewisses Interesse am jeweiligen Beruf. Ist der Entsprechungsgrad dagegen hoch, sind es 62 %. Ist die Vertrautheit mit einem bestimmten Beruf sehr gering, sind nur 7 % ansatzweise an diesem Beruf interessiert. Bei hoher Vertrautheit wächst der Anteil auf 46 %. Wird das Ansehen des Inhabers eines bestimmten Berufs als gering eingeschätzt, interessieren sich nur 3 % zumindest ansatzweise für diesen Beruf. Gilt das Ansehen als hoch, sind es bereits 47 %.

Zum Hintergrund der BIBB-Befragungen:

Die Befragungen sind Teil des im April 2004 gestarteten BIBB-Forschungsprojektes "Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen". Hierzu fanden bereits im Jahr 2003 zwei Voruntersuchungen bei Schülern aus allgemein bildenden Schulen statt.
Die aktuelle BA/BIBB-Bewerberbefragung, aus der hier erste Ergebnisse berichtet werden, wird in unregelmäßigen Abständen zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit durchgeführt. Die jüngste Befragung fand im November/Dezember 2004 statt. Insgesamt werden hier mehr als 4.000 Ausbildungsplatzbewerber nach ihren Erfahrungen während der Berufswahl und Lehrstellensuche befragt.

Wichtig ist auch, Bezeichnungen zu wählen, die vertraut wirken. Gerade dies spricht gegen Anleihen aus einer fremden Sprache. Zu guter Letzt kommt es darauf an, dass die Jugendlichen sich mit der Bezeichnung sehen lassen können. Sie bevorzugen Berufe, deren Namen auf einen intelligenten und gebildeten Berufsinhaber schließen lassen. Allerdings ist hier Fingerspitzengefühl angebracht: Die Jugendlichen reagieren allergisch, wenn sie das Gefühl haben, mit aufgemotzten und hochtrabenden Berufsbezeichnungen hinters Licht geführt zu werden. Ihnen erscheinen dann die Berufsbezeichnungen wie die Mogelpackungen zweitklassiger Produkte: Produkte, die lediglich in blendender Hochglanzfolie eingewickelt wurden.


  • Krewerth, Andreas; Leppelmeier, Ingrid; Ulrich, Joachim Gerd (2004)
    Der Einfluss von Berufsbezeichnungen auf die Berufswahl von Jugendlichen.
    In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 33. Jg., Heft 1. S. 43-47.
  • Ulrich, Joachim Gerd; Krewerth, Andreas; Tschöpe, Tanja (2004)
    Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf das Berufsinteresse von Mädchen und Jungen.
    In: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, 27. Jg., Heft 4. S. 419-434.
  • Krewerth, Andreas; Tschöpe, Tanja; Ulrich, Joachim Gerd; Witzki, Alexander (Hrsg.) (2004)
    Berufsbezeichnungen und ihr Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen.
    Theoretische Überlegungen und empirische Ergebnisse. W. Bertelsmann: Bielefeld.
  • Ulrich, Joachim Gerd; Krewerth, Andreas; Tschöpe, Tanja (2004)
    Die Berufswahl von jungen Frauen und Männern: Welche Rolle spielen die Berufsbezeichnungen?
    Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung; zu beziehen über: ulrich@bibb.de

Literaturhinweise zum Thema Lehrstellensuche und Berufswahl aus der Sicht von Ausbildungsplatzbewerbern: Ergebnisse der 2002er Erhebung

  • Ulrich, Joachim Gerd; Troltsch, Klaus (2003)
    Wichtige Ergebnisse der Lehrstellenbewerberbefragung 2002 im Überblick.
    In: Informationen für die Beratungs- und Vermittlungsdienste (ibv), Nr. 13/03 vom 25. Juni 2003, S. 1.691-1.692.
  • Ulrich, Joachim Gerd; Ehrenthal, Bettina (2003)
    Verlauf der Lehrstellensuche und Verbleib der Ausbildungsstellenbewerber des Jahres 2002.
    In: Informationen für die Beratungs- und Vermittlungsdienste (ibv), Nr. 13/03 vom 25. Juni 2003, S. 1.701-1.723.
  • Brosi, Walter; Troltsch, Klaus (2004)
    Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen und Fachkräftebedarf der Wirtschaft
    Forschung spezial, Heft 8.