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Digitalisierung der Arbeitswelt – Konsequenzen für die Berufsbildung

Interview mit Dr. Gert Zinke und Torben Padur

13.04.2015

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) forciert gegenwärtig Arbeiten im Themenkontext der Digitalisierung der Arbeitswelt. Erstmalig führt das BIBB jetzt ein gemeinsames Projekt mit Volkswagen durch, um Erkenntnisse für die Entwicklung der Berufe zu sammeln. Das Projekt startete am 1. April 2015. Neben diesem Projekt geht es dem BIBB jedoch um die grundlegende Frage, ob und wie die Digitalisierung der Arbeitswelt die Berufsausbildung verändern wird. Unser Redakteur Thomas Schmitz sprach mit den verantwortlichen Experten im BIBB, Dr. Gert Zinke und Torben Padur, über dieses Thema.

Digitalisierung der Arbeitswelt – Konsequenzen für die Berufsbildung

Schmitz: Herr Dr. Zinke, Herr Padur, ich freue mich, dass Sie beide sich die Zeit nehmen, um mit mir über das Thema Industrie 4.0 zu sprechen. Anfang April startete Ihr Projekt mit Volkswagen. Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen und worum geht es inhaltlich?       

Padur: Im Rahmen des BIBB-Kongresses 2014 gab es Gespräche zwischen VW und unserer Institutsleitung. Dort hat man festgestellt, dass man gemeinsam in eine Richtung denken müsste. VW möchte die eigenen Ausbildungsberufe effizienter aufstellen und prüft, welche Flexibilisierungsmöglichkeiten zurzeit dazu vorhanden sind, um die Bedarfe im industriellen Bereich passgenau zu bedienen.

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Auf der anderen Seite sehen wir in einem gemeinsamen Projekt die Möglichkeit, mit einem großen Player auf Tuchfühlung zu gehen. Wir können so fundierte Informationen aus der Praxis bekommen und unmittelbar in die Arbeitsprozesse reingehen. Die für uns wichtige Kernfrage ist: Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf Arbeitsplätze, Qualifikationen, auf bestehende Berufe und bestehende Strukturmodelle. Wir erhoffen uns, daraus ganz konkrete Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung von Ausbildungsberufen ableiten zu können. Das ist der Grobumriss für unser 18 Monate dauerndes Projekt „Digitalisierung der Arbeitswelt“. Wichtig ist auch, dass das Projekt nur eine Facette von dem repräsentiert, was wir hier im BIBB bearbeiten. Im Rahmen einer Fachtagung wollen wir schon während des Projekts weitere Akteure – Politik, Praxis und Wissenschaft – mit in dieses Projekt und die Diskussion der erzielten Zwischenergebnisse einbeziehen.

Zinke: Es gibt dabei natürlich auch eine Win-Win-Situation. Nur im Dialog mit Unternehmen gelingt es uns einerseits, frühzeitig veränderte Anforderungen an die Qualifikation der Facharbeiter und Facharbeiterinnen zu erkennen, die für uns Impulse für die weitere Ordnungsarbeit sind. Andererseits können wir mit unserer Expertise auch die Unternehmen, insbesondere die Ausbildungsverantwortlichen, unterstützen, wenn es um die Weiterentwicklung der Berufsbildung geht. Eine Herausforderung für Unternehmen ist, dass es in der Berufsausbildung Dinge gibt, die früher gut waren, aber in den kommenden zehn oder fünfzehn Jahren nicht mehr ausreichen. Hier muss sich die Ausbildungsgestaltung ein Stück weit ändern. Ein sehr gutes Beispiel ist der Ausbildungsberuf „Mechatroniker/-in“. Hier beginnen viele Unternehmen ihre praktische Ausbildung noch am Schraubstock. Sollte man aber nicht direkt von Anfang an in den mechatronischen Teil der Ausbildung einsteigen, um von Anfang an das Problemlösedenken und das Denken in mechatronischen Systemen zu entwickeln? Aus meiner Sicht wäre das sinnvoll.
Mit Industrie 4.0 legt man noch eine Dimension über Mechanik, Elektrotechnik und IT. IT ist jetzt nicht mehr nur in eine Anlage integriert, sondern vernetzt ein Gesamtsystem. Es entsteht ein Cyber Physical System, ein System, das virtuelle und reale Komponenten verknüpft, beginnend bei der Produktionsplanung bis hin zu Verkauf, Absatz und Kundenbetreuung. Ich kann also ein Teil, das vor Jahren in ein Auto eingebaut wurde, bis zum Zeitpunkt der Herstellung und zur Schicht, in der das Teil gefertigt wurde, zurückverfolgen, und so erkennen, wo und wann mögliche Fehler entstanden sind. Produktions- und Serviceprozesse werden sich verändern und damit die Arbeitsaufgaben und Eingriffsmöglichkeiten der Fachkräfte. Das ist etwas, das in das Denken der Berufe hinein gehört. Ich muss an eine Aufgabenstellung anders herangehen.

Padur: Wir haben aber nicht nur das VW-Projekt, das Herr Zinke und ich betreuen, sondern auch ein Kompetenzteam unter Leitung unseres Präsidenten, Prof. Esser, hier im BIBB eingerichtet, an dem Vertreter und Vertreterinnen aus allen Abteilungen beteiligt sind.


Industrie 4.0 im BIBB: Ein Kompetenzteam mit Vertreterinnen und Vertretern aus allen Bereichen kümmert sich um das Thema.
Das VW-Projekt ist ein Teil davon.

Z.B. werden in einer Abteilung Szenarien zu Industrie 4.0 berechnet, verbunden mit der Frage, welche Auswirkungen die zunehmende Digitalisierung auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt hat. Wir haben auch die internationale Abteilung mit im Boot, und auch im Bereich der digitalen Lernmittel tut sich schon seit einigen Jahren eine ganze Menge im BIBB. Es sind viele verschiedene Kanäle, die wir derzeit noch versuchen zu systematisieren und zu besetzen. VW ist ein Teil dieses ganzen Themas.

Schmitz: Viele Berufe stehen bei Industrie 4.0 vor großen Herausforderungen. Werden die Berufe auch untereinander stärker vernetzt sein? Gefragt sind ja häufig übergreifende Kompetenzen, wie Prozesssteuerung oder z.B. die Fähigkeit, den gesamten Lebenszyklus eines Produktes zu überblicken.

Zinke: Es ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu sagen, welche Auswirkung die Entwicklungen auf die Berufe und die Anzahl der eingesetzten Fachkräfte in den Bereichen hat. Wir stellen fest, dass z.B. bei der Endmontage von Karosserien mit hochautomatisierten Systemen immer weniger Fachkräfte überhaupt permanent vor Ort sind. Und auch bei diesen wenigen Arbeitskräften handelt es sich möglicherweise zunächst um ein gemeinsames Ausbildungsprofil. Vielleicht könnte das der Mechatroniker sein, der aber laut Aussagen von Unternehmensvertretern derzeit nicht ausreicht in den Bereichen Systemunterstützung und Support. Dann haben wir noch die Systemführer, die für den permanenten Produktionsprozess zuständig sind. Da kristallisieren sich möglicherweise Kernberufe heraus. Es gibt sicher auch künftig noch rein mechanische oder metalltechnische Berufe, die sind aber nicht an diesen Systemen anzutreffen, sondern eher in der Fertigung von Einzelteilen oder im Sondermaschinen- oder Anlagenbau. Das sind Entwicklungen, die wir einerseits im Auge behalten müssen und wo wir möglichst früh die Ausbildungsberufe darauf einstellen müssen. Andererseits müssen Ausbildungsberufe auch langfristig gelten und nicht etwa alle zwei oder drei Jahre aktualisiert werden.

Schmitz: Was passiert im Nachgang des Projekts? Ich nehme an, dass sich dann erstmal eine Analysephase anschließt, bevor die Erkenntnisse in die Neuordnung von Berufen einfließen?

Zinke: Die Klammer des Projekts machen wir mit einem Abschlussbericht zu, und dann wird es auch Ergebnisse geben. Diese sind dann eine zusätzliche argumentative Unterstützung für mögliche Neuordnungsverfahren. Ich hoffe, dass der zeitliche Abstand zwischen der Fertigstellung des Projektes mit VW und dem ‚Wir müssen uns um diese Berufe kümmern‘ nicht allzu groß wird. Aber es geht nicht nur um die Neuordnungen, sondern auch um die Umgestaltung der Ausbildung innerhalb der bestehenden Berufe in den Betrieben. Und das ist auch ein Signal, das von dem Projekt „Digitalisierung der Arbeitswelt“ ausgehen sollte: Die Betriebe und die Berufsschulen selber müssen sich in Frage stellen: Bilde ich noch richtig aus, angesichts der Entwicklungen, die hier auf uns zukommen? Eine Berufsausbildung muss darauf angelegt sein, dass die Berufsfähigkeit möglichst über Jahrzehnte gesichert ist. Sicherlich müssen sowohl Berufsschulen als auch Betriebe weiterlernen.

Schmitz: Am 16. März hat das BMBF eine Pressemitteilung zum Start der neuen „Plattform Industrie 4.0“ herausgegeben. Wie ist da Ihr Projekt verortet? Wird das erst noch festgestellt?

Zinke: Wir sind bisher nicht unmittelbar mit dieser Initiative verbunden, aber ich wünsche mir schon, hier in Kontakt zu kommen. Wir sind in jedem Fall daran interessiert. Das VW-Projekt ist zunächst eine Einzelinitiative. Als BIBB müssen wir natürlich, was das Thema Digitalisierung der Arbeitswelt betrifft, auch in anderen Berufsbereichen, nicht nur der Automobilindustrie, unterwegs sein, z. B. in der Bauindustrie, in der chemischen Industrie, in der papierverarbeitenden Industrie oder im Logistikbereich.


"Dem Thema 'Digitalisierung der Arbeitswelt' und der Berufsbildung wieder einen neuen Drive geben."

Ich glaube, wenn wir das so prominent wie mit VW tun, dann ist das ein Schritt dahin, dass wir mit dem Thema „Digitalisierung der Arbeitswelt“ und auch der „Berufsbildung“ wieder einen neuen Drive geben können. Es geht um die Zukunftsfähigkeit des Systems, weil wir nicht der Meinung sind, dass höhere Anforderungen automatisch eine Akademisierung oder höhere Abschlüsse verlangen, sondern weil wir glauben, dass wir das mit Berufsbildungsabschlüssen sehr gut leisten können.

Schmitz: Im Handwerk gibt es viele kleinere oder mittlere Unternehmen. Beim Blick in die Medien bekommt man den Eindruck, dass die von Industrie 4.0 gar nicht so stark angesprochen werden. Woran liegt das?

Zinke: Das Handwerk muss sich ganz besonders Gedanken darüber machen, wie die eigene Zukunft im Rahmen einer digitalisierten Welt aussieht. Ich glaube, da hat sich an manchen Stellen schon sehr viel getan.

Padur: Wenn wir daran denken, dass wir vor allem Zuwächse im Service- und Dienstleistungsbereich durch das Thema „Digitalisierung“ erwarten, dann können doch gerade kleine, innovative und gut aufgestellte Unternehmen an der Stelle Nischen besetzen. Das ist sicherlich auch eine Chance für z.B. neue Ausbildungsplätze. Für ein kleines Unternehmen ist es immer schwieriger als für den großen Konzern mit großem Budget. Aber die Frage ist doch: Wo geht es hin und gibt es da auch Möglichkeiten aktiv zu werden? Wichtig ist für uns, neben den Großunternehmen, wie beispielsweise VW, vor allem die Auswirkungen auch auf klein- und mittelständische Unternehmen im Blick zu haben. Denn hier findet schließlich der Großteil der dualen Berufsausbildung statt.

Zinke: Das sind jedoch nicht nur die Handwerksbetriebe, sondern Startups und Neugründungen, die da entstehen. Dabei handelt es sich häufig eher um Unternehmen, die in kurzfristigen Projekten denken und keine Affinität zur Berufsbildung haben. Das ist ein Problem. Daraus entsteht eine Situation, die dazu beiträgt, dass der Anteil der Ausbildungsbetriebe rückläufig ist. Da wächst zwar etwas, aber nicht so, dass es automatisch ein Ausbildungsbetrieb wird.

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Schmitz: Gerade im Handwerk kann man, wenn ich Sie da richtig verstanden habe, sagen, dass Kreativität gefragt ist, dass man sich etwas einfallen lassen muss, um von der Digitalisierung der Arbeitswelt zu profitieren. Manch ein Handwerksmeister sagt aber vielleicht auch: „Das kümmert mich wenig. Ich mache meine Sachen weiter so wie früher.“ Was würden Sie dem entgegnen?

Zinke: Wenn man durch die Bundesrepublik fährt, findet man z.B. Gegenden mit sehr vielen Solaranlagen auf den Dächern oder mit sehr vielen sicherheitstechnischen Anlagen, z.B. in der gut betuchten Bodensee-Region. Mit Aufträgen für solche Anlagen wächst Handwerk oder scheitert Handwerk. Wenn das Handwerk eine bestimmte Leistung nicht erbringt, dann suchen sich die Auftraggeber ihre Dienstleister anderswo. Ich meine da regionale Unterschiede zu erkennen, aus denen man lernen kann.


Das Thema "Smart Homes" kommt im Handwerk an.

Padur: Am Beispiel „Sanitär, Heizung, Klima“ kann man sehen, dass das Thema auch im Handwerk ankommt, beispielsweise beim Thema „Smart Homes“, wo es z. B. um die ortsunabhängige Steuerung der Heizung oder anderer Einrichtungen im eigenen Zuhause geht. Im laufenden Neuordnungsverfahren zeichnet sich ab, dass künftig ein Baustein „Gebäudemanagementsysteme“ mit einem Anteil von zwei Wochen, also zunächst recht niedrigschwellig, in die Ausbildungsordnung aufgenommen wird.

Schmitz: Werden in Zukunft „Ausbildungszentren 4.0“ benötigt, wo Leute aus unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen?

Zinke: Dazu ein Beispiel: Wir haben schon seit Jahren eine Diskussion, bei der es um die Frage nach einem Mechatroniker für Windkraftanlagen geht. Ich halte einen solchen Beruf für nicht notwendig. Es bestünde aber die Möglichkeit, auf Bundes- oder Landesebene Fachklassen oder Schwerpunktschulen zu so einem Thema einzurichten, z.B. eine Schule für Windkraft in Schleswig-Holstein, und das Lehrpersonal kriegt Möglichkeiten zur Orientierung und eine entsprechende Ausstattung. Dann hätten wir einen absolut positiven Effekt. Warum sollen nicht in Wolfsburg, Stuttgart oder München Schwerpunktklassen mit Industrie 4.0 und Mechatronik unterwegs sein?

Schmitz: Herr Dr. Zinke, Herr Padur, vielen Dank für das Gespräch.